jump to navigation

Wieder Alltag zu Hause 5. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , ,
2 comments

Normalerweise fördert Urlaub die Erholung und die hält noch eine Weile an. Man erinnert sich gern an die schönen Erlebnisse und sieht sich die Urlaubsfotos an.

In Pflegefamilien mit traumatisierten Kindern ist das anders. Der Alltag kehrt schnell zurück und die alten Verhaltensmuster und Symptome tauchen wieder auf. So auch bei uns.

Es ist morgens um sechs. Die Kinder müssen zur Schule. Susann ist nervös. Als sie meine Teekanne zum Waschbecken trägt, fällt ihr der Deckel auf den Boden und zerspringt. Susann sinkt auf den Stuhl, Tränen in den Augen.

“Du brauchst doch nicht zu weinen”, tröste ich sie. “Dann gibt es eben eine neue.”

“Papa, ich kann meinen Hosengürtel nicht finden”, kündigt sie das neue Problem an. “Und meine Zahnspange ist auch nicht mehr da.”

Ich gehe an meinen Kleiderschrank und suche nach einem passenden Gürtel. Susann strahlt wieder.

“Aber das mit der Zahnspange müssen wir heute Nachmittag auf die Reihe kriegen”, mahne ich.

Schnell einen Früchtetee und ein Marmeladenbrot und dann geht´s los zur Schule.

Alles ist vergangen, die ganzen schönen Urlaubstage. Sobald es Alltag ist, werden die Kinder nervös. Sie kriegen nichts mehr auf die Reihe. Alle alten Erinnerungen an die Kindheit kommen wieder. Und dann ist da die Angst, kein “normales Kind” zu sein.

Also stellen wir uns darauf ein, wieder zu kämpfen. Zu kämpfen gegen die Schatten der Vergangenheit, die über unserer Familie liegen.

 

Was wissen Jugendämter wirklich? 5. November 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Für Pflegeeltern ist es unerlässlich, zu erfahren, was den Pflegekindern, die sie betreuen, wirklich in frühester Kindheit passiert ist. sie müssen es wissen, damit sie sich darauf einstellen können, was sie erwartet, welche Informationen sie sich beschaffen müssen und wie sie reagieren müssen.

Immerhin haben wir es geschafft, dass sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen: Die beiden ehemaligen Sachbearbeiter des abgebenden Jugendamtes, die Sachbearbeiterin des zuständigen Jugendamtes, wir als Pflegefamilie und unser Beistand. Die Defizite, die wir schon kennen, werden benannt: Vernachlässigung, wahrscheinlicher Missbrauch, wechselnde oder fehlende Bezugspersonen, intensives Miterleben eines Mordversuchs. Wir kennen die Symptome im Verhalten der Kinder: Angst, mal nichts mehr zu essen zu haben, Lolitasyndrom, Skepsis und Misstrauen und offen feindselige Haltung gegenüber der Erwachsenenwelt, Aggression, Abspaltung der Vergangenheit aus dem gegenwärtigen Erleben. Was wir uns erhofft haben, ist leider unmöglich. Der Einblick in die Polizei- und Gerichtsakten bleibt uns verschlossen, auch das Jugendamt hat keinen Zugriff darauf. So werden wir nie erfahren, was sich tatsächlich abgespielt hat.

Immer haben wir beim Jugendamt eingefordert, die ganze Wahrheit im Detail zu erfahren. Bevor wir uns entschieden, ein Pflegeverhältnis mit Jeannett und Susann anzubahnen, haben wir zwar den bisherigen Verlauf der Hilfemaßnahmen erfahren. Obwohl wir beide, Ruth und ich, in pädagogischen Berufen arbeiten, konnten wir jedoch diese Informationen für uns nicht bewerten. Bisher haben wir uns nicht vorstellen können, was leibliche Eltern ihren Kindern anzutun in der Lage sind und welche Auswirkungen das auf die Seele eines Kindes hat. Dieses Wissen haben wir uns in langen Seminaren und intensiven Schulungen selbst erarbeitet. Und wir haben feststellen müssen, dass wir nun mehr Wissen hatten als so manch ein Sachbearbeiter des Jugendamtes.

