Ein Hilfeplangespräch muss her!

Pflegeeltern haben das Recht, ein Hilfeplangespräch zu beantragen. Deshalb greifen wir zu diesem Mittel, um endlich festzulegen, was mit Susann in der Wohngruppe weiter passiert. Es kann nicht sein, dass ihre Traumatisierung einfach nicht zur Kenntnis genommen wird. Wir wollen endlich konkret festgelegte Hilfe für unsere Kleine. Wir fühlen uns verantwortlich. Deshalb schicken wir ihrer Sachbearbeiterin ein Schreiben:

Antrag auf außerordentliches Hilfeplangespräch für Susann

Sehr geehrte Frau Schwerdtfeger,

als Beteiligte an der Hilfeplanung für Susann beantragen wir ein außerordentliches Hilfeplangespräch zur Korrektur der bestehenden Hilfeplanung.

Wir beantragen, folgende Punkte im Hilfeplangespräch aufzunehmen:

Momentane Situation in den Besuchskontakten zwischen Susann einerseits und uns als Bezugspersonen sowie ihrer Schwester Jeannett andererseits

Begründung:

Während eines mit der Einrichtung vereinbarten fünftägigen Besuchs Susanns bei meiner Schwägerin in Hameln hat Susann nachweislich fünf Überraschungseier aus dem Vorrat meiner Schwägerin entwendet, verzehrt und die enthaltenen Spielfiguren an Jeannett verschenkt. Jeannett hat ausgesprochen aufgebracht und enttäuscht reagiert. Sie verweigert derzeit weitere Kontakte. Im Verlauf eines Telefonats mit Susann hat sie den Vorgang vehement geleugnet und schließlich das Gespräch abrupt beendet. Die Einrichtung ist informiert.

Ziel:

Orientierung am Kindeswohl durch folgende Maßnahmen:

Erstellung eines konkreten Vorgehens in solchen Fällen, insbesondere die Einbindung der Einrichtung in der professionellen Aufarbeitung der Besuchskontakte mit uns, Vorbereitung weiterer Besuchskontakte, insbesondere Planung von Besuchen während der Weihnachtszeit (unter Berücksichtigung der emotionalen und traumatischen Belastung im Zusammenhang mit der in dieser Zeit stattgefundenen Straftat des Kindesvaters in Anwesenheit beider Kinder).

Psychotherapeutische Behandlung von Susann im Rahmen einer speziellen Traumatherapie mit dem Ziel, Susann zu helfen, ihr Trauma zu akzeptieren und damit umzugehen, um weitere dissoziative Handlungen zu verhindern. Feststellung, dass eine Verhaltenstherapie keine ausreichende Hilfe darstellt. Abwägung einer stationären Therapie.

Einbeziehung aller Bezugspersonen in die therapeutischen Maßnahmen

(Wieder einmal versuchen wir, wie schon so oft, endlich eine einheitliche Hilfe für Susann herbei zu führen. Wir sind uns sehr wohl darüber klar, dass der Kindesvater auf Grund seines Sorgerechtes zustimmen muss. Der vom Vormundschaftsgericht verlangte Runde Tisch mit allen beteiligten Fachleuten hat nie stattgefunden, weil das Jugendamt das Zustandekommen verschleppt hat. Wenn der Kindesvater jetzt aber erneut seine Zustimmung verweigern würde, hätten wir gute Chancen auf Entzug des Sorgerechtes. Dann könnte Susann endlich geholfen werden.)

Pflichten der betreuenden Einrichtung bei Besuchskontakten

Begründung:

Susann hatte bei den bisherigen Besuchen weder ein Ausweispapier noch die Krankenkassenkarte dabei. In Notfällen kann die Person, in deren Verantwortung sich Susann befindet, weder nachweisen, daß Susann sich berechtigter Weise in ihrer Verantwortung befindet noch eventuelle medizinische Maßnahmen einleiten.

Ziel:

Die Einrichtung gibt Susann die Krankenkassenkarte, den Kinderpass und/oder eine Bescheinigung mit, aus der hervor geht, dass sich Susann berechtigter Weise in der Verantwortung der jeweiligen Person befindet.

