Advent und Weihnachten 7. Juni 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Advent, buter Teller, Eigentum, Entwenden, Geschenke, konfisziert, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Sozialisation, Traumakinder, vernachlässigte Kinder, Versorgerkind, Verwandte, Weihnachten
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Advent und Weihnachten ist die Zeit der Gemütlichkeit, des Kerzenscheins, alles ist harmonisch, die Familie trifft sich. Es gibt Bratäpfel und Gans, abgesehen von den Tonnen von Süßigkeiten. Das ist genau das Richtige für Pflegekinder, um mit Zucker ihre schlimmen Erfahrungen vergessen zu machen.
Es ist das erste Weihnachten bei uns. Aber auch eine Zeit, um unsere Traumakinder besser kennen zu lernen. Sie sind sehr verschieden.
Ruth bastelt für alle einen Adventskalender, für die Kinder eine Hängeampel mit vielen Dingen, auch Süßigkeiten, aber überwiegend netten Dingen für die Schule, Söckchen, alles, was schön ist und manchmal auch praktisch, eben ganz besondere Sachen.
Jeannett ist sehr gewissenhaft. Sie öffnet immer nur das Päckchen, das am jeweiligen Tag dran ist und hebt alles auf, auch die Süßigkeiten, behält sie bis weit ins neue Jahr hinein. Susann aber reißt alle Päckchen auf, verstreut sie im Kinderzimmer, verschlingt sofort alle Süßigkeiten und überfällt auch mal den süßen Teller. Sie kann einfach nichts liegen lassen, muss alles sofort haben oder aufessen. Ruth ist entsetzt, hat sie sich doch so viel Mühe gegeben. Alles Erklären, die Hilfestellung. jeden Morgen nur das Päckchen zu öffnen, das dran ist, nutzt nichts.
An Weihnachten gibt es viele schöne und praktische Dinge, auch was vom Wunschzettel, wie z.B. den neuen Kaufmannsladen. Jeannett ordnet ihre Geschenke genau nach Wichtigkeit. Die Süßigkeiten tut sie in eine Schüssel und bringt sie ins Kinderzimmer. Susann dagegen verliert bald das Interesse an ihren Geschenken. Die Süßigkeiten sind am nächsten Morgen vertilgt und die anderen Geschenke liegen im Wohnzimmer verstreut herum. In den nächsten Tagen bedient sie sich immer wieder an Jeannetts Buntem Teller, so lange bis er alle ist. Jeannett ist zornig und beschimpft ihre Schwester. Schon an den Feiertagen führt das zu einer explosiven Atmosphäre, die wir nur dadurch entschärfen können, dass wir Jeannett ab und zu etwas Süßes zustecken. Auch Susanns verbliebene Süßigkeiten haben wir konfisziert und teilen ihr nun zu, was sie von Verwandten und Bekannten bekommt. Alles Reden, alle Appelle nützen nichts.
In diesen Tagen lernen wir viel. Wir wissen, dass Susann kein Verhältnis zum Eigentum in einer Familie hat. Wir erfahren, dass wir ihr schöne Dinge zuteilen müssen. Und wir haben erfahren, dass Susann auch vor dem Eigentum der Familie nicht Halt macht. Wir werden uns darauf einstellen.
Vernachlässigte Kinder besitzen keine innere Instanz, die ihnen vermittelt, dass das Eigentum anderer nicht angerührt werden darf. Sie nehmen alles und sehen es als ihr Eigentum an. Diese Kinder sind nicht böse oder schlecht. Es fehlt ihnen einfach ein Stück Sozialisation. Für Jeannett als Versorgerkind war es immer wichtig, darauf zu achten, dass ihr Dinge nicht weggenommen wurden, die sie mit Susann teilen konnte. Susann musste sich nehmen, was verfügbar war. Sonst hätte sie nicht überleben können. Das alles erfahren wir aber erst später.
Für den Moment sind wir einfach nur enttäuscht und entsetzt.
Hintergründe 17. Februar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Anbahnung, Besuchskontakt, blauäugig, Dauerpflege, Gefängnisstrafe, gewarnt, Hilfeplan, Jugendamt, Kindesmutter, Kindesvater, Lieblingstochter, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Sauftouren, Trauma, Weihnachten
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Heute sind wir zum Jugendamt eingeladen. Es geht um die Biografie der beiden Mädel und um die Hintergründe der Vermittlung. Wir sitzen in einem weiß getünchten Raum mit zwei Schreibtischen und einem Besprechungstisch. Mit uns sind Frau Wehrmann, die für Susann und Jeannett zuständige Sachbearbeiterin und die für den Kindesvater zuständige Frau Süßberg.
“Wie war der erste Kontakt?”, will Frau Wehrmann wissen. Wir berichten unsere ersten Eindrücke. Und wir sind gespannt, was uns die beiden zu berichten haben.
Beide Mädel sind schon seit längerem beim Jugendamt bekannt. Sie sind offensichtlich von ihrer Familie häufig allein gelassen worden, so dass Jeannett, die Lieblingstochter des Kindesvaters, auf ihre Schwester aufpassen und öfter Nahrung besorgen musste. Sehr zeitig schon trennte sich die Kindesmutter von der Familie. Der Vater war häufig auf Sauftouren unterwegs. Ab und zu tauchte auch die Mutter auf, um mitzusaufen. Die Kinder spielten für sie keine Rolle.
Auch wurden die Kinder eines Morgens um zwei in Frankfurt, mitten im Vergnügungsviertel in Begleitung zweier Männer von der Polizei aufgegriffen und zum Kindesvater zurück gebracht. Der beteuerte, es sei alles in Ordnung und er habe davon gewusst.
