Geburtstagsnachfeier in Hameln 18. September 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Abendessen, Bescherung, Bindung, Bindungserfahrungen, emotionale Bindung, Familie, Frühstück, Geburtstag, grillen, harmonisch, Hula-Hupp-Reifen, Püppchen, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Puppe, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Verantwortung, Verwandte
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Wenn jemand an seinem Geburtstag krank ist oder er mitten in der Woche liegt, feiert man ihn nach. Und jeder, der das tut, befindet sich in der guten Gesellschaft der englischen Königin, die ihren Geburtstag, der mitten im Winter liegt, regelmäßig im Sommer nachfeiert.
Warum also sollen wir Susanns Geburtstag, der so missglückt ist, nicht nachfeiern? Die Szenerie ist harmonisch. Wir fahren nach Hameln und treffen Ruths Familie. Schon im Auto sind Jeannett und Susann voller hoffnungsfroher Erwartung.
“Ich freu mich so”, strahlt sie,” das ist viel besser als mein richtiger Geburtstag, wenn alle da sind, Oma, Tante Sarah und Tante Erika.”
Als wir ankommen, gibt es erst einmal ein großes Abendessen mit allem, was wir aus Hameln kennen: Mettwurst, Hackepeter oder “Feuerwehrmarmelade”, wie sie dort für die Kinder heißt, Schmalz und Knackwurst aus der Dose. Man erzählt sich die neuesten Geschichten aus der Familie, die Kinder hören gespannt zu. Dann folgt die große Bescherung für Susann. Oma hält für Susann einen unten Hula-Hupp-Reifen als Geschenk bereit. Susann probiert ihn sofort , als hätte sie vorher nie etwas anderes getan. Von Tante Erika, die trotz ihres hohen Alters noch fit ist, gibt es einen selbst gestrickten Pullover, von Tante Sarah eine neue Puppe, zu der Tante Erika aus den Wollresten ein paar Röckchen und Pullover gestrickt hat. Susann strahlt vor Freude.
“Wie soll denn nun dein Püppchen heißen?”, fragt Tante Erika neugierig. Susann überlegt einen Moment.
“Sie soll Sarah heißen”, schießt es dann aus ihr heraus. Alle applaudieren anerkennend, selbst Jeannett, und Tante Sarah wird etwas rot im Gesicht.
“Ich bin schon müde”, meldet sich Jeannett, “ich geh ins Bett.”
“Ich auch” stimmt Susann lächelnd zu, beide verabschieden sich brav und verschwinden auf den Dachboden, wo sie, wenn es im Frühling schon warm ist und sie so gern nebeneinander auf den Matratzen schlafen.
Am nächsten Tag gibt es ein Frühstück für alle mit Schinken und Eiern. Die Mädels bekommen zur Feier des Tages einen großen Becher Kakao und er kann nachgefüllt werden. Auch Oma, der das Haus gehört, ist guter Dinge. Sie streift durch den Garten, genießt die Sonne und hat eine gute Idee.
“Wollen wir nicht mal grillen, so wie es Opa immer in der Laube gemacht hat?”, fragt sie mich. “Ich habe da noch ein paar Würstchen und etwas Grillfleisch im Kühlschrank.” Klar stimme ich zu.
Als es auf Mittag zu geht, wird der Grill angeheizt, der in der offenen Laube steht. So wie es Opa immer machte, als er noch lebte. Ich bin stolz, seine Rolle übernehmen zu dürfen. Jeannett und Susann stehen dabei.
“Darf ich auch mal ein paar Würstchen wenden” , fragt sie mich. “Au ja, ich auch!”, schaltet sich Susann ein. “Klar, Jeannett wendet die Würstchen und Susann die Fleischscheiben. Aber seid vorsichtig, es ist heiß.”
Vorsichtig, aber ziemlich professionell tun sie ihre Arbeit und strahlen ob der Verantwortung, die sie übertragen bekommen haben. Nach kurzer Zeit beginnen sie gemeinsam damit, den Tisch in der Laube zu decken. Alle versammeln sich wieder und ich versorge sie mit dem Grillgut. Natürlich gibt es Pommes rot-weiß für die Kinder. Sie sind entzückt.
