Besuch vom Jugendamt

Jugendämter haben einen schlechten Ruf. Verkrusteter Behördenapparat, Kinderklaubehörde, unprofessionelles Vorgehen, unberechenbare Entscheidungen, keiner Kontrolle unterworfen, das sind Einschätzungen, die man allenthalben hört. Verallgemeinerungen, die nur manchmal zutreffen.

Unsere Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. Wir wissen, dass viel vom jeweiligen Sachbearbeiter abhängt. Die besten sind diejenigen, die sich einfühlen können und das Notwendige veranlassen. Es ist nicht einfach, einen Antrag auf eine Unterbringung in einer heilpädagogischen Pflegestelle durchzukriegen. Mit der Hilfe einer Sachbearbeiterin in einem anderen, damals für uns zuständigen Jugendamt ist der heilpädagogische Bedarf für Jeannett und Susann relativ unkompliziert verlaufen. Andererseits haben wir Sachbearbeiter kennen gelernt, die im Beisein unserer ältesten Pflegetochter (16 Jahre) gefragt hat: „Wo ist denn nun die kleine Sigrid?“ Lesen sie die Akten nicht? Bereiten sie sich nicht auf Gespräche mit Pflegefamilien vor?

Wer in einem solchen Beruf arbeitet, braucht Durchsetzungskraft, die sich nicht gegen die Pflegefamilien richtet. Ein guter Sachbearteiter muss in seinem Amt das für Pflegefamilien Notwendige und Machbare erreichen. Sparzwänge und dienstliche Vorgaben schränken seine Entscheidungsgewalt erheblich ein. Er kämpft an zwei Fronten. Es ist eine Position, die nicht beneidenswert ist. Und einige gehen den Weg des geringsten Widerstandes.

Frau Gerster hat sich angemeldet. Seit einigen Monaten ist sie für uns zuständig. Das Gespräch verläuft angenehm und professionell. Wir schildern unsere Erfahrungen mit den Kontakten mit den Kliniken und machen es dringlich, dass Susann professionelle therapeutische Hilfe bekommt. Wir brauchen Abstand und eine Auszeit.

„Wie halten Sie das bloß aus, das chaotische Zimmer, die Aggressionsschübe, die vielen Telefonate.“ Ihr Entsetzen zeigt uns ihr Mitgefühl, so gar nicht gespielt, so ehrlich, so wohlmeinend.

„Klar,“ sagt sie aufmunternd, „wir kriegen das hin, ich bemühe mich um die Zustimmung des Vaters, da gibt es keine Schwierigkeiten.“

Gott sei Dank, sie ist auf unserer Seite, sie versteht uns, sie vertraut auf unsere Kompetenz. Wer aber kennt zu diesem Zeitpunkt schon die vielen bürokratischen Hindernisse und weiß, dass alles ganz anders kommen soll.

Unser Gefühl nach Frau Gersters Besuch ist so, wie es sein soll. Positiv, bestärkt, unterstützt, wertgeschätzt. Wie lange hat uns dieses Gefühl schon gefehlt, wenn der Mitarbeiter des Jugendamtes unser Haus verließ!

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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Eine Antwort zu Besuch vom Jugendamt

  1. lehrergehrke schreibt:

    Vor der Zeit, als Frau Gerster für uns zuständig war, hatten wir häufig Differenzen mit dem Jugendamt. Eigenmächtige Festsetzung von Terminen und Gespräche, auf die das Wort „Verhör“ besser gepasst hätte. In diesen Fällen sind wir folgendermaßen vorgegangen:

    wenn das Jugendamt mich einlädt, ohne mir zu sagen, worum es geht, mache ich es so:

    1. Termin verschieben, schließlich bin ich berufstätig und deshalb bestimme ich die Termine. Da bleibe ich knallhart.
    2. Thema und Anlass einfordern. Ich habe ein Recht, mich vorzubereiten.
    3. Die Anwesenheit eines Beistandes ankündigen. Das wirkt am meisten, weil sich kein JA in die Karten sehen lassen will. Häufig wird die Anwesenheit eines Beistandes aus fadenscheinigen Gründen verweigert. Ich lasse dann mindestens einen Termin platzen, indem ich gehe, wenn mein Beistand nicht zugelassen wird.
    4. Immer meine Frau mitnehmen, damit wir das Gespräch zusammen später rekonstruieren können.
    5. Alle Unterlagen zu den PK ( bei uns drei Aktenordner, einer tut´s auch Augenzwinkern ) und Pflegetagebuch mitnehmen und vor mir aufbauen, damit eine offizielle, professionelle Atmosphäre schaffen (egal, ob die Unterlagen gebracuht werden oder nicht)
    6. Immer und unbedingt mit protokollieren, besonders Streitpunkte, unsachliche Äußerungen mitschreiben, mit den Worten: „Moment, ich schreib mir das mal auf.“ Das wirkt Wunder!
    7. im schlimmsten Falle: Gespräch abbrechen

    Das mag hart klingen, ist aber meiner Meinung nach die einzige Möglichkeit, zu zeigen, dass Pflegeeltern ihr Anliegen vertreten.

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