Unfreiwillige Übernachtung

Das Leben ist das, was passiert, während wir Pläne machen. So geht es auch uns an diesem Tag, an dem Susann das erste mal nach dem Wendepunkt und völlig ungeplant übernachtet.

Susann befindet sich auf dem Rückweg von Schwägerin Sarah in Hameln. Bei uns soll sie umsteigen in einen Zug, der zum Ort ihrer Unterbringung fährt. Das ist im Normalfall gar kein Problem. Ich hole sie vom Busbahnhof ab, wir essen noch zu Abend.

„Susann findet doch den Weg zum Bahnhof alleine, Nico, du brauchst sie nicht zu bringen“, meint Ruth. Eigentlich hat sie Recht, aber ich finde es richtig, Susann zu verabschieden und irgend etwas sagt mir, dass es besser so ist.

Also machen wir uns auf. Am Bahnhof angekommen, erwarten wir den Zug. Nichts passiert. Etwa zehn Minuten nach der fahrplanmäßigen Abfahrt eine quäkende Stimme aus dem Lautsprecher:

„Der Zug nach Stendal hat zwanzig Minuten Verspätung. Wir  bitten um ihr Verständnis.“

Wir warten. Da – in der Ferne ein Umriss einer Lokomotive. Ein Zug läuft ein. Aber es ist der falsche. Alle Reisenden bestürmen den Zugbegleiter.

„Der Zug nach Stendal entfällt heute“, schnauzt er kurz angebunden. „Wir können auch nichts dafür, wenn irgend welche wild gewordenen Jugendlichen dem Lokführer Pfefferspray  ins Gesicht sprühen.“

Das war´s. Der nächste Zug geht zwei Stunden später. Das würde bedeuten, dass Susann mitten in der Nacht ankommen würde. Wir müssen zu allererst die Wohngruppe informieren. Also machen wir uns auf den Weg nach Hause.

Zu Hause angekommen, beratschlage ich mit Ruth, was zu tun sei. Jeannett muss auch informiert werden. Wir versuchen es ihr so schonend wie möglich beizubringen. Sie ist entsetzt.

„Ich will nicht, dass sie hier übernachtet“, gibt sie uns zu verstehen. Wir hatten ja im Hilfeplangespräch festgelegt, dass die Zeit für eine Übernachtung noch nicht gekommen sei. Heute muss es wohl sein.

Also versuchen wir, die Wohngruppe zu erreichen. Niemand meldet sich. Eine Stunde vergeht, die Zeit verstreicht ungenutzt.

Es muss sein. Wir wählen die Kindernotrufnummer. Diese Nummer wird von der Feuerwehr zentral bundesweit zur Verfügung gestellt. Von dort wird man in den entsprechenden Landkreis weiter vermittelt.

Die Dienst habende Sachbearbeiterin reagiert sofort und versucht, einen Kontakt zur Einrichtung herzustellen. Aber die Wohngruppe ist unbekannt. Schließlich gelingt es ihr, die benachbarte Wohngruppe zu erreichen. Der Dienst habende Erzieher meldet sich telefonisch bei uns. Es ist wie in einem schlechten Film.

„Die Wohngruppe ist aufgeteilt worden“, erklärt er uns. „Der Erzieher hat sich beim Fußballspielen verletzt und musste ins Krankenhaus. Deshalb haben Sie dort auch niemanden erreicht.“

Wir fragen uns langsam, ob man Susann überhaupt vermisst hätte, wenn sie nicht oder zu spät angekommen wäre. Also sprechen wir ab, Susann morgen früh auf den Zug zu setzen. Es ist die einzige Möglichkeit.

Susann bezieht ihr Zimmer und geht sofort ins Bett. Sie ist selbst etwas irritiert, bei uns zu übernachten. Jeannett macht einen erregten Eindruck.

„Wenn ihr morgen frühstückt, möchte ich nicht dabei sein“, beschließt sie. „Ich schlafe etwas länger, aber ich sage Susann noch tschüß.“

Mit dieser Situation hat keiner von uns gerechnet. Sie kam plötzlich wie ein Sommergewitter. Noch sind die Eindrücke jenes Sonntages, als wir uns von Susann trennen mussten, zu frisch. Die Wunden sind noch nicht verheilt. Jeannett fürchtet nun wieder, dass Susann im Mittelpunkt stehen könnte. Vielleicht befürchtet sie sogar, dass wir uns entscheiden könnten, Susann zu behalten? Aus unserer Sicht ist die Idee absurd, aber für Jeannett wahrscheinlich real genug. Sie hat miterlebt, wie Ruth und ich unter der Trennung gelitten haben und noch immer leiden.

Es ist ein ruhiges, harmonisches Frühstück am Tag darauf. Ich bringe Susann zum Zentralbahnhof. Aber meine Hoffnung, die Fahrkarte einfach so umtauschen zu können, zerschlägt sich. Ich muss eine neue kaufen und Susann die alte zur Erstattung der Kosten mitgeben. Aber das ist jetzt auch egal.

Ich bin froh. Die alten Welten sind wieder hergestellt. Susann ist auf dem Weg zu ihrer und wir haben unsere wieder. Wir haben eine für uns schwierige, risikoreiche Situation professionell und in Ruhe bewältigt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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