Letztes Weihnachten, als die Familie für wenige Monate wieder vereint war, geschah das Ungeheure. Der Vater versucht, die Mutter in Anwesenheit der Kinder umzubringen. Die Kinder, die auf Besuchskontakt in der Familie sind, werden von der Polizei zurück ins Heim gebracht.
Von nun an ist klar, dass eine Stabilisierung der Familie mit der Option der Rückführung nicht mehr in Frage kam. Der Kindesvater ist zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er zu verbüßen hat. Dies führte nun dazu, dass Pflegeeltern für eine Dauerpflege gesucht wurden.
Wir haben die Möglichkeit, Einblick in die Hilfepläne zu bekommen. Es ist die Rede von Alpträumen und Einnässen bei Susann und tiefer Verschlossenheit bei Jeannett. Auch wurde Susann dabei beobachtet, dass sie sich ganz ungeniert sexuell stimuliert. Polizeiberichte jedoch liegen nicht vor.
Zu diesem Zeitpunkt können wir noch nicht ahnen, was auf uns zu kommt. Wie viel Energie wir aufwenden müssten, wie viel Wissen wir uns aneignen müssten. Trauma, Dissoziation, Vernachlässigung, Lolita-Syndrom sollten Worte werden, die uns ständig begleiteten. Wir waren absolut blauäugig und niemand hat uns gewarnt.
Konkurrierende Familien 30. Januar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Aggression, Aufladung, Familie, Handy, leibliche Eltern, Mittelpunkt, orientierungslos, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pflegetochter, Weihnachten, Wohngruppe
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Bekommt die leibliche Familie erst einmal Einfluss auf die Pflegefamilie, ist eine Konkurrenz unausweichlich. Das erfahren wir heute gerade.
Jeannett telefoniert mit ihrer leiblichen Familie. Susann ist dort angekommen. sie hustet asthmatisch.
“Die rauchen hier alle so viel.”, erklärt sie uns.
Jeannett und Susann erzählen sich gegenseitig, was sie zu Weihnachten bekommen haben. Dabei scheint es uns so, als ob sie sich gegenseitig übertreffen wollen. Susann hat immerhin ein Handy samt Karte erhalten. Zwar hat Jeannett schon lange ein Handy, aber es ist ein Unterschied. Sie hat mein altes, noch völlig funktionsfähiges Handy und eine Prepaid-Karte dazu und bekommt alle drei Monate eine Aufladung von 15 Euro. Wenn sie mehr telefonieren will, gibt sie mir 5 Euro und bekommt dann die nächste Aufladung schon nach zwei Monaten. Susann verfügt über nicht genug Geld, um es aufladen zu können. Dass vergisst Jeannett gern, wenn sie sich darüber beschwert, dass ihr Handy nicht so hipp ist.
Susann erwähnt leise, dass sie von uns ja nichts zu Weihnachten bekommen hätte. Sie hat vergessen, dass sie von uns ein Buch bekommen hat. Die Weihnachtsfeier in der Wohngruppe war ja schon Anfang Dezember. Kein Wunder, dass sie es nicht mehr mit Weihnachten in Verbindung bringt…
Tags drauf wird Jeannett Sigrid, unserer ältesten Pflegetochter gegenüber aggressiv. Ich hab Sigrid von ihrem Wohnort 350 km weit entfernt am Heiligen Abend mit dem Auto abgeholt. Sie musste bis 14 Uhr arbeiten und hat nicht genug Geld, um sich die Fahrt zu leisten. Jeannett hat das sehr genau bemerkt.
“Ich habe genau gehört, dass du mit Mama und Papa über mich geredet hast!”, fährt sie sie an.
Jeannett leidet darunter, dass sie auf einmal nicht mehr allein im Mittelpunkt steht. So hat sie sich das wohl nicht vorgestellt. Sicher glaubt sie, dass ihr das in ihrer leiblichen Familie nicht passieren würde. Und sie möchte in ihrer leiblichen Familie auch eine gewichtige Rolle spielen. Es beginnt eine Zeit, in der sie orientierungslos zwischen ihren beiden Familien hin und her gerissen wird. Wie sich das äußert und was das für das nächste Jahr bedeutet, können wir jetzt noch nicht einmal erahnen.
Besuche, Konkurrenz und die Ergänzungspflege 26. Januar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Besuchskontakt, Familiengericht, fernsteuern, Handy, Kindesvater, Lauerstellung, leibliche Eltern, misshandelt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, pflegeverhältnis, Stallgeruch, Vermögenssorge, vernachlässigt, Weihnachten, Wohngruppe
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Weihnachten naht, und es ist die Zeit der Besuche. Für Pflegekinder ist das immer besonderer Stress, besonders, weil die leiblichen Eltern sich wieder ihrer Kinder erinnern, die sie zuvor misshandelt und vernachlässigt haben – gerade so, als seien sie ihr Eigentum.
Susann soll für drei Tage über Weihnachten bei ihrem leiblichen Vater verbringen. Wie wird sie das aushalten, mit ihrem einstigen Peiniger zu verbringen? Wir haben die ärgsten Befürchtungen, aber wir werden nicht mehr gefragt. Es steht fest. Der Kindesvater hat angekündigt, ihr ein Handy mit Karte zu schenken. Das lockt natürlich. Und außerdem ist es sehr praktisch, dass der Kindesvater sie nun Tag und Nacht fernsteuern kann. Geschickt geplant. Und wir sind alle sehr gespannt, was daraus werden soll.
Für Jeannett bedeutet das natürlich schärfste Konkurrenz. Susann wird zuerst die Wohnung, die Familie und den neuen Wohnort ihres Vaters kennenlernen, ein Vorsprung, den Jeannett wohl nicht lange dulden wird.
