jump to navigation

Jugendamtsschelte 2. April 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
2 comments

Uns scheint, als wären Pflegeeltern traumatisierter Pflegekinder nichts weiter als der verlängerte Arm des Jugendamtes. Was das Amt befiehlt, muss ausgeführt werden, koste es, was es wolle, auch das Wohl der Pflegekinder.

Frau Schilling, die Jugendamts-Sachbearbeiterin, hat uns zu einem Termin vorgeladen.

“Sie haben sich völlig ins Unrecht gesetzt”, kommentiert sie unverblümt unser Handeln anlässlich des Umgangskontaktes beim Kindesvater in Berlin. “Ihr Verhalten war unbegründet und unprofessionell.”

“Ich kann nicht erkennen, dass wir in irgend einer Weise etwas Unrechtes getan hätten”, schieße ich zurück. “Die Kinder waren in einem vernachlässigten Haushalt, kein Erwachsener war da, es stank nach Rauch und Alkohol. die Kinder waren verängstigt und haben uns um Hilfe gebeten. Was hätten wir tun sollen?”

“Sie hätten die Kinder beruhigen müssen, ihnen Mut zusprechen, sie von der Notwendigkeit des Besuches überzeugen müssen. Statt dessen haben Sie ihre Furcht noch bestärkt, den Papa in das Licht eines unfähigen, vernachlässigenden Unmenschen gesetzt.”

“Das ist er auch. Er ist der jenige, der die Kinder jahrelang traumatisiert hat”, begründe ich.

“Sie haben völlig überreagiert”, wirft uns die Sachbearbeiterin vor.

“Sie hätten das mal sehen müssen”, schaltet sich Ruth nun ein, “die Kleidung überall verstreut, die Kinder verstört und ohne Aufsicht in der Wohnung, die Bier- und Schnapsflaschen und -gläser, wir konnten die Kinder dort nicht lassen!”

“Als ich neulich beim Hausbesuch bei Ihnen war”, gibt sie leise, aber scharf zurück, “habe ich da bei Ihnen nicht auch eine Weinflasche im Wohnzimmer gesehen? Und rauchen tun sie doch auch?”

“Aber doch nicht im Haus!”, ereifert sich Ruth.

“Sie sollten andere nicht verurteilen”, belehrt uns Frau Schilling. “Das wird schon alles. Der Papa bemüht sich, sein Leben in den Griff zu bekommen. Wir müssen ihm bloß eine Chance geben.”

Ein Moment Stille.

“Sie haben sich ins Unrecht gesetzt”, hebt sie wieder an. “Das kann Ihnen als Kindesentführung ausgelegt werden. Zumindest haben Sie es nicht geschafft, diesen Besuchskontakt so zu gestalten, wie man das von Ihnen als Pflegeeltern erwartet. Sie haben versagt. Damit haben Sie auch unserem Amt geschadet.”

“Das ist doch wohl…”, beginnt Ruth sich zu ereifern.

“Komm, es ist zwecklos”, versuche ich Ruth zu beruhigen.

“Sie brauchen sich gar nicht aufzuregen”, wendet sich Frau Schilling an Ruth, “der Papa hat das Sorgerecht. Er kann bestimmen und er hat das Recht auf uneingeschränkten Umgang.”

Es hat keinen Zweck, zu argumentieren. Sie sitzt am lägeren Hebel. Das lässt sie uns jetzt spüren.

“Ich muss Ihnen sagen, dass es ab jetzt keinen Umgang mehr geben wird, an dem Sie teilnehmen”, kündigt sie uns an. “Wir werden das jetzt amtsseitig regeln. In vier Wochen ist der nächste Umgang. An diesem Termin werden wir die Kinder bei Ihnen abholen und zum Zug bringen.”

Ruth wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. In mir kocht es. Ich ahne Schreckliches. Was sind das für Menschen, die nicht erkennen, wenn es Kindern schlecht geht, die nichts wahr haben wollen, die stattdessen die jenigen, die alles für diese geschundenen Kreaturen tun, auch noch dafür kritisieren und beschimpfen? Dürfen Pflegeeltern nicht auch mal ganz normale Menschen sein? Müssen sie sein wie die Heiligen, die keine Gewohnheiten haben, keinen eigenen Lebensstil? Unangreifbar, immer einen Heiligenschein tragend?

Ich gebe zu, wir sind nicht unparteiisch, wie es das Jugendamt von uns verlangt. Wir sind Partei, vertreten die Interessen unserer Pflegekinder. Mit dieser Tatsache kommt Frau Schilling nicht klar.

