Für Hilferufe nicht zuständig

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie

und Psychotherapie

Dr. med.XXXXX XXXXXXXX

– Chefarzt –

nachrichtlich an:

Frau Simone Saalitz (Beistand)

Frau Gerster

Jugendamt XXXXXXXXXX

Barmer Ersatzkasse

Zweigstelle Ludwigsruh

Dringender Behandlungsbedarf unserer mehrfach traumatisierten Pflegetochter Susann Vorberger

Sehr geehrter Herr Dr. XXXXX,

wir wenden uns an Sie, weil wir dringend Hilfe für unsere 12-jährige Pflegetochter benötigen, die nunmehr seit Juni 20xx gemeinsam mit ihrer älteren Schwester in unserer Familie wohnt.

Seit ca. einem Jahr verstärken sich die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung. Sie überträgt ihre Erfahrungen mit ihrer leiblichen Mutter auf meine Frau, reagiert ihr gegenüber sehr aggressiv, reinszeniert die erlebten Situationen in unserer Familie und isoliert sich durch ihr unkontrolliertes Verhalten von unserer Familie. Die anbrechende Pubertät führt zu heftigen Aggressionsschüben. Es ist Dyskalkulie diagnostiziert worden, die Versetzung in die nächste Klasse ist gefährdet.

Gemeinsam mit dem zuständigen Jugendamt sehen wir die Notwendigkeit, Susann schnell und kompetent zu helfen. Voraussetzung für eine Diagnostik und Therapie ist für uns, dass sie von einem auf Traumatologie spezialisierten multiprofessionellen Team behandelt und betreut wird, sowie die Einbeziehung von uns als Pflegeeltern und Bezugspersonen in Entscheidungs- und Therapieprozesse. Wir halten Ihre Klinik auf Grund der Darstellung Ihrer Therapiemethoden und Ihres Behandlungskonzeptes in Ihrem Internetauftritt für besonders geeignet und würden gern persönlich mit Ihnen das notwendige weitere Vorgehen besprechen.

Die akute Krise unserer Pflegetochter macht schnelles Handeln einerseits erforderlich. Andererseits möchten wir Susann nicht in eine Einrichtung geben müssen, in der unsere intensive Einbeziehung und die Anwendung spezifischer Therapiemethoden nicht gewährleistet ist.

Wir gehen davon aus, dass unsere gesetzliche Krankenkasse die Kosten der Diagnostik und Therapie übernimmt. Darüber hinaus gehende Leistungen können durch Ansprüche nach Opferentschädigungsgesetz gedeckt werden. Gutachten nach § 35a KJHG und OEG liegen vor. Wir gehen davon aus, dass der sorgeberechtigte Kindesvater uns für unser Vorhaben zeitnah bevollmächtigt oder ggf. ihre Zustimmung gerichtlich ersetzt wird.

Wir bitten Sie, uns in dieser schwierigen Situation, die wir trotz Supervision nicht mehr lange bewältigen können, behilflich zu sein. Sie können mich per e-mail oder über 01xx-xxxxxxx erreichen. Ich würde Sie ebenfalls versuchen, in den nächsten Tagen zu erreichen, auch gern zu einem von Ihnen bestimmten Zeitpunkt.

Vielen Dank im Voraus für Ihr Verständnis und Ihre Mühe.

Freundliche Grüße

P.S.: Die Antwort erfolgte durch einen Anruf der Sekretärin des Chefarztes bei uns, in dem sie uns mitteilte, dass auf Grund der Zuständigkeit für ein Versorgungsgebiet eine Aufnahme in der XXXXX-Klinik nicht möglich sei.