Wir müssen aber auch erkennen: Auch die Jugendämter sind unzureichend informiert und können ihre Erkenntnisse nur aus deren Aktenlage schöpfen. Es wäre an der Zeit, dass auch Strafverfolgungsbehörden und Gerichte sich der Jugendhilfe öffnen und ihren Beitrag zu einer effektiven Hilfe für traumatisierte Kinder leisten, anstatt die Geschehnisse im Verborgenen zu hüten.

Chaotischer Morgen 24. Oktober 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , ,
add a comment

Ein Morgen in einer Familie sollte eigentlich wie der andere ablaufen. Wecken, Aufstehen, Duschen, Frühstück, raus aus dem Haus. Bei Pflegekindern, die früher nichts anderes als Chaos erlebt haben, ist das anders.

Susann trödelt beim Frühstück rum, bis es zu spät ist. Die Schule ist nur um die Ecke. Aber etwas ist immer verkehrt.

“Wo sind meine Schuhe? Ich kann meine Schuhe nicht mehr finden”, schreit sie in weinerlichem Ton.

“Hast du sie denn gestern nicht ins Schuhregal getan?”, versuche ich ihr zu helfen.

“  Ich weiß nicht mehr…”

Sieh in dein Zimmer!”

Ja, da sind sie, vergraben unter der schmutzigen Wäsche der letzten Tage.

Ich atme auf. Dieses Problem hätten wir gelöst.

“Aber meine Schultasche ist weg!”

Langsam wird auch meine Zeit knapp. Susann öffnet die Haustür. Da, auf dem Treppenabsatz vor der Tür steht sie. Sie hat vergessen, sie mit ins haus zu nehmen, als sie gestern kam. Sie ist nass vom Regen der letzten Nacht. Glücklicherweise haben Bücher und Hefte nicht viel abbekommen. Endlich können wir alle gehen.

Kinder, die in ihrer frühen Kindheit vernachlässigt und traumatisiert wurden, haben keinen Bezug zur Realität mehr. Sie leben in ihrer eigenen Welt. Was gestern war, ist im Nebel versunken. So schützen sie sich vor den schlimmen Erinnerungen aus der Vergangenheit. eigentlich sind sie nicht lebensfähig.

Unsere Aufgabe ist es dabei, sie zu unterstützen, den Alltag zu bewältigen. Es kostet uns manchmal den letzten Nerv. Und wir hoffen, dass das alles einmal aufhört. So lange aber müssen sir uns mit verloren gegangenen Turnschuhen und verschwundenen Büchern und Heften herumschlagen.

Persönlichkeitsstrukturen 23. September 2011

Posted by lehrergehrke in Analysen.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
2 comments

So lange konnten wir jetzt unsere Pflegekinder beobachten, ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse. Wir kennen sie besser als jeder sonst. Wir tragen Konflikte aus, für die die Gründe in ihrer Vergangenheit liegen. So langsam formt sich für mich aus allem ein Bild. Es hilft mir zu verstehen und zu helfen.

Persönlichkeitsstruktur sozial geschädigter Kinder

Die Persönlichkeitsstruktur sozial geschädigter Kinder ist beeinflusst durch ihre Erfahrungen, die sie in der Vergangenheit gemacht haben, also Vernachlässigung und Missbrauch. Sie bedingten ein bestimmtes Verhalten: Nahrungsbeschaffung um jeden Preis, Vermeidungsstrategien, distanzloses Verhalten gegenüber Fremden. Diese Erfahrungen und das erlernte Verhalten schlagen auf die Gegenwart durch. Sie entwickeln eine unbewusste Schattenseite, die fortan Teil ihrer Persönlichkeit ist. Die spaltet das Kind jedoch ab. Es behauptet in der Therapie: “Das bin ich doch gar nicht!” Deshalb ist es so schwer, diese unbewusste, verdrängte Seite zu heben. Sie bleibt meist abgespalten von der Gegenwart. Der Zugang bleibt verwehrt. Nur eine Traumatherapie kann ihn öffnen.

