Stress mit Jeannett

Nichts ist stressiger als ein pubertierendes Pflegekind, und der Stress kommt  plötzlich wie ein Sommergewitter. Genau so schnell zieht er auch wieder ab.

Ich komme nach Hause und Jeannett sitzt mit ihrer Freundin Mandy in der Küche und isst Joghurt.

„Wir fahren übrigens gleich ins Central Shopping Center“, lautet der erste Satz, ohne einen Gruß.

„Guten Tag, liebe Jeannett“, antworte ich, langgezogen, und die Absicht dahinter ist offensichtlich.

Jeannetts Gesicht verfinstert sich.

„Ey, was soll das denn jetzt!“

Oh, dieser Gesichtsausdruck heißt so viel wie „Achtung! Ich bin auf Krawall gebürstet!“

Was tue ich jetzt? Eigentlich gefällt mir das gar nicht. Sie soll noch ihre Zeitungen sortieren, damit sie sie am Wochenende austrage nund ihr Taschengeld aufbessern kann.

„Meinst du nicht, du solltest deine Zeitungen vorher sortieren?“, gebe ich zu bedenken. Das war für die Situation wohl etwas zu wenig deutlich.

„Das kann ich auch morgen machen“, gibt sie schnippisch zurück. „Wir fahren jetzt gleich los.“

Ich werde deutlicher. „Nein, Jeannett, erst sind die Zeitungen dran.“

Das war´s. Jeannett schreit und tobt.

„Meinst du, ich weiß nicht, was für mich gut ist? Du vertraust mir kein bisschen! Ich habe es satt hier und mich ständig von euch herumkommandieren zu lassen! Wir hätten schon lange weg sein können! Du hast mir gar nichts zu sagen!“

Ihre Augen sind zu Spalten geschlossen, ihr Mund schmal. Ihr Kopf ist rot.

„Immer müßt ihr mir alles versauen! Ich hab´s satt! Ich sehe das alles nicht ein!“

Ich muss jetzt etwas unternehmen, Reden und Argumentieren funktioniert nicht mehr. Ich kann nicht dulden, dass Jeannett mich vor ihrer Freundin vorführt.

Ich wende mich zu Mandy um.

„Mandy, ich muss dich jetzt bitten, zu gehen.“

Mandy, leicht verstört, ob Jeannetts Frechheit mir gegenüber, sagt leise „Tschüss!“ und verläßt das Haus.

Jeannett zückt ihre schärfste Waffe und feuert ihre Worte auf mich ab.

„Siehst du, du gönnst mir nicht einmal meine Freundin! Ich kann ja gleich da hin gehen, wo Susann jetzt ist“

Die Tür fliegt ins Schloss ihres Zimmers. Laute Musik erschüttert das Haus.

Was an solchen Situationen ist nun pubertär und was ist traumatisch oder „typisch Pflegekind?

Schreien, Verletzen, Diskutieren, fliegende Türen, das ist eindeutig pubertär. Teenager suchen ihre Grenzen, das ist klar, und überscheiten sie auch immer wieder.

Traumatisierte Kindern aber, die früher ihre Geschwister und/oder ihre Eltern versorgen mussten, werden immer darauf bestehen, dass sie selbst wissen, was für sie gut ist und ihre Erfahrungen selbst machen wollen. Sie brauchen dabei eine starke, schützende Hand, die ihnen so viel Freiheit wie möglich lässt, aber auch so viel Grenzen wie nötig setzt. Das jedoch ist ein wahrer Drahtseilakt. Beides zusammen, Pubertät und Traumatisierung, ist eine gefährliche Mischung, die den Pflegeeltern alles abverlangt.

Nach einer Stunde, Ruth ist von der Arbeit heimgekehrt, ist Jeannett anschmiegsam, kuschelt und scherzt mit uns.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Die Zeit danach abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s