Zunächst aber versucht es Jeannett damit, dass sie den Einfluss auf ihre Schwester behält und ausbaut. Sie will sie besuchen, aber es fehlt ihr der Mut, dort zu übernachten.
“Ihr bringt mich aber hin und seid immer in der Nähe, falls etwas schief geht”, fleht sie uns an. Das bedeutet für uns: Jederzeit in Lauerstellung verharren, falls ein Anruf kommt: “Holt mich hier ab, ich halt´s nicht mehr aus!” Wir sind dazu bereit.
Heute kommt eine Nachricht vom Familiengericht. Man beabsichtigt, mich als Ergänzungspfleger für die Vermögenssorge beider Kinder einzusetzen. Ich habe für sie die Opferentschädigung beantragt und der Sorgerechtsprozess, in dem dem Kindesvater die Vermögenssorge entzogen worden ist, ist über ein Jahr her. Seitdem habe ich alles aufgewendet, um wenigstens die Vermögenssorge zu bekommen. Noch ist nichts entschieden.
Ein neues Problem deutet sich an. Durch das Wiederauftauchen des Kindesvaters, nachdem er seine Haftstrafe verbüßt hat, entsteht neuer Zündstoff zwischen den Schwestern. Susann sucht sich neue Bezugspersonen, und sie befindet sich gegenüber Jeannett im Vorteil. Das bringt eine völlig neue Situation in unser Pflegeverhältnis. Wie drückt es Frau Gerster aus: “Der Stallgeruch zieht!”
Macht euch keine Sorgen! 8. Januar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Aufmerksamkeit, Besuchskontakt, Kindesvater, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Retraumatisierung, Verantwortung, Weihnachten, Wendepunkt
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Auf einmal soll alles vorbei sein. Jahre lang haben wir uns um Susann gesorgt. Wir haben sie verteidigt, sie unterstützt, versucht, ihre seelischen Schmerzen zu lindern. Wir haben getan, was wir für richtig und wichtig hielten. Nun sind uns die Hände gebunden.
Wieder ist es Frau Sommer, die uns eine neue Perspektive eröffnet.
“Sie müssen jetzt daran arbeiten, Abstand zu gewinnen”, leitet sie die Sitzung ein.
Ich protestiere heftig. “Das wird nicht passieren, nicht nach fast sechs Jahren!”
“Nein, nein, Susann steht nicht mehr im Mittelpunkt. Sie können ihr nicht mehr helfen”, wendet sie ein. “Jeannett braucht jetzt Ihre volle Aufmerksamkeit. Das ist genau was sie wollte, und Sie haben es zugelassen. Und jetzt muss sie erleben, dass Sie sich immer noch um Susann kümmern. Sie hat jetzt das Anrecht auf Ihre Aufmerksamkeit.”
Ich überlege. Das stimmt. Wie sagte Jeannett am Tag des Wendepunktes: “Entweder die geht oder ich.” Natürlich war da auch ein Stück Eigennützigkeit dabei. Von da ab konnte sich Jeannett sicher sein, nicht zu kurz zu kommen. Es war für sie die Garantie, immer im Mittelpunkt zu stehen.
In diesem Moment, mit diesen Worten hat Frau Sommer mir das Gefühl genommen, mich verantwortlich zu fühlen dafür, was mit Susann passiert. Wir brauchen uns nicht mehr zu sorgen. Susann muss jetzt selbst entscheiden.
Aber was ist mit dem Besuch von Susann zu Weihnachten bei ihrem Kindesvater? Es gibt viele Risiken. Da ist allein die lange Zugfahrt. Was ist, wenn sie einen Zug verpasst? Wird sie retraumatisiert werden, wenn sie auf den Menschen trifft, der ihr Leben ins Chaos gestürzt hat?
Frau Sommer hat eine einfache Antwort.
“Es ist nicht Ihre Verantwortung! Machen Sie sich keine Sorgen!”
So einfach ist das natürlich alles nicht. Natürlich sind wir besorgt. Aber was viel wichtiger ist: Wir müssen jetzt die Entwicklung aus Jeannetts Position betrachten. Was macht das alles mit Jeannett? Wie wird sie reagieren? Welche Wende in Jeannetts Entwicklung wird das alles einleiten?
Nach einem Jahr werden wir viel schlauer sein.
Eine krasse Idee? 2. Januar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Abstand, Adventskalender, Gewissheit, Hilfeplangespräch, Jugendamt, krasse Idee, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Stalking, Therapie, Weihnachten
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Wenn man so richtig hilflos ist, kommen einem die krassesten Ideen. Susann ist in dieser Einrichtung und wir wissen nicht richtig, wie es ihr geht. Warum sollte man nicht mal mit den Gedanken spielen?
Ich habe die Idee, ab und zu mal an den Ort zu fahren, an dem Susann untergebracht ist und sie zu beobachten, wie es ihr geht. Niemand kann mir verwehren, mich an irgend einem Ort aufzuhalten und ich hätte endlich Gewissheit. Ich könnte gegebenenfalls eingreifen. Es würde mich einfach beruhigen, sie zur Schule gehen zu sehen oder zu wissen, was sie nachmittags alles macht, ob die Therapie regelmäßig stattfindet. Es wäre wie die Arbeit eines Detektives.
“Das kannst du nicht machen”, ereifert sich Ruth. “das ist Stalking. Du bringst dich in Schwierigkeiten.”
Okey, vielleicht ist die Idee doch nicht so gut. Aber wir werden darauf bestehen, mindestens zweimal im Jahr mit Susann Umgang zu haben, darauf haben wir ein Recht. Susann soll es uns ins Gesicht sagen, wenn sie das nicht will.
