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Eine vernünftige Lösung 14. Februar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pfleltern haben die Pflicht, über Gesundheitsfragen des Alltags ihrer Pflegekinder zu entscheiden. Anders als leibliche Kinder aber sind Pflegekinder manchmal nicht in der Lage oder gewillt, Dinge zu verrichten, die ihrer Gesundheit dienen. Das betrifft in unserem Fall die Mundhygiene, also das Zähneputzen, das besonders wichtig ist, wenn sie eine Zahnspange tragen.

Heute ist Termin bei der Kieferorthopädin. Sie will sich einen eindruck über den Fortschritt der Behandlung und des Zustandes der Mundhygiene verschaffen.

Jeannett ist zuerst dran. Als die Ärztin ihr in den Mund schaut, verfinstert sich ihr Gesicht. Mit einer Sonde fährt sie über die Oberfläche der Zähne und zeigt ihr den Belag, den sie abgenommen hat.

“Jetzt sieh dir das mal an”, spricht sie Jeannett an, “wann hast du dir das letzte Mal die Zähne geputzt?”

“Heute morgen”, antwortet Jeannett verschämt.

“Das kann gar nicht sein”, ereifert sich die Zahnärztin. “Diese Belege sind mindestens drei Tage alt.”

Jeannett kneift ihre Augen zusammen. Sie hat keine Möglichkeit, gegen die Fachfrau und ihre Methoden anzukommen.

“Es gibt nur eine Möglichkeit”, wendet sie sich erneut an Jeannett, “du musst unbedingt deine Zähne putzen, wenn du die Zahnspange behalten willst. Willst du das überhaupt und kannst du mir das versprechen?”

Jeannett blickt vor sich hin und schüttelt den Kopf.

“So geht das nicht”, spricht mich die Medinzinerin an, “dafür kann ich keine Verantwortung übernehmen.”

Und nach einer langen Pause, wohl eine Antwort von Jeannett erwartend, zu mir gewandt:  “Wir brechen jetzt hier die Behandlung ab.”

Und zu Jeannett gewandt: “Du brauchst nicht mehr zu kommen.”

Dann untersucht sie Susann.

“Viel besser sieht es bei dir auch nicht aus, aber etwas besser. Ich schlage vor, dass wir die Behandlung für einen Monat unterbrechen. Das lässt sich auch verlängern. Dann machen wir eine neue Diagnose und du bekommst eine neue Spange.”

Das ist herb. Jeannett scheint es gar nicht zu berühren. Susann bekommt schon mit, dass sie noch einmal eine Chance bekommen hat.

Traumatisierte Kinder haben das Problem, dass sie an Regelmäßigkeiten nicht gewöhnt sind und sich sogar aktiv gegen notwendige Verrichtungen wehren, selbst, wenn sie wissen, dass es ihnen schaden kann. Die Disziplin aufzubringen, die das Tragen einer Zahnspange verlangt, ist eine nahezu nicht zu erfüllende Forderung. Sie leben in den Tag hinein und der Tag an sich beinhaltet so viele Anforderungen und Unsicherheiten, dass eine Zahnspange völlig dahinter zurück tritt.

Für Susann ist die Lösung eine Chance. Es ist vernünftig, ihr noch etwas Zeit zu geben, um sich zu entwickeln. Der Abbruch der Behandlung bei Jeannett ist zwangsläufig. Sie verweigert sich. Sie fühlt sich fremdbestimmt. Kein Therapeut der Welt würde unter dieser Voraussetzung eine Behandlung beginnen oder fortsetzen.

Zahnspangen für unsere Kinder und das Sorgerecht 15. Juli 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Bei Pflegekindern ist vieles anders. Leibliche Eltern gehen mit dem Kind zum Kieferorthopäden, lassen eine Diagnose erstellen, bekommen einen Heil- und Kostenplan, und los geht´s!

Nicht so bei uns. Die Zahnärztin hat festgestellt, dass beide Mädel eine Zahnspange brauchen, um die Zähne zu richten. Wir bekommen also eine Überweisung. Damit gehen wir zum Kieferorthopäden und lassen eine Diagnose anfertigen.

An diesem Punkt ist aber erst einmal Schluss. Wir verfügen ja nicht über das Sorgerecht, das heißt, dass der Kindesvater jeder Behandlung zustimmen muss. Sollten wir diese Notwendigkeit einfach ignorieren, könnte jede Behandlung uns als Körperverletzung ausgelegt werden. Das wäre das allerletzte, was wir brauchen könnten.