P.P.S.: Wir sind entsetzt. In unserem Staat gibt es für diejenigen, denen in ihrem Leben am schlimmsten mitgespielt wurde, offensichtlich die wenigste Hilfe. Schicksale werden verwaltet, es gibt für jedes Problem eine Zuständigkeit, alles ist sozial ausgewogen. Wer kümmert sich eigentlich um den seelischen Zustand dieser verletzten Menschen? Warum wird es dem Zufall überlassen, welche Behandlung dem Traumatisierten widerfährt und ob die für das Versorgungsgebiet zuständige Klinik auf die Bedürfnisse des Einzelnen überhaupt passt? Warum darf der Traumatisierte sich nicht die neuesten, besten, effektivsten Behandlungsmethoden aussuchen? Warum gibt es so wenig Traumatherapeuten, dass diese auf Jahre hinaus ausgebucht sind? Warum gibt es immer noch Therapeuten, die EMDR und andere Traumatherapien als unwirksam darstellen können? Und warum vertrauen die Jugendämter ausgerechnet, denen, die eine Traumatherapie diskreditieren?

Die wichtigste aller Fragen lautet: Warum wird denen, die eine spezielle Therapie besonders benötigen, aber die wenigsten finanziellen Mittel haben, um sich die beste Therapie leisten zu können, die finanzielle Hilfe verweigert? Und warum dürfen Sorgeberechtigte diese Therapie durch die Verweigerung ihrer Zustimmung verhindern und erzwingen eine gerichtliche Auseinandersetzung über ihre Weigerung, deren Ausgang mehr als ungewiss ist?

Ich bin am Ende meiner Bemühungen. Das war´s für die Kliniksuche.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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2 Antworten zu Für Hilferufe nicht zuständig

  1. Frau Schulz schreibt:

    Guten Tag,
    ich bewundere Ihren Mut zu so großer Ehrlichkeit.
    Auch wir haben dieses Problem und stehen vor den Scherben unfähiger Eltern und Jugendamt.
    Mir stehen gerade die Tränen in den Augen.
    Nervlich gesehen sind nämlich auch wir Pflegeeltern völlig ausgebrannt und stehen kurz davor, zum Schutze unserer eigenen Kinder, unsere Pflegetochter in eine Einrichtung zu geben.
    Wie es aber nunmal so ist, ist unsere Zuständige vom Jugendamt im Urlaub. An dem Tag kann Sie nicht, den Tag hat sie frei, an diesem Tag hat sie früher Feierabend und so weiter und so weiter und soweiter.
    Ihren Hilfeschrei zu lesen, ist wie ein Spiegel.

    Alles Gute.

    • lehrergehrke schreibt:

      Hallo, Frau Schulz,
      danke für Ihre Anerkennung. Ich schreibe hier deshalb, weil ich finde, dass das Schicksal unserer Pflegekinder eine Öffentlichkeit erfahren muss. Es sind ja keine „ungezogenen Kinder“, sondern Kinder, die schon so viel Schlimmes hinter sich haben. Sie haben meiner Ansicht nach wirklich ein Recht auf kompetente Hilfe. Dazu gehört das Jugendamt als die verantwortliche Behörde direkt, aber auch indirekt durch die Vermittlung und Finanzierung von Hilfen.

      Darf ich Ihnen einige Tipps geben?

      Vertreten Sie Ihre Ansprüche offensiv! Wir sind als Pflegeeltern nicht der verlängerte Arm des Jugendamtes oder die Vertreter der leiblichen Eltern, sondern wir sind die Vertreter der Interessen unserer Pflegekinder. Das wird uns leider oft als Egoismus ausgelegt. Lassen Sie sich nicht davon beeindrucken.

      Suchen Sie sich Mitstreiter, wie es z.B. der Berliner Aktivverbund mit seinen Fachleuten und Pflegeeltern ist. Sie sind nicht allein.

      Und wenn Sie wirklich die Reißleine ziehen müssen, fühlen Sie sich nicht schuldig. Meistens ist man dennoch für das Kind da und die Sache geht weiter. Wenn sie meine Geschichte weiter lesen, werden Sie erfahren, dass ein Ende kaum abzusehen ist.

      Vielen Dank, dass Sie meine Geschichte lesen und viel Kraft für die Zukunft.

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