“Lass uns erst mit Frau Gerster darüber sprechen”, wendet Ruth ein. “Vielleicht hat sie noch eine andere Idee.”
Also fahren wir anderen Tags zum Jugendamt und sprechen mit Frau Gerster. Auch sie war mit dem Hilfeplangespräch nicht einverstanden, sieht aber im Moment keine Möglichkeiten.
“Susann will Sie nur im Moment nicht sehen, das kann sich bald ändern”, sagt sie uns. “Es ist eine Phase des Abstandes, die man ihr auch zugestehen sollte.”
Während des Hilfeplangespräches stellte Ruth die Frage “Was ist mit Weihnachten?” Susann hat diese Frage offensichtlich als eine Einladung zu uns aufgefasst und sehr heftig darauf reagiert. Sie hätte nicht erwartet, dass Ruth diese Frage stellt, sagte sie. Und immer wieder stellt sie die Frage, wie das gemeint war. Für uns ist jedoch klar: Sie wird Weihnachten nicht mit uns verbringen. Das Risiko ist zu groß.
Dann kommt mir eine andere Idee, die auch wirklich durchführbar ist. Ich möchte Susann zeigen, dass wir an sie denken und sie zu uns gehört. Also beschließen wir, ihr einen Adventskalender zu schicken und eines jener Kultbücher für Jugendliche als Weihnachtsgeschenk. Ich finde es auch wichtig, der Einrichtung zu zeigen, dass wir Susann auch jetzt nicht aufgeben, sondern den Kontakt halten, auch zur Einrichtung.
Es wird uns nichts weiter übrig, als die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist. Wir werden andere Wege suchen müssen, um mit Susann in Kontakt zu bleiben. Dabei wird Jeannett eine Schlüsselposition zukommen.
Der Rausschmiss 16. Dezember 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Arroganz, Überraschungseffekt, Beistand, Besuchskontakt, Bezugserzieherin, dissoziatives Verhalten, Dyskalkulie, egoistisch, Fachleute, Hilfeplan, Hilfeplangespräch, Hilfeverfahren, Inobhutnahme, Jugendamt, Kindesvater, Kindeswohl, KJHG, Krankenlassenkarte, leibliche Eltern, Lungenfunktion, multiple Traumatisierung, Obhut, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Rausschmiss, Retraumatisierung, Schuld, Sorgerecht, Therapeutin, Therapiesitzung, Traumatherapie, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Verfahrensbeteiligte, Weihnachten, Wohnsitz, Zahnspange
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Es gibt Hilfeplangespräche, die sind gruselig für die Pflegeeltern. Es gibt Sachbearbeiter, die sehen Pflegeeltern nur als Dienstleister. Es gibt Hilfeplangespräche, in denen es nicht um das Kindeswohl geht, sondern nur um die leiblichen Eltern. Dies ist eins von denen.
Entgegen den Wünschen, die man wohl gehegt hat, haben wir eine dreistellige Kilometeranzahl zurück gelegt, um in der Einrichtung, die für Susann zuständig ist, am Hilfeplangespräch teil zu nehmen. Alle sind da: Frau Schwerdtfeger, Frau Gerster, die Therapeutin der Einrichtung, die Bezugserzieherin, Jeannett, die wir gegen den Willen Frau Schwerdtfegers mitgenommen haben, Ruth und ich. Darüber hinaus der für den Kindesvater und für Susann zuständige Sachbearbeiter des Jugendamtes, Herr Sadowczik. Nur einer ist nicht da: Der Kindesvater. Er ist krank.
Eine halbe Stunde warten Ruth, Jeannett und ich draußen im Kalten, während der Rest mit Susann redet. Dann werden wir eingelassen. Jeannett geht mit Susann in ihr Zimmer.
Herr Sadowczik ist ein hoch gewachsener, hagerer Mittdreißiger mit hagerem Gesicht und finsterer Miene.
Frau Schwerdtfeger beginnt in leisem Ton.
“Ich darf Ihnen Herrn Sadowczik vorstellen, den neuen Sachbearbeiter des zuständigen Jugendamtes. Er wird das Gespräch leiten. Entsprechend des KJHG ist die Zuständigkeit für Susann auf das Jugendamt xxx übergegangen.”
Das hat System. Der Überraschungseffekt. Alles, was bisher beschlossen worden ist, hat offensichtlich keine Gültigkeit mehr.
Herr Sadowczik eröffnet das Gespräch.
“Ich möchte klar stellen, dass Sie am nächsten Hilfeplangespräch nicht mehr teilnehmen werden.”
Ruth ist empört.
“Warum sollten wir nicht mehr teilnehmen?” , stößt sie hervor.
Herr Sadowczik sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl. Sein Kopf ist leicht nach hinten gelehnt. Er signalisiert: Beißt mich doch! Ich fürchte euch nicht. Ich bin das Alphatier.
“Weil ich Sie nicht mehr einladen werde.”
Die durch Arroganz des Sachbearbeiters erfüllte eisige Atmosphäre ist körperlich spürbar.
Ich spüre, wie mein Blut beginnt, zu kochen. Dennoch bemühe ich mich, Ruhe zu bewahren.
“Lassen Sie mich klar stellen. dass die Zusammensetzung der Teilnehmer an diesem Gespräch nicht den Auflagen des Amtsgerichts in seiner Entscheidung über das Sorgerecht entspricht. Dem entsprechend sind zu Hilfeplangesprächen Fachkräfte wie Therapeuten und fachkundige Beistände hinzu zu ziehen. Darüber hinaus wird im letzten Hilfeplan unsere Beteiligung an der weiteren Hilfeplanung als wichtig und notwendig und für Susann als bedeutsam erachtet. Außerdem ist nicht einsichtig, warum Jeannett nicht am Hiilfeplangespräch beteiligt sein sollte, wenn sie doch die leibliche Schwester ist.”
