„Ich weiß selbst am besten…“

Wir sind irritiert. Wie kommt es, dass pubertierende traumatisierte Pflegekinder sich so unterschiedlich verhalten können, als seien sie zwei Persönlichkeiten?

Es ist nachmittags, ein schöner, warmer Sommertag. Frau Sossna, unsere Familienhelferin, sitzt mit uns am Terrassentisch und wir trinken Kaffee. Jeannett kommt dazu. Wir sprechen über das letzte Hilfeplangespräch.

„Jeannett, du musst schon akzeptieren, dass Frau Gerster unsere Sachbearbeiterin vom Jugendamt ist und dass wir gemeinsam besprechen, wie es mit dir weiter geht.“

Jeaannett wird wütend.

„Ich denk gar nicht dran. Frau Gerster hat mir gar nichts zu sagen und sie bestimmt auch nicht darüber, was passiert. Das weiß ich selbst am besten.“

Oh oh, das hört sich nach Krawall an.

„Ihr habt mir auch nichts zu sagen!“, wendet sie sich an Ruth und mich.

„Ich hab´s satt, dass Ruth mich immer herumkommandiert. Bring den Müll raus, pack deine Wäsche in den Schrank, räum dein Zimmer auf! Warum muss ich immer tun, was sie will?“

„Das ist doch ganz normal“, wirft Frau Sossna ein. „In einer Familie hatjeder seine Aufgaben, die er zu erledigen hat. Deine Eltern sorgen doch auch dafür, dass alle zu essen haben und was anzuziehen.“

Jeannett wird rot vor Wut. „Wer sagt denn das? Ich will nicht mehr ständig Befehle bekommen! Macht doch euren Scheiß allein! Ohne mich!“

„So kannst du doch nicht mit deinen Eltern reden!“, entsetzt sich Frau Sossna. „Das gehört sich einfach nicht, nach dem, was sie alles für dich tun!“

„Ihr könnt mich mal alle“

Jeannett rennt in ihr Zimmer, Türen fliegen.

„Das ist ja unfassbar! Wie halten Sie das bloß aus?“ Frau Sossna ist fassungslos. Sie weiß nicht, was bei uns manchmal abgeht. Dass wir solche Szenen häufiger haben.

In solchen Fällen weiß ich genau, dass Jeannett nicht erreichbar ist für Argumente oder ruhige, freundliche Ansprache. Ich lasse sie einfach toben. Ich weiß: Es dauert nicht lange und Jeannett ist wie ausgewechselt. Es tut ihr leid, aber sie kann es nicht zugeben, einen Fehler gemacht zu haben. So ist es auch heute. Abends ist Jeannett freundlich, nett und kuschelig.

Zwei Tage später bekommen wir Jeannetts Zorn wieder zu spüren. Jeannett ist wieder zu uns auf die Etage gezogen, in Susanns Zimmer. Nun sollen Regale angebracht werden. Die Regalschienen hängen schon. Jetzt müssen die Bretter aufgelegt und von unten, wo such Schraublöcher befinden,  mit Schrauben befestigt werden. Ruth will ihr zeigen, wie es geht, damit Jeannett die Arbeit, wie sie es sich wünscht, fortsetzen kann.

„Ich mache das anders“, erklärt Jeannett. „Ich schraube erst die Bügel auf die Bretter und hänge sie dann ein.“

„Das geht doch gar nicht“, versucht Ruth zu erklären. „Wenn die Bügel dran sind, kannst du sie nicht mehr in die Löcher in den Schienen einhängen. Du musst sie von unten schrauben.“

Jeannett bockt. „Ich mache das aber so, ich brauche dich nicht dazu.“

Ruth ist sauer und verlässt das Zimmer. „Dann mach es doch allein, wenn du alles besser weißt!“

Schließlich mache ich einen Versuch, Jeannett zu erklären, wie man es am besten macht und helfe ihr etwas. Sie sieht es ein und verschraubt die Bretter selber, aber die Schrauben, die sie eindreht, werden krumm und schief.

Als ich sie darauf hinweise, zickt sie mich an: „Na und? Interessiert doch keinen!“

Bei traumatisierten Pflegekindern geht in der Pubertät offensichtlich alles durcheinander. Versorgerkinder, die in ihrer Kindheit für die Geschwister oder sogar die Eltern  sorgen und Verantwortung übernehmen mussten, können diese Rolle nicht ablegen. Sie haben das Vertrauen in die Erwachsenenwelt verloren. Sie behaupten, selbst am besten zu wissen, was ihnen gut tut. Dabei verlassen sie sich praktisch auf niemanden außer sich selbst. Sie müssen immer im Mittelpunkt stehen. Wenn dann noch dazu kommt, dass Hilfeplangespräche ihnen den Eindruck vermitteln, dass sie keine Kontrolle mehr über ihre Situation haben, muss die ganze Wut heraus. Kontrollverlust können sie nicht tolerieren; es macht sie hilflos. Dann übertragen sie ihre gesamte Wut und Angst, die sie durch Vernachlässigung und Misshandlung erfahren haben, auf die engste Bezugsperson. Das ist meist Ruth, stellvertretend für ihre leiblichen Eltern.

Wer traumatisierte Kinder aufnimmt, muss damit rechnen, Ziel von Übertragungen zu sein. Es tut zuerst sehr weh. Trotz allem, was Pflegeeltern für ihre Pflegekinder tun, werden sie zum Ziel von ungezügelten Aggressionen. Erst, wenn sich die Pflegeeltern darüber klar werden, dass sie mit diesen Ausbrüchen gar nicht gemeint sind, können sie damit umgehen. Sie sind in ihrer Position Ersatz für alles: Versorger, Liebegebende, Verständnishabende, Unterstützer, Beschützer und Ersatz für die leiblichen Eltern. Das muss auch die Pflegekinder verwirren, die sich in einer Situation befinden, die sie bisher nie so kannten. Auch nach langen Jahren brechen die Kindheitserlebnisse noch durch. Besonders gilt das für die Pubertät, in der den Pflegekindern die Herkunft wichtig wird, sie ihre leiblichen Eltern idealisieren und mit den Pflegeeltern vergleichen. Natürlich fällt es schwer, dass der Vergleich immer für die Pflegeeltern ausgeht, und es fällt noch schwerer, diesen Vergleich auszuhalten.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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