Kindeswohlgefährdung in der Wohngruppe?

Wir halten es nicht mehr aus, dass mit Susann in der Wohngruppe, in der sie sich befindet, mit Unterstützung des Jugendamtes offensichtlich experimentiert wird und dadurch ihre weitere Entwicklung gefährdet wird. Auch Jeannett tut diese Entwicklung nicht gut. Also haben wir ein Schreiben verfasst und zu dritt unterzeichnet, in der wir das Jugendamt zu einer Stellungnahme auffordern.

Gefährdung des Kindeswohls unserer in Obhut des Jugendamtes befindlichen befindlichen Pflegetochter Susann

Sehr geehrte Frau Schwerdtfeger,

wie Ihnen bekannt ist, haben wir unsere Pflegetochter Susann im Februar diese Jahres in die Obhut des Jugendamtes gegeben. Der von mir verfasste Bericht zur Inobhutnahme ist Ihnen ebenfalls bekannt. Aus diesem Bericht und zahlreichen aktenkundigen Berichten anlässlich von Hilfeplangesprächen und Zwischenberichten gehen die Gründe dieses für uns schweren Schrittes und der Entwicklung dahin hervor. Wir erhofften uns davon eine Verbesserung von Susanns Situation unter fachlicher Betreuung und Ausschöpfung aller Möglichkeiten, nachdem Ihr Amt sich nicht in der Lage sah, einer dringend erforderlichen Traumatherapie zuzustimmen, diese beim der KV zu erwirken und diese zu finanzieren.

Wie Oliver Hardenberg[1] in seinem Vortrag anlässlich der 16. Jahrestagung der Stiftung zum Wohl des Pflegekindes am 30.5.2005 bereits feststellt, wird nicht selten „…erst im Verlauf des Integrationsprozesses eines Pflegekindes in der Pflegefamilie deutlich, wie tief greifend es seelisch verletzt bzw. traumatisiert wurde.“ Diese Beschreibung trifft unsere Situation mit unseren zwei Geschwisterpflegekindern exakt.

Der Grad der Traumatisierung ist in zwei Gutachten ausführlich beschrieben. Die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung bei beiden Kindern auf Grund ihrer frühkindlichen Erlebnisse in der Herkunftsfamilie sind unumstritten. Ebenso unumstritten ist, dass traumatische Erfahrungen „existenziell bedrohend bzw. tödlich bedrohlich erlebt“[2] werden und auch von Susann so erlebt wurden.

Leider habe ich zur Zeit keinerlei Kenntnisse darüber, wie Susanns Traumatisierung behandelt wird und in welcher Form sie in ihre weitere Entwicklung einbezogen wird. Zum Zeitpunkt des letzten Hilfeplangespräches war davon nichts erkennbar. Auch findet die von allen Seiten für erforderlich gehaltene Einbeziehung von uns als denjenigen, die Susann über fast sechs Jahre hinaus beobachtet und begleitet haben, nicht statt. Im Gegenteil wird eine Verstärkung der Kontakte mit dem Kindesvater betrieben, die die Gefahr der Retraumatisierung in sich birgt.

Die Begründung der verstärkten Kontakte Susanns mit ihrem  leiblichen Vater mag sicher in dem im BGB festgeschriebenen Besuchsrecht liegen. Allerdings scheint mir die Ausübung dieses Rechtes ohne Maß und Ziel, wenn ich berücksichtige, dass Susann eine volle Woche in den Sommerferien zugemutet wird, mit der Person zu verbringen, von der sie weiß, dass sie die größte Katastrophe ihres Lebens veranlasst hat.[3] Schon das Setting des Hilfeplangespräches, an dem Susann durchgängig anwesend war und sich in einem sichtbaren Loyalitätskonflikt zwischen dem KV und den Pflegeeltern befand, war alles andere als Vertrauen schaffend. Wie Paula Zwernemann bemerkt:

Bei einem Kind ist ein Hilfeplangespräch in seinem Beisein aus fachlicher Sicht grundsätzlich in Frage zu stellen. Es sitzt da verloren zwischen all den             Erwachsenen und muss hören, wo es ihm noch überall fehlt und was es in             welcher Zeit zu lernen hat.“ [4]

Und besonders hervorgehoben:

„Es ist ein Kunstfehler, die Teilnahme des Kindes am Hilfeplangespräch             wortwörtlich zu nehmen. Das Kind hat ein Recht auf Schonung. Leider wird             hier oft wenig Sensibilität gezeigt.“ [5]

Der mögliche Einwand, Susann sei schon eine Jugendliche, trägt nicht. Sie befindet sich nach wie vor von ihrem sozialen Entwicklungsstand auf dem Stand einer Vier- bis Fünfjährigen.  Sie hatte keine Chance, sich gegen die unvorbereitete gemeinsame Begegnung mit dem KV und den Pflegeeltern zu wehren.