(Es ist schon ein starkes Stück, und es ist uns erst sehr spät aufgefallen. Wenn Sarah während Susanns Besuch hätte nachweisen müssen, dass sie sich berechtigter Weise in ihrer Obhut befand, hätte sie keine Chance gehabt. Wäre Susann krank geworden, wäre das ebenfalls ein Problem geworden. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn sie z.B. durch einen Unfall nicht mehr in der Lage gewesen wäre, zu entscheiden und Susann in die Obhut der Polizei genommen worden wäre.)

Besuchskontakte mit dem Kindesvater

Begründung:

Die Kontakte zum Kindesvater haben seit dem letzten Hilfeplangespräch zugenommen. Wie ich in meinem letzten Schreiben bereits ausführte, besteht das Risiko einer Retraumatisierung auf der Basis von hochambivalenten Bindungswünschen, die eine Desorientierung des Bindungsverhaltens fördern und verfestigen.

(Will sagen: Susanns häufigen Kontakte zum Kindesvater bringen sie völlig durcheinander. Wie kann man ihr zumuten, mit diesem Kriminellen, der Susann so viel Leid angetan hat, immer wieder konfrontiert zu werden? Aber hier geht es nicht um das Wohl des Kindes, sondern um das Recht der leiblichen Eltern, das in so vielen Fällen als wichtiger angesehen wird. Natürlich steht auch dahinter, einer gerichtlichen Auseinandersetzung auszuweichen. Es muss erst wider etwas passieren. Dabei ist schon etwas passiert. Wir sehen Susanns Verhalten und Verstörung als unmittelbare Folge der Kontakte zu ihrem leiblichen Vater an. Zwar verweigert sie die Kontakte nicht. Wie könnte sie auch, in diesem Konflikt zwischen leiblichen und Pflegeeltern.)

Susanns Verhalten während des Besuches bei meiner Schwägerin bestätigt unsere Ansicht, dass die Kontakte mit dem Kindesvater sich keinesfalls förderlich, sondern eher negativ auf ihre Entwicklung auswirken. Ihre Reaktion auf die Konfrontation mit ihrem Verhalten lässt auf eine multiple Persönlichkeit auf Grund vielfältiger Traumatisierungen schließen.

Ziel:

Beschränkung der Kontakte zum Kindesvater auf höchstens monatliche Telefonate in Absprache mit Jeannett als Susanns Schwester und uns als deren Pflegeeltern

In Ihrem Schreiben vom x.xx.xxxx haben Sie die Zusammensetzung der Anwesenden beim Hilfeplangespräch begründet. Sie haben dabei das Kindeswohl in Bezug auf Susann nicht berücksichtigt, insofern, als Susann während des ganzen Hilfeplangespräches anwesend war und ihr zugemutet wurde, einen Loyalitätskonflikt zwischen Pflegeeltern, Kindesvater und Vertreterin der Einrichtung auszuhalten, anstatt ihr ein Recht auf Schonung zuzugestehen. Wie ich bereits in meinem letzten Schreiben ausführte, ist es nicht im Sinne des Kindeswohls, die Teilnahme des Kindes am Hilfeplangespräch wortwörtlich zu nehmen. Die Einbeziehung des Kindes in die Hilfeplanung kann beispielsweise auch durch eine vorher gehende Befragung sicher gestellt werden.

(Immer wieder wird von den Jugendämtern ohne Rücksicht auf die seelische Lage der Pflegekinder verlangt, dass diese am Hilfeplangespräch teilnehmen. Wie sollen sie das aushalten? Namhafte Fachleute machen immer wieder klar, dass dies die Kinder in einen für sie unlösbaren Konflikt bringt. Bei den Jugendämtern ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen.)

Aus diesem Grunde halten wir es für erforderlich, Susann bei sensiblen Inhalten wie z.B. die Auswirkung der Besuchskontakte des Kindesvaters auf ihre Entwicklung und ihr Verhalten nicht am Gespräch teilnehmen zu lassen. Organisatorisch sollte sich das Gespräch in einen Teil gliedern, bei dem Susann anwesend ist und sich äußern kann und einen zweiten, in dem die Auswirkungen und fachlichen Erfordernisse diskutiert werden.

