Falsche Erinnerungen

Es gehört zu den Symptomen schwerst Traumatisierter, dass sie bestimmte Ereignisse nicht mehr einordnen können und falsch erinnern. Die posttraumatische Belastungsstörung lässt Ereignisse durcheinander geraten. Es ist schwer, die Folgen einzuordnen. Ein solches Erlebnis und die Folgen hat uns erschaudern lassen.

Es ist einer dieser Sonntage. Susanns Zimmer ist mal wieder im Chaos.

Wir haben ersonnen, Susann auf eine andere Weise zum Aufräumen ihres Zimmers zu motivieren. Wir sitzen am Frühstückstisch und besprechen den Verlauf des Tages und der nächsten Woche.

„Ich will ja mein Zimmer aufräumen“, beteuert Susann.

„Gut“, erwidert Ruth. „Wie wäre es, wenn du uns ein Pfand dafür überlässt, irgend eine Sache, die du wirklich gern hast und dann wieder bekommst, wenn du´s geschafft hast.“

Susann überlegt kurz. Dann verschwindet sie und kommt mit dem Gamedisk wieder, den sie vor kurzem zu Weihnachten von uns geschenkt bekommen hat. Sie benutzt ihn gern, stellt sich damit Fragen und beantwortet sie. Ein so genanntes „pädagogisches Spielzeug“. Sie knallt ihn auf die Sitzbank.

„Ich brauch den sowieso nicht mehr!“

Typisch für traumatisierte Kinder, die keine Wertschätzung für materielle Dinge aufbauen können. Nichts besitzt einen Wert. Ehe eine Verpflichtung eingegangen wird, wird der Wert eines Gegenstandes geleugnet.

Aber es kommt noch abstruser.

„Ich habe den Gamedisk ja schon mal geschenkt bekommen“, bemerkt sie mit schnippischem Unterton.

Ruth ist entsetzt. „Wann hast du den denn schon einmal geschenkt bekommen?“ fragt sie ungläubig. Jeannett blickt, als wolle sie sagen „Meine Güte, schon wieder so eine Lügengeschichte. Mir schwant, was jetzt passiert.

„Zu meinem letzten Geburtstag, und dann habt ihr ihn mir wieder weg genommen.“

Der Gamedisk lag schon lange bei unserem Vorrat an Geschenken, den wir für besondere Anlässe aufheben. Eigentlich wollte ich ihn Jeannet zu ihrem Geburtstag schenken, aber da hatte ich schon die „Löwenzahn“-CD-Sammlung, die sie am Computer benutzt. Es war offensichtlich: Für Jeannetts Alter war der Gamedisk nichts mehr, zu einfach und irgendwie langweilig. Aber für Susann war er zu Weihnachten genau richtig.

Jeannett meldet sich zu Wort.

„Du spinnst doch. Ich habe ihn noch nie vor Weihnachten bei dir gesehen.“

Ich versuche, Zugang zu Susann zu bekommen.

„Susann, du erinnerst dich falsch. Denk doch mal nach. Du hast ihn doch vor Weihnachten noch nie gesehen.“

Vergeblich.

„Klar habt ihr ihn mir zum Geburtstag geschenkt und wieder weggenommen“, brüllt sie. „Ihr seid so fies, so gemein!“

Ich glaube, sie ist wirklich überzeugt von dem, was sie sagt. Es ist die Realität in ihrem Kopf. Wer weiß, was sie wieder aus der Vergangenheit auf uns projiziert. Wie gehen wir damit um? Jeannett hält ihre Schwester für verrückt, Ruth ist verstört, ich bin hilflos. Wie kommt man aus einer solchen Situation wieder heraus?

Es gibt keinen Weg. Susann rennt in ihr Zimmer, schlägt die Tür hinter sich zu. Wir anderen sitzen betroffen am Tisch.

Es gibt nur eine Möglichkeit. Eine vernünftige Traumatherapie, die Susanns Erinnerungen an ihre frühe Kindheit aufarbeitet und sie zumindest von einigen ihrer Leiden befreit.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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3 Antworten zu Falsche Erinnerungen

  1. lehrergehrke schreibt:

    Heute, wo Susann sich in einer heilpädagogischen Einrichtung befindet und ich sehe, wie wenig auf ihre Vergangenheit eingegangen wird, mache ich mir Gedanken darüber, wie Susann ihren Weg findet. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, die Vergangenheit zu leugnen und einfach im Hier und Jetzt zu beginnen. Man nennt das „ressourcenorientiert“ im Gegensatz zur „Defizitorientierung“. Die Idee stammt aus der „systemischen Therapie“.

    Meine Befürchtung ist, dass Susanns traumatische Erfahrungen irgendwann in ihrem Leben wieder durchschlagen und sie damit nicht mehr zurecht kommt. Wenn ich sie sehe, kann ich noch immer sehen, dass und wann sie dissoziiert. Aber niemand der jetzt für sie Verantwortlichen hält es für notwendig, ihr bei der Bewältigung ihrer Vergangenheit zu helfen.

  2. Geli schreibt:

    Hallo Ralph,
    wie ähnlich sich doch unsere Biographien und der der Mädchen sind.
    Ich habe eine Geschichte für unsere ehemalige kleine Pflegetochter geschrieben. Ich schrieb sie für ihre Therapie und beim schreiben ging es mir auf. Wir stülpen unser System auf die besonderen Kinder über. Das kann einfach nicht funktionieren. Ich zerbrech mir schon seit dem Abbruch den Kopf, aber ich weiß nicht, was man diesem gesellschaftliche Dilemma entgegensetzen kann.
    Hier ist mein Link, http://mamabaerunddiekleineelfe.wordpress.com/
    LG Geli

    • lehrergehrke schreibt:

      Hallo, Geli,
      ich muss die Geschichte erst mal ganz lesen, und das ist nicht so einfach für mich…

      Eins weiß ich jetzt schon: Eine hervorragende Allegorie auf die Situation von traumatisierten Pflegekindern, wie immer bei Dir gefühlvoll und einfühlsam geschrieben.

      Glückwunsch zu dieser wegweisenden Geschichte. Wollten doch mehr Fachleute, auch aus den Jugendämtern, sie lesen. Sie würde ihnen zeigen, was das Wort Empathie, also Einfühlsamkeit, bedeutet.

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