Susann – wie krank ist sie wirklich?

Warum nimmt ein Mensch anderen etwas weg? Kann er seine Umgebung nicht leiden? Braucht er etwas, was andere haben? Hat er z.B. nicht genug Essen? Oder folgt er einem Trieb, den er nicht beherrschen kann? Ist er dann selbst schuld? Oder ist er krank?

Wir kennen Susann, besser als jeder andere. Wir kennen ihre herzerfrischende, ehrliche Art, ihre Zuneigung, ihre fließenden Bewegungen, ihr Talent, zu schauspielern. Wir kennen aber auch ihre dunkle Seite. Die ist so dunkel, dass es uns manchmal graut. Zugegeben: Sie ist schwer zu akzeptieren.

Eben ist Ruth nach Hause gekommen. Vor einigen Tagen hat sie ein Geburtstagsbäumchen von ihren Kollegen bekommen, eine Karte, ein Baum drauf gemalt und mit Zwanzig-Euro-Scheinen gespickt, damit sie sich etwas Schönes davon kaufen kann.

„Niko? Hast du einen Zwanziger von meinem Geburtstagsbäumchen gebraucht? Es fehlt einer.“

Manchmal ist das so. Kein Bargeld im Portemonnaie, also schnell mal etwas geborgt und dann wieder zurückgegeben.

„Nein, hab ich nicht.“

Der Baum sieht irgendwie zerfleddert aus. Befürchtungen, die fast Gewissheit bedeuten, steigen in uns auf. Wir sehen uns nur an. Zwei Menschen, ein Gedanke. Alles ist möglich.

Jeannett ist noch nicht aus der Schule zurück, Susann noch in der Kita. Also beginne ich, zu forschen. Zuerst Susanns Zimmer, das, obwohl gerade vorgestern aufgeräumt, chaotisch ist. Ich bahne mir den Weg durch schmutzige Wäsche und verstreute Spielsachen zum Schreibtisch. In den Schubladen verschimmelnde Bananenschalen und Joghurtbecher, aber kein Geld.

Auch wenn ich mir schlecht vorkomme, aber es muss sein. Ich gehe nach oben in Jeannetts Zimmer und schaue auch da nach. Sei es nur, um sie zu entlasten. Was ich in den Bettschubladen finde, sind leere Joghurt-, Quark- und Milchverpackungen. Irgendwie kann ich es nicht glauben. Es passt so gar nicht zu ihrem momentanen Zustand. Sie ist stabil in der Schule und vernünftig, wenn es um Probleme geht. Was hat sich da abgespielt?

Die Situation schreit nach einer Klärung. Schnell muss es sein, am besten hier und jetzt. Susann kommt aus der Kita nach Hause, Jeannett aus der Schule. Die Einzelfallhelferin Frau Sossna ist da. Eine gute Gelegenheit. Ich beginne.

„Susann, an Ruths Geburtstagsbäumchen fehlen zwanzig Euro. Weißt du, wo die geblieben sein könnten?“

Susanns Gesicht verfinstert sich, sie dissoziiert. Jeannetts Augen sind weit aufgerissen vor Entsetzen.

„Nööö“ erwidert Susann, mit gebeugtem Kopf. Wir wissen, was das bedeutet.

„Warum immer ich?“ brüllt Susann. „Immer müsst ihr mich verdächtigen. Jeannett könnte es ja auch gewesen sein.“

Jeannett faucht sie an. „Wie kommst du darauf? Ich klaue nicht mehr, ich habe es Mama versprochen, und dabei bleibt es.“

Jeannetts Blick fällt auf die Dinge, die ich aus ihrem Zimmer geholt und auf den Tisch gestellt habe.

„Was ist das hier überhaupt? Ist das wieder aus Susanns Zimmer?“

Ich bemühe mich um Ruhe. „Das habe ich heute in deinem Zimmer gefunden. Es lag in der Schublade unter deinem Bett.“

Frau Sossna , unsere Familienhelferin, die gerade bei uns ist, hört interessiert zu.

Jeannett ist entsetzt. „Das war ich nicht! Susann muss die Sachen in meinem Zimmer versteckt haben. Ich will, dass ihr mir vertraut! Ich mache so was nicht mehr!“

Susann ist in sich gekehrt. Frau Sossna spricht sie an.

„Susann, das sieht nicht gut für dich aus. Sag lieber die Wahrheit.“

Susann explodiert. „Immer muss ich alles gewesen sein! Ihr seid so fies! Ich hasse euch alle!“

Sie springt auf, rennt in ihr Zimmer und knallt die Tür zu ihem Zimmer zu. Gegenstände fliegen gegen Tür und Wände. Sie schreit und tobt. Jeannett weint leise. Frau Sossna und Ruth trösten sie. Schließlich wankt sie nach oben in ihr Zimmer und legt sich auf ihr Bett.