Wir ziehen jedoch eine Befragung Susanns am Standort der Einrichtung in Vorbereitung auf das Hilfeplangespräch vor. Eine Konfrontation mit ihrem Verhalten und ihrer Entwicklung während des Hilfeplangespräches halten wir für schädlich, nicht zielführend und mit dem Kindeswohl nicht vereinbar.

(Manche Jugendämter ziehen eine Befragung des Kindes einer Anwesenheit beim Gespräch vor und es lohnt sich immer, dies beim Sachbearbeiter anzuregen

Wir regen an, Jeannett als die leibliche Schwester Susanns in die Hilfeplanung mit einzubeziehen, da sie von allen Festlegungen, die getroffen werden, mit betroffen ist.

(Der Amtsschimmel wiehert: Da das HPG Jeannett nicht betrifft, sie im Amtsdeutsch keine „Beteiligte“ ist, soll sie auch nicht teilnehmen. Lösung: Das Geschwister einfach mitnehmen, wenn man es für richtig hält, z.B. um einen Eindruck des seelischen Zustandes zu vermitteln,)

Bei der Terminierung des Hilfeplangespräches bitten wir Sie, die Nachmittagsstunden (ab 15 Uhr) zu nutzen, da wir vormittags dienstlich gebunden sind. Zur Absprache eines Termins stehen wir jederzeit unter den oben genannten Telefonnummern zur Verfügung.

(Da werden wir noch unser blaues Wunder erleben!)

Wir fragen uns immer wieder, warum die Sachbearbeiter häufig den Sachverstand, die Erfahrungen und die Beobachtungen der Pflegeeltern nicht mit einbeziehen. Ob man ihnen in ihrer Ausbildung sagt, dass Pflegeeltern nichts anderes als Dienstleister für die Jugendämter sind?

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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19 Antworten zu Ein Hilfeplangespräch muss her!

  1. yerainbow schreibt:

    Hi,
    nach meiner Erfahrung ist es immer gut, die Ämter zu meiden und die Rechte selbst zu haben.
    Also Sorgerecht für die Pflegekinder (entweder über eine Übertragung durch die lb. eltern nach Paragraph 16oo und nochwas BGB – habs nicht im Kopf, welcher, oder aber über Vormundschafts-Übertragung durchs Familiengericht).

    Der Einzelkampf mit dem Jugendamt ist ein Riesenaufwand, die Ergebnisse sind mager.

    als vormund hat man auch das Recht, die Akte regelmäßig einzusehen (man findet da manchmal neckische kleine SChreiben, die man sonst nie gesehen hätte…).

    Der Job als Pflegeelter ohne REchte, nur pflichtenreich, frißt einen auf.

  2. lehrergehrke schreibt:

    Die Übertragung des Sorgerechtes haben wir schon durch. Solange die leibliche Mutter kooperiert, sagte die Richterin, gibt es keinen Anlass für den Entzug. Immerhin habe ich inzwischen die Vermögenssorge. Also gibt es keinen anderen Weg, als vom Jugendamt seine Pflichten einzufordern. Als Pflegeeltern muss man kämpferisch sein, sensibel und empathisch.

    Der Antrag auf Hilfeplanung zieht noch ein gruseliges Hilfeplangespräch nach sich; Näheres demnächst an dieser Stelle. Auch eine Rückführung wurde versucht, die Jeannett völlig durcheinander gebracht hat.

  3. yerainbow schreibt:

    kann ich mir gut vorstellen.
    Übrigens ist die Argumentation der Richterin insofern nicht wasserdicht, da es ja PRIMÄR um das Kindeswohl gehen muß (und nicht primär um die Einstellung der Eltern dazu – das ist nachrangig… ich guck mal, ob ich das Paper dazu noch finde, wo ich las {Salgo vermutlich}, daß Kindeswohl IMMER vorgehen sollte.
    (Die Praxis hinkt immer massiv hinterher, ich weiß, ich weiß).

