Der gescheiterte Ausflug 13. März 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: bindungsgestört, Flashback, getriggert, harmonisch, hysterisch, Kreischen, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Picknick, reinszenieren, Schreien, Stress, Trauma, traumatherapeutisch, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, vernachlässigt
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Manchmal ist es schwer für Pflegeeltern, ihre Pflegekinder zu verstehen. Aus heiterem Himmel schlägt ihre Stimmung um, sie machen einen riesigen Zirkus und verkriechen sich. Das erleben wir heute.
Es ist ein schöner Sonntag, sonnig und frühlingshaft warm.
“Warum wollen wir heute nicht mal eine Radtour machen?”, regt Ruth beim Frühstück an. “Wir waren so lange nicht mit dem Fahrrad im Wald. Dann machen wir ein Picknick und lassen es uns so richtig gut gehen!”
“Au ja”, freut sich Susann und auch Jeannett strahlt. Alle freuen sich auf das Ereignis.
Nach dem Frühstück werden Brote geschmiert, Bouletten und Obst zusammengepackt. Auch Getränke werden mitgenommen. Jeder bekommt einen Fahrradkorb oder eine Satteltasche, damit wir das Gepäck verteilen können.
Eine Stunde später geht es los. Die Fahrradreifen sind aufgepumpt, das Flickzeug verstaut. Durch das Dorf hindurch geht es zum Waldrand und hinein in den Wald.
Wir sind kaum eine Viertelstunde gefahren, bergauf, bergab, über Baumwurzeln und an Lichtungen vorbei, da bleibt Jeannett unvermittelt stehen. Ihr Gesicht ist finster.
“Was ist denn los, Jeannett?”, fragt Ruth.
“Ich will nicht mehr. Ich bleib jetzt hier stehn.”
“Du hast dich doch auch gefreut!”, versuche ich, sie zu beruhigen. “Lass uns doch weiter fahren.”
Jeannett beginnt zu weinen. “Ich will nicht immer mit dem dummen Fahrrad fahren”, jault sie. Ihr Heulen steigert sich zu einem hysterischen Schreien und Kreischen. Sie kann keine artikulierten Laute mehr hervorbringen. Ihr Kopf wird rot, ihre Lippen und Augen schmal. Susann steht hilflos neben ihr, versucht sie, zu trösten. Vergeblich.
Ruth und ich werfen uns Blicke zu. Wir sind uns einig.
“Wir fahren jetzt zurück nach Hause”, entscheide ich. “Schade für uns alle. Es hätte so schön werden können.”
Aber Jeannett weigert sich, auf das Fahrrad zu steigen. So laufen wir, Jeannett in einigem Abstand und scheiend und kreischend durch das ganze Dorf, bis wir unser Haus erreicht haben. Glücklicherweise bekommt jeder mit, dass wir nicht Schuld sind an diesem Desaster.
Zuhause angekommen, sitzen Ruth, Susann und ich auf der Terrasse und lassen es uns mit einem Eiskakao gut gehen. Jeannett lehnt alles ab. Sie liegt auf dem Bett in ihrem Zimmer und hört nicht auf zu heulen.
So ist das mit traumatisierten Pflegekindern. War es eine Erinnerung, ein Flashback aus alten Zeiten, der ihre Trauer getriggert hat? Wir wissen es nicht. Allerdings haben wir die Erfahrung gemacht, dass traumatisierte Kinder angenehme, harmonische Situationen nicht ertragen können. Sie kennen aus ihrer Kindheit nur Stress, der aus Todesangst herrührt. Fehlt dieses Körpergefühl, so stelle ich mir vor, müssen sie es bewusst hervorrufen. Das führt dazu, dass sie harmonische Situationen kaputt machen müssen, indem sie die mit den elterlichen Tätern gemachte Erfahrungen reinszenieren und auf die Pflegeeltern übertragen.
Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich mir die Frage, ob durch ihre leiblichen Eltern traumatisierte, vernachlässigte, bindungsgestörte Kinder überhaupt familientauglich sind. Vielleicht wäre es besser, sie in traumatherapeutisch orientierten Wohngrupen aufwachsen zu lassen, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, bis sie ihre Traumata bearbeitet haben und mit ihnen leben können.
Die Therapeutin will nicht… 27. Januar 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Aggression, Bindung, Bindungsabbruch, EMDR, Kindesvater, leiblicher Vater, multipel traumatisiert, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pflegemutter, Pflegevater, Status Quo, Therapeutin, tiefenpsychologisch, Trauma, Traumatherapeut, Traumatherapie, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Vernachlässigung, Vertrauen
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Traumatisierte Pflegekinder brauchen eine Therapie. Es darf jedoch nicht jede x-beliebige Therapie sein. Sie soll dem Kind helfen, die traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten oder zumindest damit leben zu können. Pflegeeltern haben es aber häufig sehr schwer, das Kind in eine Therapie ihrer Wahl unterzubringen. Meist sind sie froh, dass überhaupt ein Therapieplatz zu bekommen ist.
