Bedrohliche Besuche 19. März 2012
Posted by lehrergehrke in Allgemein.Tags: Angst, Besuchskontakt, Gefängnis, Gesetzeslage, Herkunftsfamilie, Jugendamt, Jugendamtssachbearbeiterin, Justizvollzugsanstalt, Kindesvater, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Professionalität, Rückführung, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, triggern, Umgangskontakte, unkooperativ, Verantwortung, Vernachlässigung
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Pflegeeltern sind verpflichtet, ihren Pflegekindern zu ermöglichen, Kontakt zu ihren leiblichen Eltern zu haben. Das ist gesetzlich festgehalten. Sie dürfen Kontakt haben, aber die Herkunftseltern müssen Kontakte wahrnehmen, wenn ihre Kinder diese wünschen.
Wir hatten bisher “Glück”. Zwar gab es mitunter Briefe des leiblichen Vaters aus dem Gefängnis, die wir den Kindern vorlasen, vorausgesetzt, sie waren ihrem Entwicklungsstand entsprechend für ihre Ohren geeignet. Auch hatten wir einige begleitete Umgangskontakte in den Räumlichkeiten des Jugendamtes. Jedes Mal mussten wir danach daran arbeiten, ihnen die Angst und die Verwirrtheit zu nehmen, die sich durch diese Kontakte einstellten. Aber im Großen und Ganzen war ihnen der Vater fremd; er kam wie aus einer anderen Welt. Die Mutter tauchte nicht auf und blieb verschollen. Nur selten kam es vor, dass Susann sich sehnte: “Ich würde so gerne wissen, wer meine Mama ist. Alle anderen haben eine richtige Mama, nur ich nicht.”
“Deine Mama ist nicht mehr da”, versuchten wir sie dann zu beruhigen, “Wir wissen ach nicht, wo sie ist. Keiner weiß das.”
Jetzt aber wird es ernst. Frau Schilling vom Jugendamt ruft mich an.
“Sie wissen vielleicht”, tastet sie sich vor, “dass der Papa Ihrer Pflegekinder wegen guter Führung aus der Justizvollzugsanstalt entlassen worden ist. Er wohnt jetzt in Neustadt in Bayern. Er hat natürlich das Recht, seine Kinder zu sehen. Dieses Recht hat er uns gegenüber schon geltend gemacht. Ich möchte Sie bitten, sich Gedanken darüber zu machen, wie diese Umgangskontakte umgesetzt werden können.”
Ich bin schockiert. Was ich an dieser Sachbearbeiterin so unglaublich unhöflich und unkooperativ finde, ist, wie sie mit der Tür ins Haus fällt, wie sie uns so einfach vor vollendete Tatsachen stellt, ohne uns nur die Spur einer Möglichkeit zu geben, uns mit ihre Forderungen auseinander zu setzen.
“Frau Schilling”, erwidere ich, nachdem ich mich wieder gesammelt habe, “Sie wissen doch genau so gut wie wir, was es für die Kinder bedeutet, wieder Kontakt zu ihrem Vater zu haben, der sie so stark traumatisiert hat und der an ihrem ganzen Unglück die Schuld trägt. Sie wissen, dass es beiden körperlich und seelisch sehr schlecht geht, wenn sie Kontakt zu ihm haben. Haben Sie das alles mit in Ihre Entscheidung mit einbezogen?”
“Da gibt es gar nichts mit einzubeziehen”, wehrt sie sich mit scharfem Ton, “Das ist die Gesetzeslage. Daran müssen wir uns halten. Auch Sie müssen sich daran halten. Wir werden das Recht des Vaters in jedem Falle durchsetzen. Und wir verlangen selbstverständlich Ihre Kooperation.”
“Aber wenn es den Kindern doch aber schadtet! Übernehmen Sie die Verantwortung für die Schäden, die entstehen können?”, versuche ich zu argumentieren.
“So ist das Gesetz”, beharrt sie. “Außerdem ist es auch aus Sicht von Psychologen und Therapeuten nicht unüblich und trägt zur Heilung des Traumas bei, wenn die Kinder ihre Herkunftsfamilie wiedersehen und zu ihnen wieder eine Beziehung aufbauen. Schließlich ist es der leibliche Vater. Wer sagt Ihnen, dass es den Kindern schadet? Seien Sie froh, dass er nicht gleich die Rückführung beantragt hat. Ich muss von Ihnen da jetzt Professionalität verlangen.”
