Jeannett – benachteiligen wir sie?

Susann fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Sie braucht ständige Unterstützung bei den Hausaufgaben, wir helfen ihr aufzuräumen, wir holen verloren geglaubte Jacken, Turnschuhe und Unterrichtsmaterialien aus der Schule. Kommt Jeannett da zu kurz?

Es ist wieder einmal nachmittags. Jeannett sitzt am Computer und bereitet einen Schulvortrag vor. Damit ich Susann auch im Blick habe, sitze ich mit ihr neben Jeannett am Tisch und versuche ihr das Einmaleins beizubringen und helfe ihr bei den Mathe-Aufgaben.

„Papa, kann ich das hier aus dem Internet benutzen?“, fragt Jeannett.

Ich bin genervt.

„Jeannett, siehst Du nicht, was ich hier tue? Ich kann jetzt nicht.“

Jeannett blickt traurig. Sie kommt nicht weiter. Und ich habe eine Chance verpasst, ihr zu zeigen, dass ich auch für sie da bin. Es ist ein Spagat.

Abends möchte Jeannett nach dem Abendbrot mit uns reden. Ruth ist wie immer auch dabei.

„Ich bin sauer.“, beginnt sie.

„Immer kümmert ihr euch um Susann. Nie kann ich euch was fragen, dann ist Susann wieder wichtiger. Ich will doch bloß eine ruhige, harmonische Familie. Bin ich euch überhaupt noch wichtig?“

Sie blickt nach unten und hat wieder diesen verkniffenen Gesichtsausdruck, den wir von ihr kennen, wenn sie sich nicht wohl fühlt.

„Ich finde Susann unverschämt. Immer spielt sie sich in den Mittelpunkt.“

Sie hat Recht. Wie viel Zeit und Energie wenden wir auf, um Susann zu unterstützen. Vergessen wir dabei, dass Jeannett ebenso unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung braucht? Aber wie bringen wir das hin, ohne dass eine von beiden sich benachteiligt fühlt?

Wir versprechen, die Situation zu ändern, wohl wissend, dass es eigentlich nicht geht. Jeannett ist nicht zufrieden.

Manchmal fragen wir uns, ob es sinnvoll war, die beiden hoch traumatisierten Mädchen mit so viel Bedarf an Zuwendung in eine Familie zu vermitteln. Jugendämter haben ein ungeschriebenes Gesetz: Geschwister werden nie getrennt vermittelt. Es wird nicht genau untersucht, welche Schwierigkeiten es geben kann, wenn beide traumatisiert sind und sich womöglich gegenseitig triggern könnten.

Nun, nach fünf Jahren, ist sowieso alles zu spät. Wir müssen mit der Situation klar kommen. Es gibt kein Zurück. Die Vermittlung ist lange her und wir haben uns darauf eingelassen. Nicht einmal die Ämter haben sich vorstellen können, wie sich die Traumatisierung auswirken könnte.

Werden Kinder bei der Vermittlung nicht genug untersucht? Haben die Sachbearbeiter überhaupt die Möglichkeit, alle Eventualitäten mit einzubeziehen?

Wir wissen es nicht. Wir müssen einfach versuchen, das Beste draus zu machen.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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