    Ja, als Pflegeeltern ist man in einer Knochenmühle. Ich wünsche euch, daß Ihr einen Weg gefunden habt, Eure psychische Stabilität zu erhalten.

    Noch schwerer ist es dann, wenn das pflegekind erwachsen ist und (aus irgendwelchen Gründen) sauer auf Euch ist. Manche Pflegeeltern (aber auch biologische eltern) erwischt das recht unverdient…
    Aber Geduld. Ich bin sicher, wenn man die Geduld behält, kriegt man sie irgendwann wieder…

    Ihr seid jedenfalls berechtigt, irgendeinen Beistand zu Gesprächen mitzunehmen (auch das Kind ist da zu brechtigt). Nur so als Tip.
    Es wirkt im Falle des sTreites auch besser, wenn ein Dritter Aussagen der Beteiligten belegen kann… die sonst frech abgestritten werden.

  4. lehrergehrke schreibt:

    Oh ja, das Kindeswohl… Es ist leider eine Definitionssache mit vielen Auslegungsmöglichkeiten. Bei Gericht hieß es, man müsse erst einmal feststellen, ob das Kindeswohl z.B. durch Besuchskontakte überhaupt gefährdet wird oder ob sie den Kindern sogar nützen!

    Unsere psychische Stabilität haben wir inzwischen wieder erlangt und wir haben auch bereits einen Verbleibensantrag durch, der für uns positiv ausging.

    Zum Thema Beistand haben wir auch einschlägige Erfahrungen; so einfach ist das nämlich nicht. Auch dazu an dieser Stelle bald mehr. Zu mehr Informationen bitte den Link „Beistände für Pflegeeltern“ in der rechten Spalte unter „Links“ klicken.

    Danke jedenfalls für Deine Tipps, YeRainbow, sie nutzen bestimmt auch der „schweigenden Leserschaft“ dieser Geschichte. Ich glaube, wir haben dieselben Erfahrungen.

    Du schreibst so tolle, interessante Gedichte. Schau doch mal auf das Gedicht, das ich Susann gewidmet habe. Vielleicht gefällt´s dir.

  5. yerainbow schreibt:

    oh, danke für das Lob.
    Ich habe noch mehr auf meinem Blog (alles nur literarisch).

    ich weiß recht gut, wie schwierig das alles ist (möchte nicht persönlicher werden…. per mail wärs möglich, aber niht im offenen Bereich).

    Aber schwierig bedeutet nicht unmöglich.
    nun ist nicht jede Idee von jedem nachzunutzen – man muß tatsächlich sehr gut überlegen, wieviel kraft man in jeden Kraftakt zu investieren fähig und bereit ist…

    ich bin so ein Typ „Kopf durch die Wand“. ob es immer gut ist, weiß ich nicht, ich kann nicht anders. Und ich kam halt auch schon mit dem vorbereiteten Anwalt im Schlepp an, der den verdutzten jusristischen laien die Paragraphen runterratterte.
    Ich habe das Amt auch mehrfach verklagt… und die Hälfte der SChwarmützel gewonnen.
    Das aber geht nur, wenn man rechtlich (und anwaltlich) gut abgesichert ist.

    Ich muß ehrlich zugeben, OHNE Rechtssicherheit würde ich mich nie auf dieses Glatteis begeben…

    ich habe diesen Beitrag zum Thema Kindeswohl vor Elternwohl noch nicht gefunden, obwohl ich heute gesucht habe. Wenn er mir über den Weg läuft, reiche ich ihn nach.

