Susann, was wird aus ihr?

Der Tag kann nicht gegensätzlicher sein. Morgens im Jugendamt. Hilfeplangespräch für Susann. Frau Gerster, unsere Sachbearbeiterin, ist zwar dabei, aber auch Frau Schwerdtfeger, die für Susann zukünftig zuständig ist. Sie betreut Kinder, die nach § 35a) SGB VIII von einer seelischen Behinderung bedroht sind. Beide Kinder sind in diese Kategorie eingestuft worden. Da Susann nun in Obhut ist, wechselt die Zuständigkeit. Wie sich noch zeigen wird, zu unserem Leidwesen.

Weiter dabei sind der Kindesvater und unsere Einzelfallhelferin. Warum die Koordinatorin des Trägers der Einzelfallhilfe auch anwesend ist, weiß keiner. Was hat sie damit zu tun? Traut sie ihrer Mitarbeiterin nicht?

Zum Beginn gebe ich noch mal eine ausführliche Schilderung der Gründe, aus denen wir Susann in Obhut gegeben haben. Es ist komisch. Warum habe ich das Gefühl, dass wir es nicht geschafft haben, dass wir gescheitert sind? Niemand sagt etwas dazu. Die Atmosphäre ist sachlich. Vielleicht deshalb. Eine Äußerung wie: „Sie haben alles getan, was möglich gewesen ist. Machen Sie sich keine Sorgen.“ hätte etwas von Wertschätzung in die Situation gebracht.

Tatsächlich hatte das Verhalten des Jugendamtes einen großen Anteil am Zustandekommen der Situation, so wie wir es sahen. Es ist schon ziemlich dreist, wie hier die Tatsachen verdreht werden. Das Jugendamt behauptet, die von uns immer wieder und bereits vor mehr als einem Jahr geforderte Traumatherapie sei nicht mehr ausreichend. Kein Wort darüber, dass es diese immer ablehnte, ohne zu wissen, wie sie überhaupt funktioniert. Kein Wort darüber, dass ich als Pflegevater mich bemüht habe, eine entsprechende Klinik zu finden, Telefonate geführt und Briefe geschrieben habe. Bin ich dazu eigentlich verpflichtet oder ist es nicht eigentlich die Aufgabe von Professionellen, so etwas in die Wege zu leiten?

Susanns Bezugserzieherin in der Krisengruppe sieht das alles ganz anders. Wir schenken ihr Glauben, weil sie einen engagierten Eindruck auf uns macht und sich wirklich Gedanken macht. Sie erlebt Susann ganz anders als wir sie zuhause sahen. Sie kann sich gut integrieren, hält sich an Regeln und Normen. Sie hätte erstaunlich gefasst und gelassen auf die Situation reagiert.

Der Kindesvater hatte eine ganz tolle Idee. Susann solle doch jetzt in einer Einrichtung in seiner Nähe untergebracht werden, damit er sie öfter besuchen könne. Bedeutet das etwa den Beginn einer Rückführung zu dem Menschen, der Susann missbraucht und vernachlässigt hat? Geht alles nun wieder von vorne los? Ist die Tatsache, dass er seine Strafe verbüßt hat, genug Grund dafür es wieder zu probieren? Mir graut bei der Idee allein.

Nein, zum Glück geht das auch den Vertretern des Jugendamtes zu weit. Vor allem die Beziehung zu Jeannett und die Absicht, den Kontakt zwischen den Schwestern aufrecht zu erhalten, sind Grund genug, diese absurde Idee nicht weiter zu verfolgen.

Es ist allen am Tisch klar, dass Susann in eine heilpädagogisch-therapeutische Wohngruppe. Mein vorher recherchierter Vorschlag wird abgelehnt; die Einrichtung sei „nur bedingt geeignet.“

Alle sind sich auch einig darüber, dass wir die ausgewählte Einrichtung besichtigen und auch den Umzug begleiten sollen. Ich bin dazu bereit, um eine Spur eines Einflusses zu behalten – wie sich herausstellen wird, ist diese Absicht nicht besonders erfolgreich.

Ortswechsel, Wechsel der Situation. Krisengruppe des Kinderheims. Susann erwartet mich bereits. Zehn Minuten lang sitzen wir draußen auf dem Spielplatz. Ich beobachte, dass sie Gegenwart bei ihr extrem im Vordergrund steht. Sie ist ablenkbar und hypermotorisch, zappelt, ist ständig in Bewegung, sieht mir nicht in die Augen. Sie kann sich nicht auf ein Gespräch konzentrieren, blickt auf, in der Gegend herum. Sie macht den Eindruck, dass sie ein typisches Aufmersamkeitsdefizit hat. So eben wie bei uns, nur viel intensiver. Ob die Erzieher dieselbe Beobachtung machen? Sie erzählt emlich wirr, auch von Auseinandersetzungen in der Gruppe. Vielleicht habe ich jetzt den Abstand, um das alles nur um so intensiver wahrzunehmen. Es dauert nicht lange, und Susann hat genug von meinem Besuch. Sei´s drum.

Ruth und Jeannett warten zuhause schon auf mich. Wie war´s denn. Ich erzähle von meinen Eindrücken. Wir sind enttäuscht. Dennoch werde ich wohl bis auf weiteres der jenige sein, der den Kontakt hält. Beide fühlen sich nicht in der Lage, so etwas durchzustehen. Ich kann´s verstehen. Wohl ist mir auch nicht in der Situation.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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