Jeannetts Entsetzen

Wenn Geschwisterkinder sich längere Zeit nicht sehen, fallen sie sich in die Arme. Sie erzählen, spielen, freuen sich einfach. Wenn traumatisierte Geschwisterkinder sich wiedersehen, ist das anders. Besonders, wenn eines davon fortan im Heim lebt.

Wir haben es nicht forciert. Jeannett hat selbst den Wunsch geäußert, Susann zu besuchen. Wir ahnten nicht, was wir auslösen würden.

Es ist ein warmer Frühlingstag. Susann erwartet uns schon und begrüßt Jeannett überschwänglich. Unseren Vorschlag, Eis essen zu gehen, lehnt sie ab. Fühlt sie sich sicherer und geborgener im Heim? Vielleicht kann sie nicht einschätzen, was außerhalb passieren würde, so hat sie die Situation unter Kontrolle. Oder sie will Jeannett einfach vorführen, wie sie jetzt lebt – und etwas angeben.

Wir gehen nach oben in Susanns Zimmer. Susann kaut auf einem Kaugummi herum und tut cool.

„Manche hier sind ganz in Ordnung, aber andere sind voll Scheiße. Manchmal könnte ich voll abkotzen,“ stellt Susann eher beiläufig fest.

Jeannett begutachtet Susanns Zimmer, zieht die Schubladen auf, ist angewidert von Susanns Fäkaliensprache.

„Du schminkst Dich?“ fragt Jeannett spitz.

„Klar, und ich rasiere mir auch die Arme und Beine. Die Haare sind voll blöd.“

Jeannett überspielt ihr Entsetzen mit affektiertem, aufgedrehtem Verhalten. Fast scheint es, als wollte sie sich überbieten mit übertriebenem Getue. Aber die Situation währt nicht lange. Bald verschwindet Susann, ohne sich bei uns zu verabschieden. Es scheint, als seien wir nur noch Randfiguren in ihrem neuen Leben.

Jeannett ist entsetzt. Sie erkennt, dass Susann in alte Verhaltensmuster zurück fällt und unter dem Einfluss durch die Jugendlichen in ihrer Gruppe steht. Es muss sie an ihre Jahre in einer solchen Einrichtung erinnert haben, zu denen sie nun einen sechsjährigen Vergleich mit dem Leben in einer Familie hat, in der sie es nicht nötig hat, sich durch auffälliges Verhalten in den Mittelpunkt zu setzen.

Für mich ist eins klar: Susann muss da raus. Sie braucht unbedingt eine Therapie. Aber in diesem Heim wird das wohl ein Traum bleiben.

Am nächsten Tag bricht Jeannett den Schultag ab. Sie ist vormittags zu Hause. Zu tief ist ihr Eindruck von Susann. Sie verkraftet den Eindruck nicht, den ihre Schwester bei ihr hinterlassen hat.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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