Susann ist bei uns

Was für ein Tag. Wir sind voller Erwartung, aber auch nervös. Susann besucht uns zum ersten Mal, seit sie uns verlassen hat. Anlass ist ein Termin beim Kieferorthopäden, um endlich die Zahnspange einzusetzen.

Gegen Mittag kommt Susann an; es ist ein schöner, sonniger Tag. Sie macht eine völlig entspannten Eindruck, als ich sie vom Bahnhof abhole.

Dann fahren wir zum Kieferorthopäden. Hier geschieht das Unglaubliche. Eine neue Zahnspange gibt es nicht, da die Kontrolle des Sitzes und der Mundhygiene nicht sicher gestellt sei. Es sei besser, an ihrem Wohnort eine Zahnspange anzupassen und die Kontrole dort vorzunehmen.

Na gut. Irgendwie ist das schon verständlich. Aber wäre diese Erkenntnis nicht früher zu haben gewesen? Schließlich halte ich diese Leute für Fachleute, die für ihren Beruf lange studiert haben. Oder ist es bloß das Unverständnis für die besondere Situation in unserer Familie oder gar Ignoranz?

Als wir wieder zu Hause sind, sind Jeannett und Ruth auch schon da. Es gibt ein ordentliches Mittagessen. Die Worte, die gewechselt werden, sind kurz und unverbindlich. Was soll man sich erzählen?

Susann zieht sich aus der Affäre. Sie bittet darum, eine alte Schulkameradin besuchen zu dürfen. Warum nicht, denke ich mir. Wir waren nicht darauf vorbereitet, etwas Großes zu veranstalten; schließlich wußten wir ja nicht, wie lange die Behandlung beim Kieferorthopäden dauert. Man hatte uns eine Zeitspanne von bis zu zwei Stunden angekündigt.

Nachdem ich Susann zur Bahn gebracht und in den Zug gesetzt hatte, sitzen Ruth, Jeannett und ich noch etwas zusammen und lassen den Tag Revue passieren. Jeannett ist aufgeregt und irritiert.

„Susann hat wieder nur im Mittelpunkt gestanden!“, ereifert sie sich. „Und als es ihr zu viel war, hat sie sich aus dem Staub gemacht. Ich finde das nicht richtig!“

Jeannetts Reaktion zeigt ihre ganze Betroffenheit. Sie fühlt sich bei uns in Sicherheit, vielleicht erstmals nachdem wir Susann in Obhut gegeben haben. Jetzt schürt Susanns Besuch die Befürchtung, alles könnte wieder so werden wie früher, als wir um Susann kämpften. Wir müssen ihr jetzt Stütze sein und ihr zeigen, dass der Schwerpunkt auf ihrem Wohlergehen liegt.

Es lässt mir keine Ruhe. Ich weiß, wie traumatisiert Susann ist, und ich kenne ihre Reaktionen. Warum muss sie morgen unbedingt beim Hilfeplangespräch dabei sein? Also rufe ich, nachdem wir mit Jeannett den Abend mit einem Spiel Stadt-Land-Fluss haben ausklingen lassen  noch in der Einrichtung an.

„Ich rufe nochmal wegen des morgigen Hilfeplangespräches in unserem Jugendamt an“, versuche ich das Gespräch einzuleiten. „Ist es unbedingt nötig, dass sie ihren Vater dort wiedersieht? Schließlich hat sie ihn Jahre lang nicht gesehen, seitdem er inhaftiert wurde.“

Fachbegriffe wie „Retraumatisierung“ bemühe ich mich nach Kräften, zu vermeiden.

Keine Reaktion auf der anderen Seite.

„Meinen Sie nicht, dass es für Susann vielleicht schlecht wäre, mit ihm dort konfrontiert zu werden? Wir kennen die Reaktionen, die sie in Stresszuständen zeigt.“

„Wir haben das jetzt so beschlossen“, ist die nüchterne Antwort, die keinerlei Empathie zeigt.

Ich bohre weiter. „Ist Susann denn auf die Situation vorbereitet worden?“

Stille. Getuschel. Peinlichkeit, die man durch das Telefon spüren kann.

Schließlich nach langem Zögern und Schweigen: „Jaja, sie ist vorbereitet worden.“

Schweigen.

Dann die Frage. „War noch was?“

Es klang eher wie: „Warum legen Sie nicht auf? Wieso haben Sie überhaupt angerufen?“

Da war doch noch was. Jahre der Vernachlässigung, der Gewalt, der ständigen Ängste des Kindes um das eigene Leben. Das Misstrauen allen Erwachsenen gegenüber. Aber es scheint nicht in das Betreungskonzept zu passen und auch nicht in die Denkweise der Jugendämter. Die Pflegekinder haben beim Hilfeplangespräch anwesend zu sein. Basta.

Wir befürchten für morgen das Schlimmste und hoffen zugleich, dass es nicht eintritt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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