“Darüber möchte ich aber erst noch einmal richtig nachdenken und mit meiner Frau sprechen”, versuche ich Zeit zu gewinnen.
“Nehmen sie es zur Kenntnis: Es gibt keine Alternative!”, erklärt sie und fordert ultimativ: “Ich rufe Sie übermorgen wieder an. Dann muss ich von Ihnen eine Vorstellung dazu haben, wann und wie wir die Umgangskontakte stattfinden.”
So ist das also. Es geht um das Recht der leiblichen Eltern, das Kindeswohl spielt keine Rolle. Es wird von den traumatisierten Kindern verlangt, ihrem Peiniger auch noch entgegen zu treten, mit ihm Zeit zu verbringen. Wo wir doch schon aus den bisherigen Besuchskontakten wissen, dass der Kindesvater mit seinen Töchtern nichts anzufangen weiß. Die ganze ehemalige Situation wird wieder erstehen, wie damals. Nicht auszudenken, wenn die damaligen Verletzungen, die Todesangst, sie Vernachlässigung unberechenbares Verhalten bei den Kindern, aber auch beim Kindesvater triggert.
Da hat diese Jugendamtssachbearbeiterin die Stirn, die Verantwortung für die Durchführung der Kontakte uns aufzubürden. Sie verlangt von uns Verständnis für eine verstaubte, durch nichts begründete Konfrontationstherapie. Sie appelliert an unsere “Professionalität”, die nichts anderes bedeutet, als dass wir emotionslos das tun und zu unterstützen, was das Jugendamt von uns verlangt. Und das alles auf dem Hintergrund, dass das Jugendamt um Himmels Willen keinen Ärger mit dem Kindesvater bekommen will. Unterstützung für die traumatisierten Pflegekinder und deren Pflegeeltern sieht ganz anders aus.
Als ich das alles Ruth erzähle, ist sie außer sich vor Wut und Hilflosigkeit. Aber es wird uns nichts anderes bleiben als uns darauf einzulassen und das Schlimmste zu verhindern.
Höchste Zeit für Hilfen 3. Februar 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Bezugspersonen, Einzelfallhilfe, Fachleute, Jugendamt, Missbrauch, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Therapeut, Traumatherapie, Vernachlässigung
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Pflegeeltern befinden sich manchmal in Situationen in denen es höchste Zeit für Hilfen ist. Wir wollen keine Einzelkämpfer sein, haben uns Unterstützung vom Pflegeelternverein gesucht. Wir durchblicken so langsam die Hintergründe. Damit scheinen wir dem Jugendamt etwas voraus zu haben.
Susann zeigt immer mehr Symptome von früherem Missbrauch und Vernachlässigung. Immer wieder drückt sie Tintenpatronen aus, färbt damit ihre Wäsche und alles mögliche andere blau ein. Müll stapelt sich knietief in ihrem Zimmer. Wir vermuten einmal mehr sexuellen Missbracuh.
Wir haben einen Termin beim Jugendamt mit Frau Schilling. Sie stellt uns Frau Sossna vor, die die Einzelfallhilfe bei uns durchführen soll. Ihre Aufgabe soll sein, uns zu entlasten, indem sie sich wechselseitig um die Kinder kümmert, Hausaufgaben mit ihnen macht, mit ihnen zur Bibliothek geht und sich allgemein mit ihnen beschäftigt, so dass nicht immer wir die einzigen Bezugspersonen darstellen.
Danach besprechen wir mit Frau Schilling über die Traumatherapie. Ein Therapeut steht in den Startlöchern. Wir wollen ein gemeinsames Treffen mit ihm, Frau Schilling und Frau Meyer-Frankenfeldt.
“Ich habe mit Frau Meyer-Frankenfeldt telefoniert. Sie möchte kein Treffen mit einem anderen Therapeuten”, berichtet sie. “Damit ist ein Gespräch wohl fruchtlos. Es wäre besser, wenn Sie mit Frau Meyer-Frankenfeldt kooperieren würden.”