Also teilen wir dem Jugendamt mit, dass eine kieferorthopädische Behandlung notwendig wird und fordern es auf, die Zustimmung zu erwirken. Da der Kindesvater seine Haftstrafe verbüßt, dürfte das nicht einfach werden.

Deshalb ergreifen wir die Gelegenheit und bringen die Übertragung des Sorgerechtes ins Spiel. Tatsächlich wäre es für uns eine gewaltige Erleichterung, wenn wir über die gesundheitlichen, schulischen und behördlichen Angelegenheiten unserer Kinder selbst schnell und unkompliziert selbst entscheiden könnten. Auch darüber zu bestimmen, wo sich unsere Pflegekinder aufhalten, wäre angesichts dessen, dass der Kindesvater sein Sorgerecht sowieso nicht ausüben kann, sinnvoll.

Monate vergehen, bis Frau Schilling, unsere Sachbearbeitern, uns grünes Licht gibt. Die Kieferorthopädiepraxis hat unsere Behandlungsakte bereits archiviert. Sie haben nicht mehr mit einem Beginn einer Behandlung gerechnet. Die Kieferorthopädin erklärt uns das Verfahren.

“Die Krankenversicherung zahlt 80% der Kassenleistungen, 20% sind Ihr Eigenanteil, den Sie an uns zahlen. Sie können den Eigenanteil jedoch nach der planmäßigen Beendigung der Behandlung von Ihrer Krankenkassen auf Antrag zurück erhalten. Sollte die Behandlung früher abgebrochen werden, z.B. wenn sich Ihre Töchter die Zähne nicht richtig putzen, ist das Geld weg!”

Dann legt mir die Ärztin eine Vereinbarung über sogenannte außervertragliche Leistungen vor, die die Krankenkasse nicht übernimmt. Siebenhundert Euro will die Praxis haben für Schmerzminderungsmaßnahmen, Kiefergelenksdiagnistik,ästhetische Optimierung des Gebisses und Schutz des Zahnschmelzes. Ich bin entsetzt.

“Diese Maßnahmen gehören zum heutigen Stand der Technik und sind Standard”, belehrt mich die Zahnärztin. “Wir können darauf nicht verzichten, ohne dass wir die notwendigen Qualitätsanforderungen verletzen würden.”

Warum, stellt sich mir die Frage, werden sie dann nicht von der Krankenversicherung bezahlt? Im Sozialgesetzbuch heißt es: “Die Leistungen müssen ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich sein; sie dürfen das Maß des Notwendigen nicht überschreiten.” Das heißt eindeutig: Die Maßnahmen, die man hier versucht, mir zu verkaufen, sind nicht notwendig, nicht zweckmäßig und zu teuer. Aber die Ärztin bleibt dabei: Keine Behandlung ohne Zusatzvereinbarung. Also nehme ich die Verträge und gehe. “Dazu muss ich zunächst Rücksprache mit dem Jugendamt halten”, erkläre ich. “Ich kann keine Zusatzvereinbarung unterschreiben, die wo möglich nicht finanziert wird.”

Die Kieferorthopädin versucht, die Ruhe zu bewahren, aber ich erkenne eine Zornesfalte zwischen ihren Augenbrauen.

“Gut, klären Sie das erst einmal ab.” Diskussion beendet.

Tags drauf rufe ich Frau Schilling an. Ich schildere ihr den Stand der Dinge.

“Das können wir natürlich nicht übernehmen”, entrüstet sie sich.” Wir übernehmen die Zuzahlungen, aber keine außervertraglichen Leistungen. Wenn die Praxis darauf besteht, müssen Sie entweder selbst für die Zusatzleistungen aufkommen oder Sie suchen sich eine Praxis, die nach Kassenstandard abrechnet.”

Das habe ich mir gedacht. Aber was ist, wenn die Zusatzleistungen wirklich zu einem besseren Ergebnis führen? Warum werden dann unsere Pflegekinder gegenüber anderen Kindern, deren Eltern es sich leisten können, benachteiligt?

Beim nächsten Termin mache ich klar, dass es eine Behandlung mit Zusatzleistungen nicht geben wird.

“Das Jugendamt hat mich eindeutig angewiesen, keine außervertraglichen Leistungen in Anspruch zu nehmen”, mache ich eindeutig klar.

Die Kieferorthopädin schaut mir mit sanftem Blick in die Augen.

