Zumutungen und andere Probleme

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Wohngruppe? Die ehemaligen Pflegeeltern rufen an, ganz einfach!

So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Wir dachten, es gibt ein natürliches Interesse daran, mit uns zusammen zu arbeiten. Haben wir nicht über Jahre hinweg genug Erfahrung? Könnten wir nicht etwas beitragen?

Also rufe ich an. Ein Problem haben wir wenigstens weniger. Susann wird über den Kindesvater versichert, das steht fest. Nur hat die Sache einen Haken: Es gibt noch keine Versicherungskarte!

Ein weiteres Problem scheint gelöst zu sein. Es gibt einen Termin für die Eingliederung der Zahnspange bei uns. Also wird Susann uns in der nächsten Woche besuchen. Das erste Mal nachdem wir sie in Obhut gegeben haben. Ruth und Jeannett sind jetzt schon nervös. Aber durch die Supervision sind wir gut vorbereitet. Ob das auch für Susann gilt? Wir jedenfalls wollen gestaltete Besuche, die zielführend sind, die Situation auszuhalten und nicht wieder eskalieren zu lassen. Die Einrichtung scheint sich keiner Probleme bewußt. Sie kommt uns eben besuchen, und aus!

So nebenbei erfahre ich, dass Susann auch am Hilfeplangespräch in der nächsten Woche teilnehmen wird. Das sei so entschieden. Es sei auch ganz normal. Sie wird zu diesem Anlass ihren leiblichen Vater wiedersehen, der sie vernachlässigt und misshandelt hat. Wie wird das sein? Was wird sie fühlen?

Der Erzieher ist verdutzt, als ich sie mit der Möglichkeit der Retraumatisierung konfrontiere. Er scheint das Wort noch nie gehört zu haben und keine Vorstellung davon zu haben. Er eröffnet mir, dass der Vater Susann auch besuchen wird; geplant ist ein Zeitraum von vier bis sechs Wochen.

Ich fasse es nicht. Wir haben Susann in Obhut gegeben, damit Fachleute sich um sie kümmern und ihr helfen können. Was ich hier erlebe, ist Naivität, Unwissenheit, fehlende Empathie. Es ist eine Zumutung, einen Menschen unvorbereitet mit seinem ehemaligen Peiniger zu konfrontieren. Es wird Menschen zugemutet, ihre traumatische Vergangenheit wieder zu erleben. Dabei geht es um die Erfüllung der Buchstaben des Gesetzes. Der Vater hat das Sorgerecht, er hat das Besuchsrecht, und basta! Wer will schon wissen, was dem Kind schadet, wer will schon wissen, was Kindeswohl heißt.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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