Ich nehme wahr, dass meine Stimme leise, aber scharf klingt. Die Antwort kommt prompt.
“Sie sind nicht mehr Verfahrensbeteiligte und nicht mehr zuständig. Sie sind nicht mehr die Pflegeeltern. Sie waren es doch, die das Kind in Obhut gegeben haben!”
“Moment mal.”, wende ich ein. “Wir haben das Recht auf Besuchskontakte, wie alle leiblichen Eltern auch. Wir wollen Besuchskontakte. Voraussetzung ist allerdings, dass die Einrichtung die Umstände, die zur Inobhutnahme geführt haben, aufarbeitet, damit solche Kontakte gelingen können. Wir erwarten schon, dass Besuchskontakte auch mit Susann gemeinsam vorbereitet werden.”
Ich wende mich an die Therapeutin. “Ist das geschehen? Wir hatten nicht den Eindruck.”
Die Therapeutin antwortet mit einem leisen “Ja, sicher.”
Ich lege nach.
“In wie weit hat das denn statt gefunden und was waren die Ergebnisse? Was wird denn dafür getan, Susanns multiple Traumatisierung und ihr dissoziatives Verhalten aufzuarbeiten? Spätestens nach dem Ereignis bei meiner Schwägerin müsste da ja etwas passiert sein.”
Jetzt wird sie lauter. “Glauben Sie, ich würde Ihnen die Ergebnisse meiner Therapiesitzungen hier bekannt geben? Sie haben nicht das Recht dazu, das zu fordern. Schließlich müsste der Kindesvater ja auch zustimmen!”
Der ist ja zum Glück nicht da…
“Uns würde auch interessieren, ob Susann inzwischen einem Lungenfacharzt vorgestellt worden ist. Susann ist asthmatisch und muss, wie Sie wissen, regelmäßig auf ihre Lungenfunktion hin überprüft werden.”
Das ist wohl recht peinlich. “Das haben wir in jedem Falle vor, wir haben nur noch keinen Termin”, beteuert die Bezugserzieherin.
Jetzt bin ich so richtig schön in Schwung.
“Und was ist mit der Anpassung der Zahnspange? Gibt es da auch keinen Termin?”
“Wir haben das im Blick”, rechtfertigt sie sich erneut. “Wir haben schon einen Termin gemacht.”
“Was ist mit Susanns Dyskalkulie, die vom Schulamt diagnostiziert wurde und für die Frau Schwerdtfeger bereits Maßnahmen genehmigt hat? In wie weit wird das fortgesetzt?”
“Wir haben keine Schwierigkeiten beobachten können, die darauf hin deuten”, ist die einfache, bestechende Antwort.
“Warum bekommt Susann zu Besuchskontakten keine Krankenkassenkarte mit? Wie sollen wir ioder andere nachweisen, dass sie sichberechtigter Weise bei uns aufhält, wenn sie kein Personaldokument bei sich hat? Ist sie eigentlich an unserem Wohnsitz inzwischen ab- und bei Ihnen angemeldet?”
Keine Antwort, nur peinliches Schweigen.
Der coole Herr vom Jugendamt kommt jetzt aus der Reserve. Das ist ihm nun doch zuviel, was wir uns da anmaßen.
“Ich finde das unverschämt, wie sie die Einrichtung hier kritisieren! Dazu haben Sie kein Recht!”, bellt er. “Sie sind nur egoistisch!”
Jetzt reicht es mir.
“Unverschämt ist Ihre Art, mit uns zu reden. Wir haben heraus gefunden, dass Susann mehrfach traumatisiert ist, nicht das Jugendamt. Wir haben eine Therapie eingeleitet und uns um eine spezielle Traumatherapie bemüht. Wir haben Kontakte zu Kliniken aufgenommen. Wir haben Seminare besucht, um unsere Pflegekinder zu verstehen. Wir haben sie in der Schule unterstützt und ihre Gesundheit gefördert. Un Sie nennen uns egositisch?”
Wieder lehnt er sich zurück und zeigt uns seinen Hals.
“Das war gar nicht ihr Job”, schleudert er uns entgegen. “Sie können ja versuchen, gerichtlich Einfluss auf das Hilfeverfahren zu nehmen. Sie werden keinen Erfolg haben. Sie sind nämlich keine Verfahrensbeteiligte. Und was die Besuchskontakte angeht: Susann weigert sich, Sie zu sehen.”
Ich gebe nicht auf.
“Wie stellen Sie sich dann die Kontakte zu ihrer Schwester vor?”
“Da das Geschwisterkind noch bei Ihnen wohnt, haben Sie die Möglichkeit, über diese Besuchskontkte mit zu entscheiden, in Absprache mit dem zuständigen Jugendamt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich beide Geschwister in Berlin treffen und zusammen etwas unternehmen. Sie muss Sie als ehemalige Pflegeeltern ja nicht besuchen.”
Was ist mit Weihnachten, will ich wissen.
Die Bezugserzieherin antwortet.
“Weihnachten ist die Einrichtung geschlossen. Susann wird zu ihrem Vater beurlaubt.”
“Ist das nicht mit erheblichen Gefahren verbunden?”, will ich wissen. “Haben Sie in Erwägung gezogen, dass Susann retraumatisiert wird? Schließlich ist der leibliche Vater zugleich die traumatisierende Person.”
“Das lassen Sie mal unsere Sorge sein”, wehrt Sadowczik ab.
Dann werden die Kinder eingelassen.
