Traumaweihnacht

Weihnachtszeit ist Traumazeit in unserer Familie. Die Zeit, in der für jedes einzelne Familienmitglied Bilder entstehen, die wir in unseren Köpfen haben, die Teil der Persönlichkeit sind und die uns geprägt haben. Die Zeit, mit der so unendlich viele Erwartungen verbunden sind, Stimmungen und Vorstellungen. Nicht nur für unsere Kinder gibt es traumatische Erlebnisse, die mit der Weihnachtszeit verknüpft sind.

In meinem Elternhaus war Weihnachten immer eine Zeit des Überflusses, ja, fast könnte man sagen, der Völlerei. Es gab Gans am ersten Feiertag, es wurde Wein getrunken, die Familie saß beisammen, immer waren unsere Großeltern, Tanten und Onkel dabei, die bunten Teller quollen vor Süßigkeiten über. Alle kannten nur ein Thema: Die Entbehrungen des Weltkrieges. Die Geschichte über die Zeiten der Gefangenschaft meines Vaters, nachdem sein Minensuchboot im Ärmelkanal von Briten torpediert wurde und von denen die verheilten tiefen Narben an seinen Armen und Beinen beredtes Zeugnis ablegten, kannten wir auswendig. Die Zeiten der Flucht meiner Mutter erst aus Paris vor den heran nahenden alliierten Truppen und dann aus Berlin vor der Sowjetarmee aus Angst vor Vergewaltigungen haben sie tief geprägt.

Mir fehlte als Jugendlicher angesichts der Hungersnot in Biafra und des Vietnamkrieges jedes Verständnis für solche Feste. Als Kind wusste ich, dass Familie an einem solchen Tag zusammen gehört, dass es harmonisch und romantisch war, das alle Kriegsbeile begraben wurden. Ich weiß heute, wie stark der Krieg meine Eltern traumatisiert hat und dass das Weihnachtsfest ein Freudenfest war, an dem man sich alles leisten konnte, was es früher nicht gab und das die Wunden heilte.

Ruth hat, wie jeder, ihre eigenen Erfahrungen mit dem Weihnachtsfest. Ihr Vater brachte in konstanter Regelmäßigkeit die Weihnachtsgans als ersten Preis vom Preisskat mit nach Hause. Der Weihnachtsbaum wurde im Wald gefällt und beim Förster gekauft. Er wurde von ihrem Vater geschmückt und niemand durfte ihn sehen, bevor das Werk vollendet war. Die Familie war beisammen und so manches Mal musste Vater, der Eisenbahner war, an den Feiertagen hinaus, um Weichen und Gleise vom Schnee und Eis zu beseitigen. Auch er hat sein Trauma im Krieg erlebt, als er als 15-Jähriger zum „Volkssturm“, dem letzten Aufgebot der nationalsozialistischen Diktatur an der Ostfront, eingezogen wurde und im April 1945 sehen musste, wie er seinen Heimweg über Hunderte von Kilometern durch ein in Schutt und Asche liegendes Land fand.

Und dennoch: Es gab intakte Familienbande, oft Helfer in der Not und die Geschichten aus dem Krieg klingen alle erstaunlich positiv und es gab irgendwie immer eine Wende zum Besseren. Besonders die Familien der damaligen Bundesrepublik und dem Westen Berlins genossen die wieder erlangte Freiheit und den Wohlstand und hatten kein Verständnis für die Generation der „Achtundsechziger“, die politische und moralische Vorstellungen ihrer Eltern so vehement kritisierten.

Weihnachten für unsere beiden Pflegekinder ist dagegen immer wieder eine Zeit der Erinnerung an das Schlimmste, was ihnen je passierte. Es geschah mitten in ihrer Familie, die sich zum Weihnachtsfest versammelt hatte. Schon damals war klar, dass die Eltern nicht in der Lage waren, die beiden Kinder zu versorgen. Das Jugendamt vertraute aber darauf, die Familie zu stabilisieren. Deshalb beurlaubte man sie für die Festtage aus dem Heim in ihre Familie.

Jeannet sitzt mit Susann in der Küche und spielt. Plötzlich ein Streit. Der Vater brüllt, Mutter schreit hysterisch, sie fällt zu Boden, überall ist Blut. Vater schließt sich auf der Toilette ein, sein Schwager tritt gegen die Tür, er versucht, seine Schwester zu rächen. Ein unglaubliches Chaos. Die Kinder kommen hinzu, Susann wirft sich vor die Toilettentür, wird von ihrem Onkel getreten, bevor er sich umwendet und seiner am Kopf verletzten Schwester zu Hilfe eilt. Jeannett, die für ihre Schwester schon in mancher Situation eintreten musste und weiß, was sie in scheinbar aussichtslosen Situationen zu tun hat, hat sich schon den Weg zum Telefon gebahnt und die Polizei benachrichtigt.

Es dauert zwanzig lange Minuten. Sie scheinen wie eine Ewigkeit. Die blutende Mutter am Boden, die Kinder und ihr Onkel neben ihr. Der Vater noch immer verschanzt. Endlich klingelt es. Wieder ist es Jeannett, die die Initiative ergreift und die Tür öffnet. Männer in weißen Jacken und Hosen stürmen herein, versorgen die Verletzte und tragen sie hinaus. Keine Lebensgefahr. Es soll das letzte Mal, dass sie diese Wohnung betritt.