“Wir haben uns entschieden, eine Ausnahme zu machen und die Behandlung nach Kassenstandard fortzusetzen”, säuselt sie gönnerisch. “Wir sollten die Behandlung also schnellst möglich beginnen.”

Also, geht doch. Allerdings muss ich dafür unterschreiben, dass ein erhöhtes Kariesrisiko besteht und das Kausystem überlastet werden kann und ich darauf verzichte, den Behandler dafür haftbar zu machen. Wenn es so weit ist, denke ich mir im Stillen, werden wir sehen, ob diese Regelung rechtlich in Ordnung ist.

Monate sind inzwischen vergangen. Auf der Weihnachtsfeier erklärt mir Frau Schilling nebenher:

“Wir brauchen noch ein Gutachten von einer unabhängigen Zahnärztin. Ich gebe Ihnen hier mal eine Adresse einer Vertrauensärztin, da vereinbaren Sie einen Termin und lassen das Gutachten erstellen.”

Ich glaube meinen Ohren nicht zu trauen. Da haben wir gekämpft bis zum Äußersten, um die Behandlung für unsere Mädchen zu erreichen und nun ein weiteres Hindernis.

“Welche gesetzliche Grundlage gibt es denn für diese Regelung?”, will ich wissen.

Frau Schilling wirkt verwirrt. “Es gibt kein Gesetz dafür, aber wir handhaben das so im Jugendamt.”

“Wenn es keine gesetzliche Grundlage gibt, gibt es auch kein Gutachten”, fahre ich sie an und lasse sie stehen.

Zwei Wochen später haben wir die schriftliche Genehmigung. Obwohl ich im Antrag an das Jugendamt vermerkt habe, dass wir von der Übernahme des gesamten Eigenanteils durch das Jugendamt ausgehen, ist dies nicht Teil der Vereinbarung.

Hoch traumatisierte Kinder sind zu Beginn einer Pflegschaft nicht einmal dazu fähig, die einfachsten Verrichtungen der Körperpflege zu vollziehen. Wochen hat Ruth gebraucht, um Susann beizubringen, wie man sich nach dem Toilettengang abputzt, damit nicht alles in der Hose landet. Ich helfe ihr bei der Anwendung ihres Athmasprays und erinnere sie mit Nahcdruck an die Anwendung. Nun sollen sie es hinkriegen, ihre Zähne so gründlich zu putzen, dass nichts in der Zahnspange hängen bleibt. Und wir als Pflegeeltern werden in die finanzielle Haftung dafür genommen, dass das über Jahre hinaus auch wirklich klappt.

Wir haben aus dieser Geschichte gelernt, dass Pflegekinder im Vergleich mit leiblichen Kindern in Maßnahmen, die ihre Gesundheit betreffen, benachteiligt sind. Sie bekommen eine Versorgung, die von schlechterer Qualität ist und selbst für diese schlechtere Versorgung muss man kämpfen. Es ist einfach nicht einzusehen, warum Pflegeeltern für diese Kosten einer qualitativ angemessenen Behandlung aufkommen sollen. Es gibt auch zu viele widersprüchliche Interessen, in denen Pflegeeltern sich für ihre Pflegekinder aufreiben.

Wir haben auch gelernt, wie wenig wir als Pflegeeltern eigentlich selbst entscheiden können. Das Recht, zu entscheiden hat jemand, der in der Haftanstalt sitzt, weit weg von seinen Kindern, der sie kaum noch kennt und nicht in der Lage ist, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Stattdessen ist denjenigen, die täglich mit den Kindern und ihren Bedürfnissen zu tun hat, verwehrt, die Maßnahmen einzuleiten, die ihrem Wohl nützen. Das Jugendamt macht keine Anstalten, uns vernünftigerweise bei der Übertragung des Sorgerechtes eine Hilfe zu sein. Es ist eine verkehrte Welt.

Der Rausschmiss 16. Dezember 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Es gibt Hilfeplangespräche, die sind gruselig für die Pflegeeltern. Es gibt Sachbearbeiter, die sehen Pflegeeltern nur als Dienstleister. Es gibt Hilfeplangespräche, in denen es nicht um das Kindeswohl geht, sondern nur um die leiblichen Eltern. Dies ist eins von denen.