Wir sind traurig, entsetzt, wütend. Wir wissen nicht, wo das alles hinführen soll. Und wir ahnen Schreckliches. Wenn wir nicht vor Ort sind, wer soll den Kindern helfen, wenn es ihnen schlecht geht?

Der gescheiterte Ausflug 13. März 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Manchmal ist es schwer für Pflegeeltern, ihre Pflegekinder zu verstehen. Aus heiterem Himmel schlägt ihre Stimmung um, sie machen einen riesigen Zirkus und verkriechen sich. Das erleben wir heute.

Es ist ein schöner Sonntag, sonnig und frühlingshaft warm.

“Warum wollen wir heute nicht mal eine Radtour machen?”, regt Ruth beim Frühstück an. “Wir waren so lange nicht mit dem Fahrrad im Wald. Dann machen wir ein Picknick und lassen es uns so richtig gut gehen!”

“Au ja”, freut sich Susann und auch Jeannett strahlt. Alle freuen sich auf das Ereignis.

Nach dem Frühstück werden Brote geschmiert, Bouletten und Obst zusammengepackt. Auch Getränke werden mitgenommen. Jeder bekommt einen Fahrradkorb oder eine Satteltasche, damit wir das Gepäck verteilen können.

Eine Stunde später geht es los. Die Fahrradreifen sind aufgepumpt, das Flickzeug verstaut. Durch das Dorf hindurch geht es zum Waldrand und hinein in den Wald.

Wir sind kaum eine Viertelstunde gefahren, bergauf, bergab, über Baumwurzeln und an Lichtungen vorbei, da bleibt Jeannett unvermittelt stehen. Ihr Gesicht ist finster.

“Was ist denn los, Jeannett?”, fragt Ruth.

“Ich will nicht mehr. Ich bleib jetzt hier stehn.”

“Du hast dich doch auch gefreut!”, versuche ich, sie zu beruhigen. “Lass uns doch weiter fahren.”

Jeannett beginnt zu weinen. “Ich will nicht immer mit dem dummen Fahrrad fahren”, jault sie. Ihr Heulen steigert sich zu einem hysterischen Schreien und Kreischen. Sie kann keine artikulierten Laute mehr hervorbringen. Ihr Kopf wird rot, ihre Lippen und Augen schmal. Susann steht hilflos neben ihr, versucht sie, zu trösten. Vergeblich.

Ruth und ich werfen uns Blicke zu. Wir sind uns einig.

“Wir fahren jetzt zurück nach Hause”, entscheide ich. “Schade für uns alle. Es hätte so schön werden können.”

Aber Jeannett weigert sich, auf das Fahrrad zu steigen. So laufen wir, Jeannett in einigem Abstand und scheiend und kreischend durch das ganze Dorf, bis wir unser Haus erreicht haben. Glücklicherweise bekommt jeder mit, dass wir nicht Schuld sind an diesem Desaster.

Zuhause angekommen, sitzen Ruth, Susann und ich auf der Terrasse und lassen es uns mit einem Eiskakao gut gehen. Jeannett lehnt alles ab. Sie liegt auf dem Bett in ihrem Zimmer und hört nicht auf zu heulen.

So ist das mit traumatisierten Pflegekindern. War es eine Erinnerung, ein Flashback aus alten Zeiten, der ihre Trauer getriggert hat? Wir wissen es nicht. Allerdings haben wir die Erfahrung gemacht, dass traumatisierte Kinder angenehme, harmonische Situationen nicht ertragen können. Sie kennen aus ihrer Kindheit nur Stress, der aus Todesangst herrührt. Fehlt dieses Körpergefühl, so stelle ich mir vor, müssen sie es bewusst hervorrufen. Das führt dazu, dass sie harmonische Situationen kaputt machen müssen, indem sie die mit den elterlichen Tätern gemachte Erfahrungen reinszenieren und auf die Pflegeeltern übertragen.

Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich mir die Frage, ob durch ihre leiblichen Eltern traumatisierte, vernachlässigte, bindungsgestörte Kinder überhaupt familientauglich sind. Vielleicht wäre es besser, sie in traumatherapeutisch orientierten Wohngrupen aufwachsen zu lassen, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, bis sie ihre Traumata bearbeitet haben und mit ihnen leben können.

Zu wenig zu essen? 31. Oktober 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , ,
add a comment

Pflegekinder haben in frühester Kindheit manchmal gehungert. Ihre Eltern haben sie einfach vergessen oder ihnen überlassen, sich etwas zu essen zu organisieren. Keine geregelten Mahlzeiten, nichts Besonderes. Es ist wahrscheinlich, dass unsere Kinder dazu gehörten.