Nachmittags beschließen wir, die Frühlingssonne zu genießen. Wir schlendern in die Altstadt, wo das Denkmal des Rattenfängers steht und das alte Rathaus unsere Bewunderung auf sich zieht. Danach gehen wir an der Weser spazieren. Die Kinder tollen herum und freuen sich an der Sonne.
Wieder zu Hause, gibt es Kaffee und Kuchen. Es ist eine schöne, lockere Atmosphäre. Die Kinder gehen zur Pferdekoppel und vergnügen sich dort. Bald sind sie hier auch bekannt als die Kinder, die von weit her kommen und bei ihrer Oma zu Gast sind.
Abends dürfen sie fernsehen, bis sie ins Bett gehen. Das ist immer etwas besonderes, das zu Hause nicht so oft vorkommt. Der Rest der Familie unterhält sich angeregt, bis der Abend fortgeschritten ist und alle sich zur Ruhe begeben.
Am nächsten Tag nach dem Frühstück fahren wir heim.Wir verabschieden uns, die Kinder werden in den Arm genommen. Sie gehören zu unserer Familie.
“Es war so schön!”, freut sich Susann während der Fahrt. Auch Jeannett stimmt freudestrahlend zu.
“Das Schönste finde ich, dass ich jetzt ein Kind habe. Sarah ist jetzt mein Kind.” Und sie wiegt die Puppe in ihren Armen.
Wenn ich daran denke, was Susann schon durchgemacht hat, finde ich es erstaunlich, dass sie es schafft, ihrem “Ersatz”kind Liebe geben kann. Versucht sie etwas aufzuarbeiten und besser zu machen?
“Wißt ihr, was ich am Schönsten finde?”, bemerke ich, während ich den Gang wechsle. “Ihr habt euch nicht einmal in Hameln gestritten.” Beide lächeln, Jeannett nimmt ihre kleine Schwester in den Arm. Sie gehören zusammen und beide zu uns, das kann niemand bestreiten.
Die Reise nach Hameln hat uns näher zusammen gebracht. Es war Familie zum Anfassen, wie es sein sollte, jeder steht für den anderen ein. Harmonisch und ruhig. Familie kommt nicht vom Himmel gefallen oder ist genetisch bedingt. Zwar ist es die stärkste Bindung, die Menschen haben können, aber jeder macht mit seiner Familie die ersten Bindungserfahrungen. Wer in der Kindheit vernachlässigt oder missbraucht wird, hält das für die Normalität.
Für traumatisierte Kinder, die in eine Pflegefamilie kommen, ist Harmonie und Liebe erst einmal keine Normalität. Vielleicht macht es ihnen Angst und sie versuchen, die alte Situation zu provozieren. Es dauert Jahre, ehe sie die Situation begriffen haben und eine Bindung aufbauen; manchmal gelingt es ihnen nie.
Daran aber denken wir im Moment nicht. Wir freuen uns einfach an der Harmonie und genießen sie in vollen Zügen. Es war ein glückliches Wochenende.
Advent und Weihnachten 7. Juni 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Advent, buter Teller, Eigentum, Entwenden, Geschenke, konfisziert, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Sozialisation, Traumakinder, vernachlässigte Kinder, Versorgerkind, Verwandte, Weihnachten
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Advent und Weihnachten ist die Zeit der Gemütlichkeit, des Kerzenscheins, alles ist harmonisch, die Familie trifft sich. Es gibt Bratäpfel und Gans, abgesehen von den Tonnen von Süßigkeiten. Das ist genau das Richtige für Pflegekinder, um mit Zucker ihre schlimmen Erfahrungen vergessen zu machen.
Es ist das erste Weihnachten bei uns. Aber auch eine Zeit, um unsere Traumakinder besser kennen zu lernen. Sie sind sehr verschieden.
Ruth bastelt für alle einen Adventskalender, für die Kinder eine Hängeampel mit vielen Dingen, auch Süßigkeiten, aber überwiegend netten Dingen für die Schule, Söckchen, alles, was schön ist und manchmal auch praktisch, eben ganz besondere Sachen.