Entgegen den Wünschen, die man wohl gehegt hat, haben wir eine dreistellige Kilometeranzahl zurück gelegt, um in der Einrichtung, die für Susann zuständig ist, am Hilfeplangespräch teil zu nehmen. Alle sind da: Frau Schwerdtfeger, Frau Gerster, die Therapeutin der Einrichtung, die Bezugserzieherin, Jeannett, die wir gegen den Willen Frau Schwerdtfegers mitgenommen haben, Ruth und ich. Darüber hinaus der für den Kindesvater und für Susann zuständige Sachbearbeiter des Jugendamtes, Herr Sadowczik. Nur einer ist nicht da: Der Kindesvater. Er ist krank.

Eine halbe Stunde warten Ruth, Jeannett und ich draußen im Kalten, während der Rest mit Susann redet. Dann werden wir eingelassen. Jeannett geht mit Susann in ihr Zimmer.

Herr Sadowczik ist ein hoch gewachsener, hagerer Mittdreißiger mit hagerem Gesicht und finsterer Miene.

Frau Schwerdtfeger beginnt in leisem Ton.

“Ich darf Ihnen Herrn Sadowczik vorstellen, den neuen Sachbearbeiter des zuständigen Jugendamtes. Er wird das Gespräch leiten. Entsprechend des KJHG ist die Zuständigkeit für Susann auf das Jugendamt xxx übergegangen.”

Das hat System. Der Überraschungseffekt. Alles, was bisher beschlossen worden ist, hat offensichtlich keine Gültigkeit mehr.

Herr Sadowczik eröffnet das Gespräch.

“Ich möchte klar stellen, dass Sie am nächsten Hilfeplangespräch nicht mehr teilnehmen werden.”

Ruth ist empört.

“Warum sollten wir nicht mehr teilnehmen?” , stößt sie hervor.

Herr Sadowczik sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl. Sein Kopf ist leicht nach hinten gelehnt. Er signalisiert: Beißt mich doch! Ich fürchte euch nicht. Ich bin das Alphatier.

“Weil ich Sie nicht mehr einladen werde.”

Die durch Arroganz des Sachbearbeiters erfüllte eisige Atmosphäre ist körperlich spürbar.

Ich spüre, wie mein Blut beginnt, zu kochen. Dennoch bemühe ich mich, Ruhe zu bewahren.

“Lassen Sie mich klar stellen. dass die Zusammensetzung der Teilnehmer an diesem Gespräch nicht den Auflagen des Amtsgerichts in seiner Entscheidung über das Sorgerecht entspricht. Dem entsprechend sind zu Hilfeplangesprächen Fachkräfte wie Therapeuten und fachkundige Beistände hinzu zu ziehen. Darüber hinaus wird im letzten Hilfeplan unsere Beteiligung an der weiteren Hilfeplanung als wichtig und notwendig und für Susann als bedeutsam erachtet. Außerdem ist nicht einsichtig, warum Jeannett nicht am Hiilfeplangespräch beteiligt sein sollte, wenn sie doch die leibliche Schwester ist.”

Ich nehme wahr, dass meine Stimme leise, aber scharf klingt. Die Antwort kommt prompt.

“Sie sind nicht mehr Verfahrensbeteiligte und nicht mehr zuständig. Sie sind nicht mehr die Pflegeeltern. Sie waren es doch, die das Kind in Obhut gegeben haben!”

“Moment mal.”, wende ich ein. “Wir haben das Recht auf Besuchskontakte, wie alle leiblichen Eltern auch. Wir wollen Besuchskontakte. Voraussetzung ist allerdings, dass die Einrichtung die Umstände, die zur Inobhutnahme geführt haben, aufarbeitet, damit solche Kontakte gelingen können. Wir erwarten schon, dass Besuchskontakte auch mit Susann gemeinsam vorbereitet werden.”

Ich wende mich an die Therapeutin. “Ist das geschehen? Wir hatten nicht den Eindruck.”

Die Therapeutin antwortet mit einem leisen “Ja, sicher.”

Ich lege nach.

“In wie weit hat das denn statt gefunden und was waren die Ergebnisse? Was wird denn dafür getan, Susanns multiple Traumatisierung und ihr dissoziatives Verhalten aufzuarbeiten? Spätestens nach dem Ereignis bei meiner Schwägerin müsste da ja etwas passiert sein.”

Jetzt wird sie lauter. “Glauben Sie, ich würde Ihnen die Ergebnisse meiner Therapiesitzungen hier bekannt geben? Sie haben nicht das Recht dazu, das zu fordern. Schließlich müsste der Kindesvater ja auch zustimmen!”

