Frei und doch gebunden

Im Urlaub zeigt sich, wie gut eine Familie funktioniert. Aber was braucht eine Jugendliche? Mehr Freiheit? Und was kommt dabei heraus? Mehr Bindung!

Für uns ist dieser Urlaub der erste ohne Susann, nur Ruth, Jeannett und ich. Als wir entschieden, wo wir zum Urlaub hinfahren, waren sich alle einig: In die Bretagne, auf unseren Lieblings-Campingplatz.

Ich hatte Bedenken. Würde das nicht zu viel Emotionen aufwühlen? Würden wir das aushalten, nur zu dritt? Jeannett aber hat alle meine Argumente entkräftet:

„Dann dürften wir nicht mehr die Leute besuchen, die wir zusammen mit Susann besucht haben, wir müssten aus unserem Haus ausziehen, aus unserem Dorf, wir dürften nie wieder zusammen schwimmen gehen. Es gibt so viel, was uns an Susann erinnert.“

Ganz so einfach war es dann doch nicht.

Zunächst aber ist alles schön. Die Fischerfeste, das Schwimmen im Atlantik, der Campingplatz, all das ist so vertraut.

Und dennoch glauben Ruth und ich, wir sollten Jeannett mehr Freiheit einräumen. Sie soll entscheiden, was sie tun will, sich Freunde suchen. Natürlich will sie in ihrem Alter nicht nur zusammen mit den Eltern rumhängen. Wir erklären ihr, dass sie nicht mitkommen muss, wenn wir Ausflüge machen. Es spricht auch nichts dagegen, dass sie, wenn wir weg sind, in die Stadt geht und shoppt.

Einige Male macht Jeannett von ihrer Freiheit Gebrauch, aber meist bleibt sie auf dem Zeltplatz, wenn wir da sind. Sie liest, erzählt uns was, macht den Abwasch mit mir. Es scheint, dass sie mit dieser Freizügigkeit gar nichts anfangen kann. Abends, als wir zur Campingplatz-Disko gehen, weicht sie mir nicht von der Seite und erzählt mir von der Schule und ihren Freunden.

Es ist merkwürdig. Bindung ist nicht zu erzwingen. Bindung muss wachsen. In der Pubertät reicht es, wenn die Pflegeeltern hinter dem Pflegekind stehen und da sind, wenn sie gebraucht werden. Jeannett nimmt sich, was sie braucht. Mich erstaunt schon, dass ihre Bindung an uns ganz im Vordergrund steht. Andererseits gibt ihr die Freiheit, die wir ihr gewähren, auch die Freiheit, sich freiwillig an uns zu binden und diese Bindung selbst zu gestalten. Das finde ich so in Ordnung.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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