    Vor Gericht macht sich jedenfalls der Hüther-Beitrag gut http://www.agsp.de/html/a34.html

    Den muß man dabei haben und überreichen können, und ihn wasserdicht hoch und runter zitieren können.
    die Gerichte berufen niht umsonst Gutachter, normalerweise. Allerdings gebe ich zu, daß es keine gute Idee ist, den Richter drauf hinzuweisen, daß er ja wohl Jurist sei und kein Kinderpsychologe… oder forensischer Psychologe.

    kriegt man ihn aber zu der Einsicht, daß die Kinder in Pflegefamilien sind, WEIL es dafür schon gute Gründe gab, hat man sicher eine chance.
    leider hat die umschichtung hin zum Familiengericht, weg vom Vormundschaftsgericht, für Pflegeeltern keinen Vorteil, eher nur nachteile.
    eine schon gesichete Kinderpsychologische Diagnose ist da mitunter von Vorteil…

    Leider leben wir in einr Welt, in der ein Papier oft einen unverhältnismäßig hohen Rang hat. Weß man das aber, kann man es mit zur Lösungsstrategie machen….
    😉

    Viel Glück!
    Y.r.

  6. yerainbow schreibt:

    ein wunderbares Gedicht, wunderschön und hoffnungsvoll, bei aller Traurigkeit.

  7. lehrergehrke schreibt:

    Hallo, YeRainbow,
    Dein Weblog kenne ich seit kurzem und habe ihn auch abonniert. Mir gefällt neben den Gedichten besonders die Mehrsprachigkeit und auch deine tollen Märchen. Es hat alles so etwas Leichtes, Lustiges.

    Kopf durch die Wand ist manchmal auch meine Handlungsweise, aber nicht immer die effektivste 😉 Gemeinsame Absprachen und die Möglichkeit, sich Gleichgesinnte zu suchen, ist manchmal effektiver. Der AGSP-Beitrag ist übrigens ganz hervorragend und ich werde ihn auch verlinken.

    „Vom Winde verweht“ treibt mir übrigens noch immer die Tränen in die Augen; ich könnte es nicht freihand rezitieren, obwohl es meine eigenen Worte sind.

  8. yerainbow schreibt:

    (mail auf dem Weg…)

    Bitte verlinke auch diesen artikel
    http://www.agsp.de/html/r16.html

    „Was ist los im Kopf des Kindes bei Besuchskontakt?“

    ich habe selbst häufig dummes Geschwurbel von amptspersonen, Sozialarbeiterinnen mit geringem Fachwissen (sind leider die meisten…) und anderen Beteiligten gehört: „…aber das Kind liebt doch seine Eltern… auch wenn die mal böse zu ihm waren… man SIEHT es doch…“

    Nun, dümmer geht immer.
    aus einer Furcht-Angst-Bindung eine Liebesbeziehung ableiten zu wollen ist ungefähr dasselbe wie Liebe aus dem starren Lächeln des Delinquenten zu seinem Henker ableiten zu wollen.

    Und für das Kind geht es, wurde es vorher ausreichend vernachlässigt und/oder mißhandelt, um nichts weniger als um den drohenden tod vor augen.
    Da mit Wohlverhalten sein Überleben zu sichern ist eine sehr menschliche Reaktion…

  9. lehrergehrke schreibt:

    Hallo, YeRainbow,
    der Artikel ist wirklich gut und gibt die Basis ab für die Argumentation gegen intensive Besuchskontakte traumatisierter Kinder mit ihren Peinigern. Ich habe ihn bereits verlinkt (obwohl ich mein Weblog eigentlich nicht als Serviceseite konzipiert habe, aber natürlich meine Geschichte auch mit Fakten belegen will).

    „Und für das Kind geht es, wurde es vorher ausreichend vernachlässigt und/oder mißhandelt, um nichts weniger als um den drohenden tod vor augen.“

    Genau richtig. Es ist für mich nicht vorstellbar, was meine Pflegekinder alles haben mitmachen müssen. Ich war nie in einer wirklich existenzbedrohenden Lage, und ich bin froh darüber. Das Schlimmste daran ist, dass niemand die Folgen richtig ernst nehmen will. Die leiblichen Eltern leugnen, die Jugendämter leugnen und die betreuenden Einrichtungen sind völlig überfordert (wie bei Susann in meiner Geschichte).

    In deinem Kommentar hast du es mit drastischen Worten auf den Punkt gebracht. Danke dafür.

  10. yerainbow schreibt:

    Hmmm… Mail nicht angekommen?