Es ist schon schlimm. Die Fachleute sind sich untereinander nicht einig und versuchen, ihre Pfründe zu schützen. Das Wohl der Kinder kommt bei ihnen nicht vor. Das Schlimmste, was ihnen passieren kann, sind Pflegeeltern, die sich informieren und eine eigene Meinung vertreten. Immer geht es um Geld. Geld, das das Jugendamt nicht zur Verfügung hat und deshalb billige Lösungen wie die Einzelfallhilfe den teureren wie einer Traumatherapie vorzieht. Geld, das Therapeuten generieren und auf das sie nicht verzichten wollen.
Wir wollen endlich die notwendige, richtige Hilfe für unsere Kinder! Sie sind keine Melkkühe! Sie haben schon genug Schlimmes erlebt in ihrer Kindheit, waren mit Eltern gestraft, die sie vernachlässigt und missbraucht haben! Helft ihnen endlich uneigennützig!
Die Therapeutin will nicht… 27. Januar 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Aggression, Bindung, Bindungsabbruch, EMDR, Kindesvater, leiblicher Vater, multipel traumatisiert, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pflegemutter, Pflegevater, Status Quo, Therapeutin, tiefenpsychologisch, Trauma, Traumatherapeut, Traumatherapie, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Vernachlässigung, Vertrauen
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Traumatisierte Pflegekinder brauchen eine Therapie. Es darf jedoch nicht jede x-beliebige Therapie sein. Sie soll dem Kind helfen, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten oder zumindest damit leben zu können. Pflegeeltern haben es aber häufig sehr schwer, das Kind in eine Therapie ihrer Wahl unterzubringen. Meist sind sie froh, dass überhaupt ein Therapieplatz zu bekommen ist.
Wir sind heute zu einem Elterngespräch bei Frau Dr. Meyer-Frankenfeldt, Susanns Therapeutin. Sie ist eine ältere Frau mit leiser Stimme und immer wohl gewählten Worten. Ihr Therapieansatz ist tiefenpsychologisch orientiert. Sie malt und spielt mit Susann und redet währenddessen mit ihr. Wir möchten sie heute darauf ansprechen, Susann einem Traumatherapeuten vorzustellen.
“Susann ist ein hoch traumatisiertes Kind”, erklärt uns Frau Meyer-Frankenfeldt mit betont ruhiger Stimme. “Was sie in ihrer Kindheit erlitten hat, können wir alle uns nicht vorstellen. Es hat Auswirkungen auf die Funktionsfähigleit ihres Gehirns gehabt. Sie können sie nicht mit denselben Maßstäben messen wie jedes andere Kind.”
“Susann hat uns erzählt, dass sie in den Therapiesitzungen spielt und malt. Welchen Stellenwert hat das im Rahmen der Therapie?”, möchte ich wissen.
“Susann kann währenddessen frei assoziieren und gibt mir einen Einblick in ihre frühkindlichen Erlebnisse, aber auch in ihre Bindungen an den leiblichen Vater und an sie”, erklärt die Therapeutin mir. “Ihr fehlt natürlich ihre Mutter, zu der sie überhaupt keinen Kontakt mehr hat, aber sie überträgt ihre schlechten Erfahrungen auf ihre Pflegemutter. Der Vater spielt überhaupt keine Rolle mehr. Wenn überhaupt, dann existiert dort nur eine Angstbindung.”
“Wie steht es denn mit der Bindung an uns als Pflegefamilie”, fragt Ruth.
“Susann ist ganz eng an sie gebunden”, antwortet sie. “Besonders ist sie an den Pflegevater gebunden. Mit Ihnen als Pflegemutter verbindet sie eine Übertragungsbindung. Sie projiziert ihre ganzen frühkindlichen Erfahrungen der Vernachlässigung durch ihre leibliche Mutter auf Sie”, wendet sie sich an Ruth. “Sie müssen da sehr stark sein und beziehen Sie Susanns Aggressionen und Angriffe bloß nicht auf Ihre Person. Sie meint Sie damit gar nicht, sondern eigentlich ihre eigene Mutter.”
“Wie glauben Sie, Frau Meyer-Frankenfeldt, dass unsere Rolle bei der Verbesserung von Susanns Situation ist und wie ist Ihre Rolle?”, gehe ich jetzt etwas tiefer mit meinen Fragen. “Wie können wir alle gemeinsam daran wirken, Susann auf einen besseren Weg zu bringen, damit sie sich zu einem ganz normalen Mädchen entwickelt?”
