Winterstiefel, oder: Wie man einen unnötigen Streit provoziert

Es gibt Themen, über sie es sich lohnt, einen Streit mit seinem (Pflege-)Kind zu inszenieren. Häufig aber steht der Erfolg in keinem Verhältnis zum Aufwand.

Ein solcher Streit schwelt in unserer Familie. Es ist kalt in diesen Tagen, zwei Grad über Null. Trägt man solcher Tage Halbschuhe oder sollten es eher Winterstiefel sein?

Ruth ruft mich morgens an, während ich mich gerade auf den Unterricht einstimme.

„Ich finde, Jeannett könnte ruhig Halbschuhe tragen. Sie ist gerade mit ihren Winterstiefeln losgegangen. Findest du das richtig?“

„Warum kümmerst du dich darum?“, frage ich zurück. „Warum streitest du dich wegen solcher Lappalien? Warum ist das so wichtig für dich?“

„Aber sollten wir nicht darüber bestimmen, was passiert? Warum unterstützt du mich nicht?“

Ruth ist aufgebracht. Ich versuche sie, zu beruhigen.

„Ist es denn nun wirklich so wichtig, welche Schuhe sie trägt? Schließlich ist es ja nicht mehr Sommer! Mach dir keine Gedanken, es wird schon alles gut. Überlass es einfach mir.“

Ruth resigniert. „Naja, wenn du meinst. Ich kann ja doch nichts machen.“

Das gefällt mir nicht. Es ist mir nicht gelungen, sie zu überzeugen. Wir werden das Thema später noch einmal bearbeiten müssen.

Es gibt zwei wichtige Grundsätze für (Pflege-)Eltern:

  1. Frage dich, ob das, was du durchsetzen willst, es wirklich wert ist, darüber in eine Auseinandersetzung zu gehen. Die meisten Konflikte entstehen um Dinge, die zu unwichtig sind, darüber zu streiten.
  2. Fordere nie etwas, was du nicht begründen oder durchsetzen kannst. Das heißt nicht, dass jede Forderung in eine unbefristete Diskussion münden muss. Wichtig ist, dass du vor dir selbst einen guten Grund für dein Verlangen finden kannst. Und schließlich nutzt dir keine Anweisung etwas, die du nicht durchsetzen kannst. „Sonst bekommst du eine geklebt“ ist für Pflegeeltern z.B. keine Konsequenz, die sie tatsächlich einhalten könnten oder dürfen. Frag dich immer, ob die Konsequenz nicht mehr Schaden anrichtet, als deine Anweisung Positives herbei führen würde.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Aber sie sind Menschen, die eine eigene Wahrnehmung haben und, wie jeder Mensch, ihre Interessen durchsetzen wollen. Schlimmstenfalls werfen sie sich vor der Supermarktkasse auf den Boden und schreien, um ein paar Süßigkeiten zu bekommen. Dieses Interesse ist zwar verständlich aber nicht angemessen und berechtigt, wenn zu Hause ihre Schüssel mit Süßigkeiten wartet.

Erwachsene haben die erzieherische Pflicht, ihren Kindern beizubringen, dass es sinnvoll sein kann, auf eigene Interessen zu verzichten oder deren Erfüllung auf später zu verschieben. Verzicht war in Kriegszeiten oder Zeiten des Mangels völlig normal. Heute, in Zeiten des Überflusses in unseren Breiten muss dieser Verzicht hart erlernt werden. Welche Schuhe man trägt, ist sicherlich keine Entscheidung für oder gegen Verzicht, denn die Schuhe sind ja da. Es ist nichts weiter als das Ausfechten eines in diesem Falle völlig unsinnigen und überflüssigen Machtkampfes.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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7 Antworten zu Winterstiefel, oder: Wie man einen unnötigen Streit provoziert

  1. geli schreibt:

    Ich hätte auch auf die Diskussion verzichtet. Zumal ja noch kein Winter ist und man locker auch einmal Nullgrade erträgt. Außerdem ist Jeannette kein kleines Kind mehr, solche Pillepalle Diskussionen können dann in Grundsatzdiskussionen ausarten.
    Du solltest Ruth mal fragen, warum sie so übervorsichtig ist?
    LG Geli

  2. lehrergehrke schreibt:

    Hallo, geli,
    inzwischen habe wir uns drauf geeinigt, solche Diskussionen nicht mehr zu führen. Wir sind froh, dass sie nicht bauchfrei und mit Dutzenden von Piercings rumläuft. Und ich werde mir nicht meine Position in anderen, wichtigeren Belangen abkaufen lassen! 😉

  3. yerainbow schreibt:

    3. drohe niemals eine Konsequenz oder Strafe an, die du nicht auszuführen willig oder fähig bist.