Wir sind heute zu einem Elterngespräch bei Frau Dr. Meyer-Frankenfeldt, Susanns Therapeutin. Sie ist eine ältere Frau mit leiser Stimme und immer wohl gewählten Worten. Ihr Therapieansatz ist tiefenpsychologisch orientiert. Sie malt und spielt mit Susann und redet währenddessen mit ihr. Wir möchten sie heute darauf ansprechen, Susann einem Traumatherapeuten vorzustellen.
“Susann ist ein hoch traumatisiertes Kind”, erklärt uns Frau Meyer-Frankenfeldt mit betont ruhiger Stimme. “Was sie in ihrer Kindheit erlitten hat, können wir alle uns nicht vorstellen. Es hat Auswirkungen auf die Funktionsfähigleit ihres Gehirns gehabt. Sie können sie nicht mit denselben Maßstäben messen wie jedes andere Kind.”
“Susann hat uns erzählt, dass sie in den Therapiesitzungen spielt und malt. Welchen Stellenwert hat das im Rahmen der Therapie?”, möchte ich wissen.
“Susann kann währenddessen frei assoziieren und gibt mir einen Einblick in ihre frühkindlichen Erlebnisse, aber auch in ihre Bindungen an den leiblichen Vater und an sie”, erklärt die Therapeutin mir. “Ihr fehlt natürlich ihre Mutter, zu der sie überhaupt keinen Kontakt mehr hat, aber sie überträgt ihre schlechten Erfahrungen auf ihre Pflegemutter. Der Vater spielt überhaupt keine Rolle mehr. Wenn überhaupt, dann existiert dort nur eine Angstbindung.”
“Wie steht es denn mit der Bindung an uns als Pflegefamilie”, fragt Ruth.
“Susann ist ganz eng an sie gebunden”, antwortet sie. “Besonders ist sie an den Pflegevater gebunden. Mit Ihnen als Pflegemutter verbindet sie eine Übertragungsbindung. Sie projiziert ihre ganzen frühkindlichen Erfahrungen der Vernachlässigung durch ihre leibliche Mutter auf Sie”, wendet sie sich an Ruth. “Sie müssen da sehr stark sein und beziehen Sie Susanns Aggressionen und Angriffe bloß nicht auf Ihre Person. Sie meint Sie damit gar nicht, sondern eigentlich ihre eigene Mutter.”
“Wie glauben Sie, Frau Meyer-Frankenfeldt, dass unsere Rolle bei der Verbesserung von Susanns Situation ist und wie ist Ihre Rolle?”, gehe ich jetzt etwas tiefer mit meinen Fragen. “Wie können wir alle gemeinsam daran wirken, Susann auf einen besseren Weg zu bringen, damit sie sich zu einem ganz normalen Mädchen entwickelt?”
“Sie müssen sich von dem Gedanken trennen, dass Susann jemals zu einem normalen Mädchen wird”, nimmt sie uns die Illusion. “Susann wird immer an ihrer Vergangenheit leiden. Es ist schon viel, wenn wir sie in ihrem jetzigen Zustand halten können. Ich rate Ihnen, ihr einfach viel Liebe und Verständnis entgegen zu bringen. Mehr können Sie nicht tun, und das ist schon viel. Wer weiß, wo sie ohne Sie sonst wäre.”
Jetzt komme ich zum Eigentlichen. “Wir haben uns informiert und erfahren, dass es Therapien gibt, die das Trauma von Anbeginn aufarbeiten”, erkläre ich, “und das der Einsatz von EMDR dabei besonders hilfreich ist.”
“Ach wissen Sie”, wehrt die Therapeutin ab, “das würde bedeuten, dass wir diese jetzt laufende Therapie sehr behutsam beenden müssten. Dann müsste Susann sich auf einen anderen Therapeuten einlassen, und es ist nicht gesagt, dass das funktioniert. Ein anderer Therapeut müsste sie auch zuerst kennen lernen und über eine lange Zeit hinweg ihr Vertrauen erlangen. Dann erst könnte er richtig anfangen zu arbeiten. Es bedeutet ja auch einen erneuten Bindungsabbruch für Susann und die Etablierung einer neuen Bindung. Auch ein Traumatherapeut arbeitet auf der selben Basis wie ich, es gibt da kaum einen Unterschied. Susann ist multipel traumatisiert. Also müsste ein Traumatherapeut auch erst damit beginnen, ein Trauma zu bearbeiten, bevor er mit dem nächsten beginnt. Ich halte das für eine ganz schlechte Idee.”
“Würden Sie also nicht zustimmen, wenn wir Susann einem Traumatherapeuten vorstellen würden”, komme ich jetzt zum Knackpunkt.
“Wir sollten noch einmal in Ruhe darüber sprechen”, windet sie sich. “Man darf solche weit reichenden Entscheidungen nicht zu voreilig fällen. Wir sind sowieso am Ende der Zeit. Lassen Sie uns das nächste Mal darüber sprechen.”
Eine höfliche Verabschiedung und wir haben wider keine klare Aussage.
