Blut ist dicker als Wasser

Wer gehört zur Familie? Alle die, die unter einem Dach leben? Alle, die von denselben Eltern stammen? Gehören Pflegekinder zur Familie? Was ist mit Neffen, Nichten, Onkel, Tanten, Großeltern? Und was ist mit den leiblichen Eltern von Pflegekindern?

Wir sind dabei, Familie neu zu definieren. Die wesentlichste Frage:

Gehört Susann noch zu unserer Familie?

Jeannett wehrt sich. Sie meint, Susann hat es bewusst so weit getrieben, dass sie nicht mehr zu unserer Familie gehört.

Aber sie hat Euch doch bloß, wenn ihr sie besucht. Du hast deine Eltern 365 Tage im Jahr,“ wendet die Supervisorin ein.

Jeannett ist entrüstet: „Na und, sie hätte uns auch 365 Tage im Jahr haben können. Sie wollte ja nicht.“

Ich kann Jeannett verstehen. Aber ich kann so nicht denken. Für mich ist es ein riesiger Verlust, dass Susann nicht mehr bei uns lebt. Andererseits weiß ich, was es bedeutet hätte, wenn Susann noch bei uns leben würde. Ich gebe ihr keine Schuld daran, dass sie unter ihrem Trauma leidet und sich nicht in der Gewalt hat.

Die Supervisorin macht einen weiteren Versuch.

Eure große Pflegeschwester lebt zwar nicht mehr bei Euch, sie ist weit weg. Gehört sie denn nicht zu eurer Familie?“

Jeannett: „Natürlich, das ist doch etwas ganz anderes.“

Jeannett glaubt, Susann will nicht mehr zur Familie gehören, sie hat ihre Chance verspielt.

Man sagt, Pflegekinder haben zwei Familien. Die leibliche und die Pflegefamilie. Sie richten sich völlig neu auf die Pflegefamilie aus. Sie erbringen eine unglaubliche Anpassungsleistung. Einige, wie Jeannett identifizieren sich mehr mit der Pflegefamilie als mit der leiblichen Familie, die weit weg ist und ihnen vielleicht sogar unendliches Leid getan haben. Andere sind immer in einem Konflikt.

Dennoch haben die leiblichen Familien eine große Bedeutung für die Pflegekinder – und leider auch für die Jugendämter. Spätestens in der Pubertät fragen sich die Kinder, wo sie her kommen. Meist können sie ihre leiblichen Eltern sehr gut einschätzen und wissen, was sie an der Pflegefamilie haben. Die Jugendämter drängen immer darauf, dass Pflegekinder den Kontakt zu ihren leiblichen behalten, koste es, was es wolle und ohne Rücksicht auf die Befindlichkeit der Kinder.

Blut ist dicker als Wasser, darauf müssen wir uns als Pflegeeltern einstellen. Dass Pflegekinder wissen wollen, dass es ihren leiblichen Eltern gut geht, muss überhaupt nicht heißen, dass sie zu ihnen zurück wollen. Dazu sind Besuchskontakte da. Sie dazu zu benutzen, dass es den leiblichen Eltern besser geht, ist zwar eine oft geübte Praxis der Jugendämter, aber durch nichts gerechtfertigt, auch nicht durch das Gesetz. Das Kind steht im Mittelpunkt.

Unsere Position als Pflegeeltern ist eindeutig. Wir machen die leiblichen Eltern nicht schlecht, aber wir machen sie auch nicht besser, als sie sind. Wir wehren uns gegen alles, was den uns anvertrauten Kindern schadet.

Wenn Besuchskontakte schaden, dürfen sie nicht stattfinden. Basta!

Es ist gut, dass ich mir über dieses wichtige Thema klar geworden bin. Bei meinem nächsten Besuch bei Susann spreche ich es an.

Susann wirkt nervös und unkonzentriert, als ich sie besuche. Sie lebt im Hier und Jetzt. Nichts schein ihr wichtiger zu sein als die anderen Gruppenmitglieder, was sich von ihr halten, wer was von wem glaubt und hält. Obwohl ich mich etwas daneben fühle, kann ich sie verstehen. Sie muss mit dieser Situation hier in der Krisengruppe klar kommen, das ist ihre Lebensrealität. Wir sind die Vergangenheit. Wir sind nicht mehr wichtig. Das müssen wir akzeptieren.

Und dennoch frage ich sie: Wer gehört für dich zu deiner Familie?

Ist doch ganz klar. Jeannett, Ruth und du.“

Hat sie nur gut pariert? Ich glaube nicht. Aber ich weiß jetzt, dass sie jetzt in drei Welten lebt: In der ihrer Kindheit, in der unserer Familie und in der der Krisengruppe.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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Eine Antwort zu Blut ist dicker als Wasser

  1. lehrergehrke schreibt:

    Die aktuelle Entwicklung lässt nichts Gutes hoffen. Susann fährt heute zu ihrem leiblichen Vater. Dort wird sie vielleicht auch ihre leibliche Mutter und ihre Großeltern wieder treffen. Die Einrichtung, in de sie wohnt, will wohl über Weihnachten das Haus leer haben, damit die Mitarbeiter das Fest auch in ihren Familien verbringen können. Da steht die pädagogische und therapeutische Notwendigkeit schon mal hinten an.

    Susann fährt stundenlang mit dem Zug, muss umsteigen. Wir wurden gar nicht erst gefragt, ob wir helfen könnten.

    Ruth, Jeannett und ich fragen uns nun, was alles passieren kann. Wir fragen uns auch, wer wohl die Verantwortung trägt, wenn es zu unvorhergesehenen Entwicklungen kommt. Immerhin sieht Susann die Menschen wieder, die sie so lange misshandelt haben.

    Offensichtlich sind wir die einzigen, die darin ein Problem sehen.

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