    Ja, ich habe Pflegeeltern gern noch diesen Satz mit auf den Weg gegeben:

    Würde ein Gericht oder ein sozialarbeiter auch einem erwachsenen Folteropfer empfehlen oder es dazu überreden oder gar zwingen, seine Folterer zu besuchen, weil das ja so eine gute Idee ist?
    und der Heilung dient und beide Hälften glücklich macht?

    wenn es doch aber beim erwachsenen Folteropfer nicht angebracht ist, weshalb sollte es bei einem Kind, das noch nicht halb so wiederstandsfähig ist, besser sein?
    Geht es hier nicht vielleicht gerade darum, diesen Widerstand zu brechen?

    Aber das wiederum nennt man Folter…
    Staatlich sanktionierte Kindesmißhandlungen.

    Möchte man sich da tatsächlich mit schuldig machen als Amtsperson?

    • lehrergehrke schreibt:

      Doch, doch, es gibt die sog. Konfrontationstherapie, auf die sich die Jugendämter gern beziehen. Du hast natürlich recht. Natürlich schadet der Kontakt zu den traumatisierenden leiblichen Eltern, auch dann, wenn die Kinder ihn sich wünschen. Wir haben gerade das Problem. Jeder Richter und jede JA-Mitarbeiterin nimmt den vom Kind geäußerten Willen natürlich ernst, obwohl der Schaden größer ist als der Nutzen. Wir haben jetzt die Strategie, Umgangskontakte genau zu beobachten und zu begleiten und sofort abzubrechen, wenn wir einen schädlichen Verlauf beobachten.

      Es gibt Jugendämter, die besonders bei jüngeren Kindern den Umgang durchsetzen, koste es, was es wolle, auch, wenn sich die Kinder wehren, mit dem Argument, die PE beeinflussten das Kind. Folter ist das richtige Wort dafür.

  11. yerainbow schreibt:

    Ich bin jetzt nicht im Bilde, was mit Konfrontations-Therapie gemeint ist.
    Erbitte Hinweis.
    Tatsächlich gibt es im Bereich Angsttherapie verschiedene Ansätze, die darauf beruhen, daß der Betroffene erkennen lernt, daß die Angst selbst das problem ist und nicht das befürchtete Ereignis.

    Das basiert auf dem sicheren Wissen, daß sich der Mensch vor ziemlich unwahrscheinlichen Dingen fürchtet.

    Eine solche Therapie bei echten Gefährdungen durchführen zu wollen ist nicht nur zwecklos, sondern enorm grausam – und ausgesprochen böswillig. „Gut gewollt“ ist da nur eine dümmliche Ausrede. Wenn der sich damit herausredende (-> Entlastungsversuch, „Negationstheorien“ – kennt man ausgesprochen gut aus Untersuchungen von Täterverhalten) Betreffende sich dessen nicht bewußt ist, so spricht das keinesfalls FÜR ihn, im Gegenteil.
    Es zeigt im Grunde eine tiefgehende Berufsunfähigkeit.

    urteile ich zu hart?
    Sicherlich nicht. Erwachsene (und dafür auch noch mit einem Gehalt, mit bezahltem urlaub, mit Rentenanwartschaften und gewerkschaftlicher Vertretung versehen) sind prinzipiell immer in der lage, mit den Dingen zurechtzukommen.

    Kinder müssen das erst lernen. Daher brauchen sie vor allem Schutz, zT vor ihren eigenen Dußlichkeiten.

    Besonders aber vor Dußlichkeiten oder Böswilligkeiten seitens beteiligter machtträger, ob das nun selbstherrliche Eltern sind oder Amtspersonen.

