Du bist meine Mutter!

Susanns Zustand verschlimmert sich von Tag zu Tag. Ihre Aggressivität wächst ständig, besonders gegenüber Ruth.

Susann reinszeniert, was das Zeug hält. Sie hält Ruth für ihre leibliche Mutter, kann nicht mehr unterscheiden. Sie war damals dabei, als ihr Vater sie erschlagen hat. Aber auch ihre Mutter muss ihr viel angetan haben.

„Susann, kommst du bitte in den Keller. Wir müssen die Wäsche aufhängen.“

„Nein, wieso.“

„Weil auch deine Wäsche dabei ist.“

Susann tobt.

„Du hast mir gar nichts zu sagen. Du bist richtig unverschämt.“

Ruth stürzt nach oben in die Küche. Sie ist in Tränen aufgelöst. Susann schlägt ihre Zimmertür hinter sich zu.

Ruth fällt mir schluchzend in die Arme. „Niko, ich halte das nicht mehr aus. Warum macht sie das mit mir? Warum macht sie unsere Familie kaputt? Was mache ich denn falsch? Ich hab doch gar nichts Schlimmes gemacht!“

Mir fallen alle möglichen guten Ratschläge von Ämtern, Fachleuten und anderen Pflegeeltern ein.

„Nehmt Euch das nicht zu Herzen.“

„Sie meint gar nicht Euch.

„Holt Euch kompetente Hilfe.

Aus Seminaren mit Fachleuten weiß ich, was da passiert. Ich weiß, dass Susann Ruth gar nicht meint. Ich kenne die Mechanismen. Und wenn es ernst wird, wenn man Forderungen hat, ernst genommen werden will, ist plötzlich keiner mehr da. Dann ist alles zu teuer oder nicht notwendig.

Und was nützt es uns? In der Situation nützen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Alle die, die von uns Professionalität verlangen, haben keine Ahnung. Professionelle Erzieher und Sozialarbeiter gehen abends nach Hause zu ihrer Familie. Wir sind Familie, von der geballten Kraft der Emotionen betroffen.

Ich bin mir sicher, wir schaffen das nicht alleine, wir brauchen Fachleute. Es gibt da die Möglichkeit der psychotherapeutischen Tageskliniken. Susann würde morgens dort hin abgeholt werden, eine Therapie machen und abends bei uns sein. Der Vorteil wäre, dass wir abends daran weiter arbeiten könnten, woran sie tagsüber gearbeitet hätte. Wir wären auch ganz stark mit einbezogen und zugleich entlastet.

Die andere Möglichkeit wäre eine längere, mehrwöchige stationäre Therapie. In den meisten Kliniken wären wir in den Therapieprozess mit einbezogen. Daran anschließen würde sich eine gute, wirksame Traumatherapie, die Schritt für Schritt die Situation verbessern würde. Aber ich habe auch schon recherchiert, dass es Kliniken gibt, die nur ganz allgemein therapieren, die mit Susanns Problemen wahrscheinlich gar nicht klar kommen würden. Das heißt, eine Unterbringung käme erst in Frage, nachdem ich mir die Klinik angesehen und mit den Ärzten gesprochen hätte. Wir wollen Susann auf keinen Fall irgend wo hin abschieben.

Ein kalter Januartag auf der Autobahn. Ich bin auf dem Weg in die Selbbachklinik. Die Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat mir schnell und unkompliziert einen Termin gegeben. Von der Arbeit aus fahre ich siebzig Kilometer durch Dunkel und Schneetreiben. Die Klinik ist mir empfohlen worden. Der Internetauftritt verspricht Gutes: Gruppen- und Einzeltherapie, EMDR und Tramatherapien, die Susann helfen könnten. Eine Chefärztin mit Reputation und Engagement. Nur, dass die Chefärztin, die im Internet noch für die Klinik wirbt, plötzlich nicht mehr auffindbar ist. Die Klinik teilte mir mit, dass sie dort nicht mehr tätig sei. Egal. Kann eine Klinik so schnell ihren therapeutischen Ansatz wechseln?