Jeannett ist sehr gewissenhaft. Sie öffnet immer nur das Päckchen, das am jeweiligen Tag dran ist und hebt alles auf, auch die Süßigkeiten, behält sie bis weit ins neue Jahr hinein. Susann aber reißt alle Päckchen auf, verstreut sie im Kinderzimmer, verschlingt sofort alle Süßigkeiten und überfällt auch mal den süßen Teller. Sie kann einfach nichts liegen lassen, muss alles sofort haben oder aufessen. Ruth ist entsetzt, hat sie sich doch so viel Mühe gegeben. Alles Erklären, die Hilfestellung. jeden Morgen nur das Päckchen zu öffnen, das dran ist, nutzt nichts.
An Weihnachten gibt es viele schöne und praktische Dinge, auch was vom Wunschzettel, wie z.B. den neuen Kaufmannsladen. Jeannett ordnet ihre Geschenke genau nach Wichtigkeit. Die Süßigkeiten tut sie in eine Schüssel und bringt sie ins Kinderzimmer. Susann dagegen verliert bald das Interesse an ihren Geschenken. Die Süßigkeiten sind am nächsten Morgen vertilgt und die anderen Geschenke liegen im Wohnzimmer verstreut herum. In den nächsten Tagen bedient sie sich immer wieder an Jeannetts Buntem Teller, so lange bis er alle ist. Jeannett ist zornig und beschimpft ihre Schwester. Schon an den Feiertagen führt das zu einer explosiven Atmosphäre, die wir nur dadurch entschärfen können, dass wir Jeannett ab und zu etwas Süßes zustecken. Auch Susanns verbliebene Süßigkeiten haben wir konfisziert und teilen ihr nun zu, was sie von Verwandten und Bekannten bekommt. Alles Reden, alle Appelle nützen nichts.
In diesen Tagen lernen wir viel. Wir wissen, dass Susann kein Verhältnis zum Eigentum in einer Familie hat. Wir erfahren, dass wir ihr schöne Dinge zuteilen müssen. Und wir haben erfahren, dass Susann auch vor dem Eigentum der Familie nicht Halt macht. Wir werden uns darauf einstellen.
Vernachlässigte Kinder besitzen keine innere Instanz, die ihnen vermittelt, dass das Eigentum anderer nicht angerührt werden darf. Sie nehmen alles und sehen es als ihr Eigentum an. Diese Kinder sind nicht böse oder schlecht. Es fehlt ihnen einfach ein Stück Sozialisation. Für Jeannett als Versorgerkind war es immer wichtig, darauf zu achten, dass ihr Dinge nicht weggenommen wurden, die sie mit Susann teilen konnte. Susann musste sich nehmen, was verfügbar war. Sonst hätte sie nicht überleben können. Das alles erfahren wir aber erst später.
Für den Moment sind wir einfach nur enttäuscht und entsetzt.
Jeannetts Geburtstag 21. April 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Aufmerksamkeit, Bindung, Dorfrallye, emotionale Bindung, Familie, Fürsorge, Jugendamt, Kindergeburtstag, Konkurrenz, Mittelpunkt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, traumatisierte Pflegekinder, Verwandte
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Kindergeburtstage sind immer etwas Tolles – wie es sich gehört, besonders für die Kinder. Die Eltern organisiern, dass die Kleinen bespaßt werden und der Nachwuchs kann fast alles tun, was ihm gefällt.
Jeannett hat viele Freunde aus der Klasse und Schule eingeladen und das Haus ist voll. Dazu sind noch die Verwandten aus Hameln gekommen, Pflege-Oma Pflege-Opa und Pflege-Tante. Auch die anderen Omas und Opas sind erschienen, aber sie halten es nicht lange aus. Der Krach ist zu groß und so sind sie nach dem Kaffeetrinken, als es etwas turbulent wird, wieder weg.