    Auch aus diesem Grund ist eine rechtliche Absicherung enorm wichtig…

  12. lehrergehrke schreibt:

    Konfrontationstherapie („Therapie“ ist wohl in diesem Zusammenhang verfehlt) bedeutet, dass das Opfer bewußt mit dem Täter konfrontiert wird und damit – wie du auch schon sagtest, lernen soll, seine Angst zu überwinden. Eine m.E. brutale, völlig unangebrachte Methode, Traumata aufzuarbeiten. Die damalige Therapeutin unserer PT schlug sie uns damals vor und sie versuchte, auch traumatische Situationen in den Therapiestunden zu reinszenieren. Davon hatten wir zu Hause schon genug. Es hat auch nichts geholfen, sondern die Situation eher verschlimmert. Wir wissen jetzt, dass der ANP (Alltagsnahe Persönlichkeitsanteil, nach Michaela Huber, s. Links in der rechten Spalte) unseren Pflegekindern die Chance gibt, jenseits des Traumas überhaupt zu überleben. Die EPs (emotionale Persönlichkeitsanteile) jedoch führen immer wieder zu Aggressionen, Depressionen und Katastrophen. Jugendämter, Ärzte, viele Therapeuten und andere Fachleute wollen davon aber nichts wissen. Für sie ist das scheinbar „normale“ Verhalten (ANP) sicheres Zeichen der Verarbeitung des Traumas. Bis zur nächsten Katastrophe. Leider erkennen die Kinder, wenn sie unbehandelt bleiben, diese Tatsache nicht und verweigern häufig jede Therapie. Sich eingestehen müssen, dass man „krank“ ist, ist ja auch nicht ganz einfach.

  13. yerainbow schreibt:

    Ich habe meine Fachbücher mal schon kurz zu Rate gezogen und über Konfrontationstherapieen (gibt verschiedne methoden) nachgelesen.
    Die gehört zu den Verhaltenstherapeutischen ansätzen und wird normalerweise angewendet bei Zwangsstörungen und generalisierten Angststörungen.

    Der Versuch, damit eine Posttraumatische Belastungsstörung zu verbessern oder gar zu heilen, darf gewiß als Kurpfuscherei betrachtet werden.

    In dieser Therapieform geht es um Konfrontation mit vermeintlich gefährlichen elementen.
    Es geht nicht um die Annäherung an eine schon real erlebte überwältigende Gefahr, die jederzeit WIEDER wirksam werden kann.

    Angst ist nicht per se unsinnig. kDie Angst vor Gefahr ist lebensrettend. Kein Stuntman würde sich auf unkalkulierbare Situationen einlassen, denn IHM sind die folgen recht gut bekannt.
    Bevor er also in eine gefährliche Situation geht, erwirbt er Strategien zu seinem eigenen Schutz.
    Und er besteht auf sämtliche möglichen Sicherheitsvorkehrungen.

    Nur laien meinen, echte Gefährdung einfach ignorrieren zu dürfen. Und die Realität holt einen da allgemein schnell unangenehm ein.
    Leider sind im Falle von Amtspersonen-Entscheidungen immer andere diejenigen, die diese folgen auszubaden haben – mit teils schweren Beschädigungen.

  14. lehrergehrke schreibt:

    Danke, YeRainbow. Rein intuitiv und durch Beobachtungen gestützt, habe ich mir so etwas schon gedacht.

    Wie macht man denn nur Entscheidungsträgern deutlich, dass es Gefahren im Leben traumatisierter Kinder gibt, die nicht von Traumatisierung Betroffene gar nicht kennen? Ich kenne sie auch nicht, versuche mich nur, in eine solch retraumatisierende Situation hinein zu versetzen. Und das reicht mir schon!

  15. yerainbow schreibt:

    Das Beispiel des Stuntmannes darf gern nachgenutzt werden.
    Vielleicht willst du es als blogbeitrag mit entsprechendem Titel hier veröffentlichen – bitte sehr! Ich hoffe, daß es vielen Pflegekindern zum Gewinn gereicht – und somit natürlich auch ihren Pflegeeltern….
    Es ist ein Beispiel, das für jeden lebensbereich stimmig ist.
    Denn wer sich auf Risiken einläßt, sollte sie vorher gut kennen (ist beim Autofahren auch so) – wer sie nicht kennt, ist in ungleich größerer Gefahr, denn ihm fehlen auch die Einsichten um die Hilfe-Möglichkeiten, um die STrategien, damit umzugehen, Schaden zu minimieren und sich möglichst erfolgreich da herauszuhelfen….