Der ist ja zum Glück nicht da…

“Uns würde auch interessieren, ob Susann inzwischen einem Lungenfacharzt vorgestellt worden ist. Susann ist asthmatisch und muss, wie Sie wissen, regelmäßig auf ihre Lungenfunktion hin überprüft werden.”

Das ist wohl recht peinlich. “Das haben wir in jedem Falle vor, wir haben nur noch keinen Termin”, beteuert die Bezugserzieherin.

Jetzt bin ich so richtig schön in Schwung.

“Und was ist mit der Anpassung der Zahnspange? Gibt es da auch keinen Termin?”

“Wir haben das im Blick”, rechtfertigt sie sich erneut. “Wir haben schon einen Termin gemacht.”

“Was ist mit Susanns Dyskalkulie, die vom Schulamt diagnostiziert wurde und für die Frau Schwerdtfeger bereits Maßnahmen genehmigt hat? In wie weit wird das fortgesetzt?”

“Wir haben keine Schwierigkeiten beobachten können, die darauf hin deuten”, ist die einfache, bestechende Antwort.

“Warum bekommt Susann zu Besuchskontakten keine Krankenkassenkarte mit? Wie sollen wir ioder andere nachweisen, dass sie sichberechtigter Weise bei uns aufhält, wenn sie kein Personaldokument bei sich hat? Ist sie eigentlich an unserem Wohnsitz inzwischen ab- und bei Ihnen angemeldet?”

Keine Antwort, nur peinliches Schweigen.

Der coole Herr vom Jugendamt kommt jetzt aus der Reserve. Das ist ihm nun doch zuviel, was wir uns da anmaßen.

“Ich finde das unverschämt, wie sie die Einrichtung hier kritisieren! Dazu haben Sie kein Recht!”, bellt er. “Sie sind nur egoistisch!”

Jetzt reicht es mir.

“Unverschämt ist Ihre Art, mit uns zu reden. Wir haben heraus gefunden, dass Susann mehrfach traumatisiert ist, nicht das Jugendamt. Wir haben eine Therapie eingeleitet und uns um eine spezielle Traumatherapie bemüht. Wir haben Kontakte zu Kliniken aufgenommen. Wir haben Seminare besucht, um unsere Pflegekinder zu verstehen. Wir haben sie in der Schule unterstützt und ihre Gesundheit gefördert. Un Sie nennen uns egositisch?”

Wieder lehnt er sich zurück und zeigt uns seinen Hals.

“Das war gar nicht ihr Job”, schleudert er uns entgegen. “Sie können ja versuchen, gerichtlich Einfluss auf das Hilfeverfahren zu nehmen. Sie werden keinen Erfolg haben. Sie sind nämlich keine Verfahrensbeteiligte. Und was die Besuchskontakte angeht: Susann weigert sich, Sie zu sehen.”

Ich gebe nicht auf.

“Wie stellen Sie sich dann die Kontakte zu ihrer Schwester vor?”

“Da das Geschwisterkind noch bei Ihnen wohnt, haben Sie die Möglichkeit, über diese Besuchskontkte mit zu entscheiden, in Absprache mit dem zuständigen Jugendamt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich beide Geschwister in Berlin treffen und zusammen etwas unternehmen. Sie muss Sie als ehemalige Pflegeeltern ja nicht besuchen.”

Was ist mit Weihnachten, will ich wissen.

Die Bezugserzieherin antwortet.

“Weihnachten ist die Einrichtung geschlossen. Susann wird zu ihrem Vater beurlaubt.”

“Ist das nicht mit erheblichen Gefahren verbunden?”, will ich wissen. “Haben Sie in Erwägung gezogen, dass Susann retraumatisiert wird? Schließlich ist der leibliche Vater zugleich die traumatisierende Person.”

“Das lassen Sie mal unsere Sorge sein”, wehrt Sadowczik ab.

Dann werden die Kinder eingelassen.

Jeannett ist völlig überfordert.

“Willst du deine Schwester sehen?”

“Jaaa.”

“Wie wäre es denn wenn ihr euch in Berlin treffen würdet?

“Jaaa”

“Würdest du auch mal hinfahren?”

“Jaaa”

Ende der Veranstaltung. Alle sind peinlich berührt. Unterkühlte Verabschiedung.