Nach den Sanitätern folgt die Polizei. Sie fordern Verstärkung an. Die erste Mannschaft nimmt Vater und Onkel mit. Die zweite kümmert sich um die Kinder. Jeannett stellt ungerührt fest: „Ich will wieder ins Heim. Da sind wir sicher.“ Susanns verzweifeltes Schreien ist in ein leises Schluchzen übergegangen. Sie ist tagelang nach dem Ereignis nicht mehr ansprechbar. Jeannetts Augen haben sich in kleine Schlitze verwandelt, aus denen sie die Umwelt mit misstrauischen Augen betrachtet. Ihr Mund ist schmal, ihr Gesichtsausdruck hart und ernst. Es dauerte Jahre, bis er sich änderte.

Jeannett und Susann haben ein Schicksal erlitten, das uns als Pflegeeltern so völlig unvorstellbar ist. Es dauerte Jahre des Einfühlens und der Erfahrung, bis wir uns eine ungefähre Vorstellung von den Folgen machen konnten, die ihre Persönlichkeit beeinflussen. Wen wundert es, dass unsere Kinder Erwachsenen nicht mehr vertrauen? Für uns heißt das, uns Stück für Stück ihr Vertrauen zu erarbeiten und zu verdienen. Sie müssen erfahren, dass wir für sie da sind, bedingungslos ihre Interessen vertreten und uns für sie einsetzen.

Für Jeannett ist es nicht einfach, dies zu akzeptieren. Sie war immer diejenige, die Susann beschützen musste und für sie gesorgt hat, wenn ihre Eltern als Versorger ausfielen. Sie meint in jeder Situation zu wissen, was sie zu tun hat und was für sie am besten ist. Es fällt ihr schwer, zu akzeptieren, Rat anzunehmen und zuzugeben, wenn sie falsch liegt. Nach den Erfahrungen, die sie gemacht hat, verwundert das nicht.

Susanns Misstrauen ist hilflos. Sie verweigert sich, sie versorgt sich durch Entwendungen, sie provoziert, um die Loyalität der erwachsenen Bezugspersonen zu testen. Häufig tauchen bei ihr die Bilder auf, die sie an Situationen der Vernachlässigung und der Gewalt erinnern. Sie kann dann die Realität und ihre Flashbacks nicht mehr auseinander halten. Und sie reinszeniert Situationen, die ihr bekannt sind, aber unter denen sie so sehr leidet. Es ist wie ein Teufelskreis.

Weihnachten ist mit vielen Erwartungen besetzt. Der Harmonie, die wir Pflegeeltern kennen und gerne hätten, stehen die Erfahrungen unserer Pflegekinder entgegen. Unsere Vorstellungen und die harmonische Situation tun ihnen einerseits auch gut und sie möchten sie ebenso genießen. Andererseits macht Harmonie und Familienglück sie orientierungslos, so dass sie alles dafür tun, die ihnen bekannte Situation, unter der sie so gelitten haben, wieder herzustellen.

Wenn Susann ihren Adventskalender innerhalb von zwei Tagen leer räubert, fragen wir uns, warum sie das tut, und es berührt uns emotional. Können wir es schaffen, es als ein Unvermögen zu betrachten, Vorhandenes einzuteilen und Verfügbares nicht aufzuheben, die Spannung zu ertragen, die darin liegt? Seien wir ehrlich: Solches Verhalten widerspricht unserer Sozialisation und unseren Normen. Es verlangt verdammt viel Toleranz, damit umzugehen und viel Selbsterkenntnis, die in der konkreten Situation nicht immer präsent ist.

Wir wissen: Als Pflegeeltern haben wir die Aufgabe, unseren Pflegekindern zu zeigen, dass wir sie annehmen, mit allen Erfahrungen und allem Anderssein, auch wenn wir es uns nicht immer erklären können. Wir müssen ihnen zeigen, dass sie willkommen sind.

Dabei brauchen Pflegeeltern Hilfe. Gerade in der Weihnachtssituation müssen sie stark sein. Ob Jugendämter und Therapeuten davon wissen? Ob sie bereit sind, Unterstützung zu gewähren?

Es wird viel von Professionalität in der Pflege von traumatisierten Kindern gesprochen. Heißt Professionalität einfach das Ausschalten von Emotionen und der eigenen Sozialisation? Kann das gelingen? Oder entstammt dieser Anspruch der Realität der Ämter und Heime? Kommt er daher, wo es für Mitarbeiter überlebenswichtig ist, Abstand zu wahren, um nicht berufliche Probleme mit in die Freizeit zu nehmen, damit die Erholung vom Arbeitsalltag gelingt?

Pflegeeltern haben keinen Feierabend. Sie sind jede Sekunde ihres Lebens mit der Traumatisierung ihrer Pflegekinder konfrontiert. Professionalität heißt hier: Sich das Verhalten der Pflegekinder erklären können und blitzschnell zu de-eskalieren, um Situationen nicht ausufern zu lassen. Ist diese Aufgabe lösbar?

A propos Professionalität von Ämtern und Weihnachten:

Aus einer Einladung eines Jugendamtes zu einer Weihnachtsfeier:

„Auch dieses Jahr möchten wir wieder eine Weihnachtsfeier durchführen.“

Wie war eigentlich die Durchführung Ihres Weihnachtsfestes dieses Jahr?

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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