In der Gegenwart zeigt das Kind jedoch Freude und Zuneigung, die sich jedoch mit den durchschlagenden Erfahrungen und dem entsprechenden Verhalten innerhalb von Minuten abwechseln können. Es kommt dann zu Dissoziationen oder Übertragungen von Erfahrungen und Situationen auf die gegenwärtige Bezugsperson, also die Pflegemutter oder den Pflegevater. Das Kind vermittelt zwar den Eindruck, nur im Hier und Jetzt zu leben und blendet die Vergangenheit völlig aus. Tatsächlich aber ist es ständig von seiner Vergangenheit beeinflusst. So kommt es zu unerklärlichen Sachbeschädigungen, Diebstähle. Um diese zu vertuschen, aber auch weil die Erinnerung in der anderen, unbewussten Persönlichkeit liegt, lügt und leugnet das Kind. Daher ist es auch nicht schuldfähig; eine Einsicht kann nicht erwartet werden.

Situation in der Pflegefamilie

Konkret wurde das Kind vielleicht angehalten, Geheimnisse zu hüten, also Fehlverhalten der Eltern nicht preis zu geben, was bei ihm eine andauernde emotionale Vereinsamung bedingt. Dieser Zwang führt dazu, dass das Über-Ich, die normierende Instanz, ausgeschaltet wird. Immer wieder kommt es zu Normverletzungen, die als solche nicht gesehen werden. Das Kind hat diese Normverletzungen ja für überlebenswichtig erfahren und kommt dadurch natürlich in einen Konflikt mit der Anpassungsleistung, die es in der Pflegefamilie, aber auch in der Schule und im Freundeskreis zu erbringen hat und aus der ihm Vorteile in Form von positiver Zuwendung erwächst, die es so dringend nötig hat. Erbringt es diese Anpassungsleistung nicht, kann das jedoch bedeuten, dass die bisher erfahrene negative Zuwendung und Aufmerksamkeit (Nichtachtung, Strafe) sich verstetigt und immer wieder provoziert wird.

Für die Pflegefamilie bedeutet das, dass sie in der ständigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der traumatisierten Kinder steht. Ständig ist sie konfrontiert mit dissoziativen Situationen, in denen die Kinder aus der Gegenwart zu verschwinden scheinen und in ihrer Vergangenheit leben, Diebstählen zum Erhalt der Nahrungsgrundlage, auch wenn es genug zu essen gibt und unmotivierten Wutausbrüchen, in denen das Kind die Wut auf die Herkunftseltern auf die Pflegeeltern überträgt, dicht gefolgt von Phasen der Zuneigung und Einsicht. Diese Situation bedingt Stress für die gesamte Pflegefamilie und führt manchmal auch zum Abbruch des Pflegeverhältnisses. Das jedoch ist für alle Beteiligten die schlechteste Variante und hinterlässt Spuren bei allen Beteiligten. Besonders bei den Pflegekindern kommt es zu einem erneuten Bindungsabbruch und kann das ganze Leben negativ beeinflussen.

Deshalb kann man Pflegeeltern mit traumatisierten Pflegekindern nur empfehlen, sich so früh wie möglich nach einer professionellen Traumatherapie für die Kinder und für sich selbst nach einer guten Supervision umzusehen, um die Familie zu stabilisieren, auch wenn das bedeutet, in Auseinandersetzung mit dem zuständigen Jugendamt zu gehen.

Wir bewältigen den Alltag 3. September 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Der Alltag für Pflegeeltern unterscheidet sich erheblich vom Alltag leiblicher Eltern. Pflegeeltern haben mit Problemen in verschärfter Form zu kämpfen. Und sie kennen den Hintergrund dieser Probleme nur allzu gut.