“Sie müssen sich von dem Gedanken trennen, dass Susann jemals zu einem normalen Mädchen wird”, nimmt sie uns die Illusion. “Susann wird immer an ihrer Vergangenheit leiden. Es ist schon viel, wenn wir sie in ihrem jetzigen Zustand halten können. Ich rate Ihnen, ihr einfach viel Liebe und Verständnis entgegen zu bringen. Mehr können Sie nicht tun, und das ist schon viel. Wer weiß, wo sie ohne Sie sonst wäre.”
Jetzt komme ich zum Eigentlichen. “Wir haben uns informiert und erfahren, dass es Therapien gibt, die das Trauma von Anbeginn aufarbeiten”, erkläre ich, “und das der Einsatz von EMDR dabei besonders hilfreich ist.”
“Ach wissen Sie”, wehrt die Therapeutin ab, “das würde bedeuten, dass wir diese jetzt laufende Therapie sehr behutsam beenden müssten. Dann müsste Susann sich auf einen anderen Therapeuten einlassen, und es ist nicht gesagt, dass das funktioniert. Ein anderer Therapeut müsste sie auch zuerst kennen lernen und über eine lange Zeit hinweg ihr Vertrauen erlangen. Dann erst könnte er richtig anfangen zu arbeiten. Es bedeutet ja auch einen erneuten Bindungsabbruch für Susann und die Etablierung einer neuen Bindung. Auch ein Traumatherapeut arbeitet auf der selben Basis wie ich, es gibt da kaum einen Unterschied. Susann ist multipel traumatisiert. Also müsste ein Traumatherapeut auch erst damit beginnen, ein Trauma zu bearbeiten, bevor er mit dem nächsten beginnt. Ich halte das für eine ganz schlechte Idee.”
“Würden Sie also nicht zustimmen, wenn wir Susann einem Traumatherapeuten vorstellen würden”, komme ich jetzt zum Knackpunkt.
“Wir sollten noch einmal in Ruhe darüber sprechen”, windet sie sich. “Man darf solche weit reichenden Entscheidungen nicht zu voreilig fällen. Wir sind sowieso am Ende der Zeit. Lassen Sie uns das nächste Mal darüber sprechen.”
Eine höfliche Verabschiedung und wir haben wider keine klare Aussage.
Irgendwie haben wir viel erfahren, was wir schon wussten. Wir wissen, dass Susann multipel traumatisiert ist. Wir wissen, dass sie die Erfahrungen mit der Vernachlässigung ihrer leiblichen Mutter auf Ruth überträgt. Aber wir wollen uns nicht damit abfinden, dass Susann nicht zu helfen ist. Wir wollen eine Therapie nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft.
Frau Meyer-Frankenfeldt führt Argumente ins Feld, die zumindest bedenkenswert sind. Der Verlust der Bindung zur Therapeutin ist ebenso ein gewichtiger Grund wie die zu erwartenden Schwierigkeiten einer neuen Therapie. Das all das Zeit kostet, ist auch uns klar.
Aber warum kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass Frau Meyer-Frankenfeldt für ihre Leistungen redet und andere schlecht macht? Warum beschleicht mich das Gefühl, dass es ihr um das Geld geht, dass sie verlieren würde, wenn sie Susann als Patientin verlieren würde? Dass ihre Mal- und Spieltherapie bei Susann nichts fruchtet, außer den Status Quo zu erhalten, also keine wirkliche Besserung bewirkt? Sie hat mich nicht wirklich überzeugt.
Therapie contra Schule? 7. Januar 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: dissozialive Persönlichkeitsstörung, Fachleute, Förderprogramme, Grausamkeiten, Hausaufgaben, Herkunft, Lernvoraussetzungen, Opfer, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, posttraumatische Belastungsstörung, Schulaufgaben, Schulbesuch, Therapeutin, Therapie, Todesängste, Trauma, traumatische Erfahrungen, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Vernachlässigung, Vertretungsunterricht, Zukunftschancen
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Traumatisierte Pflegekinder haben viele Pflichten. Sie sollen in der Schule so funktionieren wie jedes andere Kind auch. Aber sie können es nur mit Unterstützung. Daneben sollen sie ihr Trauma und ihre belastenden Erlebnisse aus frühester Kindheit aufarbeiten. Das kostet Zeit.
