Vorgefechte

Hilfepangespräche sind bei uns Kampfhandlungen. Das Jugendamt versucht, seinen Fachverstand zu zeigen, indem es versucht, uns so dumm wie möglich darzustellen und seine Interessen durchzusetzen. Natürlich geht es dabei immer um Geld und die Rechte der leiblichen Eltern. Wir vertreten die Rechte und Interessen der Kinder. Dabei bleibt uns nichts anderes, als schwere Geschütze aufzufahren. Meistens kommt nichts anderes dabei heraus, als ein windelweicher Kompromiss zu Lasten der Kinder.

Frau Schwerdtfeger ruft mich an. Das Hilfeplangespräch für Susann, so teilt sie mir mit, fände am 11. November um 11 Uhr in der Einrichtung statt. Susann soll während des ganzen Gespräches teilnehmen, ebenso der Kindesvater. Es wurde entschieden, dass Jeannett nicht teilnehmen soll, weil sie nicht am Hilfeplangespräch Beteiligte ist. Die Themen, die wir in unserem Antrag vorgegeben haben, seien jedenfalls akzeptiert.

Was soll das? Warum legt das Jugendamt den Termin auf einen Zeitpunkt, an dem alle erwerbstätigen Menschen nicht verfügbar sind? Das sieht sehr nach dem Versuch aus, uns aus der Hilfeplanung herauszudrängen. Aber da haben sie sich getäuscht. Es ist mein freier Tag in dieser Woche und Ruth wird sich frei nehmen. Auch wenn unsere Themen akzeptiert werden: Es sieht nach Konfrontation aus.

Ich rufe Frau Gerster an. Ich will wissen, worum es geht. Und ich weiß, dass Frau Gerster gut Kirschen essen ist.

„Ehrlich gesagt, sehe ich wenig Erfolg und Fortkommen in ihren Kontakten zu Susann“, bedeutet sie mir vorsichtig. „Wie Sie selber zugeben, klappt das mit den Besuchen bei Ihnen nicht zufriedenstellend.“

„Das ist doch kein Wunder“, entgegne ich. „So lange die Trennung von uns mit Susann nicht richtig aufgearbeitet wird und wir nicht mit einbezogen werden, ist es nicht verwunderlich, dass die Besuchskontakte nicht funktionieren, wie sie es sollten.“

„Was ich mir vorstelle, ist eine Traumatherapie, an der alle Beteiligten mitwirken. Da kann sich derKindesvater nicht entziehen und Jeannett und wir müssten mit einbezogen werden. Wir sind letztlich alle Teile des Problems.“

Frau Gerster schnauft hörbar ins Telefon. Danach Stille.

„Das wird schwer werden“, hebt sie nach einiger Überlegung an. Es ist nun mal Tatsache, dass Sie keine Befugnisse mehr haben, eine Entscheidung herbei zu führen. Susann ist jetzt in der Obhut des Jugendamtes.“

Jaja, ich weiß. Weil wir Susann in Obhut gegeben haben, haben wir versagt und andere müssen das jetzt ausbügeln, was wir verkehrt gemacht haben. Alles, was wir versucht haben, an Therapien, an Zeit und Wissen aufgewendet haben, um uns fortzubilden und unsere Pflegekinder zu verstehen, all das zählt jetzt nicht mehr.

Was ist mit der jahrelang fehlenden Unterstützung durch das Jugendamt? Gut, geschenkt. Wenn wir sehen könnten, dass es Susann besser geht, wenn sich Fachleute um sie kümmern würden, wenn die Entscheidungen des Jugendamtes und der Einrichtung professionell und nachvollziehbar wären, würde ich gern und ohne Zögern meine Verantwortung an alle jetzt Beteiligten abgeben. Warum aber nimmt man unsere langjährigen Erfahrungen und Beobachtungen mit Susann nicht ernst? Warum wird unser Wissen nicht mit einbezogen? Hat man Angst, etwas von Zuständigkeit und Kompetenz in Frage stellen zu müssen? Fühlen sich die Zuständigen aus der Rolle gedrängt?

„Das wichtigste ist jetzt, Jeannett weiterzuhelfen“, wendet Frau Gerster daas Gespräch. Wir müssen jetzt die Kontakte von Jeannett zu ihrem Vater gestalten.“

Jeannett hat in der letzten Zeit geäußert, dass sie unseren Namen annehmen möchte. Sie will auch von ihrem Vater wissen, ob sie wirklich Susanns Schwester ist. In den Akten ist die Rede davon, dass Jeannett aus der Verbindung mit einer anderen Frau stammen könnte als Susann.

„Ich will meinen Vater danach fragen, ich will, dass er mich nicht anlügt. Ich will ihm in die Augen sehen und ihm diese Frage stellen.“

„Ich stelle mir vor“, fährt Frau Gerster fort, „dass wir ein Gespräch mit dem Kindesvater und Jeannet hier vor Ort führen. Ich werde mit dem zuständigen Jugendamt vereinbaren, dass der Kindesvater auf dieses Gespräch vorbereitet wird. Es nützt gar nichts, wenn er Jeannett anlügt oder ihren Fragen ausweicht.“

Das schätze ich an Frau Gerster: Sie geht pragmatisch und kompetent vor und bezieht den Kindesvater wie selbstverständlich in die Verantwortung für Jeannett mit ein. Leider muss ich nach unseren Erfahrungen vermuten, dass er sich seiner Verantwortung wie immer geschickt entziehen wird.

„Und was Susann betrifft, würde ich Sie bitten, ihr Zeit zu geben. Auch sie muss mit der neuen Situation erst zurecht kommen.“

Nun gut, das ist von mir aus ok. Voraussetzung ist, dass sie fachmännisch betreut wird und die Zielsetzung, ihr nachhaltig zu helfen, nicht aus den Augen gelassen wird.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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