Nach zehn Minuten ist alles gesagt?

Was ist ein Besuch in der Krisengruppe wert, wenn es keinen richtigen Anlass und Kontakt gibt? Wenn nach zehn Minuten alles gesagt ist? Wenn ich mich wie ein Fremdkörper fühle?

Susann redet nicht. Die fünf Jahre in unserer Familie scheinen wie weggeblasen. Fühlt sie sich schuldig? Muss ich mich schuldig fühlen? Sind Besuche noch sinnvoll?

Das Umfeld, so stelle ich fest, gibt mehr einfach nicht her. Susann ist nun in der Zuständigkeit des Jugendamtes, und dessen Mittel sind äußerst begrenzt. Eine Erzieherin flüstert mir zu, dass sie einen guten Therapeuten an der Hand hätten. Aber niemand weiß, aus welchem Posten seine Unkosten finanziert werden könnten. Therapie und Krisengruppe als Durchgangsstation, das passt im Verwaltungsapparat des Jugendamtes einfach nicht zusammen.

Ein Szenario eines gut vorbereiteten Besuches

Susann erwartet mich am Eingangstor. Sie strahlt. Es scheint ihr gut zu gehen. Sie umarmt und drückt mich. „Papa, ich habe Dich so vermisst. Nächstes Mal muss Jeannett und Mama mitkommen. Ich habe ihnen so viel zu erzählen!“

Wir gehen ein paar Schritte zu Fuß über das weitläufige Gelände.

„Frau Scheller, weißt Du, das ist meine Therapeutin. Ich habe mit ihr über unsere Familie gesprochen und warum ich jetzt hier bin.“

Ich bin erstaunt und zugleich überrascht.

„Da staunst Du, nicht? Frau Scheller ist eine ganz Liebe, sie ist hier für die Gruppenmitglieder da, ich kann mit ihr über alles reden.“

Welch eine Professionalität, schießt es mir durch den Kopf. Genau so habe ich es mir gewünscht. Fachleute, die Susann auf ihrem weiteren Weg begleiten!

„Als ich bei Euch gewohnt habe, ich habe einfach nicht anders gekonnt. Ich gebe zu, dass ich auch neidisch auf Jeannett war.“

„Susann, warum hast Du nicht anders gekonnt? Denk doch mal an unsere Reisen, unsere Familie“, sage ich leise. „Alle sind ganz traurig, dass du nicht mehr da bist.“

„Ich weiß, aber es war alles so schön, so toll. Das konnte ich nicht aushalten. Ich musste immer alles kaputt machen.“ Sie schaut traurig.

„Es ist besser, dass ich jetzt hier bin. Hier muss ich nicht darauf achten, niemanden zu verletzten, wie bei euch.“

Besser hätte ich es nicht formulieren können.

„Wie geht es Mama und Jeannett jetzt? Sind sie ok?“

Was sage ich jetzt, ohne dass Susann sich schuldig fühlen muss?

„Es geht uns allen nicht gut. Aber es ist nicht deine Schuld, niemand hat Schuld. Mama ist noch krank und Jeannett geht wieder zur Schule, aber es fällt ihr schwer.“

„Ist doch klar.“

Pause.

„Weißt Du“, sagt sie nachdenklich, „Frau Scheller meint, ich muss mich daran gewöhnen, dass ich zwei Familien habe. Ich will nicht, dass es euch schlecht geht. Ich möchte euch alle wiedersehen.“

Kaum kann ich meine Tränen zurück halten.