Für uns ist es das Fiasko, der Rausschmiss schlechthin. Kindeswohl kam in dieser Veranstaltung nicht vor. Stattdessen Zuständigkeiten, Machtspiele, Aggressionen, Ungereimtheiten. Es ist das Ende unseres Einflusses.

Niemand dieser “Fachleute” scheint sich Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet, wenn ein traumatisiertes Kind seinem Peiniger erneut gegenüber tritt. Stattdessen das eigene Wohl, die Einsatzplanung der Einrichtung.

Niemand will sich vorstellen, was passiert, wenn Susann ihren Zug nicht bekommt. Niemand bedenkt, was passiert, wenn Susann in Berlin in Jeannetts Beisein in einem Kaufhaus etwas mitgehen lässt und beide erwischt werden. Sie weigern sich, das Risiko zu erkennen, weil sie es nicht kennen. Jeder kann sich vorstellen, wer einspringen muss, wenn etwas schief geht. Eigentlich sind wir raus aus der Verantwortung. Können wir das durchhalten?

Sind wir Schuld an allem, was schief geht, weil wir nicht durchgehalten haben? Es ging nicht. Aber dass es einmal so kommt, hätten wir uns nicht träumen lassen.

Susann ist bei uns 12. Juni 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Was für ein Tag. Wir sind voller Erwartung, aber auch nervös. Susann besucht uns zum ersten Mal, seit sie uns verlassen hat. Anlass ist ein Termin beim Kieferorthopäden, um endlich die Zahnspange einzusetzen.

Gegen Mittag kommt Susann an; es ist ein schöner, sonniger Tag. Sie macht eine völlig entspannten Eindruck, als ich sie vom Bahnhof abhole.

Dann fahren wir zum Kieferorthopäden. Hier geschieht das Unglaubliche. Eine neue Zahnspange gibt es nicht, da die Kontrolle des Sitzes und der Mundhygiene nicht sicher gestellt sei. Es sei besser, an ihrem Wohnort eine Zahnspange anzupassen und die Kontrole dort vorzunehmen.

Na gut. Irgendwie ist das schon verständlich. Aber wäre diese Erkenntnis nicht früher zu haben gewesen? Schließlich halte ich diese Leute für Fachleute, die für ihren Beruf lange studiert haben. Oder ist es bloß das Unverständnis für die besondere Situation in unserer Familie oder gar Ignoranz?

Als wir wieder zu Hause sind, sind Jeannett und Ruth auch schon da. Es gibt ein ordentliches Mittagessen. Die Worte, die gewechselt werden, sind kurz und unverbindlich. Was soll man sich erzählen?

Susann zieht sich aus der Affäre. Sie bittet darum, eine alte Schulkameradin besuchen zu dürfen. Warum nicht, denke ich mir. Wir waren nicht darauf vorbereitet, etwas Großes zu veranstalten; schließlich wußten wir ja nicht, wie lange die Behandlung beim Kieferorthopäden dauert. Man hatte uns eine Zeitspanne von bis zu zwei Stunden angekündigt.

Nachdem ich Susann zur Bahn gebracht und in den Zug gesetzt hatte, sitzen Ruth, Jeannett und ich noch etwas zusammen und lassen den Tag Revue passieren. Jeannett ist aufgeregt und irritiert.

“Susann hat wieder nur im Mittelpunkt gestanden!”, ereifert sie sich. “Und als es ihr zu viel war, hat sie sich aus dem Staub gemacht. Ich finde das nicht richtig!”

Jeannetts Reaktion zeigt ihre ganze Betroffenheit. Sie fühlt sich bei uns in Sicherheit, vielleicht erstmals nachdem wir Susann in Obhut gegeben haben. Jetzt schürt Susanns Besuch die Befürchtung, alles könnte wieder so werden wie früher, als wir um Susann kämpften. Wir müssen ihr jetzt Stütze sein und ihr zeigen, dass der Schwerpunkt auf ihrem Wohlergehen liegt.

Es lässt mir keine Ruhe. Ich weiß, wie traumatisiert Susann ist, und ich kenne ihre Reaktionen. Warum muss sie morgen unbedingt beim Hilfeplangespräch dabei sein? Also rufe ich, nachdem wir mit Jeannett den Abend mit einem Spiel Stadt-Land-Fluss haben ausklingen lassen  noch in der Einrichtung an.