Jeannett hat heute mindestens eine Schokoladentafel aus dem Küchenschrank genommen und aufgegessen. Wir finden das Papier in ihrem Zimmer. Es ist keine Schokoladentafel mehr übrig. Das alles wäre nicht so schlimm, hätte sie uns darum gebeten, aber sie hätte wohl gewusst, dass wir ihr nur eine halbe Tafel genehmigt hätten. Die jedoch hätte ihre Gier nicht befriedigt. Außerdem hätte einfach der Kick gefehlt – das Risiko des Entdecktwerdens.

Wir stellen auch fest, dass Jeannett Susanns Socken an hat. Wir vermuten, dass sie in ihrem chaotischen Zimmer von sich keine mehr finden kann.

Wir haben beiden Kindern Armbanduhren gekauft. Jeannett trägt ihre mit Stolz, aber Susann hat keine Ahnung davon, wo sie ist. Für sie gibt es nur das Hier und Jetzt. Auch ihr Hausaufgabenheft taucht erst wieder auf, nachdem sie mit unserer Hilfe ihr Zimmer durchkämmt hat.

Das Chaos in den Köpfen und Seelen unserer Kinder spiegelt sich unmittelbar in ihren Zimmern und in ihrem Verhalten.  Wir müssen langsam vorgehen, um es zu verändern. Es wird uns viel Energie kosten.

Also machen wir einen Plan. Wir werden regelmäßig am Wochenende mit Susann reden, damit wir alles klären, was sich in der Woche ereignet hat. Wir wollen es verbinden mit ihren Erfahrungen im Kinderheim. Auch das Thema Verlieren und Ordnung muss angesprochen werden.

Auch mit Jeannett wollen wir reden, Sonntag Abend oder in der Woche. Es muss eine Regelmäßigkeit geben. Wir wollen über ihre Erfahrungen in der leiblichen Familie sprechen, über ihre Erfahrungen im Kinderheim, über Aufgaben in einer Familie und über das Thema Eigentum und Wegnehmen.

Es stellt sich heraus: Jeannett redet nicht über ihre Vergangenheit. Sie ist ihr best gehütetes Geheimnis. Susann erzählt eine Geschichte nach der anderen und versucht sich immer in den Mittelpunkt zu stellen. Unser Vorhaben ist gescheitert. Es bleibt uns nur die Aufarbeitung der momentanen Probleme.

Wir wollen es wissen! 13. August 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , , ,
add a comment

Pflegeeltern nehmen Kinder auf, die ihnen völlig fremd sind. Auch die Pflegeeltern sind den Pflegekindern fremd. Jugendämter sind häufig sehr zurückhaltend, die Pflegeeltern mit genügend Informationen zu versorgen. Sie argumentieren, dass sie ohne Zustimmung der leiblichen Eltern keine personenbezogenen Sozialdaten weitergeben dürften.

So gesehen, sind wir mit Informationen recht gut ausgestattet worden, wir kennen die Gründe der mehrfachen Inobhutnahmen. Aber uns fehlen Details, um unsere Kinder und ihr Verhalten zu verstehen und darauf reagieren zu können. Ohne diese Details neigen Pflegeeltern, Schule und Kindergarten oder Hort dazu, sie einfach als dumm, böse oder aggtressiv, also kurz als schlecht zu betrachten.

Wir wollen jetzt wissen, was alles im Detail unsere Kinder geschädigt hat. Also schreiben wir mehrfach an Frau Schilling, bombardieren sie mit der Forderung nach eiem klärenden Gespräch mit allen Beteiligten. Dazu gehört das in Obhut nehmende, aber auch das zuständige Jugendamt sowie der Kindesvater. Wir ahnen nicht, was wir lostreten. Dutzende Telefonate führen wir mit der Sozialarbeiterin des Kindesvaters, ebenso mit der Rechtsberaterin des in Obhut nehmenden Jugendamtes. Immer wieder fordern wir ein Gespräch mit allen Beteiligten.