Jeannett hat an einem Tag, wie wir entdecken, zwei Tüten mit Corn Flakes fast aufgegessen. Sie hat sie aus dem Vorratsschrank. Auf dem Schuhschrank im Flur finden wir etwas 250 g Butter, mit Zucker verrührt. So geht das die ganze Zeit.

Was uns auffällt, ist, dass die Kinder sich gar keine Mühe geben, vor uns zu verbergen, dass sie unsere Vorräte plündern. Es ist ein klares Signal an uns: Das sind wir so gewöhnt. Schimpft nicht mit uns, wir begreifen eh nicht, dass wir etwas falsch gemacht haben. Wir kennen es so und nie hat jemand uns gesagt, dass das nicht ok ist.

Für uns ist es eine Untat, so mit Lebensmitteln umzugehen. Es gibt zu geregelten Zeiten zu essen und jeder kann sich satt essen. Aber wir versuchen, den Kindern eine feste Struktur im Tagesablauf beizubringen. Eigentlich dachten wir, dass nach vier Jahren endlich eine Automatisierung hätte stattfinden müssen. Aber wir können aus ihrem Verhalten erkennen, dass sie früher grob vernachlässigt sein mussten.

Nun wissen wir: Es ist eine Mischung aus Vernachlässigungssymptomen und dem Kick, etwas nicht Erlaubtes zu tun. Wir wissen, dass andere Pflegeeltern ihren Pflegekindern ein Notfallpaket zur Verfügung stellen, damit sie immer an etwas Essbares kommen. Aber was ist dann mit den Mahlzeiten, wenn sie, wie Susann, was essbar ist, sofort verschlingen?

Uns ist klar: Es ist ein psychisches Problem, das nur durch eine seelische Heilung gelöst werden kann. Wir werden damit leben müssen.

Chaotischer Morgen 24. Oktober 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , ,
add a comment

Ein Morgen in einer Familie sollte eigentlich wie der andere ablaufen. Wecken, Aufstehen, Duschen, Frühstück, raus aus dem Haus. Bei Pflegekindern, die früher nichts anderes als Chaos erlebt haben, ist das anders.

Susann trödelt beim Frühstück rum, bis es zu spät ist. Die Schule ist nur um die Ecke. Aber etwas ist immer verkehrt.

“Wo sind meine Schuhe? Ich kann meine Schuhe nicht mehr finden”, schreit sie in weinerlichem Ton.

“Hast du sie denn gestern nicht ins Schuhregal getan?”, versuche ich ihr zu helfen.

“  Ich weiß nicht mehr…”

Sieh in dein Zimmer!”

Ja, da sind sie, vergraben unter der schmutzigen Wäsche der letzten Tage.

Ich atme auf. Dieses Problem hätten wir gelöst.

“Aber meine Schultasche ist weg!”

Langsam wird auch meine Zeit knapp. Susann öffnet die Haustür. Da, auf dem Treppenabsatz vor der Tür steht sie. Sie hat vergessen, sie mit ins haus zu nehmen, als sie gestern kam. Sie ist nass vom Regen der letzten Nacht. Glücklicherweise haben Bücher und Hefte nicht viel abbekommen. Endlich können wir alle gehen.

Kinder, die in ihrer frühen Kindheit vernachlässigt und traumatisiert wurden, haben keinen Bezug zur Realität mehr. Sie leben in ihrer eigenen Welt. Was gestern war, ist im Nebel versunken. So schützen sie sich vor den schlimmen Erinnerungen aus der Vergangenheit. eigentlich sind sie nicht lebensfähig.

Unsere Aufgabe ist es dabei, sie zu unterstützen, den Alltag zu bewältigen. Es kostet uns manchmal den letzten Nerv. Und wir hoffen, dass das alles einmal aufhört. So lange aber müssen sir uns mit verloren gegangenen Turnschuhen und verschwundenen Büchern und Heften herumschlagen.

Besuch im Knast? 7. August 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Pflegeeltern werden vor immer neue Aufgaben gestellt. Jetzt besteht der Kindesvater auf Umgangskontakten, obwohl er inhaftiert ist. Wir fragen uns, wie das gehen soll. Sollen wir mit den Kindern im Besucherraum sitzen? Sollen wir die Sicherheitsuntersuchung über uns ergehen lassen? Wie werden die Kinder reagieren? Werden sie nicht zusätzlich zu den Erfahrungen aus ihrer Kindheit traumatisiert  und ist ihnen das alles zuzumuten? Wir werden dem mit Sicherheit nicht zustimmen.