“Ich rufe nochmal wegen des morgigen Hilfeplangespräches in unserem Jugendamt an”, versuche ich das Gespräch einzuleiten. “Ist es unbedingt nötig, dass sie ihren Vater dort wiedersieht? Schließlich hat sie ihn Jahre lang nicht gesehen, seitdem er inhaftiert wurde.”

Fachbegriffe wie “Retraumatisierung” bemühe ich mich nach Kräften, zu vermeiden.

Keine Reaktion auf der anderen Seite.

“Meinen Sie nicht, dass es für Susann vielleicht schlecht wäre, mit ihm dort konfrontiert zu werden? Wir kennen die Reaktionen, die sie in Stresszuständen zeigt.”

“Wir haben das jetzt so beschlossen”, ist die nüchterne Antwort, die keinerlei Empathie zeigt.

Ich bohre weiter. “Ist Susann denn auf die Situation vorbereitet worden?”

Stille. Getuschel. Peinlichkeit, die man durch das Telefon spüren kann.

Schließlich nach langem Zögern und Schweigen: “Jaja, sie ist vorbereitet worden.”

Schweigen.

Dann die Frage. “War noch was?”

Es klang eher wie: “Warum legen Sie nicht auf? Wieso haben Sie überhaupt angerufen?”

Da war doch noch was. Jahre der Vernachlässigung, der Gewalt, der ständigen Ängste des Kindes um das eigene Leben. Das Misstrauen allen Erwachsenen gegenüber. Aber es scheint nicht in das Betreungskonzept zu passen und auch nicht in die Denkweise der Jugendämter. Die Pflegekinder haben beim Hilfeplangespräch anwesend zu sein. Basta.

Wir befürchten für morgen das Schlimmste und hoffen zugleich, dass es nicht eintritt.

Zumutungen und andere Probleme 10. Juni 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Wohngruppe? Die ehemaligen Pflegeeltern rufen an, ganz einfach!

So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Wir dachten, es gibt ein natürliches Interesse daran, mit uns zusammen zu arbeiten. Haben wir nicht über Jahre hinweg genug Erfahrung? Könnten wir nicht etwas beitragen?

Also rufe ich an. Ein Problem haben wir wenigstens weniger. Susann wird über den Kindesvater versichert, das steht fest. Nur hat die Sache einen Haken: Es gibt noch keine Versicherungskarte!

Ein weiteres Problem scheint gelöst zu sein. Es gibt einen Termin für die Eingliederung der Zahnspange bei uns. Also wird Susann uns in der nächsten Woche besuchen. Das erste Mal nachdem wir sie in Obhut gegeben haben. Ruth und Jeannett sind jetzt schon nervös. Aber durch die Supervision sind wir gut vorbereitet. Ob das auch für Susann gilt? Wir jedenfalls wollen gestaltete Besuche, die zielführend sind, die Situation auszuhalten und nicht wieder eskalieren zu lassen. Die Einrichtung scheint sich keiner Probleme bewußt. Sie kommt uns eben besuchen, und aus!

So nebenbei erfahre ich, dass Susann auch am Hilfeplangespräch in der nächsten Woche teilnehmen wird. Das sei so entschieden. Es sei auch ganz normal. Sie wird zu diesem Anlass ihren leiblichen Vater wiedersehen, der sie vernachlässigt und misshandelt hat. Wie wird das sein? Was wird sie fühlen?

Der Erzieher ist verdutzt, als ich sie mit der Möglichkeit der Retraumatisierung konfrontiere. Er scheint das Wort noch nie gehört zu haben und keine Vorstellung davon zu haben. Er eröffnet mir, dass der Vater Susann auch besuchen wird; geplant ist ein Zeitraum von vier bis sechs Wochen.

Ich fasse es nicht. Wir haben Susann in Obhut gegeben, damit Fachleute sich um sie kümmern und ihr helfen können. Was ich hier erlebe, ist Naivität, Unwissenheit, fehlende Empathie. Es ist eine Zumutung, einen Menschen unvorbereitet mit seinem ehemaligen Peiniger zu konfrontieren. Es wird Menschen zugemutet, ihre traumatische Vergangenheit wieder zu erleben. Dabei geht es um die Erfüllung der Buchstaben des Gesetzes. Der Vater hat das Sorgerecht, er hat das Besuchsrecht, und basta! Wer will schon wissen, was dem Kind schadet, wer will schon wissen, was Kindeswohl heißt.

Termin geplatzt – keine Lösung in Sicht 18. Mai 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Manchmal muss man sich fragen, ob es noch Profis gibt, oder ob wir nur noch Spielball von undurchdachten Entscheidungen sind.