Wir wollen wissen:

  • Wie war das Verhältnis des Kindesvaters mit der Kindesmutter und wie hat es die Entwicklung der Kinder beeinflusst?
  • Wie waren die Umstände der Betreuung der Kinder durch Nachbarn und Bekannte?
  • Wie kam es zur Aufnahme der beiden Kinder beim Kindernotdienst? Wie ist hierzu die Aktenlage der Polizei und des Jugendamtes?
  • Was geschah während der Beurlaubungen ins Elternhaus genau?
  • Gab es Normverletzungen bereits in der Herkunftsfamilie und wie wurde damit umgegangen? Wurden die Kinder zur Geheimhaltung von Normverletzungen verpflichtet?

Es ist immer wieder dasselbe. Die Frage nach der Vergangenheit der Kinder stößt überall auf peinliches Berührtsein und Schweigen. Wir denken, dass der Kindesvater ein natürliches Interesse daran haben müsste, dass es seinen Kindern gut geht. Aber wir haben uns getäuscht. Es geht ihm nur um sich selbst. Er hat seine eigenen Ansichten von Schuld und kann sie für sich nicht anerkennen.

Wir hoffen, die Kinder besser verstehen zu können, wenn wir ihre Erfahrungen kennen, die sie in ihrer Kindheit geprägt haben. Aber das scheint niemanden zu interessieren außer uns. Die Ämter fürchten, sich falsch zu verhalten und zwischen die Fronten zu geraten. Das Wohl unserer Kinder spielt die geringste Rolle in diesem Spiel.

Jeannett bedankt sich 31. Juli 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , ,
add a comment

Jeannett bedankt sichPflegekind müssen eine riesige Anpassungsleistung erbringen, um in ihrer Pflegefamilie anzukommen. Meist wissen sie genau, was mit ihnen los ist. Manchmal schämen sie sich für ihre Vergangenheit. Sie nehmen den Unterschied zwischen ihrer Herkunftsfamilie und der Pflegefamilie genau wahr, aber die Situation in der Pflegefamilie ist ihnen fremd. Es gibt immer genug zu essen. Es gibt einen geregelten Tagesablauf. Sie müssen keine Angst mehr vor dem nächsten Tag haben, weil sie nicht wissen, was als nächstes geschieht.

Jeannett schreibt uns heute einen Brief. Sie hat bestimmt eine Menge Arbeit hinein gesteckt; er ist richtig künstlerisch. Aber auch der Inhalt ist schwer an Bedeutung. “Ich habe Euch lieb”, das ist nicht einfach so dahin gesagt. Jeannett darf endlich einmal eine Bindung zu jemandem aufbauen, auch wenn sie sich noch sehr unsicher ist, ob sie uns vertrauen kann. Aber sie kann wertschätzen, dass wir für sie da sind: Das “Danke für das was ihr in dieser Woche getan habt” nimmt mehr als die Hälfte der Seite ein. Wir sind glücklich und sagen ihr das auch.

Jeannetts Brief rührt uns. Es ist die erste emotionale Äußerung, die wir von ihr bekommen. Es zeigt uns aber auch, welche Widersprüche in ihr toben müssen. Einerseits verschafft sie sich Nahrungsmittel aus unserem Vorratsschrank und verzehrt sie. Andererseits weiß sie, dass ihr nichts passieren kann bei uns und vertraut darauf, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen und sie unterstützen.

Es ist ein Widerspruch, der schon für uns schwer auszuhalten ist. Wie schwer muss es für Jeannett ein, diesen Widerspruch auszuhalten? Wir alle müssen lernen, damit zu leben.

Ein schlimmer Traum 14. Januar 2011

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
Tags: , , , , , , , ,
add a comment

Unser Unterbewusstsein verarbeitet, was wir erlebt haben, unsere Wünsche und Ängste. Manchmal können es Alpträume sein.

Wie immer gehe ich morgens in Jeannetts Zimmer, um sie zu wecken. Schweißgebadet und völlig verstört setzt sie sich auf und fällt mir in die Arme.