    Ich hätte ein Gegenbeispiel: „mama, du mußt meine Schuhe putzen, die Mütter von allen Klassenkameraden machen das auch – und guck, sie sind dreckig!“
    – Wie bitte? Du bist doch kein kleines Kind mehr, das machst du gefälligst selbst. nebenbei, kannst meine gleich mal mit putzen, ich hab auch schon mal was für dich erledigt.

    mehr STolz, liebe Pflegeeltern. Und mehr Gelassenheit (man merkt, Ihr habt irgendwie noch zu viel zeit ;-))

  4. lehrergehrke schreibt:

    Gut, dein Gegenbeispiel! Kann ich voll mitgehen!

  5. geli schreibt:

    yerainbow, dass mit der Zeit, da magst du wohl recht haben. *grins*

  6. yerainbow schreibt:

    Hätte noch andere Beispiele.
    Hier mal ein echt grenzwertiges, an dem man sehen kann, daß gelegentlich eine härtere Gangart wirklich nötig ist, aber immer genügend Fingerspitzengefühl verlangt.

    Vorgeschichte ist, daß leider ein Klassenkamerad zur Beerdigung mitging, sein Onkel hatte (vermutlich aufgrund einer klinisch relevanten Depression) Suizid begangen.
    Das war in der Klasse natürlich dann DER Renner, und das liebe Kind kam auf die glorreiche Idee, nun dauernd von seinem Ableben zu fabulieren…
    Da das ganz und gar nicht die erwünschten Folgen hatte, ging es etwas direkter zur Sache (Mutter ließ kommentarlos den Fön verschwinden – angeblich arbeiten moderne Sicherungen in 1/10 Sekunde – kann man glauben oder auch nicht…).
    Kind also nahm das schärfste Filetiermesser in der Küche, fuchtelte damit herum, und krakeelte dabei, „ich habs satt, ich bring mich um“. Leider stand das Geschwisterkind unmittelbar daneben und wollte Gutes tun – und griff zu.
    Die Mutter befürchtete schon fliegende Fingerkuppen, aber das Geschwisterkind (sonst auch nicht eben umwerfend umsichtig) hatte lobenswerter Weise das Handgelenk gepackt und nicht die Messerschneide…
    Darauf ging ein heftiges Gerangel los – immernoch mit dem scharfen Messer im Zentrum.
    Mutter kam fix hinzu, setzte dem lieben Kind einen direkten und ausreichend kräftigen (nicht zu starken, aber spürbaren) Fauststoß direkt auf die Brust.
    Das liebe Kind brüllte irritiert: „WAS – du schlägst Kinder!“ und ließ dabei das Messer los. Das andere Kind, sonst nicht eben so vorbildlich, räumte das Messer sofort auf.
    Die Mutter reagierte ob der Entfernung der Gefahr relativ gelassen: „Nein, ich schlage niemals Kinder. Du sagst doch immer, du bist KEIN Kind mehr.“

    Bitte nicht mißverstehen als anleitung zur Gewalt. Aber in dem gefährlichen Augenblick war es offensichtlich die beste Lösung. Ein scharfes Messer in einer Rangelei ist kreuzgefährlich, man kann zB hineinfallen. Das ist keine Kleinigkeit.
    So ging es ohne das alles, eventuell mit nem blauen Fleck ab. und, o Wunder, das Gschwisterkind hatte richtig mal Respekt vor seiner Mutter.
    S liebe Kind war natürlich noch eine ganze Weile sauer. Nicht ganz zu Unrecht, immerhin hatte man ihm seinen effektvollen Theaterabgang verdorben. Leider war ihm nicht klar, daß das kein Theaterblut gewesen wäre…

    manche Dinge dauern eben etwas länger.
    Drum, nicht nur Stolz und Sicherheit im Eingreifen, auch noch Geduld, liebe Pflegeeltern!
    (sollte inzwischen auch verjährt sein…)

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