Es ist ein wunderschöner Junitag. Topfschlagen und Schokoladenwettessen sind dabei. Dann rufe ich zur Dorfrallye auf. Sorgsam habe ich Aufgaben erprobt, zusammengestellt und über Computer ausgedruckt. Der Bahnübergang darf nur bei offener Schranke überquert werden. Überall gibt es Informationen, die zusammen zu tragen sind. Zum Schluss muss ein Wassereimer gefüllt und mit nach hause gebracht werden.
Jeannett hat ihre Gruppe fest im Griff. Sie will bestimmen, was passiert und welche Aufgaben zuerst erfüllt werden sollen. Aber die anderen machen da nicht immer mit. Als sie zurückkehren, ist Jeannet sauer. Ihre Gruppe hat nicht gewonnen. Sie verkriecht sich in ihr Zimmer und schmollt.
Erst, als die Würstchen und Putenbrustfilets auf dem Grill schmoren, läßt Jeannett sich wieder blicken. Sie ist ruhiger, drängt sich nicht mehr in den Mittelpunkt. Die Atmosphäre ist entspannt und auch Susann ist zufrieden. Bis alle Eltern ihre Kids abgeholt werden und man noch etwas geplaudert hat, ist es Mitternacht.
Heute haben wir dazu gelernt: Selbst Kindergeburtstage sind bei traumatisierten Kindern anders. Allein die Tatsache, dass der Ehrentag gewürdigt und nicht einfach vergessen wird, ist etwas Besonderes. Dass es Geschenke gibt, endlich wie bei anderen Kindern auch, ist auch nicht üblich gewesen. Jeannett hat sich vorgestellt, dass sie den ganzen Tag im Mittelpunkt steht und hat dabei vergessen, dass es ihre Schwester ja auch noch gibt. Die beschwert sich bitterlich darüber, dass Jeannett auch ihre gemeinsamen Freunde eingeladen hat und befürchtet, dass sie sie ihr wegnehmen könnte.
So zieht sich das Thema Konkurrenz zwischen den Geschwistern und Kampf um Aufmerksamkeit durch die Pflegeeltern wie ein roter Faden durch die bisherigen Wochen unserer Pflegschaft. Immer geht es um das Thema, dass die leiblichen Eltern der beiden nicht in der Lage oder willens waren, ihnen die nötige Aufmerksamkeit und Fürsorge zu geben. Diese missratenen Bindungsversuche übertragen sie nun auf uns und befürchten, dass wir nicht beiden geben können, was sie brauchen. Jede einzelne von ihnen befürchtet, hintenan stehen zu müssen. Jede von ihnen will endlich im Mittelpunkt stehen können.
Alle für Susann 10. Dezember 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Emotionen, Existenz, Fachleute, Familie, Hilfeplangespräch, Jugendamt, kleine Hexe, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, professionell, Tränen, Vergangenheit, Verwandte, Wahrheit, Zusammenhalten
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Welche Rolle spielt die Verwandtschaft der Pflegefamilie für ein Pflegekind? Wie stellen sich die Verwandten darauf ein, ein neues, fremdes Familienmitglied zu haben? Können sie es akzeptieren?
In unserem Falle ist Susann noch immer ein Teil unserer Verwandtschaft. Alle haben Jeannett vorbehaltlos angenommen. Sie haben unsere Erklärungen bereitwillig angenommen, wenn wir ihnen erklärt haben, dass sie nicht sind wie andere Kinder, wenn sie Dinge weggenommen haben, die eigentlich nicht ihre eigenen sind. Und noch jetzt ist Susann in Gedanken mit dabei.
Meine Schwägerin Sarah hat Geburtstag. Alle sitzen in Hameln um den Kaffeetisch. So auch Tante Erika, Ruths Tante. Sie ist weit über achtzig, rüstig und von liebenswerter Direktheit in ihren Äußerungen. Wenn sie die Wahrheit sagt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, holt sie sich schon mal eine blutige Nase in der Familie. Aber das hält sie nicht davon ab, ihre Meinung zu sagen.
Tante Erika sitzt mir gegenüber.
Es platzt aus ihr heraus, direkt und unverblümt.
“Was machen wir denn nun mit unserer kleinen Hexe zu Weihnachten?”