„Das ist ja schrecklich, wie halten Sie das nur aus.“ Frau Sossna steht Hilflosigkeit ins Gesicht geschrieben.

Für uns ist es Alltag, und wir sind froh, dass jemand die Situation aus einer neutralen Position mitbekommen hat. Wir fragen uns, wie krank Susann wirklich ist. Wieder konnten wir beobachten, wie sich Susanns multiple Persönlichkeit äußert.

Ich glaube ihr, dass sie nicht weiß, was sie tut und sehe, wie sie von einem Teil ihrer Persönlichkeit in den anderen wechselt. Ihre Alltagspersönlichkeit kennt ihre – ich will es „archaische Persönlichkeit“ nennen – nicht. Sie tut etwas wie verstecken und entwenden, aber sie weiß davon im Alltag nicht. Wird sie mit den Folgen konfrontiert, gerät sie in einen Konflikt, den niemand von uns unbeschadet aushalten könnte.

Wie krank ist Susann wirklich? Ich glaube, wir können es nicht ermessen. Ein Therapeut könnte einen Eindruck davon gewinnen. Aber nur ein auf Traumatisierung spezialisierter Therapeut könnte ihr eventuell helfen, mit ihren vielfachen Traumatisierungen zu leben und sich entsprechend der Normen eines gemeinsamen Zusammenlebens zu verhalten.

Leider wird uns eine solche Behandlung noch immer verweigert.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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Eine Antwort zu Susann – wie krank ist sie wirklich?

  1. lehrergehrke schreibt:

    Es ist für einen in der frühen Kindheit traumatisierten Menschen ganz notwendig, sich im Alltag vor seinen traumatischen Erfahrungen zu schützen. Dabei spaltet er seine Erfahrungen vom Alltagsbewusstsein ab, weil die Erinnerung daran nicht auszuhalten ist. Die Entwendungen z.B. geschehen dann auf einer ganz anderen Bewusstseinsebene, das traumatisierte Kind ist sich seiner Handlungen nicht bewusst.

    Bei Geschwisterkindern in der Pflegefamilie, die dieselben traumatischen Erfahrungen haben, kann es dazu kommen, dass allein die tägliche Konfrontation mit dem Geschwister dazu führt, dass sie sich gegenseitig „triggern“, also sich gegenseitig Traumareize liefern, die wiederum zu Dissoziation und Reinszenierungen führen. Dissoziation zeigt sich durch „Abwesenheit“ aus der Alltagssituation. Mit der Reinszenierung versucht das Kind gerade die traumatisierenden Situationen wieder und wieder zu durchleben und wirkt verwirrt und desorientiert.

    Ein Taumatherapeut versucht, beim Patienten eine „gezielte Distanzierung“ zur Traumatisierung aufzubauen. Dabei werden negative Erfahrungen z.B. in einen „Tresor“ eingeschlossen. Damit einher geht die gezielte Ressourcenaktivierung durch Schaffung eines „sicheren Ortes“ oder einer „sicheren Tätigkeit“.

    Leider weigern sich Jugendämter und Gerichte häufig, eine solche Therapie in Gang zu setzen. Das hat zum einen damit zu tun, dass diese Institutionen sich inhaltlich mit der Traumaforschung und -therapie nicht auseinander setzen und zum anderen die Kosten für eine solche Therapie nur selten durch die Krankenkassen und noch seltener durch die Jugendämter übernommen werden. Darüber hinaus sind die wenigen Traumatherapeuten überlastet, so dass es zu manchmal jahrelangen Wartezeiten kommen kann.

    All das steht im Gegensatz zu der Erkenntnis, dass einem traumatisierten Kind so früh wie möglich geholfen werden sollte. Ist eine solche Hilfe nicht erreichbar, besteht die Gefahr, dass sich bei traumatisierten Kindern eine Persönlichkeitsstörung im Erwachsenenalter entwickelt.

    Der Traumatherapeut sollte erfahren und einfühlsam sein. Eine Therapie, in der z.B. die Pflegemutter die Rolle der traumatisierenden Person (z.B. Kindesmutter) übernimmt, um das Kind traumatische Situationen reinszenieren zu lassen, halte ich für die Pflegeeltern als nicht erträglich und daher ungeeignet. Es braucht also für eine solche Therapie sehr selbstbewusste Pflegeeltern, die sich in die Therapie auch selbst bestimmend einbringen können.

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