Frau Schilling, unsere Sachbearbeiterin, hat immer eine Lösung, wenn es um die Rechte der leiblichen Eltern geht. In diesem Fall arrangiert sie einen Termin im Jugendamt. Wir haben mit den Kindern zu erscheinen und auch sie wird anwesend sein.

Die Kinder lassen alles über sich ergehen. Sie wehren sich nicht, aber sie freuen sich auch nicht. Sie sind einfach teilnahmslos. Im Auto während der Fahrt herrscht Stille. Keine Gespräche, keine Streiterein. Als wir eintreffen, ist niemand da – außer Frau Schilling. Sie erklärt uns, dass es auf der Autobahn einen Stau gegeben hätte und der Gefangenenransport deshalb verspätet eintreffen würde. Die Kinder sind nicht davon abzubringen, ihren Vater auf dem Parkplatz zu erwarten.

Da schließlich trifft der Gefängniswagen ein. Ein Kleinbus mit Gittern an den Fenstern und mit getönten Scheiben. „Sitzt da unser Papa drin?“, fragt Susann leise. Jeannett nickt stumm. Die Türen öffnen sich, zwei Justizbeamte steigen aus, öffnen die hintere Tür. Der Kindesvater verlässt das Fahrzeug und wird unmittelbar von den Justizbeamten in die Mitte genommen. Die in den Halftern unter den Jacken steckenden Dienstwaffen sind nicht zu verbergen. Der Kindesvater trägt Handschellen. Er wirft den Kindern ein schnelles Lächeln zu. Sie setzen sich in Richtung Eingang in Bewegung, dahinter wir mit den Kindern, die Mädchen mit gesenkten Köpfen. In dem für den Besuchskontakt vorgesehenen Raum angekommen, werden wir von Frau Schilling begrüßt. Die Justizbeamten beziehen Stellung in einem Nebenraum.

Der Raum, in dem wir uns befinden, ist weiß gestrichen, ein Schreibtisch und ein Besprechungstisch, an dem wir Platz nehmen. Die Kinder und wir auf der einen und der Kindesvater auf der anderen Seite. Ruth wäre nicht Ruth, wenn sie die Situation nicht vorausgesehen hätte und Vorsorge getroffen hätte. Sie hat einen Korb mit Geschirr und Tassen gepackt und zwei Thermoskannen mitgenommen. Eine ist mit Kaffee gefüllt, die andere mit heißer Schokolade. Niemand von uns hat ernsthaft erwartet, dass das Jugendamt eine so heikle Situation auch aus der Perspektive der Kinder betrachtet und für eine aufgelockerte Situation sorgt. Hauptsache den Gesetzen ist Genüge getan.

Sie verteilt das Geschirr und Besteck und bietet den Kuchen und die Getränke an. Der Kindesvater stößt mit sauertöpfischer Miene hervor „´n Bier wär mir lieber“ und Frau Schilling ziert sich und lehnt mit einem leisen „Nein, danke“ ab und fügt hinzu: „Sie hätten sich doch nicht solche Umstände machen müssen.“ Weiß sie was sie überhaupt, was sie tut? Hat sie Angst, wir würden wir etwas in den Kaffee tun? Die Kinder und wir wechseln Blicke des Bedauerns und lassen uns den Kaffee, die Schokolade und den Kuchen schmecken. Frau Schilling und der Kindesvater sehen uns schweigend zu.

Schließlich bricht Frau Schilling das Schweigen. „Wie war denn euer Urlaub?“ „Schön“, strahlt Susann. „Wir haben an der Nordsee gezeltet. Es war sooo heiß!“ Jeannett übernimmt jetzt. „Und in Cuxhaven haben wir uns verirrt! Da haben Mama und Papa uns mit der Polizei gesucht. Der Polizeiwagen ist über die Strandpromenade gefahren und hat immer unsere Namen durch den Lautsprecher gerufen.“

Frau Schillings Gesicht verfinstert sich. „Darüber werde ich noch mit euren Pflegeeltern sprechen müssen“, kündigt sie an. Der Kindesvater blickt mürrisch.

Wieder hat Ruth vorgebaut. Sie hat die Urlaubsfotos mitgenommen. Susann nimmt sie und nähert sich ihrem Vater. „Magst du sie sehen? Hier…“ und hält sie ihm hin. Der sieht sie eilig durch und murmelt etwas wie „Schön“. Dann breitet Susann die Fotos auf dem Tisch aus und kommentiert sie. Auch Jeannett, die sich bisher kaum bewegt hat, nimmt nun teil.

