Chaotische Zustände

Heute ist wieder so ein Tag. Susann verweigert alles und ist aggressiv. Sie weiß genau, wo sie uns packen kann, wie sie es anstellt, die Situation hoch zu schaukeln. Wir finden in ihrem Zimmer knietief Papier, bekritzelt, zerknüllt, mitten drin halb geleerte Quarkbecher und angebissene Stullen. Sie nimmt alles, was sie erreichen kann.

Die Situation ist chaotisch. Um ihr keine Chancen mehr zu geben, verschließen wir die Küchentür und öffnen sie nur zu den Mahlzeiten. Mein Büro ist verschlossen und meine Vorräte an Kopierpapier sind darin verborgen, ebenso wie meine Vorräte an Schreibpapier für den Schulunterricht der Kinder. Es muss immer wieder in unbeobachten Momenten geschehen.

Natürlich wissen wir, dass Kinder, die in ihrer frühesten Kindheit vernachlässigt wurden, sich Vorräte anlegen. Susanns Vorräte sind binnen einer Stunde verschwunden, wie groß sie auch immer sein mögen. Jederzeit kann sie uns fragen, ob sie das eine oder das andere haben darf. Und meistens bekommt sie es. Aber das ist uninteressant. Es scheint ihr der Kick zu fehlen, etwas Heimliches zu tun. Hat sie es getan, scheint die Verheimlichung uninteressant zu sein.

Wir können natürlich nicht alles verschließen. Der zweite Kühlschrank im Keller ist immer erreichbar. Den Vorratsschrank halten wir verschlossen. Einkäufe sind zum unplanbaren Risiko geworden.

Um zu verhindern, das Susann ihre Kleidung aus dem Schrank zerrt und bekritzelt und zerreißt, heben wir sie extra auf, so dass sie nicht selbst drankommt und teilen sie ihr zu. Ruth ist traurig und enttäuscht darüber, dass Susann die hübschen, eigens ausgesuchten Kleidungsstücke so behandelt. Schuhe sind innerhalb weniger Wochen völlig zerschlissen und unbrauchbar, daran haben wir uns gewöhnt.

Alles vergeblich. Susann geht jetzt an die Schränke im Schlafzimmer und Jeannetts Zimmer und holt sich, was sie meint, zu brauchen. Wir finden in ihrem Zimmer ein Nachthemd von Ruth und Unterhosen und einen BH von Jeannett. Wo soll das enden??

Es wird immer offensichtlicher. Susanns Zustand verschlechtert sich zusehends. Es muss eine sofortige Lösung her. Ich werde Kontakt zu Kliniken, Ärzten und Behörden aufnehmen. Wir brauchen dringend professionelle Hilfe.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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Eine Antwort zu Chaotische Zustände

  1. lehrergehrke schreibt:

    Susann zerschneidet ihre Kleidung schon seit Jahren. Wir glauben, dass sie es tut, weil sie sich selbst bestrafen will, weil sie meint, dass sie es nicht wert ist, schöne Kleidung zu besitzen und zu tragen. Es ist wahrscheinlich der selbe Grund, aus dem sie schöne Situationen durch aggressives Verhalten zerstören muss. Der Vergleich mit ihren traumatischen Erlebnissen ist zu unerträglich.

    Susann passiert es auch immer wieder, dass sie Turnschuhe oder Jacken in der Schule oder der Kita verschlampt. Regelmäßig gehe ich los und spüre Kleidungsstücken nach und finde sie meistens. Susann hat einfach kein Verhältnis zu dem, was ihr gehört und kann auch nicht zwischen ihrem und fremdem Eigentum unterscheiden. Wir haben einen Vorrat an Schulfüllern und Turnschuhen angelegt, aus dem wir verschwundene Dinge unmittelbar ersetzen können. Das gehört zum Alltag. Eine Besserung ist nicht in Sicht.

    Wir haben auch auf Anraten befreundeter Pflegeeltern und von Fachleuten für Susann einen Vorrat an Süßigkeiten, Joghurt und Quark angelegt und versorgen sie regelmäßig damit. Es hat jedoch nicht dazu geführt, dass Susann es aufgegeben hätte, die Schränke und Kühlschränke zu räubern. Wir vermuten, dass es eine Art zwanghaftes Verhalten ist. Auch das Verschließen der Küche hat keinen Erfolg gebracht. Manchmal ist die Küche nur für Minuten unbeaufsichtigt offen und schon fehlt etwas.

    die einzige Möglichkeit besteht unserer Meinung nach darin, das Thema in einer Therapie zu bearbeiten und die Erfahrungen, die zu diesem zwanghaften Verhalten führen, aufzuarbeiten.

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