Alles blickt verständnislos.
“Naja”, fügt sie erklärend hinzu, “ich meine Susann.”
Wir erklären, dass wir es nicht für gut halten, wenn Susann für die Festtage mit uns verbringt. Es gibt noch viel zu viele emotionale Betroffenheiten. Gerade Weihnachten ist dafür nicht der richtige Zeitpunkt, wir wollen keine Situation provozieren, die darin endet, dass wir sagen müssen: Es geht noch nicht. Das wird verstanden und es bricht eine Diskussion los, ob man Susann Päckchen schicken könnte und wie man ihr zeigen kann, dass sie noch zur Familie gehört.
Es zerreißt mich innerlich. Ich muss den Raum verlassen, Tränen stehen mir in den Augen. Ich kann diesen Gegensatz nicht aushalten. Ich denke daran, was uns in dem anstehenden Hilfeplangespräch erwartet. Das Jugendamt und die Einrichtung arbeiten, wie sie es nennen, “professionell”, für sie ist Susann ein Fall unter vielen. Wenn die Einrichtung über Weihnachten schließen will, muss eine Beurlaubung her. Es geht nicht um den Sinn oder Unsinn einer pädagogischen Maßnahme. Schlimm, dass wir uns einmal mehr schuldig fühlen, als die jenigen, die den Kontakt zu Susann verweigern. Wir sind diejenigen, die Entscheidungen nach sorgfältiger Abwägung treffen. Wir müssen erkennen, dass gute Gründe für Jugendamt und Einrichtung nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Und dann das hier. Menschen, die sich Gedanken machen, die Susann längst verziehen haben, die sie im Kreis der Familie behalten. Für die sie, trotz ihrer vielen Unzulänglichkeiten, ein wertvoller Mensch ist, dem eben nur das Schicksal in frühester Kindheit übel mitgespielt hat.
Was für ein Gegensatz! Ich bin stolz auf meine Familie in diesem Augenblick. So muss Familie sein: Zusammenhalten, auch in schlechten Zeiten, verzeihend, ein Hort der Gemeinsamkeit, der die Basis für die Existenz ist, nicht Existenz gefährdend. Vielleicht zu viel Nähe für Susann und ein Beispiel dafür, wie es auch in ihrer Kindheit hätte sein können und müssen. Ich weiß: Das kann sie nicht aushalten.
Wir besuchen Susann 13. September 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Abwechslung, Besuchskontakt, Flashback, Haftstrafe, Kindesvater, Liebeserklärung, Misshandlung, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Vernachlässigung, Verwandte, Wohngruppe
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Heimkinder sind einsam. Sie haben nur sich selbst. Manchmal gibt es Besuch oder sie werden in ihre Familien entlassen. Aber eine Abwechslung ist immer willkommen.
Heute hat Susann eine dieser Abwechslungen. Tante Sarah, Oma Lenchen und ich machen uns auf zur eineinhalb stündigen Fahrt und kommen im Laufe des Vormittags an. Susann erwartet uns schon. Voller Stolz zeigt sie den beiden ihr Zimmer, sauber und gut aufgeräumt. Dann gehen wir in die Stadt und bestellen uns Eisbecher. Es ist warm. Wir lassen uns richtig Zeit.
Als wir wieder zur Wohngruppe gehen, weicht Susann nicht von meiner Seite.
“Mein Vater kommt mich besuchen, für ein ganzes Wochenende”, erzählt sie mir freudestrahlend.
Gedanken schießen mir durch den Kopf. Wie hält Susann das aus? Jahrelang hat ihr Vater sich nicht um sie gekümmert, hat eine Haftstrafe verbüßt. Er war der jenige, der sie misshandelt und vernachlässigt hat. Wie hält sie das aus, ihrem einstigen Peiniger unter die Augen zu treten? Das geht nur, in dem sie diese Erfahrungen in eine andere Persönlichkeit abspaltet. Aber was passiert, wenn sie einen Flashback hat, einen der Momente, in denen sie wieder in die Vergangenheit eintaucht? Irgendwie fehlt mir der Glaube daran, dass das Heim dafür Vorkehrungen hat.
