Wir besuchen Susann

Heimkinder sind einsam. Sie haben nur sich selbst. Manchmal gibt es Besuch oder sie werden in ihre Familien entlassen. Aber eine Abwechslung ist immer willkommen.

Heute hat Susann eine dieser Abwechslungen. Tante Sarah, Oma Lenchen und ich machen uns auf zur eineinhalb stündigen Fahrt und kommen im Laufe des Vormittags an. Susann erwartet uns schon. Voller Stolz zeigt sie den beiden ihr Zimmer, sauber und gut aufgeräumt. Dann gehen wir in die Stadt und bestellen uns Eisbecher. Es ist warm. Wir lassen uns richtig Zeit.

Als wir wieder zur Wohngruppe gehen, weicht Susann nicht von meiner Seite.

„Mein Vater kommt mich besuchen, für ein ganzes Wochenende“, erzählt sie mir freudestrahlend.

Gedanken schießen mir durch den Kopf. Wie hält Susann das aus? Jahrelang hat ihr Vater sich nicht um sie gekümmert, hat eine Haftstrafe verbüßt. Er war der jenige, der sie misshandelt und vernachlässigt hat. Wie hält sie das aus, ihrem einstigen Peiniger unter die Augen zu treten? Das geht nur, in dem sie diese Erfahrungen in eine andere Persönlichkeit abspaltet. Aber was passiert, wenn sie einen Flashback hat, einen der Momente, in denen sie wieder in die Vergangenheit eintaucht? Irgendwie fehlt mir der Glaube daran, dass das Heim dafür Vorkehrungen hat.

„Meinst du, ich könnte wieder bei meinem Vater wohnen?“ fragt sie mich erwartungsvoll.

„Das halte ich für keine gute Idee“, antworte ich. „Meinst du wirklich, dein Vater würde das hinkrigen? Er muss dich ernähren und kleiden, und hier hast du alles, was du brauchst.“

Susann wird nachdenklich.

„Lieber würde ich ja wieder bei euch wohnen“, wagt sie sich vor.

Jetzt muss ich gekonnt reagieren. Natürlich ist das eine Art Liebeserklärung, aber völlig unrealistisch.

„Kannst du dich an deinen letzten Besuch bei uns erinnern?“, frage ich sie. „Da war es dir schon nach ein paar Stunden zu lang. Wie willst du es machen, wenn du merkst, es ist doch nicht das Richtige?“

Susann ist nicht enttäuscht. Eher einsichtig und wieder zurück in der Realität. Und ich war nicht verletzend aber trotzdem deutlich. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Wir verabschieden uns und Susann ist glücklich. Das nächste Mal wird sie nach Hameln fahren, um Tante und Oma zu beuchen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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