Lehrer futsch und Bindung weg

Die weiter führende Schule kennt kein Pardon,  wenn es um Bindungen von Kindern an bestimmte Lehrer geht. Sie müssen damit klar kommen, wenn ein engagierter Lehrer aus Gründen des Personaleinsatzes versetzt wird. Für Pflegekinder kann das ein besonderes Problem bedeuten.

Jeannett besucht eine der wenigen verbliebenen Gesamtschulen in unserem Bundesland. Ich habe es vor eineinhalb Jahren geschafft, Jeannett über das Widerspruchsverfahren hier einzuschulen; ihr Grundschulgutachten hätte dies eigentlich nicht zugelassen. Jeannett weiß dies auch sehr zu schätzen. Sie hat damit die Chance, nach der Sekundarstufe I bei entsprechenden Leistungen die Gymnasiale Oberstufe zu besuchen und das Abitur zu machen.

Dass Pflegekinder ihre Herkunft besonders während der Pubertät intensiv aufarbeiten, ist allgemein bekannt. Dazu brauchen sie nicht nur die Unterstützung der Pflegeeltern, sondern auch „neutraler“ Personen. Jeannett hat in ihrer Schule eine Lehrerin, die sich besonders um die sozialen Kontakte der Schüler kümmert. Sie bietet eine Arbeitsgemeinschaft zum Erlernen von Mediationstechniken an, an der Jeannett mit Engagement teil nimmt. Auch hat sie ein besonderes Vertrauensverhältnis mit ihr und erzählt viel über ihre Vergangenheit und ihr Leben bei uns. Auch der Sozialarbeiter in der Schule, den sie despektierlich „Psycho-Fuzzi“ nennt, hilft ihr oft und gern weiter.

Mit der Einsatzplanung für das nächste Schuljahr kommt an den Tag, dass die Lehrerin ihres Vertrauens an eine andere Schule versetzt wird. Sie wird an eine ein paar Kilometer entfernte Oberschule versetzt und kann dazu in einer therapeutischen Einrichtung arbeiten, so lautet die Begründung. Dafür werden einige andere neue Lehrer an Jeannetts Schule versetzt, auf die sich die Schüler neu einrichten müssen. Es geht auch das Gerücht, dass diese Lehrerin nicht sehr angesehen bei der Schulleitung war; zu viel Engagement, auch im gewerkschaftlichen Bereich…

Es gelingt mir, einige Eltern in Jeannetts Klasse für eine Unterschriftenliste für die beliebte Lehrerin zu interessieren. Fast alle Eltern unterschreiben und auch die Eltern anderer Klassen laufen Sturm. Ich werde mit einem Schreiben bei dem zuständigen Schulrat vorstellig. Aber eine Reaktion bleibt aus..

Erst bei der ersten Elternversammlung nach den Ferien erfahre ich, dass auch andere Eltern aus der Klasse Beschwerden eingereicht haben. Eine dieser Beschwerden wurde beantwortet. Es ist die übliche Argumentation: Wegen des Schwindens der Schülerzahlen müßten Lehrer versetzt werden, es gebe keine Alternative und überhaupt müsse man das Große Ganze sehen.

Für Jeannett hat diese Veränderung erhebliche Auswirkungen. Am liebsten möchte sie an die Schule wechseln, an der ihre Lehrerin jetzt ist, sie trauert um den Verlust dieser Beziehung und ist kaum ansprechbar. In der ersten Zeit pflegt sie häufigen Kontakt per e-mail und Telefon, aber bald merkt sie, dass ihre Lehrerin jetzt andere Aufgaben hat und ihr nicht mehr zur Verfügung steht.

Schule und Pflegekinder scheinen Bereiche zu sein, die häufig nicht zusammen passen. Schule ist die Verwaltung und Vermittlung von Bildung und Vergabe von Lebenschancen und kann sehr unpersönlich sein. Auch wenn immer wieder der Erziehungsauftrag von Schule beschworen wird, sie stellt die Vermittlung von Wissen sicher. Sozialarbeit ist nicht der Bereich des Lehrers. Wenn sich ein Lehrer auch um die privaten Probleme seiner Schüler kümmert, so tut er das freiwillig.

Schule ist nach Gesichtspunkten der Effektivität organisiert. Regelklassen  können bis zu 30 Schüler umfassen, Unterricht funktioniert nach Plan und Lehrer werden dort eingesetzt, wo sie gebraucht werden.

Diese Voraussetzungen sind für Pflegekinder ganz schlecht. Sie brauchen gesicherte, vertrauensvolle Bindungen, auch in der Schule anstatt Wissensvermittler und Leistungsbewerter. Ihre Vergangenheit und Gegenwart ist so anders als die der meisten Mitschüler und nicht selten spielen psychosoziale und bindungs- und entwicklungsbedingte Probleme eine wichtige Rolle.

Zwar gibt es an allen Schulstufen Förder- und Integrations-programme, so z.B. für ADHS und Dyskalkulie, aber um diese zu nutzen, müssen die Pflegeeltern sich schon sehr gut auskennen. So haben wir für Susann ein Förderprogramm zum Ausgleich ihrer Dyskalkulie angeschoben. Daran beteiligt waren die Schule und das Jugendamt. Seit sie aber in einer Wohngruppe lebt, wird die Existenz der Rechenschwäche, obwohl nachgewiesen, einfach geleugnet und Förderprogramme nicht angewandt. Hier spielt sicher auch eine Rolle, ob und in wie weit die Schule Stundenentlastungen bekommt und Fachleute zur Verfügung stehen.

Pflegeeltern können ihre Pflegekinder mit folgenden Maßnahmen unterstützen:

  • Sie sollten die schulische Entwicklung sehr genau beobachten und bei Leistungsschwächen oder -ausfällen sofort Kontakt mit dem Klassenlehrer und der Schulleitung aufnehmen.
  • Lehrer sind nur selten Fachleute für Ursachen für Leistungsschwächen. Noch seltener kennen sie sich mit den Problemen von Pflegekindern und Traumatisierungen aus. Deshalb ist es wichtig, die Lehrer und die Schulleitung über die individuellen psychosozialen und medizinischen Voraussetzungen des Pflegekindes und die Bindungsfähigkeit des Pflegekindes zu informieren, um sie für dessen Verhalten im Unterricht zu sensibilisieren.
  • Pflegeeltern sind die manchmal einzigen Interessensvertreter ihrer Pflegekinder. Es nutzt nichts, den Druck, den Schule und Lehrer disziplinarisch und im Hinblick auf Leistungen aufbauen, einfach an das Pflegekind weiter zu geben. Sie müssen das Kind unterstützen und dieselbe Unterstützung auch von der Schule und ihren Lehrern einfordern. Das bedeutet manchmal auch, mit der Schule in den Konflikt zu gehen.
  • Pflegeeltern müssen zuerst die Probleme des Kindes mit der Herkunft und der Situation in der Pflegefamilie lösen. Erst dann kann das Pflegekind den Kopf für die Schule frei kriegen. Bis dahin muss die Schule gegebenenfalls zurück stehen.

Die Grundlage für gute schulische Leistungen ist also immer die Situation in der Pflegefamilie. Wenn die Probleme nicht gelöst werden können, wird es auch in der Schule keinen Erfolg geben. Andererseits ist die Schule ein wichtiges soziales Lernfeld für das Kind und kann die elterliche Erziehungsarbeit erheblich unterstützen, wenn die Lehrer zugänglich, verständnisvoll und engagiert sind.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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