“Meinst du, ich könnte wieder bei meinem Vater wohnen?” fragt sie mich erwartungsvoll.
“Das halte ich für keine gute Idee”, antworte ich. “Meinst du wirklich, dein Vater würde das hinkrigen? Er muss dich ernähren und kleiden, und hier hast du alles, was du brauchst.”
Susann wird nachdenklich.
“Lieber würde ich ja wieder bei euch wohnen”, wagt sie sich vor.
Jetzt muss ich gekonnt reagieren. Natürlich ist das eine Art Liebeserklärung, aber völlig unrealistisch.
“Kannst du dich an deinen letzten Besuch bei uns erinnern?”, frage ich sie. “Da war es dir schon nach ein paar Stunden zu lang. Wie willst du es machen, wenn du merkst, es ist doch nicht das Richtige?”
Susann ist nicht enttäuscht. Eher einsichtig und wieder zurück in der Realität. Und ich war nicht verletzend aber trotzdem deutlich. Mir fällt ein Stein vom Herzen.
Wir verabschieden uns und Susann ist glücklich. Das nächste Mal wird sie nach Hameln fahren, um Tante und Oma zu beuchen.
Wir sind deine Familie! 16. August 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Bindungsabbruch, Familie, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Schuld, Therapie, Trauma, traumatisierte Pflegekinder, Verwandte, Wohngruppe
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Was ist Familie? Nicht nur die, die jeden Tag zusammen leben. Kinder ziehen aus, gründen ihre eigene Familie, aber Familien, die zusammen gehören, treffen sich zu Feiern und Besuchen. Das müssen wir, so meine Idee, auch Susann zeigen, auch, wenn sie ein paar Hundert Kilometer von uns entfernt wohnt. Eine Wohngruppe kann eine Familie nie ersetzen.
Noch immer wird die Trennung von Susann nicht gemeinsam mit Susann und uns aufgearbeitet. Eher erscheint es so, als wolle man uns entfremden. Also habe ich eine Idee.
Ich spreche mit meiner Schwägerin Sarah und meiner Schwiegermutter, Lenchen. Ich schlage ihnen vor, Susann zu besuchen. Beide und auch Susanns Bezugserzieherin stimmen zu. Sarah setzt noch eins drauf: In den Ferien nach unserem Urlaub bietet sie uns an, erst Jeannett in Hameln für eine Woche aufzunehmen und danach Susann. Ich platze fast vor Freude!
Nur Jeannett protestiert. Susann gehöre nicht mehr in unsere Familie, sie habe alles selbst verschuldet. Eigentlich will sie sie gar nicht mehr sehen.
Für Jeannett ist das alles sehr schwer. Sie versucht, ihre vielfältigen Traumatisierungen zu vermeiden. Aber wir wollen einen Weg finden, dass die beiden Mädchen wieder zu einander finden.
Blut ist dicker als Wasser 1. Dezember 2009
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Besuchskontakt, Jugendamt, Kindheit, Krisengruppe, leibliche Eltern, Pflegeeltern, Pflegekinder, Schuld, Verlust, Verwandte
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Wer gehört zur Familie? Alle die, die unter einem Dach leben? Alle, die von denselben Eltern stammen? Gehören Pflegekinder zur Familie? Was ist mit Neffen, Nichten, Onkel, Tanten, Großeltern? Und was ist mit den leiblichen Eltern von Pflegekindern?
Wir sind dabei, Familie neu zu definieren. Die wesentlichste Frage:
Gehört Susann noch zu unserer Familie?
Jeannett wehrt sich. Sie meint, Susann hat es bewusst so weit getrieben, dass sie nicht mehr zu unserer Familie gehört.
„Aber sie hat Euch doch bloß, wenn ihr sie besucht. Du hast deine Eltern 365 Tage im Jahr,“ wendet die Supervisorin ein.