“Ich habe einen so schlimmen Traum gehabt”, sagt sie leise. Ich habe geträumt, dass wir alle in der Küche standen. Papa war auch dabei. Dann hat sie ein Messer gezogen und dich umgebracht und dann Ruth.”

Sie hält mich umklammert. Sie beschwört mich.

“Versprich mir, dass ihr euch vorseht. Seht euch immer genau um, wer hinter euch steht. Ihr müsst immer ganz genau beobachten, wer in eurer Nähe ist. Versprich es mir.”

Es gelingt mir, Jeannett zu beruhigen. Sie schafft es, sich für die Schule fertig zu machen. Aber um zehn Uhr kommt ihr Anruf.

“Papa, hol mich ab. Ich kann mich nicht auf die Schule konzentrieren, immer muss ich an diesen Traum denken.”

Was hat das zu bedeuten? Ich vermute, dass sich Jeannett mit ihrer Herkunft auseinander setzt. Natürlich würde uns ihre Mutter nie etwas antun. Aber Jeannetts Erfahrungen und traumatischen Erlebnisse mischen sich mit der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit. Sie befürchtet, dass, wenn wir nicht mehr da wären, ihr der Schutz verloren ginge, den sie jetzt bei uns genießt. Diese Angst vor der Ungewissheit ist ganz normal. Wir sind verpflichtet, sie ihr zu nehmen.

Alle für Susann 10. Dezember 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Welche Rolle spielt die Verwandtschaft der Pflegefamilie für ein Pflegekind? Wie stellen sich die Verwandten darauf ein, ein neues, fremdes Familienmitglied zu haben? Können sie es akzeptieren?

In unserem Falle ist Susann noch immer ein Teil unserer Verwandtschaft. Alle haben Jeannett vorbehaltlos angenommen. Sie haben unsere Erklärungen bereitwillig angenommen, wenn wir ihnen erklärt haben, dass sie nicht sind wie andere Kinder, wenn sie Dinge weggenommen haben, die eigentlich nicht ihre eigenen sind. Und noch jetzt ist Susann in Gedanken mit dabei.

Meine Schwägerin Sarah hat Geburtstag. Alle sitzen in Hameln um den Kaffeetisch. So auch Tante Erika, Ruths Tante. Sie ist weit über achtzig, rüstig und von liebenswerter Direktheit in ihren Äußerungen. Wenn sie die Wahrheit sagt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, holt sie sich schon mal eine blutige Nase in der Familie. Aber das hält sie nicht davon ab, ihre Meinung zu sagen.

Tante Erika sitzt mir gegenüber.

Es platzt aus ihr heraus, direkt und unverblümt.

“Was machen wir denn nun mit unserer kleinen Hexe zu Weihnachten?”

Alles blickt verständnislos.

“Naja”, fügt sie erklärend hinzu, “ich meine Susann.”

Wir erklären, dass wir es nicht für gut halten, wenn Susann für die Festtage mit uns verbringt. Es gibt noch viel zu viele emotionale Betroffenheiten. Gerade Weihnachten ist dafür nicht der richtige Zeitpunkt, wir wollen keine Situation provozieren, die darin endet, dass wir sagen müssen: Es geht noch nicht. Das wird verstanden und es bricht eine Diskussion los, ob man Susann Päckchen schicken könnte und wie man ihr zeigen kann, dass sie noch zur Familie gehört.

Es zerreißt mich innerlich. Ich muss den Raum verlassen, Tränen stehen mir in den Augen. Ich kann diesen Gegensatz nicht aushalten. Ich denke daran, was uns in dem anstehenden Hilfeplangespräch erwartet. Das Jugendamt und die Einrichtung arbeiten, wie sie es nennen, “professionell”, für sie ist Susann ein Fall unter vielen. Wenn die Einrichtung über Weihnachten schließen will, muss eine Beurlaubung her. Es geht nicht um den Sinn oder Unsinn einer pädagogischen Maßnahme. Schlimm, dass wir uns einmal mehr schuldig fühlen, als die jenigen, die den Kontakt zu Susann verweigern. Wir sind diejenigen, die Entscheidungen nach sorgfältiger Abwägung treffen. Wir müssen erkennen, dass gute Gründe für Jugendamt und Einrichtung nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Und dann das hier. Menschen, die sich Gedanken machen, die Susann längst verziehen haben, die sie im Kreis der Familie behalten. Für die sie, trotz ihrer vielen Unzulänglichkeiten, ein wertvoller Mensch ist, dem eben nur das Schicksal in frühester Kindheit übel mitgespielt hat.