Jeannett ist völlig überfordert.
“Willst du deine Schwester sehen?”
“Jaaa.”
“Wie wäre es denn wenn ihr euch in Berlin treffen würdet?
“Jaaa”
“Würdest du auch mal hinfahren?”
“Jaaa”
Ende der Veranstaltung. Alle sind peinlich berührt. Unterkühlte Verabschiedung.
Für uns ist es das Fiasko, der Rausschmiss schlechthin. Kindeswohl kam in dieser Veranstaltung nicht vor. Stattdessen Zuständigkeiten, Machtspiele, Aggressionen, Ungereimtheiten. Es ist das Ende unseres Einflusses.
Niemand dieser “Fachleute” scheint sich Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet, wenn ein traumatisiertes Kind seinem Peiniger erneut gegenüber tritt. Stattdessen das eigene Wohl, die Einsatzplanung der Einrichtung.
Niemand will sich vorstellen, was passiert, wenn Susann ihren Zug nicht bekommt. Niemand bedenkt, was passiert, wenn Susann in Berlin in Jeannetts Beisein in einem Kaufhaus etwas mitgehen lässt und beide erwischt werden. Sie weigern sich, das Risiko zu erkennen, weil sie es nicht kennen. Jeder kann sich vorstellen, wer einspringen muss, wenn etwas schief geht. Eigentlich sind wir raus aus der Verantwortung. Können wir das durchhalten?
Sind wir Schuld an allem, was schief geht, weil wir nicht durchgehalten haben? Es ging nicht. Aber dass es einmal so kommt, hätten wir uns nicht träumen lassen.
Nicht unter dem Weihnachtsbaum!? 13. Mai 2010
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Adventskranz, Anbahnung, Besuchskontakt, Eingewöhnung, Emotionen, Jugendamt, Kindesmutter, Kindeswohl, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pflegschaft, Plätzchen, Tannenbaum, Vermittlungsversuche, Weihnachten
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Die Anbahnung mit unseren beiden zukünftigen Pflegekindern macht Fortschritte. Ursprünglich war ein Besuch der Kinder in Begleitung einer Erzieherin in unserem Hause geplant. Und wir sind froh darüber, dass wir die Kinder abholen dürfen, obwohl aus dienstlichen Gründen keine Erzieherin zur Begleitung zur Verfügung steht.
Es ist ein Samstag kurz vor Weihnachten. Wir backen Plätzchen, trinken Kakao und lassen die Kerzen am Adventskranz brennen. Was für eine Stimmung! So als wäre es noch nie anders gewesen. Der Geruch von Gewürzen, Tanne, Kaffee und Kakao, das Halbdunkel…
Als es so weit ist, dass sie den Heimweg antreten sollen, fragen sie uns mit erwartungsvollem Blick, ob sie nicht bei uns bleiben könnten.
Wenn wir jetzt im Heim anrufen würden, stünden die Chancen vielleicht nicht schlecht dafür, dass die beiden bei uns übernachten könnten. Aber wollen wir das wirklich? Es sind gerade drei Wochen her, dass wir uns kennen. Nach unserer Erfahrung und den Berichten anderer Pflegeeltern wissen wir, dass zu schnell entstandene Pflegeverhältnisse eben so schnell scheitern. Es braucht Zeit, um sich gegenseitig kennen zu lernen und an einander zu gewöhnen und den Alltag u gestalten. Bei unserer ersten Pflegetochter hat die Anbahnung mehrere Monate gebraucht. Und ebenso wissen wir, mit welchen Emotionen der Heilige Abend und das Weihnachtsfest behaftet ist. Was, wenn die Gefühle durchbrechen und wir die Kinder zurück bringen müssten?
Ruth formuliert es so:
Pflegekinder sind kein Weihnachtsgeschenk, die man eben mal so unter den Tannenbaum legen kann.
Also schreiben wir dem Jugendamt:
Perspektivisch stellen wir uns vor, unser Verhältnis zu den Kindern weiter zu festigen. Wir stellen uns dafür eine Phase von ein bis zwei Monaten vor. In diesem Zeitrahmen könnten Beurlaubungen aus der Einrichtung zur Eingewöhnung in unsere Familie genutzt werden. Dazu würden sich Ferienzeiträume wie die Zeit zwischen den Weihnachtsfeiertagen und dem Jahreswechsel besonders eignen. Die zwei ersten Februarwochen könnten je nach Fortschritt der Anbahnung einen Übergang in die Pflegschaft bilden. Diese Form der behutsamen Anbahnung würde für die Kinder zu einem reibungslosen Übergang in die Pflegefamilie führen, so dass die Eingewöhnung wenig Probleme verursachen würde.
Das war wohl eben so professionell wie verkehrt. Als wir uns im Heim melden, um die Besuchstermine für Weihnachten und die nächsten Monate klar zu machen, sagt uns die Heimleitung kurz angebunden, dass es keine weiteren Kontakte geben würde. Die Kindesmutter hätte der Überführung der Kinder in eine Pflegefamilie nicht zugestimmt.
Monate später erfahren wir von Pflegeeltern aus unserem Kreis, dass der Heimleitung die Anbahnung nicht schnell genug gegangen wäre und wir wohl kein Interesse an den Kindern hätten. Wir erfahren auch, dass wir nicht die ersten und letzten Vermittlungsversuche gewesen sind.
Jugendämter sind schon merkwürdige Institutionen. Sie sind ausgestattet mit einer enormen Entscheidungsmacht und zögern zugleich, Recht und Gesetz umzusetzen. Sie bestimmen über Beginn und Ende von Pflegeverhältnissen und sollen dabei das Wohl der von ihnen betreuten Kinder berücksichtigen.