Susann hat dreimal pro Woche psychotherapeutische Sitzungen. An drei Tagen kommt sie aus der Schule und fährt mit Bus und Bahn zur Therapeutin. Im Winter bringe ich sie und hole sie wieder ab. Wenn wir zu Hause sind, ist es meist ziemlich spät und sie ist meist nicht mehr in der Lage, irgend welche Hausaufgaben zu bewältigen. Das ist besonders schwierig, wenn in der Schule die Hausaufgabenstunden entfallen, weil Lehrer für Vertretungsunterricht eingesetzt werden.
Heute haben wir mehrere Schulprobleme. Susann bekommt einen vollen neuen Pinselsatz für den Kunstunterricht, weil der, den sie zum Anfang des Schuljahres bekommen hat, spurlos verschwunden ist.
Das Arbeitsheft für den Deutschunterricht hat Susann in der Schule gelassen. Sie kann die Hausaufgaben nicht machen.Außerdem fehlen noch zwei Hausaufgaben. Sie muss sie nachholen.
So einfach ist das aber nicht. Um sieben Uhr kommt sie von der Therapie, völlig ausgelaugt. Die Therapie verlangt ihr alles ab. Sie dreht das Unterste zuoberst. Immer braucht sie eine Stunde mindestens, um sich zu erholen, schläft meist auf dem Rückweg im Auto ein. An Schulaufgaben ist nicht mehr zu denken. Also gebe ich ihr ein Entschuldigungsschreiben mit, das die Situation schildert.
“Wissen Sie”, hat mir die Klassenlehrerin neulich verdeutlicht, “bei uns wird jeder Schüler gleich behandelt. Jeder muss die Anforderungen der Klassenstufe erbringen, wenn er das Klassenziel erreichen will. Wir können da keine Ausnahme machen.”
Schule ist grausam und sie bereitet auf die Grausamkeiten des Lebens vor. Wer nicht ins Schema passt, fällt raus. Zwar gibt es Förderprogramme für alles Mögliche, aber diese beseitigen nicht die Ungleichheiten in der sozialen Herkunft. Kinder wie unsere, die in ihrer Kindheit um Leib und Leben fürchten musste und die ständig Todesänsgte ausstanden, sind in der Schule von vornherein benachteiligt und damit ihrer Zukunftschancen beraubt. Sie haben einfach nicht dieselben Voraussetzungen wie Kinder, die unter friedlichen Bedingungen aufgewachsen sind un im Elternhaus gefördert worden sind.
Was ist für ein traumatisiertes Pflegekind wichtiger? In der Schule mitzukommen und erfolgreich zu sein? Das hieße, dass die Voraussetzungen dafür erfüllt wären: eine unproblematische Herkunft, die Förderung im Elternhaus, eine kindliche Unbeschwertheit. Von diesen Voraussetzungen sind traumatisierte Kinder weit entfernt.
Oder ist es wichtiger,die Zeit, die eigentlich für die Schule zur Verfügung stehen müsste, in therapeutische Behandlungen zu investieren? Es gibt eigentlich keine Frage: Die Therapie soll die traumatischen Erfahrungen bearbeiten und die Grundlage für einen erfolgreichen Schulbesuch legen. Sie ist daher vorrangig. Jedoch scheint es uns so, dass die Therapie die Schule eher behindert, weil sie so zeitintensiv ist.
Was ist wichtiger? Therapie oder Schule? Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Frage falsch gestellt ist. Für ein traumatisiertes Kind, das unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung leidet, das mit Flashbacks aus der Zeit der Vernachlässigung zu kämpfen hat, sind die Bedingungen, schulische Leistungen im existierenden System zu erbringen, nicht erfüllt. Es muss möglich sein, dass diese Kinder anderen Bewertungsmaßstäben unterliegen. Dass Lehrer, Jugendamt und Therapeuten an einen Tisch setzen und die Hilfemaßnahmen miteinander abstimmen.
Mir ist völlig klar, dass ich einem Traum nachjage. So lange Fachleute wie Therapeuten und Pädagogen sich nachweislich weigern, zusammen zu arbeiten und Institutionen und Schulabschlüsse wichtiger sind, als die bloße Kenntnisnahme von ungleichen Lernvoraussetzungen, werden die, die schon einmal Opfer waren, wieder zu Opfern gemacht. Das Helfersystem scheitert an den Bedingungen, unter denen es arbeitet.