Sicher wehrt sie sich auch nicht gegen die Besuchskontakte mit dem KV:

„Bei verinnerlichten traumatischen Erfahrungen idealisiert das Kind die             leiblichen Eltern und macht so aus verletzenden und bedrohlichen Eltern gute             Eltern.“ [6]

Schon aus falsch verstandener Loyalität zu ihrem leiblichen Vater wird sie Besuchskontakte nicht ablehnen. Dabei anlässlich von Besuchskontakten darauf zu warten, ob und was mit Susann an Veränderungen passiert und ob die Kontakte ihr gut tun, ist m.E. ein Experiment mit Susanns psychischer Gesundheit. So auch Gisela Zenz in ihrem Vortrag auf einem Seminar der Stiftung zum Wohl des Pflegekindes am 9. April 2005 in Rechen bei Offenburg:[7]

„Wenn unter diesen Umständen nach wie vor immer wieder um  Umgangsrechte gekämpft und Umgangsansprüche von Gerichten und   Jugendämtern unter Hinweis auf die tatsächlich zu beobachtenden Bindungen der Kinder auch an traumatisierende Eltern unterstützt werden, so spielt hier ein undifferenziertes und wissenschaftlich nicht haltbares Verständnis von  Bindungen eine unheilvolle Rolle.“

Und weiter:

Danach ist die Bindung etwa an mißhandelnde Eltern als pathogen, also als             krank machend einzustufen, weil hier in Ermangelung anderer Bindungspersonen emotionale Nähe gesucht wird, die zugleich massive  Ängste bis hin zur Todesangst hervorruft. Solche hoch ambivalenten Bindungswünsche bei den Kindern immer wieder durch Besuche der Eltern zu beleben – ohne Rücksicht auf Signale von Angst und posttraumatischen Belastungsstörungen, muss zu einer fortgesetzten Verwirrung des ohnehin meist schwer geschädigten, nämlich ‚desorientierten‘ Bindungsverhaltens führen…“[8]

Konkret ist bei Susann zu befürchten, dass sie späterhin eine Persönlichkeitsstörung, z.B. in Form des Borderline-Syndroms entwickelt. Eine Konfrontationstherapie ist also m.E. völlig ungeeignet zur Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Gisela Renz formuliert ihre fundamentale Kritik an der Konfrontation folgendermaßen:

„Keinem Traumatherapeuten würde es jedoch einfallen, in der Arbeit mit             traumatisierten Menschen das Opfer immer wieder mit seinem Peiniger zu             konfrontieren, um dadurch eine Aufarbeitung dieser Erfahrungen zu ermöglichen. Im Gegenteil – die gesamte Psychotherapieforschung belegt,  dass die Aufarbeitung extremer Gewalt- und Leiderfahrungen nicht möglich ist  ohne eine sichere Distanz zu diesen Erlebnissen und ohne den Beistand eines Menschen, der eindeutig und verlässlich auf Seiten des Patienten steht   – sei es in einer therapeutischen oder in einer real gelebten Beziehung…“[9]

Aus alledem ergibt sich, dass ich nicht nur als Pflegevater, sondern als verantwortungsbewußter Staatsbürger und Mitglied des AktivVerbund Berlin e.V. einem solchen Vorgehen mit traumatisierten Kindern entschieden entgegen treten muss. Eine Orientierung der Maßnahmen am Kindeswohl kann ich in keiner Weise erkennen.

Darüber hinaus sehe ich erhebliche Auswirkungen auf Susanns bei uns lebender Schwester Jeannett, die, durch die stattfindende nicht nachvollziehende Entwicklung verwirrt, mit desorientiertem, dissoziierenden, agressivem Verhalten reagiert. Wir erkennen, dass Anrufe des KV bei uns während eines Besuches von Susann bei uns unsere erzieherischen Anstrengungen partiell zunichte machen und die Kinder in einen Loyalitätskonflikt stößt, der nicht von uns aus geht, ihnen jedoch erheblichen Schaden zufügt.

Folglich erwarte ich, dass meine Kritik am Vorgehen und den Entscheidungen Ihres Amtes zukünftig mit einbezogen wird, besonders was die Besuchskontakte des KV und seinen unbedachten Handlungen betrifft. Ebenso erwarte ich, dass unsere Beobachtungen und Analysen während Susanns Betreuungszeit bei uns in Ihren Entscheidungen Berücksichtigung finden.

Eine breite Diskussion der Problematik von Besuchskontakten halte ich für unerlässlich. Daher rege ich auf diesem Wege eine Fortbildung von Pflegeeltern und Mitarbeitern des Jugendamtes des Kreises an, die auch in Form eines Fortbildungsseminars des AktivVerbund Berlin e.V. stattfinden kann.

Ihrer zeitnahen fachlich fundierten Stellungnahme sehe ich mit Interesse entgegen.


[1] Hrg: Stiftung zum Wohl des Pflegekindes: Bindung und Trauma – Konsequenzen in der Arbeit für Pflegekinder, Idstein, 1. Aufl. 2006, p.86

[2] Hardenberg, a.a.O., p.89)

[3] Analog zu Zwernemann, p., Praxisbuch Pflegekinderwesen, Ratingen, 2007: „Kein Kind – und übrigens auch kein Erwachsener – kann sich daran gewöhnen, Menschen zu lieben, von denen es weiß, dass sie die größte Katastrophe seines Lebens veranlasst haben.“

[4] a.a.O., p.164

[5] Ebd.

[6] O.Hardenberg, a.a.O., p.92

[7] Dies.: Aktuelle Ergebnisse der Bindungs- und Traumaforschung und ihre Bedeutung für die Fremdunterbringung, Hrg.: Stiftung zum Wohl des Pflegekindes, Holzminden, Tagungsnterlagen, p.10

[8] Ebd.

[9] a.a.O., p.10f.

Advertisements

Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
Dieser Beitrag wurde unter Die Zeit danach abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s