„Sieh mal, unser Zelt!“ „Da ist die Wasserrutsche!“ „Und da sind die Engländer mit dem Liegerad, mit denen sich Papa so lange unterhalten hat – und alles auf Englisch!“, bemerkt Jeannett mit einem gewissen Stolz, unseren beiden Gegenübern ins Gesicht blickend, ob es nicht einen Anflug von Bewunderung oder zumindest Anteilnahme gäbe. Aber Sachbearbeiterin und Kindesvater zeigen keine Regung.

Schließlich, nachdem sich diese gespenstische Situation anderthalb Stunden hingezogen hat, kommt von Frau Schilling der ersehnte Abpfiff. „Wir können uns ja noch einmal treffen, wenn ihr wollt. Aber für heute ist es wohl genug.“ Es klang eher wie: Meine Dienstzeit ist jetzt zu Ende und wir haben unsere Pflicht erfüllt.

Im Auto wieder Schweigen. Zuhause Gibt Jeannett eine Einschätzung des Besuchskontakts.

„Ich weiß gar nicht, warum wir da waren. Mein Vater hat nichts gesagt, Frau Schilling hat keinen Kuchen gegessen und überhaupt möchte ich meinen Vater so nicht wiedersehen. Ich hab doch jetzt dich, Papa“, wendet sie sich zu mir.

„Jeannett, wie kannst du so etwas sagen!“, erregt sich jetzt Susann. „Mir tut er leid, mit den Handschellen und in dem vergitterten Auto.“

„Susann, bist du blöd?, fährt Jeannett sie an. „Weißt du nicht mehr, was er Mama angetan hat und dass er sich nie um uns gekümmert hat? Ich will mit ihm nichts mehr zu tun haben, bevor er mir nicht sagt, warum er das alles getan hat. Am besten ist, er kommt nie mehr aus dem Gefängnis!“

Hier muss ich mich einschalten. „Jeannett, du hast Recht, dein Vater hat viele falsche Dinge getan. Er konnte nicht für euch sorgen. Aber wenn ein Mensch seine Strafe verbüßt hat, wird er aus dem Gefängnis entlassen. Die Taten sind zwar noch die selben. Aber man muss Menschen auch die Chance geben, sich zu bessern. Dass ihr zu eurem Vater nicht mehr zurück könnt, ist klar. Aber vielleicht willst du ja später mal mit ihm reden.“

Jeannett stemmt wieder die Fäuste in ihr Gesicht und hat wieder diese schmalen Lippen. Wie immer bedeutet das: Ich will nicht mehr reden. Wir beenden den Abend und schicken die Kinder ins Bett.

Tage später werden wir Zeugen eines Spiels der Kinder.

„Ich bin Jeannett und du bist unser Vater. Du musst auf meine Fragen antworten. Ok? Ich frage dich jetzt. Warum hast du versucht, Mama umzubringen?“

Susann ist verzweifelt. „Ich habe doch gar nichts gemacht!“

„Natürlich, du wolltest sie umbringen. Warum?“

„Sie hat es verdient. Nein, das stimmt nicht. Er hat sie auch gar nicht umgebracht.“

„Aber du hast uns immer weggeschickt, zu fremden Leuten.“

„Das wollte er nicht, er hat uns lieb! Ich will nicht mehr spielen, Jeannett! Es ist ein doofes Spiel.“

Verstört sucht Susann ihr Zimmer auf und legt sich ins Bett. Sie ist nicht mehr ansprechbar. Der Tag ist für sie gelaufen.

Wie sollen wir das je auffangen? Es sind die Auswirkungen des Besuchskontaktes, mit denen wir nun da stehen. Dieses Jugendamt macht alles verkehrt. Besuchskontakte sind nicht vorbereitet, der Ablauf ist unklar und dem Zufall überlassen. Das ist alles höchst unprofessionell. Die Kinder spüren überdeutlich, dass es hier nicht um sie geht, sondern nur um das vermeintliche Recht des Kindesvaters. Und das, obwohl die leiblichen Eltern laut Bürgerlichem Gesetzbuch zwar die Pflicht haben, an Besuchskontakten teilzunehmen, wenn die Kinder das wünschen. Ein Recht auf Umgang aber haben sie nicht, auch wenn Richter und Jugendämter das immer behaupten. Die Jugendämter aber haben ein Interesse daran, die leiblichen Eltern als Gegenpol zu den Pflegeeltern aufzubauen und denen sogar vorzuwerfen, dass sie die Pflegekinder den leiblichen Eltern bewußt entfremden.