„Du weißt,“, wende ich ein, „dass das nur geht, wenn Frau Scheller Dich vorbereitet und wir uns auch vorbereiten auf unsere Besuche.“

„Ja,“, erwidert sie, „sie hat mir auch versprochen, mir dabei zu helfen. Wir sollten über die schönen Zeiten reden, die wir hatten und vielleicht etwas unternehmen. Sie will mit mir auch über meinen Papa und meine andere Familie reden. Können wir das nicht so machen? Ich will erst mal auch nicht bei euch übernachten. Damit ich nicht wieder was anstelle.“

„Ja, so machen wir´s.“, bestärke ich sie. „Ruf einfach an, wenn du so weit bist.“

„Aber“, wendet Susann mit nachdenklichem Blick ein, „das kann eine Weile dauern. Es wäre besser, wenn wir uns bis da hin nicht sehen.“

„Ist in Ordnung. Möchtest du, dass ich jetzt gehe?“

„Ja, bitte. Und grüß Jeannett und Mama von mir und sag ihnen, dass es mit gut geht. Ich rufe dann wieder an.“

Eine kurze Umarmung und wir beide sind glücklich und entspannt.

So einfach könnte es sein. Statt dessen ist sie allein gelassen mit ihrem x-ten Bindungsabbruch, frisst alles in sich hinein. Woher soll sie wissen, wie man mit solchen Situationen umgeht?

So langsam schwant mir, worauf wir uns einstellen müssen. Es war eine irrige Vorstellung anzunehmen, dass ein ganzes Heer an Fachleuten nur darauf warten würde, Susann zu helfen. Alles hängt jetzt von den Entscheidungen und Möglichkeiten eines Amtes ab. Ich bin sicher, die Entscheidungsträger tun ihr Bestes. Aber ihre Möglichkeiten sind eingeschränkt. Wie auch immer die Sache ausgeht, es wird nicht unseren Vorstellungen entsprechen.

Alle Beteiligten sind sich darüber klar, dass es das Wichtigste ist, Susann eine dauerhafte Perspektive in einer heilpädagogischen Einrichtung zu verschaffen. Frau Schwerdtfeger, die jetzt für Susann zuständig ist, sucht hektisch nach einer passenden Einrichtung. Viele Wohngruppen kommen nicht in Frage oder trauen sich nicht zu, Susann eine gute Perspektive zu bieten, und die, die es könnten, sind voll belegt.

Wir haben in unserer Familie beschlossen, dass es nicht so schlecht wäre, wenn Susann weiter weg von uns untergebracht wäre. Dann wären Besuche immer etwas Besonderes. Frau Schwerdtfeger ist erleichtert, als wir ihr unsere Entscheidung mitteilen. Das gibt ihr mehr Möglichkeiten, eine passende Einrichtung zu finden.

Wir alle hoffen inständig, dass Susann bald eine neue Heimat findet, wo sie auf dem Weg zum Erwachsensein begleitet wird und mit ihr ihre vielfachen Traumatisierungen aufgearbeitet werden, damit sie nicht mehr leiden muss. Das ist unser innigster Wunsch.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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Eine Antwort zu Nach zehn Minuten ist alles gesagt?

  1. lehrergehrke schreibt:

    Zum Thema Therapie:
    Bei hochgradig und/oder sogar mehrfach traumatisierten Kindern reicht eine Verhaltenstherapie nicht aus. Das wurde uns auch von Fachleuten bestätigt. Der Grund liegt darin, dass das an den Tag gelegte Verhalten des Kindes seine Ursache in den traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit hat und durch das Kind nicht beeinflussbar ist. So können Situationen, Gerüche oder Orte ein für die Umwelt völlig unerklärliches Verhalten triggern, also auslösen. Dieses Verhalten kann Abwesenheit aus der Realität, starke Aggression oder Weinkrämpfe bedeuten. Für nicht traumatisierte Menschen ist es nicht erklärlich oder nachvollziehbar, wenn sie nichts über Traumata wissen.

    Für ebenfalls ungeeignet halte ich die systemische Therapie. Sie setzt an der aktuellen Situation an und versucht, dem Klienten, wie der Patient hier heißt, Wege in der Bewältigung des Alltags zu weisen. Häufig blendet die systemische Therapie die Vergangenheit mit all ihren Erfahrungen aus dem Therapieprozess aus. Dem traumatisierten Kind ist so nicht geholfen.

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