In unserem Fall sind Zweifel wohl angebracht, ob die wiederholten Vermittlungsversuche den Kindern gut getan haben. Aus der Absicht, die Kinder möglichst schnell los zu werden, wurde offenbar nichts.
Traumaweihnacht 15. Januar 2010
Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.Tags: Chaos, de-eskalieren, Emotion, emotionale Bindung, Entbehrung, Entwenden, Flashback, Jugendamt, Lebensgefahr, Misstrauen, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Professionalität, Reinszenierung, Schluchzen, Sozialisation, Trauma, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Traumaweihnacht, Vertrauen, Volkssturm, Weihnachten, Weihnachtsfest, Weltkrieg
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Weihnachtszeit ist Traumazeit in unserer Familie. Die Zeit, in der für jedes einzelne Familienmitglied Bilder entstehen, die wir in unseren Köpfen haben, die Teil der Persönlichkeit sind und die uns geprägt haben. Die Zeit, mit der so unendlich viele Erwartungen verbunden sind, Stimmungen und Vorstellungen. Nicht nur für unsere Kinder gibt es traumatische Erlebnisse, die mit der Weihnachtszeit verknüpft sind.
In meinem Elternhaus war Weihnachten immer eine Zeit des Überflusses, ja, fast könnte man sagen, der Völlerei. Es gab Gans am ersten Feiertag, es wurde Wein getrunken, die Familie saß beisammen, immer waren unsere Großeltern, Tanten und Onkel dabei, die bunten Teller quollen vor Süßigkeiten über. Alle kannten nur ein Thema: Die Entbehrungen des Weltkrieges. Die Geschichte über die Zeiten der Gefangenschaft meines Vaters, nachdem sein Minensuchboot im Ärmelkanal von Briten torpediert wurde und von denen die verheilten tiefen Narben an seinen Armen und Beinen beredtes Zeugnis ablegten, kannten wir auswendig. Die Zeiten der Flucht meiner Mutter erst aus Paris vor den heran nahenden alliierten Truppen und dann aus Berlin vor der Sowjetarmee aus Angst vor Vergewaltigungen haben sie tief geprägt.
Mir fehlte als Jugendlicher angesichts der Hungersnot in Biafra und des Vietnamkrieges jedes Verständnis für solche Feste. Als Kind wusste ich, dass Familie an einem solchen Tag zusammen gehört, dass es harmonisch und romantisch war, das alle Kriegsbeile begraben wurden. Ich weiß heute, wie stark der Krieg meine Eltern traumatisiert hat und dass das Weihnachtsfest ein Freudenfest war, an dem man sich alles leisten konnte, was es früher nicht gab und das die Wunden heilte.
Ruth hat, wie jeder, ihre eigenen Erfahrungen mit dem Weihnachtsfest. Ihr Vater brachte in konstanter Regelmäßigkeit die Weihnachtsgans als ersten Preis vom Preisskat mit nach Hause. Der Weihnachtsbaum wurde im Wald gefällt und beim Förster gekauft. Er wurde von ihrem Vater geschmückt und niemand durfte ihn sehen, bevor das Werk vollendet war. Die Familie war beisammen und so manches Mal musste Vater, der Eisenbahner war, an den Feiertagen hinaus, um Weichen und Gleise vom Schnee und Eis zu beseitigen. Auch er hat sein Trauma im Krieg erlebt, als er als 15-Jähriger zum „Volkssturm“, dem letzten Aufgebot der nationalsozialistischen Diktatur an der Ostfront, eingezogen wurde und im April 1945 sehen musste, wie er seinen Heimweg über Hunderte von Kilometern durch ein in Schutt und Asche liegendes Land fand.
Und dennoch: Es gab intakte Familienbande, oft Helfer in der Not und die Geschichten aus dem Krieg klingen alle erstaunlich positiv und es gab irgendwie immer eine Wende zum Besseren. Besonders die Familien der damaligen Bundesrepublik und dem Westen Berlins genossen die wieder erlangte Freiheit und den Wohlstand und hatten kein Verständnis für die Generation der „Achtundsechziger“, die politische und moralische Vorstellungen ihrer Eltern so vehement kritisierten.
Weihnachten für unsere beiden Pflegekinder ist dagegen immer wieder eine Zeit der Erinnerung an das Schlimmste, was ihnen je passierte. Es geschah mitten in ihrer Familie, die sich zum Weihnachtsfest versammelt hatte. Schon damals war klar, dass die Eltern nicht in der Lage waren, die beiden Kinder zu versorgen. Das Jugendamt vertraute aber darauf, die Familie zu stabilisieren. Deshalb beurlaubte man sie für die Festtage aus dem Heim in ihre Familie.
Jeannet sitzt mit Susann in der Küche und spielt. Plötzlich ein Streit. Der Vater brüllt, Mutter schreit hysterisch, sie fällt zu Boden, überall ist Blut. Vater schließt sich auf der Toilette ein, sein Schwager tritt gegen die Tür, er versucht, seine Schwester zu rächen. Ein unglaubliches Chaos. Die Kinder kommen hinzu, Susann wirft sich vor die Toilettentür, wird von ihrem Onkel getreten, bevor er sich umwendet und seiner am Kopf verletzten Schwester zu Hilfe eilt. Jeannett, die für ihre Schwester schon in mancher Situation eintreten musste und weiß, was sie in scheinbar aussichtslosen Situationen zu tun hat, hat sich schon den Weg zum Telefon gebahnt und die Polizei benachrichtigt.