Was wissen Jugendämter wirklich? 5. November 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Anbahnung, Bezugspersonen, Jugendamt, leibliche Eltern, Lolitasyndrom, Missbrauch, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Vergangenheit, Vernachlässigung
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Für Pflegeeltern ist es unerlässlich, zu erfahren, was den Pflegekindern, die sie betreuen, wirklich in frühester Kindheit passiert ist. sie müssen es wissen, damit sie sich darauf einstellen können, was sie erwartet, welche Informationen sie sich beschaffen müssen und wie sie reagieren müssen.
Immerhin haben wir es geschafft, dass sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen: Die beiden ehemaligen Sachbearbeiter des abgebenden Jugendamtes, die Sachbearbeiterin des zuständigen Jugendamtes, wir als Pflegefamilie und unser Beistand. Die Defizite, die wir schon kennen, werden benannt: Vernachlässigung, wahrscheinlicher Missbrauch, wechselnde oder fehlende Bezugspersonen, intensives Miterleben eines Mordversuchs. Wir kennen die Symptome im Verhalten der Kinder: Angst, mal nichts mehr zu essen zu haben, Lolitasyndrom, Skepsis und Misstrauen und offen feindselige Haltung gegenüber der Erwachsenenwelt, Aggression, Abspaltung der Vergangenheit aus dem gegenwärtigen Erleben. Was wir uns erhofft haben, ist leider unmöglich. Der Einblick in die Polizei- und Gerichtsakten bleibt uns verschlossen, auch das Jugendamt hat keinen Zugriff darauf. So werden wir nie erfahren, was sich tatsächlich abgespielt hat.
Immer haben wir beim Jugendamt eingefordert, die ganze Wahrheit im Detail zu erfahren. Bevor wir uns entschieden, ein Pflegeverhältnis mit Jeannett und Susann anzubahnen, haben wir zwar den bisherigen Verlauf der Hilfemaßnahmen erfahren. Obwohl wir beide, Ruth und ich, in pädagogischen Berufen arbeiten, konnten wir jedoch diese Informationen für uns nicht bewerten. Bisher haben wir uns nicht vorstellen können, was leibliche Eltern ihren Kindern anzutun in der Lage sind und welche Auswirkungen das auf die Seele eines Kindes hat. Dieses Wissen haben wir uns in langen Seminaren und intensiven Schulungen selbst erarbeitet. Und wir haben feststellen müssen, dass wir nun mehr Wissen hatten als so manch ein Sachbearbeiter des Jugendamtes.
Wir müssen aber auch erkennen: Auch die Jugendämter sind unzureichend informiert und können ihre Erkenntnisse nur aus deren Aktenlage schöpfen. Es wäre an der Zeit, dass auch Strafverfolgungsbehörden und Gerichte sich der Jugendhilfe öffnen und ihren Beitrag zu einer effektiven Hilfe für traumatisierte Kinder leisten, anstatt die Geschehnisse im Verborgenen zu hüten.
Zu wenig zu essen? 31. Oktober 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Automatisierung, Lebensmittel, Mahlzeit, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, seelische Heilung, Tagesablauf, vernachlässigt, Vernachlässigung, Vorräte
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Pflegekinder haben in frühester Kindheit manchmal gehungert. Ihre Eltern haben sie einfach vergessen oder ihnen überlassen, sich etwas zu essen zu organisieren. Keine geregelten Mahlzeiten, nichts Besonderes. Es ist wahrscheinlich, dass unsere Kinder dazu gehörten.
Jeannett hat an einem Tag, wie wir entdecken, zwei Tüten mit Corn Flakes fast aufgegessen. Sie hat sie aus dem Vorratsschrank. Auf dem Schuhschrank im Flur finden wir etwas 250 g Butter, mit Zucker verrührt. So geht das die ganze Zeit.
Was uns auffällt, ist, dass die Kinder sich gar keine Mühe geben, vor uns zu verbergen, dass sie unsere Vorräte plündern. Es ist ein klares Signal an uns: Das sind wir so gewöhnt. Schimpft nicht mit uns, wir begreifen eh nicht, dass wir etwas falsch gemacht haben. Wir kennen es so und nie hat jemand uns gesagt, dass das nicht ok ist.