    • lehrergehrke schreibt:

      Dein Stuntman-Beispiel werde ich definitiv in einem der nächsten Beiträge verarbeiten. Aber wer geht das Risiko ein? Die Pflegeetern, die sich auf ein Wagnis einlassen, dass sie kaum kennen? Die Jugendämter, wenn sic die traumatisierten Kinder immer wieder zu ihren Eltern schicken? Die Pflegekinder, wenn sie Dinge tun, desse Gefahr sie nicht einschätzen können? Passen tut´s wohl überall…

  16. Geli schreibt:

    „Wie macht man denn nur Entscheidungsträgern deutlich, dass es Gefahren im Leben traumatisierter Kinder gibt, die nicht von Traumatisierung Betroffene gar nicht kennen? Ich kenne sie auch nicht, versuche mich nur, in eine solch retraumatisierende Situation hinein zu versetzen. Und das reicht mir schon!“

    Ich habe solch eine Situation erlebt. Sie ist nicht vergleichbar mit dem was Kinder erleben, das ist ja ungleich viel, viel schlimmer.

    Vor 25 Jahren war ich in den tiefsten Tiefen des Urals mit einem Kollegen Pilze suchen. Der Kollege ging in eine andere Richtung und ich suchte und suchte, hatte den Beutel recht schnell voll und schaute mich nach meinem Kollegen um. Weg war er. Ich hatte nicht auf den Weg geachtet und hatte keinen blassen Schimmer wo ich lang musst. Völlig panisch warf ich meinen Beutel weg und rannte Kopflos in irgendeine Richtung. Als ich mich wieder gesammelt hatte, konnte ich wieder nachdenken. Ich schaute mir meine Umgebung an und lauschte auf Geräusche. Da hörte ich aus ziemlich weiter Entfernung die Druckgeräusche eines Verdichters. Da befand sich auch unser Lager. Also ging ich den Geräuschen nach und nach drei Stunden war ich völlig erschöpft und fix und fertig wieder zu Hause.
    Dieses Jahr war ich im August mit meinem Sohn und seiner Freundin im Wald Pilze suchen. Ich kenne den Wald sehr gut, der Weg ist fast immer der Gleiche. Mein Sohn ging mit seiner Freundin auf Suche und ich ging in die andere Richtung. Als ich mich nach einer Weile umschaute, waren die Beiden weg. Auch auf mein Rufen hörte niemand. Ich ging also weiter meine Strecke, aber in mir spannte sich alles. Je tiefer ich in den Wald ging, um so schlechter ging es mir. Ich bekam Herzrasen, Schweißausbrüche, ich wurde völlig panisch. Pilze interessierten mich nicht mehr. Im Wald ist eine Handyfreie Zone, also konnte ich die Beiden auch nicht anrufen.
    Als ich wieder im Auto saß, schüttelte mich ein Heulkrampf, ich war fix und fertig und ich habe einen ganzen Sonntag nachmittag gebraucht um mich wieder einzukriegen. Mich hat diese Retraumatisierung total überrascht. Ich dachte immer, wenn man eine Gefahrensitutation selbstständig meistert, ist das kein Trauma? Aber dieser Trigger im Wald, völlig verlassen zu werden, das war wie ein Dejavue.

    Ich will nur sagen, es ist im Vergleich zu den Kindern nur Pillepalle, wie müssen sich da die Kinder fühlen, die wir regelmäßig von amtswegen zu ihren Tätern führen müssen.

  17. lehrergehrke schreibt:

    Dein Erlebnis ist wirklich eindrucksvoll, Geli. Wir alle kennen solche Situationen, wenn wir uns in Situationen unwohl oder geängstigt fühlen, in denen wir schon einmal schlechte Erfahungen gemacht haben. Menschen, die in der Schule schlechte Erfahrungen gemacht haben, können als Erwachsene z.B. lebenslang in Lernsituationen Streß empfinden und daran gehindert werden, gute Leistungen zu erbringen. Jeder kann sich vorstellen, was es heißt, wenn Kinder ihre sie traumatisierenden Eltern wiederzutreffen.

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