Alles nicht so schlimm? 2. Teil

Es ist manchmal nicht gut, alle in eine Angelegenheit mit einzubeziehen, die damit zu tun haben könnten. Wenn sich dann alle einmischen, weil sie helfen wollen, kommt meist nichts Gutes heraus.

Jeannett ist noch entsetzt darüber, dass Susann bei ihrer Tante Überraschungseier weggenommen und aufgegessen hat. Sie muss es jemandem erzählen. Also ruft sie ihren Vater an. Der wiederum hat nichts Besseres zu tun, als in der Einrichtung anzurufen, in der Susann lebt, um sie zur Rede zu stellen.

Lange dauert es nicht, bis bei uns das Telefon klingelt. Susann ist am Apparat; offensichtlich hören die Erzieher mit. Sie spricht zuerst mit Jeannett.

„Was soll ich getan haben? Papa hat es mir eben gesagt. Das stimmt alles nicht! Ich habe nichts geklaut!“

„Na klar“, erregt sich Jeannett, „du hast mir doch sogar die Figuren geschenkt!“

„Nein! Das waren die Figuren aus den Ü-Eiern, die Tante Sarah mir geschenkt hat!“

„Lüg doch nicht!“, gibt Jeannet aufgebracht zurück, „Ich will nicht, dass du lügst!“

Jetzt ist der Moment zum Eingreifen gekommen. Ganz ruhig versuche ich, die Sache zu klären.

„Susann, du weißt, dass es stimmt. Tante Sarah hat doch das Papier, mit dem die Ü-Eier eingewickelt waren, unter deinem Bett gefunden. Gib es doch zu.“

Susann wird laut, ihr Ton weinerlich.

„Nein, ich habe nichts geklaut. Das stimmt alles nicht. Ihr habt euch das ausgedacht.“

Ruth schaltet sich ein.

„Ich weiß nicht, warum du sowas tust. Tante Sarah ist ein herzensguter Mensch und sie würde für alle ihr letztes Hemd geben. Auch für dich. Du solltest dich mindestens bei ihr entschuldigen.“

Klick macht das Telefon und tut-tut-tut. Susann hat aufgelegt. Oder haben die Erzieher das Telefonat beendet?

Wieder diese Situation, wie früher. Susann tut etwas und streitet es dann ab. Sie ist nicht so dumm zu glauben dass sie damit jemanden überzeugen kann. Sie kann sich nicht erinnern, weil die Situation aus einer anderen Welt stammt. Es ist die dunkle Schattenwelt ihrer Vergangenheit, die sie immer wieder einholt. Sie hat sie verbannt in den hintersten Winkel ihres Kopfes. Es ist ihre Last, die sie Zeit ihres Lebens mit sich herumtragen wird. Die immer wieder droht, übermächtig zu werden.

Wir wissen davon. Es gibt Spezialisten, die Susann einen Weg zeigen können, damit zu leben, ohne dass ihre Vergangenheit ihr schadet. Leider wird ihr diese Hilfe nicht zuteil. Die Erzieher der Einrichtung wissen nichts davon. Sie glauben Susann, nicht uns. Damit müssen wir leben.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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