Für uns ist es eine Untat, so mit Lebensmitteln umzugehen. Es gibt zu geregelten Zeiten zu essen und jeder kann sich satt essen. Aber wir versuchen, den Kindern eine feste Struktur im Tagesablauf beizubringen. Eigentlich dachten wir, dass nach vier Jahren endlich eine Automatisierung hätte stattfinden müssen. Aber wir können aus ihrem Verhalten erkennen, dass sie früher grob vernachlässigt sein mussten.
Nun wissen wir: Es ist eine Mischung aus Vernachlässigungssymptomen und dem Kick, etwas nicht Erlaubtes zu tun. Wir wissen, dass andere Pflegeeltern ihren Pflegekindern ein Notfallpaket zur Verfügung stellen, damit sie immer an etwas Essbares kommen. Aber was ist dann mit den Mahlzeiten, wenn sie, wie Susann, was essbar ist, sofort verschlingen?
Uns ist klar: Es ist ein psychisches Problem, das nur durch eine seelische Heilung gelöst werden kann. Wir werden damit leben müssen.
Persönlichkeitsstrukturen 23. September 2011
Posted by lehrergehrke in Analysen.Tags: abgespalten, Anpassungsleistung, Bindung, Bindungsabbruch, Diebstahl, distanzloses Verhalten, emotionale Bindung, Geheimnisse, Herkunftseltrn, Jugendamt, Konflikt, Missbrauch, Normverletzungen, Persönlichkeitsstruktur, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Sachbeschädigung, Supervision, Traumatherapie, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Vergangenheit, Vermeidungsstrategien, Vernachlässigung, Zuwendung
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So lange konnten wir jetzt unsere Pflegekinder beobachten, ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse. Wir kennen sie besser als jeder sonst. Wir tragen Konflikte aus, für die die Gründe in ihrer Vergangenheit liegen. So langsam formt sich für mich aus allem ein Bild. Es hilft mir zu verstehen und zu helfen.
Die Persönlichkeitsstruktur sozial geschädigter Kinder ist beeinflusst durch ihre Erfahrungen, die sie in der Vergangenheit gemacht haben, also Vernachlässigung und Missbrauch. Sie bedingten ein bestimmtes Verhalten: Nahrungsbeschaffung um jeden Preis, Vermeidungsstrategien, distanzloses Verhalten gegenüber Fremden. Diese Erfahrungen und das erlernte Verhalten schlagen auf die Gegenwart durch. Sie entwickeln eine unbewusste Schattenseite, die fortan Teil ihrer Persönlichkeit ist. Die spaltet das Kind jedoch ab. Es behauptet in der Therapie: “Das bin ich doch gar nicht!” Deshalb ist es so schwer, diese unbewusste, verdrängte Seite zu heben. Sie bleibt meist abgespalten von der Gegenwart. Der Zugang bleibt verwehrt. Nur eine Traumatherapie kann ihn öffnen.
In der Gegenwart zeigt das Kind jedoch Freude und Zuneigung, die sich jedoch mit den durchschlagenden Erfahrungen und dem entsprechenden Verhalten innerhalb von Minuten abwechseln können. Es kommt dann zu Dissoziationen oder Übertragungen von Erfahrungen und Situationen auf die gegenwärtige Bezugsperson, also die Pflegemutter oder den Pflegevater. Das Kind vermittelt zwar den Eindruck, nur im Hier und Jetzt zu leben und blendet die Vergangenheit völlig aus. Tatsächlich aber ist es ständig von seiner Vergangenheit beeinflusst. So kommt es zu unerklärlichen Sachbeschädigungen, Diebstähle. Um diese zu vertuschen, aber auch weil die Erinnerung in der anderen, unbewussten Persönlichkeit liegt, lügt und leugnet das Kind. Daher ist es auch nicht schuldfähig; eine Einsicht kann nicht erwartet werden.
Konkret wurde das Kind vielleicht angehalten, Geheimnisse zu hüten, also Fehlverhalten der Eltern nicht preis zu geben, was bei ihm eine andauernde emotionale Vereinsamung bedingt. Dieser Zwang führt dazu, dass das Über-Ich, die normierende Instanz, ausgeschaltet wird. Immer wieder kommt es zu Normverletzungen, die als solche nicht gesehen werden. Das Kind hat diese Normverletzungen ja für überlebenswichtig erfahren und kommt dadurch natürlich in einen Konflikt mit der Anpassungsleistung, die es in der Pflegefamilie, aber auch in der Schule und im Freundeskreis zu erbringen hat und aus der ihm Vorteile in Form von positiver Zuwendung erwächst, die es so dringend nötig hat. Erbringt es diese Anpassungsleistung nicht, kann das jedoch bedeuten, dass die bisher erfahrene negative Zuwendung und Aufmerksamkeit (Nichtachtung, Strafe) sich verstetigt und immer wieder provoziert wird.
