Wie schwer ist es, zwei Familien zu haben!

Es ist schwer für ein Pflegekind, zwei Familien zu haben. Die Pfleltern, das sind die, denen Jeannett alles zu verdanken hat, die sich kümmern, die aber auch die Grenzen setzen. Und dann gibt es da die Herkunftsfamilie, die kaum bekannt ist, die den ganzen Schlamassel verursacht haben, die alles versiebt haben, aber es sind diejenigen Menschen, die immer idealisiert werden, die immer im Hintergrund stehen, bei Hilfeplangesprächen und wichtigen Entscheidungen.

Heute haben wir uns auf dem Campingplatz mal richtig was gegönnt. Krabben, Muscheln, Rillette, ein wahres Festessen. Jeannett nutzt solche Gelegenheiten der Harmonie gern für vertrauensvolle Gespräche.

„Ich will von meinem Vater endlich wissen, ob ich Susanns richtige Schwester bin“, bricht es aus ihr heraus.

Tatsächlich gibt es anhand der Akten Zweifel, ob da nicht noch eine andere Frau im Spiel war und Jeannett hat das Problem genau erkannt. Jetzt, in der anbrechenden Pubertät, kommt die Suche nach den eigenen Wurzeln in Gang.

„Ich will ein Gespräch mit meinem Vater und ich verlange, dass er mir ehrlich antwortet. So lange, bis er mir nicht ehrlich antwortet, will ich mit ihm nichts zu tun haben.“

Bisher haben wir es immer geschafft, dass sich die Kontakte zwischen Jeannetts leiblichem Vater und den Kindern auf die Hilfeplangespräche und einige, nichtssagende Telefonate beschränkten. Immer wieder haben wir das verstörte Verhalten nach von uns und dem Jugendamt begleiteten Besuchskontakten oder Telefonaten aushalten müssen, haben Tage lang daran gearbeitet, die normale Situation wieder herzustellen. Nervosität, Aggressionen, Essensverweigerung waren die Folgen dieser Kontakte. Das Jugendamt spricht in diesen Fällen mit leichtem oder manchmal direktem Vorwurf an die Pflegeeltern von „Loyalitätskonflikt“ zwischen leiblichen und Pflegeeltern. Pflegen, versorgen, unterstützen ja, aber bitte keine Entfremdung von den leiblichen Eltern, schon gar nicht emotionale Beziehungen! Niemand von denen hat uns bisher erklären können, wie das gehen soll.

Und nun das! Jeannett will Kontakt zu ihrem Vater, dem Menschen, der ihr ganzes Leid verursacht hat! Es ist schwer für mich, zu akzeptieren.

„Eigentlich will ich, dass mein Papa zur Konfirmation kommt“, fährt sie fort, „aber vorher muss er mir die ganze Wahrheit erzählen.“

Ich ahne etwas. Wenn Jeannett etwas durchsetzen will, dann macht sie einen genauen Plan. Sie muss immer das Gefühl haben, alles im Griff zu haben. „Ich bekomme was ich will“ ist ihr Wahlspruch.

„Dann kann ich ihm auch gleich erzählen, dass ich so heißen will wie ihr.“

Noch so ein heißes Eisen. Jeannett hat schon häufiger deutlich gemacht, dass sie unseren Namen annehmen will. Wenn sie bei uns ans Telefon geht, meldet sie sich immer mit unserem Namen. Nun will sie es auch amtlich haben.

„Was hat mein Vater mit mir zu tun? Ihr seid meine Eltern! Warum soll ich nicht heißen wie ihr?“

Das schmeichelt uns natürlich, aber wir wissen, dass der Kindesvater dem nie zustimmen wird.

„Mir ist auch ganz egal, was Frau Gerster dazu sagen wird. Die redet sowieso nur über Susann, um mich kümmert sie sich gar nicht! Ich mag sie nicht“

Wir wissen auch warum. Endlich ist unser Jugendamt dabei, sich zu verjüngen. Viele Sachbearbeiter, die Pflegeeltern nur als ihre Handlanger sahen, gehen in Rente. Neue rücken nach. Frau Gerster gehört zu denen mit viel Empathie und Einsatz für die Pflegekinder. Aber sie sagt Jeannett auch, was sie für richtig hält. Sie macht ihr klar, dass Jeannett mit ihr nicht umspringen kann und setzt ihr klare Grenzen. Und bei Jeannett gibt es da immer noch die traumatische Erfahrung: Trau nie einem Erwachsenen, der will doch bloß über dich bestimmen!

Wenn es darum geht, dass Jeannet am Hilfeplangespräch teilnehmen soll, ist sie in ihrer Meinung gespalten. Einerseits will sie teilnehmen, um die Kontrolle über die Gespräche und Entscheidungen zu behalten. Andererseits fällt es ihr schwer, alles was gesagt wird und auch den Kontakt zu ihrem Vater auszuhalten.

Tatsächlich hängt alles, was Jeannett an Problemen hat, zusammen, es ist unlösbar miteinander verknüpft. Das alles zu entwirren und für jede Baustelle eine geeignete Lösung zu finden, wird lange Zeit in Anspruch nehmen und noch so manche Diskussion auslösen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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