Es war irgend eine Eingebung, die mich dazu bewegt hat, vorsichtshalber in der Kieferorthopädiepraxis anzurufen. Ich hatte für Freitag einen Termin für Susann gemacht, um ihre Zahnspange einzugliedern. Heute ist Mittwoch. Die Einrichtung, in der Susann lebt, weiß Bescheid.

Wir hatten ausgehandelt, dass Susann nicht nach den üblichen Zuzahlungen leisten muss. Das Jugendamt hätte sie nicht übernommen, sondern nur die Kassenleistungen. Der Sinn ist ohnehin zweifelhaft.

Als ich mich erkundige, wann ich mit Susann erscheinen sollte, herrscht zunächst Stille im Telefon. Dann:

“Wir haben keinen Termin für Susann am Freitag.”

“Wir hatten das doch aber so besprochen!”, wende ich ein.

“Mit wem haben Sie das denn besprochen?”

Ob in der Praxis auch die Putzfrau ans Telefon gehen darf?

“Da müssen wir einen neuen Termin machen, und ein Termin wird da auch nicht reichen. Es müssen mindestens zwei Termine sein, im Abstand von einer Woche.”

Offensichtlich haben die Praxismitarbeiter nicht begriffen, dass sich Susann jetzt ein paar hundert Kilometer entfernt wohnt. Großes Unverständnis, als ich einwende, ich müsste das erst mit den zuständigen Erziehern absprechen. Aber auch da gibt es Dienstpläne, die Bezugserzieherin ist nicht erreichbar und die anderen können oder wollen keine Entscheidung treffen.

Termin geplatzt und keine Lösung des Problems in Sicht.

Sicher, es ist nicht einfach, zu verstehen, was da im Moment bei uns passiert. Vor allem für Leute, die keine Vorstellung davon haben, welche Probleme eine solche Übergangssituation mit sich bringt, haben dafür auch kein Verständnis. Für sie sind das wohl alles eben chaotische Familienverhältnisse.

Uns bleibt nur eine Möglichkeit: Weiter kämpfen, alles versuchen zusammen zu führen. Dass Susanns Inobhutnahme erst der Anfang von allem ist, war mir schon immer klar.

Übergang im Chaos 5. Mai 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Susann ist keine Woche in der heilpädagogischen Einrichtung, und schon zeigen sich die ersten Schwierigkeiten. Der Übergang scheint nicht so einfach wie gedacht zu verlaufen.

Wer ist  beispielsweise für die Krankenversicherung zuständig? Da sie nicht mehr bei uns wohnt und nicht mehr in unseren Haushalt gehört, ist sie bei uns auch nicht mehr krankenversichert. Wie die Einrichtung wohl jetzt mit Arztbesuchen verfährt?

Aus der Erfahrung wissen wir, dass solche Unklarheiten zu sehr peinlichen Situationen führen können. So kam es nur durch Zufall heraus, dass Susann schon einmal nicht versichert war. Damals war sie bei ihrem Vater versichert. Bei einem Anruf bei der Krankenkasse stellte sich heraus, dass diese Susann als Familienversicherte nicht mehr geführt wurde. Der Grund lag darin, dass der Vater eine Haftstrafe verbüßte und somit nicht mehr gesetzlich, sondern über den öffentlichen Dienst versichert war.

Glücklicherweise hat meine Krankenversicherung sehr flexibel reagiert und Susann in meine Familienversicherung aufgenommen. Susann war damit auch rückwirkend für alle medizinischen Leistungen versichert.

Die Krankenkasse sagt mir auch, dass das Programm für Susanns chronische Asthmaerkrankung nicht mehr fortgesetzt werden kann, da sich vor Ort kein Arzt befindet, der das Programm fortführt.

Die Kieferorthopädische Praxis ist irritiert von Susanns Umzug. Die Zahnärztin schlägt vor, die bereits angefertigte Zahnspange auch hier bei uns einsetzen zu lassen. Wir vereinbaren einen Termin zum Einsetzen der Zahnspange in einer Woche. Susann muss dafür herkommen. Das bedeutet zwei Stunden Zugfahrt.

Für uns ist es immer wieder unfassbar, wie wenig Institutionen über Pflegefamilien wissen, wie sie Pflegeverhältnisse einordnen sollen und wie damit zu verfahren ist. Zuweilen schlägt uns blankes Unverständnis entgegen.

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