Was für ein Gegensatz! Ich bin stolz auf meine Familie in diesem Augenblick. So muss Familie sein: Zusammenhalten, auch in schlechten Zeiten, verzeihend, ein Hort der Gemeinsamkeit, der die Basis für die Existenz ist, nicht Existenz gefährdend. Vielleicht zu viel Nähe für Susann und ein Beispiel dafür, wie es auch in ihrer Kindheit hätte sein können und müssen. Ich weiß: Das kann sie nicht aushalten.

Zerrissen 3. November 2010

Posted by lehrergehrke in Die Wende.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Traumatisierte Pflegekinder haben ein schweres Schicksal. Sie kommen  aus einer zurrütteten Familie, landen in einem Heim und dann in einer Pflegefamilie. Sie leben in vielen Welten und versuchen sich zu orientieren. Sie meinen, sie wissen genau, was für sie gut ist. Dies ist ein Gedicht über ihr zerrissenes Inneres.

Zerrissen

Mein Leben

Zwei Welten oder drei oder vier

Die alte Welt

Lange her

Die Zwischenwelt

Die neue Welt

Die kommende Welt

Früher habe ich gelitten

Sie hätten mich lieben sollen

Für mich sorgen

Sie konnten es nicht

Doch von ihnen stamme ich her

Es ist offenbar: Sie gehören zu mir

Gern erinnere ich mich an schöne Stunden

Stunden so selten sie warn

Manchmal so deutlich, manchmal im Nebel

kann ich sie ganz deutlich spürn

Spüre die Verletzungen und könnte schrein

Ganz tief in meinem Innern schließe ich sie ein

Niemand soll sie kennen außer mir

Niemals solln sie existiern

Jahre habe ich dort verbracht

Schutz bot das Haus

Fremde sind besser

Manchmal

Allein bin ich für mich

Ich weiß was gut ist für mich

Vertraue niemand

Ich für mich allein

Mit Wünschen

Mit Ängsten

Mit meiner Vergangenheit

Verfolgt mich manchmal bis in den Traum

Was ist Wahrheit und was ist Lüge?

Es ist egal, ich weiß es nicht

Alle sind hier so wie ich

Ich liebe keinen und niemand liebt mich

Tief vergraben ist mein Schmerz

Neu ist die Welt

Neu sind die Menschen

Sie sollen mir helfen

Sie wissen alles

Viel machen sie gut

Die anderen Welten

Sie kennen sie nicht

Es ängstigt mich

Ich kann es nicht glauben

Wie viel halten sie aus

von meiner Qual?

Wie lange werden sie mich behalten wollen?

Sie sind mir so nah und doch so fremd

Ich liebe, ich hasse, ich liebe, ich hasse

So völlig anders als alles bisher

Es tut mir so gut, ich kann es nicht glauben

Ist es real? Geht es kaputt?

Der Übergang zwischen Gestern und Morgen

Ich bestimme darüber und niemand sonst.

Ich weiß wo ich bin und wohin ich gehe

Es wird mir gelingen, ich weiß es genau

Niemand wird mich hindern zu tun was ich denke

Was wird es sein, wer weiß es schon?

Meine Welt will ich gestalten und schalten und walten

Bestimmen wird sein die reine Lust

Meine Welt wird sein was ich habe

Zweifel und Ängste weit, weit weg

Wer weiß wie es kommt

Was wird mich erwarten?

Es wird schon gut gehn, ich weiß es genau.

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 102 other followers