Warum lässt man diese geschundenen Kreaturen nicht in Ruhe? Warum lässt man die Pflegeeltern nicht behutsam eine Bindung zu den Kindern aufbauen, damit sie nicht später durchs Leben gehen, ohne in der Lage zu sein, Bindungen zu anderen Menschen aufbauen zu können? Warum müssen diese Kinder das alles ertragen? Es ist eine verkehrte Welt und die Chancen auf Heilung der seelischen Wunden vernachlässigter, missbrauchter Kinder gehen unter solchen Voraussetzungen gegen null. Fast könnte man den Eindruck haben, dass man sie bewusst den Interessen ihrer leiblichen Eltern opfert.

Eine harmonische Woche 2. März 2011

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
Tags: , , , , , , , , , , ,
add a comment

Anbahnungen bei Pflegekindern brauchen Zeit. Geht alles überstürzt, bedeutet das womöglich, dass Pflegeeltern und Pflegekinder doch nicht mit einander auskommen. Die Folge ist besonders bei traumatisierten Kindern katastrophal. Es kann einen erneuten Abbruch von schon gewachsenen Bindungen bedeuten und die spätere Bindungsfähigkeit negativ beeinflussen.

Deshalb sind wir glühende Verfechter von sanften Anbahnungen. Dazu gehört, dass wir die beiden Mäuse am Ostermontag abholen, damit sie eine Woche lang bei uns verbringen können. Wir möchten sie möglichst gleitend in unseren Alltag einbinden. Wir wissen, dass sie aus einer zerrütteten Familie kommen, dass sie vernachlässigt und zu fremden Menschen abgeschoben wurden. Eine intakte Familie haben sie bisher noch nicht kennen gelernt. Der Alltag im Kinderheim ist nicht eben spannend, es gibt keine durchgehend verfügbaren Bezugspersonen. Wie werden sie auf das Leben in einer Familie reagieren?

Auch wenn wir beide Urlaub haben, die normalen Aufgaben, die in einer Familie erledigt werden müssen, stehen an. Dabei versuchen wir, die beiden Mädchen mit einzubinden. Noch ist alles spannend, noch ist alles neu. Ob es darum geht, den Tisch abzuräumen oder die Wäsche aufzuhängen, alles funktioniert ohne Murren. Etwas Besonderes ist es, die Katzen zu füttern. Deshalb dürfen sie im Wechsel die Katzen füttern, Susann morgens und Jeannett abends. Tags über spielen sie in unserer ruhigen Wohnstraße oder dürfen auch mal zum Laden am Bahnhof gehen. Dann nehmen sie die Gelegenheit wahr, an der Schranke zu stehen und den Zügen zuzusehen.

Auch für Ausflüge bietet sich das Frühlingswetter an. Wir fahren in die Heide und die beiden tollen um die Hünengräber herum. Im Glasmuseum sehen sie gebannt dem Glasbläser zu. Es sind viele Eindrücke, die sie bekommen, aber schon bemerken wir, wie sich sie traurige Leere in ihren Gehirnen langsam füllt. Mit glänzenden Augen saugen sie alles auf, was ihnen begegnet.

Anders dagegen die Nächte. Es ist nicht einfach, die beiden überhaupt zum Schlafen zu kriegen. Angesichts der aufregenden Tage ist das auch nicht verwunderlich. So setze ich mich abends zum Einschlafen zu ihnen an die Betten und singe zur Gitarre Lieder wie “Puff the Magic Dragon” und zum Schluss ein Gute-Nacht-Lied wie “Old Lang Syne”. Das gibt ihnen die nötige Ruhe.

Manchmal aber steht Jeannett abends um zehn im Wohnzimmer und klagt:

“Ich kann nicht schlafen.”

Also mache ich ihr einen Gute-Nacht-Tee, der signalisiert: Ab jetzt ist wirklich Ruhe!, und es funktioniert.

Nachts erwachen wir fast täglich von Susanns Stöhnen und Weinen. Sie wird geschüttelt von Alpträumen. Also halte ich ihre Hand und spreche beruhigend auf sie ein, bis sie wieder einschläft.  Wir können nur ahnen, welche Ängste sie nachts heimsuchen.

Als wir sie am Sonntag wieder ins Heim bringen, ist der Abschied herzlich. Es scheint, als könnten sie uns akzeptieren. Und wir haben einen ersten Einblick darin bekommen, was wir bereit sein müssen, zu leisten. Es wird nicht einfach, aber wir sind zuversichtlich, den beiden eine Familie bieten zu können, in der sie sich gut entwickeln können.

Besuche, Konkurrenz und die Ergänzungspflege 26. Januar 2011

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Weihnachten naht, und es ist die Zeit der Besuche. Für Pflegekinder ist das immer besonderer Stress, besonders, weil die leiblichen Eltern sich wieder ihrer Kinder erinnern, die sie zuvor misshandelt und vernachlässigt haben – gerade so, als seien sie ihr Eigentum.