Für die Pflegefamilie bedeutet das, dass sie in der ständigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der traumatisierten Kinder steht. Ständig ist sie konfrontiert mit dissoziativen Situationen, in denen die Kinder aus der Gegenwart zu verschwinden scheinen und in ihrer Vergangenheit leben, Diebstählen zum Erhalt der Nahrungsgrundlage, auch wenn es genug zu essen gibt und unmotivierten Wutausbrüchen, in denen das Kind die Wut auf die Herkunftseltern auf die Pflegeeltern überträgt, dicht gefolgt von Phasen der Zuneigung und Einsicht. Diese Situation bedingt Stress für die gesamte Pflegefamilie und führt manchmal auch zum Abbruch des Pflegeverhältnisses. Das jedoch ist für alle Beteiligten die schlechteste Variante und hinterlässt Spuren bei allen Beteiligten. Besonders bei den Pflegekindern kommt es zu einem erneuten Bindungsabbruch und kann das ganze Leben negativ beeinflussen.
Deshalb kann man Pflegeeltern mit traumatisierten Pflegekindern nur empfehlen, sich so früh wie möglich nach einer professionellen Traumatherapie für die Kinder und für sich selbst nach einer guten Supervision umzusehen, um die Familie zu stabilisieren, auch wenn das bedeutet, in Auseinandersetzung mit dem zuständigen Jugendamt zu gehen.
Kampf um Nahrung? 28. Juli 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Entbehrung, Hunger, Konservendosen, Müll, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Trauma, Vernachlässigung, zwanghaft
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Bei Pflegekindern muss man auf alles gefasst sein. Sie kämpfen um alles, was sie früher nicht hatten. Heute haben wir ein Erlebnis, das uns erschüttert.
Wir müssen manchmal in den Zimmern nach dem Rechten sehen. Heute sehen wir nach Jeannetts Zimmer. Und wir sehen eine Szene, die unwirklich erscheint, wie ein Traum.
Neben Dosen mit verschimmeltem Obst, das ihr Ruth für die Schule mitgegeben hatte und unsagbarem Müll finden wir zwei Konservendosen, die Ananas und Mandarinen enthielten. Die Dosen sind offensichtlich mit einem Hammer und einem Schraubenzieher geöffnet wurden. Eine wurde im Nachhinein mit einem Dosenöffner geöffnet.
Das Szenario stellen wir uns so vor:
Jeannett geht in den Keller, wo der Vorratsschrank steht. Sie nimmt zwei Dosen mit, geht zum Werkzeugbrett und nimmt einen Hammer und einen Schraubenzieher mit nach oben. Dort versucht sie, die Dosen mit den Werkzeugen zu öffnen. Bei einer klappt es, sie verschlingt den Inhalt. Bei der zweiten klappt es nicht. Also geht sie eine Etage tiefer in die Küche und holt sich einen Dosenöffner. Dann vertilgt sie den Inhalt der anderen Dose. Das Ganze kann sich nur nachts abgespielt haben; tagsüber war die Gefahr, entdeckt zu werden, einfach zu groß.
Was für eine Tragödie! Die Vergangenheit hat Jeannett eingeholt. Hat sie von Hunger geträumt und davon, dass sie sich etwas zu essen beschaffen muss? Wir vermuten, dass ihr Verhalten zwanghaft ist. Deshalb machen wir keine Vorwürfe.
Welche schlimmen Zeiten der Vernachlässigung und der Entbehrung müssen unsere Kinder mitgemacht haben! Sie handeln zwanghaft und besorgen sich Nahrung, obwohl sie zu essen im Überfluss bei uns haben. Ob wir es schaffen, dieses Trauma zu lindern dadurch, dass alles zur Verfügung steht? Dass wir die Kinder zu verstehen versuchen und ihnen zur Seite stehen? Es wäre fast wie ein Wunder.

