„Susann hat euch nur ausgenutzt“

Leibliche Kinder verpetzenpetzen ihre Geschwister zuweilen. Aber was Jeannett heute tut, ist mehr als das.

Es ist ein schöner Sommerabend und wir sind zum fünfzigsten Geburtstag zu Verwandten eingeladen. Ein wunderschönes Wassergrundstück eines Restaurants. Jeannett sucht meine Nähe. Mir ist klar: Sie möchte etwas loswerden. Gemeinsam sitzen wir am Wasser und sie redet.

„Weißt du, Papa, Susann hat euch nur benutzt. Zuerst hatte sie bei Mama Unterstützung und die hat sie gegen dich ausgespielt. Häufig ist Mama für sie eingetreten und hat sie in Schutz genommen. Aber vor einem Jahr hat sie gemerkt, dass sie mehr von dir Unterstützung bekommen hat als von Mama. Da hat sie sich eben an dich rangehängt.“

Sie unterbricht einen Moment und ihr Gesicht wird nachdenklich.

„Susann hat deine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie hat nur noch mit dir ihre Hausaufgaben gemacht. Mich hast du überhaupt nicht mehr beachtet. Immer musste ich still sein und durfte euch nicht unterbrechen. Die Schuhe hat sie immer in der Schule gelassen, damit du sie in der Schule besuchst und nach den Schuhen suchst. Und wenn du sie mal kritisiert hat, ist sie zu Mama gelaufen und hat sich bei ihr Unterstützung geholt.“

Meine Rolle ist jetzt die des Zuhörers. Sie erzählt weiter.

„Zum Schluss, als sie wusste, dass niemand sie mehr unterstützt, hat sie nur noch Randale gemacht, so lange, bis ihr sie weg gegeben habt. Ist euch das gar nicht aufgefallen?“

Natürlich ist uns das aufgefallen. Ich sage ihr das auch, und dass Susann unglaublich viel Aufmerksamkeit brauchte. Langsam begreife ich, dass das durchgängige Thema in unserer Familie die Konkurrenz der beiden Geschwister um unsere volle Aufmerksamkeit war. Deshalb musste das Pflegeverhältnis, so wie es geplant war, scheitern.

Leibliche Geschwisterkinder petzen manchmal und versuchen, die Eltern auf die eigene Seite zu ziehen. Im Gegensatz zu traumatisierten Pflegekindern jedoch haben sie die Erfahrung der Bindung an die leiblichen Eltern. Traumatisierte Pflegekinder haben viel nachzuholen, wenn sie denn überhaupt noch bindungsfähig sind. Kinder, die in der Kindheit Geschwister oder sogar noch die Eltern versorgen mussten, sollten besser in zwei Pflegefamilien vermittelt werden, die sich kennen. Damit ist sicher gestellt, dass sie sich häufig sehen können, ohne dass es zu Konkurrenzkämpfen um die Aufmerksamkeit kommt. Geschwisterkinder in eine Pflegefamilie zu vermitteln, käme nur dann in Frage, wenn die Geschwisterkinder durch die gemeinsame Traumatisierung gleich stark betroffen sind und sie sich gegenseitig haben unterstützen müssen.

Jugendämter kennen meist diese Unterscheidung nicht. Sie gehen immer davon aus, dass Geschwister grundsätzlich in eine Pflegefamilie vermittelt werden. Das geht manchmal schief.

Was war das also heute mit Jeannett? Es war keine Petzerei. Es war der Ruf nach Aufmerksamkeit, der vollen Aufmerksamkeit, die Jeannett jetzt für sich einfordert. Es war eine Loyalitätserklärung und zugleich eine Beschreibung des Zustandes vor dem Wendepunkt, als wir uns von Susann trennen mussten. Es war zugleich eine Warnung: Kümmere dich nicht zu viel um Susann, ich bin jetzt deine einzige Pflegetochter, die dir noch geblieben ist.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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