Susann soll für drei Tage über Weihnachten bei ihrem leiblichen Vater verbringen. Wie wird sie das aushalten, mit ihrem einstigen Peiniger zu verbringen? Wir haben die ärgsten Befürchtungen, aber wir werden nicht mehr gefragt. Es steht fest. Der Kindesvater hat angekündigt, ihr ein Handy mit Karte zu schenken. Das lockt natürlich. Und außerdem ist es sehr praktisch, dass der Kindesvater sie nun Tag und Nacht fernsteuern kann. Geschickt geplant. Und wir sind alle sehr gespannt, was daraus werden soll.

Für Jeannett bedeutet das natürlich schärfste Konkurrenz. Susann wird zuerst die Wohnung, die Familie  und den neuen Wohnort ihres Vaters kennenlernen, ein Vorsprung, den Jeannett wohl nicht lange dulden wird.

Zunächst aber versucht es Jeannett damit, dass sie den Einfluss auf ihre Schwester behält und ausbaut. Sie will sie besuchen, aber es fehlt ihr der Mut, dort zu übernachten.

“Ihr bringt mich aber hin und seid immer in der Nähe, falls etwas schief geht”, fleht sie uns an. Das bedeutet für uns: Jederzeit in Lauerstellung verharren, falls ein Anruf kommt: “Holt mich hier ab, ich halt´s nicht mehr aus!” Wir sind dazu bereit.

Heute kommt eine Nachricht vom Familiengericht. Man beabsichtigt, mich als Ergänzungspfleger für die Vermögenssorge beider Kinder einzusetzen. Ich habe für sie die Opferentschädigung beantragt und der Sorgerechtsprozess, in dem dem Kindesvater die Vermögenssorge entzogen worden ist, ist über ein Jahr her. Seitdem habe ich alles aufgewendet, um wenigstens die Vermögenssorge zu bekommen. Noch ist nichts entschieden.

Ein neues Problem deutet sich an. Durch das Wiederauftauchen des Kindesvaters, nachdem er seine Haftstrafe verbüßt hat, entsteht neuer Zündstoff zwischen den Schwestern. Susann sucht sich neue Bezugspersonen, und sie befindet sich gegenüber Jeannett im Vorteil. Das bringt eine völlig neue Situation in unser Pflegeverhältnis. Wie drückt es Frau Gerster aus: “Der Stallgeruch zieht!”

Zumutungen und andere Probleme 10. Juni 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Wie läuft die Zusammenarbeit mit der Wohngruppe? Die ehemaligen Pflegeeltern rufen an, ganz einfach!

So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Wir dachten, es gibt ein natürliches Interesse daran, mit uns zusammen zu arbeiten. Haben wir nicht über Jahre hinweg genug Erfahrung? Könnten wir nicht etwas beitragen?

Also rufe ich an. Ein Problem haben wir wenigstens weniger. Susann wird über den Kindesvater versichert, das steht fest. Nur hat die Sache einen Haken: Es gibt noch keine Versicherungskarte!

Ein weiteres Problem scheint gelöst zu sein. Es gibt einen Termin für die Eingliederung der Zahnspange bei uns. Also wird Susann uns in der nächsten Woche besuchen. Das erste Mal nachdem wir sie in Obhut gegeben haben. Ruth und Jeannett sind jetzt schon nervös. Aber durch die Supervision sind wir gut vorbereitet. Ob das auch für Susann gilt? Wir jedenfalls wollen gestaltete Besuche, die zielführend sind, die Situation auszuhalten und nicht wieder eskalieren zu lassen. Die Einrichtung scheint sich keiner Probleme bewußt. Sie kommt uns eben besuchen, und aus!

So nebenbei erfahre ich, dass Susann auch am Hilfeplangespräch in der nächsten Woche teilnehmen wird. Das sei so entschieden. Es sei auch ganz normal. Sie wird zu diesem Anlass ihren leiblichen Vater wiedersehen, der sie vernachlässigt und misshandelt hat. Wie wird das sein? Was wird sie fühlen?

Der Erzieher ist verdutzt, als ich sie mit der Möglichkeit der Retraumatisierung konfrontiere. Er scheint das Wort noch nie gehört zu haben und keine Vorstellung davon zu haben. Er eröffnet mir, dass der Vater Susann auch besuchen wird; geplant ist ein Zeitraum von vier bis sechs Wochen.