Es dauert zwanzig lange Minuten. Sie scheinen wie eine Ewigkeit. Die blutende Mutter am Boden, die Kinder und ihr Onkel neben ihr. Der Vater noch immer verschanzt. Endlich klingelt es. Wieder ist es Jeannett, die die Initiative ergreift und die Tür öffnet. Männer in weißen Jacken und Hosen stürmen herein, versorgen die Verletzte und tragen sie hinaus. Keine Lebensgefahr. Es soll das letzte Mal, dass sie diese Wohnung betritt.
Nach den Sanitätern folgt die Polizei. Sie fordern Verstärkung an. Die erste Mannschaft nimmt Vater und Onkel mit. Die zweite kümmert sich um die Kinder. Jeannett stellt ungerührt fest: „Ich will wieder ins Heim. Da sind wir sicher.“ Susanns verzweifeltes Schreien ist in ein leises Schluchzen übergegangen. Sie ist tagelang nach dem Ereignis nicht mehr ansprechbar. Jeannetts Augen haben sich in kleine Schlitze verwandelt, aus denen sie die Umwelt mit misstrauischen Augen betrachtet. Ihr Mund ist schmal, ihr Gesichtsausdruck hart und ernst. Es dauerte Jahre, bis er sich änderte.
Jeannett und Susann haben ein Schicksal erlitten, das uns als Pflegeeltern so völlig unvorstellbar ist. Es dauerte Jahre des Einfühlens und der Erfahrung, bis wir uns eine ungefähre Vorstellung von den Folgen machen konnten, die ihre Persönlichkeit beeinflussen. Wen wundert es, dass unsere Kinder Erwachsenen nicht mehr vertrauen? Für uns heißt das, uns Stück für Stück ihr Vertrauen zu erarbeiten und zu verdienen. Sie müssen erfahren, dass wir für sie da sind, bedingungslos ihre Interessen vertreten und uns für sie einsetzen.
Für Jeannett ist es nicht einfach, dies zu akzeptieren. Sie war immer diejenige, die Susann beschützen musste und für sie gesorgt hat, wenn ihre Eltern als Versorger ausfielen. Sie meint in jeder Situation zu wissen, was sie zu tun hat und was für sie am besten ist. Es fällt ihr schwer, zu akzeptieren, Rat anzunehmen und zuzugeben, wenn sie falsch liegt. Nach den Erfahrungen, die sie gemacht hat, verwundert das nicht.
Susanns Misstrauen ist hilflos. Sie verweigert sich, sie versorgt sich durch Entwendungen, sie provoziert, um die Loyalität der erwachsenen Bezugspersonen zu testen. Häufig tauchen bei ihr die Bilder auf, die sie an Situationen der Vernachlässigung und der Gewalt erinnern. Sie kann dann die Realität und ihre Flashbacks nicht mehr auseinander halten. Und sie reinszeniert Situationen, die ihr bekannt sind, aber unter denen sie so sehr leidet. Es ist wie ein Teufelskreis.
Weihnachten ist mit vielen Erwartungen besetzt. Der Harmonie, die wir Pflegeeltern kennen und gerne hätten, stehen die Erfahrungen unserer Pflegekinder entgegen. Unsere Vorstellungen und die harmonische Situation tun ihnen einerseits auch gut und sie möchten sie ebenso genießen. Andererseits macht Harmonie und Familienglück sie orientierungslos, so dass sie alles dafür tun, die ihnen bekannte Situation, unter der sie so gelitten haben, wieder herzustellen.
Wenn Susann ihren Adventskalender innerhalb von zwei Tagen leer räubert, fragen wir uns, warum sie das tut, und es berührt uns emotional. Können wir es schaffen, es als ein Unvermögen zu betrachten, Vorhandenes einzuteilen und Verfügbares nicht aufzuheben, die Spannung zu ertragen, die darin liegt? Seien wir ehrlich: Solches Verhalten widerspricht unserer Sozialisation und unseren Normen. Es verlangt verdammt viel Toleranz, damit umzugehen und viel Selbsterkenntnis, die in der konkreten Situation nicht immer präsent ist.
Wir wissen: Als Pflegeeltern haben wir die Aufgabe, unseren Pflegekindern zu zeigen, dass wir sie annehmen, mit allen Erfahrungen und allem Anderssein, auch wenn wir es uns nicht immer erklären können. Wir müssen ihnen zeigen, dass sie willkommen sind.
Dabei brauchen Pflegeeltern Hilfe. Gerade in der Weihnachtssituation müssen sie stark sein. Ob Jugendämter und Therapeuten davon wissen? Ob sie bereit sind, Unterstützung zu gewähren?
Es wird viel von Professionalität in der Pflege von traumatisierten Kindern gesprochen. Heißt Professionalität einfach das Ausschalten von Emotionen und der eigenen Sozialisation? Kann das gelingen? Oder entstammt dieser Anspruch der Realität der Ämter und Heime? Kommt er daher, wo es für Mitarbeiter überlebenswichtig ist, Abstand zu wahren, um nicht berufliche Probleme mit in die Freizeit zu nehmen, damit die Erholung vom Arbeitsalltag gelingt?
Pflegeeltern haben keinen Feierabend. Sie sind jede Sekunde ihres Lebens mit der Traumatisierung ihrer Pflegekinder konfrontiert. Professionalität heißt hier: Sich das Verhalten der Pflegekinder erklären können und blitzschnell zu de-eskalieren, um Situationen nicht ausufern zu lassen. Ist diese Aufgabe lösbar?
A propos Professionalität von Ämtern und Weihnachten:
Aus einer Einladung eines Jugendamtes zu einer Weihnachtsfeier:
„Auch dieses Jahr möchten wir wieder eine Weihnachtsfeier durchführen.“
Wie war eigentlich die Durchführung Ihres Weihnachtsfestes dieses Jahr?