Die Flucht

Susann ist weg. Gegen halb zwei verlässt sie das Haus mit den Worten: „Ich bin jetzt weg.“ Was hat das zu bedeuten? In früheren, ähnlichen Ereignissen ist sie einmal durch den Garten oder um den Block gelaufen, kam dann wieder und war ganz entspannt. Wir hoffen, dass es diesmal wieder so ist.

Der Anlass verheißt nichts Gutes. Als wir Susanns Zimmer betreten, finden in dem Chaos aus zerrissenem Papier und auf dem Boden umherliegenden Kleidungsstücken in ihrem Rucksack eine Tafel Schokolade und eine Tüte Schokoladenbonbons, die sich Ruth im Wohnzimmer zurechtgelegt hatte, um sie mit zum Dienst zu nehmen. Sonst finden wir in Susanns Zimmer eine Schachtel mit halbierten Äpfeln, drei Bürsten von Jeannett und einen Kopfhörer von mir zwischen verdreckten Unterhosen.

Wie oft habe ich versucht, Susann dabei zu helfen, ihr Zimmer aufzuräumen und aufgeräumt zu halten. Es genügte, dass ich auf dem Bett saß und las oder wir uns unterhielten. Vergeblich. Keine Stunde hat es gedauert, und das Zimmer war wieder im Chaos. Wie chaotisch muss es in ihrem Kopf und ihrer geschundenen Seele aussehen! Ich wünschte, wir könnten für sie endlich Hilfe finden. Mein Entschluss steht fest: Ich werde jetzt die Kliniken, die ich recherchiert habe, anrufen und anschreiben. Es muss doch möglich sein, Hilfe zu organisieren!

Um halb vier rufe ich den Kindernotruf an. Die diensthabende Jugendamtsmitarbeiterin empfiehlt mir, die Polizei zu verständigen. Man rät mir, selber zu suchen, an den Orten, wo sie sich normalerweise aufhält. Jeannett und ich fahren zu ihrer besten Freundin und erfahren, dass beide zu einer dritten Freundin gegangen sind. Wir nehmen die Spur auf.

Die Mutter der Freundin ist nett. Sie hätte nicht gedacht, dass die beiden anderen zuhause nicht bescheid gesagt haben. Die drei sind jetzt auf einem Spielplatz.

Als sie wiederkommen, ist die Polizei auch schon da, um sich davon zu überzeugen, das alles ok ist. Susann hat nicht das geringste Schuldgefühl. Sie meint, sie hätte uns bescheid gesagt und wäre auch wieder nach Hause gekommen.

Ist das nur gutes Theater? Oder weiß sie nichts mehr über den Anlass? Es scheint so. Sie leugnet, die Süßigkeiten aus dem Wohnzimmer genommen zu haben. Sie kann sich nicht erinnern. Es ist wie immer. Sie tut etwas, kann sich nicht erinnern und fällt in ihre Schattenpersönlichkeit zurück, wenn sie mit den Tatsachen konfrontiert wird. Dann wird sie entweder aggressiv und tobt oder sie sitzt in sich gekehrt da und ist nicht ansprechbar. Wir sehen keinen Fortschritt in ihrer Entwicklung. Wir haben das Wissen, aber es fehlt uns kompetente, zielorientierte Hilfe.

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Über Sir Ralph

Spezialist für Englisch, Wirtschaftsenglisch, Lernmethoden und Motivation, Pflegekinder und -eltern, internationale Kontakte, passionierter Motorrollerfahrer // Expert in English and Commercial English, interested in foster parenting and international contacts and riding my 125cc scooter
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Eine Antwort zu Die Flucht

  1. lehrergehrke schreibt:

    Es kommt vor, dass Kinder es in ihrer Familie nicht mehr aushalten. Dann gehen sie einfach weg. Aber wohin?

    Das Abhauen kann verschiedene Gründe haben. In unserem Fall war es zeimlich Klar. Susann wollte uns vielleicht zeigen, dass wir nicht die einzigen Menschen in ihrem Leben sind. Und sie hatte keine Probleme damit, wieder mit uns nach Hause zu kommen.

    Häufig sind die Gründe aber andere. Vielleicht kommt es zu Gewaltszenen in der eigenen Familie. Oder die Kinder werden selbst misshandelt. Dann müssen sie einfach weg. Leider aber werden sie wieder in ihr Elternhaus gebracht, wenn man sie findet. Schlimmstenfalls beginnen sie ein Leben auf der Straße. Das ist die härteste aller Möglichkeiten.

    Auch ich bin von meinem Elternhaus „abgehauen“. Damals wurden wir erst mit 21 Jahren selbstständig. Meine Eltern konnten also noch bestimmen, wo ich wohnen sollte.

    Trotzdem war es für mich vergleichsweise einfach. Ich wandte mich an eine befreundete Sozialarbeiterin, erfuhr von einem Freund, dass ich bei ihm wohnen konnte, ich setzte mir einen Termin für den Umzug und informierte meine Eltern.

    Wer es vor der Volljährigkeit nicht mehr bei seinen Eltern aushält, sollte sich beim Sozialarbeiter melden. Diese Leute werden dafür bezahlt, dass sie eine Lösung finden, z.B. in einer Gruppe des Betreuten Wohnens. Es gibt alle möglichen Unterstützungen. Und so eine Lösung ist allemal besser, als nicht zu wissen, wo man hin soll. Eine andere Möglichkeit ist es natürlich, sich an Freunde oder Lehrer zu wenden, denen man vertraut.

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