Das Gelände ist schön. Bewaldet, mitten in einer natürlichen Umgebung. Schon stelle ich mir vor, wie wir Susann besuchen, wie wir mit Ärzten und Pflegern an Susanns Problemen kompetent zusammen arbeiten.

Die Chefärztin ist nett, ruhig und kompetent. Der Therapiehund liegt, erschöpft von seinem Tagewerk, zu meinen Füßen. Auf der Station geht es entspannt zu.

Ich schildere Susanns und unsere Probleme. Die Chefärztin hört ruhig zu und macht sich Notizen.

Dann ihre Einschätzung.

„Wissen Sie, wir sind eine Rehabilitationsklinik. Wir sind keine therapeutische Klinik. Die Kinder, die zu uns kommen, haben Probleme, ja. Und wir können sie meistens lösen. Aber wir gehen da ganz konventionell vor. EMDR wenden wir nicht mehr an. Ihre Pflegetochter ist ja, nach Ihrer Beschreibung zu urteilen, stark traumatisiert. Wir haben hier nicht die Möglichkeit einer Diagnostik. Da spielt das Verhalten auch eine große Rolle. Zum Schutz unserer anderen Patienten können wir aggressive Ausbrüche nicht dulden.“

Und was heißt das?

„In solchen Fällen würden wir das Kind sofort entlassen.“

Ich bemühe mich, freundlich zu sein und Verständnis zu zeigen.

„Sollten Sie sich für einen Aufenthalt entscheiden, können Sie mich jederzeit wieder anrufen.“

Ja, danke. Was soll das Ganze? Warum fahre ich hier stundenlang durch den Schnee? Nur um zu erfahren, dass Fachleute eigentlich auch nicht weiter wissen und letztendlich unbequeme Kinder abschieben? Das wollten wir nun gerade nicht.

Wie oft haben wir es schon gehört: Ein ganz komplizierter Fall, schwierig, jahrelange Therapie, schwer zu behandeln, überfordert unsere Möglichkeiten. Was denken diese Leute eigentlich, in welcher Situation wir sind??

Immerhin: Ich bin vorgelassen worden, ernst genommen worden, habe auf Augenhöhe mit einer Chefärztin reden können. Das streichelt etwas mein Ego.

Aber das alles bringt uns keinen Deut weiter.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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Eine Antwort zu Du bist meine Mutter!

  1. lehrergehrke schreibt:

    Reinszenierung, was heißt das? Traumatisierte Kinder versuchen oft, die traumatisierende Situation wieder und wieder zu durchleben. Dabei sehen sie z.B. ihre Pflegeeltern in der Rolle ihrer leiblichen Eltern oder Peiniger. Für die Betroffenen ist das sehr hart, damit umzugehen, wenn sie es denn wissen. Diese Situation ist für viele nicht vorstellbar.

    Die Kinder übertragen dabei ihre Gefühle gegenüber der traumatisierenden Person auf die Pflegeeltern, sie halten sie tatsächlich für die traumatisierende Eltern, auch, wenn es dafür gar keinen Anhaltspunkt gibt. Sie schreien und toben, genau so wie sie es in der traumatisierenden Situation taten, ohne dass die Pflegeeltern wüßten, warum sie das tun.

    Pflegeeltern, die sich dieses Problems bewußt sind, versuchen, das Kind zu beruhigen und es wieder in die Realität zurück zu holen. Es braucht aber sehr viel Stärke.

    Was uns immer gefehlt hat, ist so etwas wie ein Rollenspiel, mit dem man üben könnte, sich in diesen Situationen richtig zu verhalten.

    Ein Film, der alle Schattierungen einer Pflege traumatisierter Kinder zeigt, lief in Tele5 unter dem Namen „Als Kind missbraucht“ (USA 1992).

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