Jeannett ist entrüstet: „Na und, sie hätte uns auch 365 Tage im Jahr haben können. Sie wollte ja nicht.“
Ich kann Jeannett verstehen. Aber ich kann so nicht denken. Für mich ist es ein riesiger Verlust, dass Susann nicht mehr bei uns lebt. Andererseits weiß ich, was es bedeutet hätte, wenn Susann noch bei uns leben würde. Ich gebe ihr keine Schuld daran, dass sie unter ihrem Trauma leidet und sich nicht in der Gewalt hat.
Die Supervisorin macht einen weiteren Versuch.
„Eure große Pflegeschwester lebt zwar nicht mehr bei Euch, sie ist weit weg. Gehört sie denn nicht zu eurer Familie?“
Jeannett: „Natürlich, das ist doch etwas ganz anderes.“
Jeannett glaubt, Susann will nicht mehr zur Familie gehören, sie hat ihre Chance verspielt.
Man sagt, Pflegekinder haben zwei Familien. Die leibliche und die Pflegefamilie. Sie richten sich völlig neu auf die Pflegefamilie aus. Sie erbringen eine unglaubliche Anpassungsleistung. Einige, wie Jeannett identifizieren sich mehr mit der Pflegefamilie als mit der leiblichen Familie, die weit weg ist und ihnen vielleicht sogar unendliches Leid getan haben. Andere sind immer in einem Konflikt.
Dennoch haben die leiblichen Familien eine große Bedeutung für die Pflegekinder – und leider auch für die Jugendämter. Spätestens in der Pubertät fragen sich die Kinder, wo sie her kommen. Meist können sie ihre leiblichen Eltern sehr gut einschätzen und wissen, was sie an der Pflegefamilie haben. Die Jugendämter drängen immer darauf, dass Pflegekinder den Kontakt zu ihren leiblichen behalten, koste es, was es wolle und ohne Rücksicht auf die Befindlichkeit der Kinder.
Blut ist dicker als Wasser, darauf müssen wir uns als Pflegeeltern einstellen. Dass Pflegekinder wissen wollen, dass es ihren leiblichen Eltern gut geht, muss überhaupt nicht heißen, dass sie zu ihnen zurück wollen. Dazu sind Besuchskontakte da. Sie dazu zu benutzen, dass es den leiblichen Eltern besser geht, ist zwar eine oft geübte Praxis der Jugendämter, aber durch nichts gerechtfertigt, auch nicht durch das Gesetz. Das Kind steht im Mittelpunkt.
Unsere Position als Pflegeeltern ist eindeutig. Wir machen die leiblichen Eltern nicht schlecht, aber wir machen sie auch nicht besser, als sie sind. Wir wehren uns gegen alles, was den uns anvertrauten Kindern schadet.
Wenn Besuchskontakte schaden, dürfen sie nicht stattfinden. Basta!
Es ist gut, dass ich mir über dieses wichtige Thema klar geworden bin. Bei meinem nächsten Besuch bei Susann spreche ich es an.
Susann wirkt nervös und unkonzentriert, als ich sie besuche. Sie lebt im Hier und Jetzt. Nichts schein ihr wichtiger zu sein als die anderen Gruppenmitglieder, was sich von ihr halten, wer was von wem glaubt und hält. Obwohl ich mich etwas daneben fühle, kann ich sie verstehen. Sie muss mit dieser Situation hier in der Krisengruppe klar kommen, das ist ihre Lebensrealität. Wir sind die Vergangenheit. Wir sind nicht mehr wichtig. Das müssen wir akzeptieren.
Und dennoch frage ich sie: Wer gehört für dich zu deiner Familie?
„Ist doch ganz klar. Jeannett, Ruth und du.“
Hat sie nur gut pariert? Ich glaube nicht. Aber ich weiß jetzt, dass sie jetzt in drei Welten lebt: In der ihrer Kindheit, in der unserer Familie und in der der Krisengruppe.