Ich fasse es nicht. Wir haben Susann in Obhut gegeben, damit Fachleute sich um sie kümmern und ihr helfen können. Was ich hier erlebe, ist Naivität, Unwissenheit, fehlende Empathie. Es ist eine Zumutung, einen Menschen unvorbereitet mit seinem ehemaligen Peiniger zu konfrontieren. Es wird Menschen zugemutet, ihre traumatische Vergangenheit wieder zu erleben. Dabei geht es um die Erfüllung der Buchstaben des Gesetzes. Der Vater hat das Sorgerecht, er hat das Besuchsrecht, und basta! Wer will schon wissen, was dem Kind schadet, wer will schon wissen, was Kindeswohl heißt.

Wir kämpfen um Pflegekinder 27. Mai 2010

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
Tags: , , , , , , , , , ,
4 comments

Es wird so langsam klar: Obwohl der Landkreis per Zeitungsannoncen Pflegeeltern sucht, bekommen wir keine Kinder. Sicher, wir haben einmal abgelehnt. Die Mutter hat psychische Probleme, der Junge ist stark verhaltensgestört. Sie müsste sozusagen “mitbetreut” werden. Der Wohnort liegt sechzig Kilometer von unserem entfernt.

Es reicht uns. Wir suchen andere Lösungen. Seit wir mit Sigrid, unserer ältesten Pflegetochter in diesen Kreis gekommen sind, geht es mit Frau Schilling nicht gut. Sie scheint uns nicht zu wollen.

Also wenden wir uns an das Jugendamt, das in Hamburg für uns zuständig war und uns überprüft hat:

Pflegekinder aus Hamburg nach Niedersachsen…

Sehr geehrte Frau Beltz-Grenardier,

es hat uns keine Ruhe gelassen, und so haben wir uns kundig gemacht, ob nicht auch aus Hamburg Pflegekinder nach Niedersachsen (genauer: Denkendorf) vermittelt werden könnten. Der Grund dafür ist ganz einfach: Alle bisherigen Anbahnungsphasen gestalten sich sehr aufwendig, da wir am oberen Ende des Landkreises wohnen und wir mitunter sehr weit fahren müssen, um eine Einrichtung zu erreichen. Dennoch stehen wir zur Zeit mit Frau Schilling im Jugendamt Lüneburg in Kontakt, um eine Anbahnung in einer Einrichtung in Lüneburg zu beginnen.

Mit einem Schreiben an den Senator für Jugend, Bildung und Sport, das wir Ihnen beilegen, haben wir versucht, eine Klärung zu erreichen. In der beigefügten e-mail-Antwort hat uns Herr Grenz die Voraussetzungen erläutert und uns geraten, direkt mit den Stadtteilverwaltungen Kontakt aufzunehmen.

Wir wenden uns nun an Sie als der Stelle, die sowohl derzeit unsere Eignung festgestellt hat als auch die Voraussetzungen unserer Pflegestelle kennt. Auch Frau Schilling vom jetzt zuständigen Jugendamt kennt diese Voraussetzungen. Dementsprechend sind die von Herrn Grenz genannten Bedingungen optimal erfüllt.

Wir können uns gut vorstellen, dass Kinder aus ihrer momentanen Situation in einer Großstadt herausgelöst werden müssen, um in ruhiger Atmosphäre eine positive Entwicklung zu nehmen. Wir sind unter diesen Voraussetzungen dazu bereit, weitere Pflegekinder aufzunehmen.

Zeitgleich mit diesem Schreiben werden wir Frau Schilling vom Jugendamt des Landkreises Lüneburg anschreiben und ihr die oben beschriebene Situation ebenfalls schildern. Wir würden es begrüßen, wenn beide Jugendämter in Kontakt treten, um eine Vermittlung von Pflegekindern aus Hamburg in unsere Pflegestelle zu ermöglichen.

Bitte teilen sie uns möglichst bald mit, wie sie die Chancen für die Vermittlung Hamburger Kinder in unsere Pflegestelle unter diesen Voraussetzungen sehen.

Freundliche Grüße

Es ist kaum zu fassen: In einem Land, in dem es jedes Jahr 200.000 missbrauchte, vernachlässigte Kinder gibt, müssen Pflegeeltern um Pflegekindern betteln und ihre Dienste anbieten. In eben diesem Land gelten Verwaltungsprobleme zwischen Gemeinden und Bundesländern mehr als das Wohl von Kindern, die missbraucht und vernachlässigt wurden. In eben diesem Land gibt es Fälle, in denen Kinder ihren traumatisierenden Eltern zurückgeführt werden, um das Geld für die Pflegestellen zu sparen.

Ist Deutschland ein kinderfreundliches Land?

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 102 other followers