Wer ist Schuld?

Wer ist Schuld an Susanns Situation, daran, dass sie nicht mehr bei uns bleiben konnte? Wir als Pflegeeltern? Haben wir versagt? Jeannett, weil sie darauf bestanden hat, dass ihre Schwester geht? Susann selbst wegen ihres Verhaltens?

Heute sind wir alle drei bei unserer Supervisorin, die versucht, gemeinsam mit uns diese Frage zu klären.

Jeannett erkennt, dass sie eine starke Verbindung zu Susann hat. Sie weiß auch, dass es ihre gemeinsame Vergangenheit ist, die die Situation bei uns zu Hause beeinflusst hat. Aber sie geht hart mit ihrer Schwester ins Gericht.

„Susann hätte sich ja vernünftig benehmen können. Ich habe ja auch selbst beschlossen, nicht mehr zu klauen, und das habe ich auch durchgehalten“, argumentiert sie.

„Aber vielleicht konnte Susann nicht anders?“ wendet die Supervisorin vorsichtig ein.

Natürlich weiß ich, dass Susann ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen konnte. Sie hat immer geglaubt, Ruth wäre ihre Mutter und sie provoziert, sich so zu verhalten wie ihre Mutter: Schimpfen, schlagen, schließlich das Interesse verlieren.

„Nein, nein“ widerspricht Jeannett mit rotem Gesicht und weit aufgerissenen Augen, „sie hat Euch bewusst provoziert und wenn sie gemerkt hat, die Methode klappt, hat sie sie immer wieder angewandt.“

Stimmt. Das ist die Reinszenierung der familiären Situation, wie sie sie kannte. Haben wir das zu spät erkannt? Warum hatten wir keine Hilfe? Warum kennt das Jugendamt in solchen Fällen nur die Beendigung des Pflegeverhältnisses?

„Sie hätte anders handeln können“, analysiert Jeannett. „Sie hat es nicht gewollt.“

Das ist hart. Jeannett entlastet uns damit, und zugleich sich selbst. Aber aus ihren Worten klingt tiefe Überzeugung.

„Würdest du denn deine Schwester besuchen wollen?“ fragt die Supervisorin.

„Nein nicht im Moment“, erwidert Jeannett.

Die Supervisorin geht jetzt aufs Ganze. „Hast du Angst, dass deine Eltern sich mehr um Susann kümmern als um dich?“

„Ich habe keine Angst, aber warum soll Susann immer im Mittelpunkt stehen? Sie hat die ganze Zeit im Mittelpunkt gestanden!“

Die Supervisorin argumentiert weiter. „Susann hat dich und deine Eltern nur ein paar Stunden, aber du 365 Tage im Jahr.“

Jeannetts Gesicht verfinstert sich. Sie ist wütend. „Sie hätte uns ja auch das ganze Jahr haben können, wenn sie sich vernünftig benommen hätte.“

Jeannett setzt ihre ganze Intelligenz ein, um aus dieser Situation heraus zu kommen. Und sie tut es mit Vehemenz. Wer könnte ihren Argumenten widersprechen? Jeannett ist nicht leicht zu überzeugen, und sie ist stolz darauf.

Wie anders ist doch Susann dagegen. Sensibel, nur auf den Tag bedacht, verletzlich und manchmal weinerlich. Sie ist der ganze Gegensatz zu Jeannett.

Noch immer bin ich im Dilemma. Ich liebe beide in ihrer Unterschiedlichkeit, ich weiß, dass Susann so viel mehr Hilfe braucht als Jeannett und ich weiß, dass sie in der Einrichtung nur einen Bruchteil dieser Hilfe bekommt. Ich bin mir auch bewusst, dass unser Einfluss beschränkt ist. Aber natürlich muss ich zustimmen, wenn mir die Supervisorin sagt, dass Jeannett jetzt unsere ganze Aufmerksamkeit braucht, denn sonst hätte sie kaum einen Grund, bei uns zu bleiben. Es kostet mich all meine Kraft, eine Lösung dafür zu finden, beide Kinder unterstützen zu können.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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