Besuch bei Verwandten 15. November 2009
Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.Tags: emotionale Bindung, Geborgenheit, Hameln, Verwandte, Verwandtenbesuch
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Besuche bei Verwandten und Bekannten stehen bei uns immer an. Jeannett und Susann sind bei allen akzeptiert. Alle mögen sie. Wir nutzen die Ferien, um meine Schwägerin und der Tante meiner Frau zu besuchen. Die Kinder nennen sie ihre „Pflegetante“ und „Pflege-Großtante“. Meine Schwägerin wohnt in Hameln, die Großtante in der Nähe auf einem kleinen Dorf. Die Großtante ist eine patente Mitt-Achtzigerin, die die Welt kennt und immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat. Sie beschenkt unsere beiden mit Spielzeug und hat großes Verständnis. Meine Schwägerin gibt ihr letztes Hemd, hat immer ein paar Süßigkeiten da. Hameln ist für uns so etwas wie ein zweites Zuhause. Alle kennen die Problematik. Die Kinder fühlen sich einfach wohl und geborgen. Sie kennen alle Spielplätze und auch ein paar Nachbarskinder.
Wir sind so froh, dass die Kinder zur Familie gehören dürfen. Auch die Kinder wissen das zu schätzen. Hier ist immer eine entspannte Atmosphäre. Die familiäre Situation, die sie so nie kennen gelernt haben, macht sie beide entspannt und fröhlich. Es ist fast wie eine therapeutische Situation.
Einmal, als wir zu Besuch fuhren, sagte Susann: „Komisch, wenn wir weg fahren, fahren wir immer Menschen besuchen. Im Kinderheim haben wir nie Menschen besucht.“
Es ist für Ruth und mich schon eine neue Erfahrung. Zu wissen, dass Pflegekindern einfach eine Erfahrung fehlt. Die Erfahrung, in einer Familie geborgen zu sein, so dass man keine Angst haben muss, Menschen, die für sich gegenseitig einstehen und eine emotionale Bindung zu haben.
Es geht uns schlecht 21. Oktober 2009
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Bindungsabbruch, Inobhutnahme, Krisengruppe, Traumatherapie, Verwandte
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Die Tage nach dem Wendepunkt sind für uns drei grausam. Wir stellen automatisch vier Teller auf den Esstisch, räumen einen wieder weg. Ich spüre: Diese Entscheidung hat noch lange Folgen und wir werden noch lange brauchen, um sie zu verarbeiten. Ruth leidet unter starken Magenschmerzen und kann nicht zur Arbeit gehen. Jeannett geht nicht zur Schule. Ich habe sie entschuldigt. Nur ich gehe zum Dienst; vielleicht, um mich abzulenken. Es muss ja irgendwie weitergehen.
Ich besuche Susann in der Krisengruppe, um ihr noch einige Sachen zu bringen. Sie begrüßt mich herzlich. Ruth und Jeannett können in diesem Zustand des emotionalen Aufgewühltseins eine Konfrontation nicht durchstehen. Das verstehe ich. Susann scheint entspannt, oder sollte ich sagen, resigniert? Nein, eigentlich nicht. Sie wirkt ruhig, aber nicht depressiv. Sie hat Kontakte zu den anderen Jugendlichen aufgenommen; sie ist die Jüngste. Dennoch weiß ich: Es ist für Susann ein erneuter Bindungsabbruch. Ich weiß nicht, welche Folgen das haben wird, ich hoffe nur, dass es Fachleute geben wird, die ihr helfen, die Trennung und ihre seelischen Verletzungen zu überwinden. Und ich will das Meine dazu tun, um die Folgen zu lindern. Das ist mein fester Entschluss.
Zum Glück haben wir schon länger durch das Jugendamt eine Supervision genehmigt bekommen, die uns schon viel geholfen hat. Die Supervisorin bestärkt uns in unserer Entscheidung. Sie bestätigt uns: Susann konnte wegen ihrer vielfältigen Traumatisierungen die Nähe in einer Familie nicht ertragen, wenn sie sie auch zeitweise als schön empfunden hat. All die gemeinsamen Urlaube, unsere Verwandten und Freunde, die sie vorbehaltlos akzeptiert haben, ihr Erfolg im Sportverein, wo sie sich richtig austoben konnte…
Das Fazit: Es war richtig so, es ging nicht anders. Deshalb geht es ihr im Heim auch besser.