Irgendwie haben wir viel erfahren, was wir schon wussten. Wir wissen, dass Susann multipel traumatisiert ist. Wir wissen, dass sie die Erfahrungen mit der Vernachlässigung ihrer leiblichen Mutter auf Ruth überträgt. Aber wir wollen uns nicht damit abfinden, dass Susann nicht zu helfen ist. Wir wollen eine Therapie nach den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft.
Frau Meyer-Frankenfeldt führt Argumente ins Feld, die zumindest bedenkenswert sind. Der Verlust der Bindung zur Therapeutin ist ebenso ein gewichtiger Grund wie die zu erwartenden Schwierigkeiten einer neuen Therapie. Das all das Zeit kostet, ist auch uns klar.
Aber warum kann ich mich des Gefühls nicht erwehren, dass Frau Meyer-Frankenfeldt für ihre Leistungen redet und andere schlecht macht? Warum beschleicht mich das Gefühl, dass es ihr um das Geld geht, dass sie verlieren würde, wenn sie Susann als Patientin verlieren würde? Dass ihre Mal- und Spieltherapie bei Susann nichts fruchtet, außer den Status Quo zu erhalten, also keine wirkliche Besserung bewirkt? Sie hat mich nicht wirklich überzeugt.
Therapie contra Schule? 7. Januar 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: dissozialive Persönlichkeitsstörung, Fachleute, Förderprogramme, Grausamkeiten, Hausaufgaben, Herkunft, Lernvoraussetzungen, Opfer, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, posttraumatische Belastungsstörung, Schulaufgaben, Schulbesuch, Therapeutin, Therapie, Todesängste, Trauma, traumatische Erfahrungen, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Vernachlässigung, Vertretungsunterricht, Zukunftschancen
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Traumatisierte Pflegekinder haben viele Pflichten. Sie sollen in der Schule so funktionieren wie jedes andere Kind auch. Aber sie können es nur mit Unterstützung. Daneben sollen sie ihr Trauma und ihre belastenden Erlebnisse aus frühester Kindheit aufarbeiten. Das kostet Zeit.
Susann hat dreimal pro Woche psychotherapeutische Sitzungen. An drei Tagen kommt sie aus der Schule und fährt mit Bus und Bahn zur Therapeutin. Im Winter bringe ich sie und hole sie wieder ab. Wenn wir zu Hause sind, ist es meist ziemlich spät und sie ist meist nicht mehr in der Lage, irgend welche Hausaufgaben zu bewältigen. Das ist besonders schwierig, wenn in der Schule die Hausaufgabenstunden entfallen, weil Lehrer für Vertretungsunterricht eingesetzt werden.
Heute haben wir mehrere Schulprobleme. Susann bekommt einen vollen neuen Pinselsatz für den Kunstunterricht, weil der, den sie zum Anfang des Schuljahres bekommen hat, spurlos verschwunden ist.
Das Arbeitsheft für den Deutschunterricht hat Susann in der Schule gelassen. Sie kann die Hausaufgaben nicht machen.Außerdem fehlen noch zwei Hausaufgaben. Sie muss sie nachholen.
So einfach ist das aber nicht. Um sieben Uhr kommt sie von der Therapie, völlig ausgelaugt. Die Therapie verlangt ihr alles ab. Sie dreht das Unterste zuoberst. Immer braucht sie eine Stunde mindestens, um sich zu erholen, schläft meist auf dem Rückweg im Auto ein. An Schulaufgaben ist nicht mehr zu denken. Also gebe ich ihr ein Entschuldigungsschreiben mit, das die Situation schildert.
“Wissen Sie”, hat mir die Klassenlehrerin neulich verdeutlicht, “bei uns wird jeder Schüler gleich behandelt. Jeder muss die Anforderungen der Klassenstufe erbringen, wenn er das Klassenziel erreichen will. Wir können da keine Ausnahme machen.”
Schule ist grausam und sie bereitet auf die Grausamkeiten des Lebens vor. Wer nicht ins Schema passt, fällt raus. Zwar gibt es Förderprogramme für alles Mögliche, aber diese beseitigen nicht die Ungleichheiten in der sozialen Herkunft. Kinder wie unsere, die in ihrer Kindheit um Leib und Leben fürchten musste und die ständig Todesänsgte ausstanden, sind in der Schule von vornherein benachteiligt und damit ihrer Zukunftschancen beraubt. Sie haben einfach nicht dieselben Voraussetzungen wie Kinder, die unter friedlichen Bedingungen aufgewachsen sind un im Elternhaus gefördert worden sind.
Was ist für ein traumatisiertes Pflegekind wichtiger? In der Schule mitzukommen und erfolgreich zu sein? Das hieße, dass die Voraussetzungen dafür erfüllt wären: eine unproblematische Herkunft, die Förderung im Elternhaus, eine kindliche Unbeschwertheit. Von diesen Voraussetzungen sind traumatisierte Kinder weit entfernt.
Oder ist es wichtiger,die Zeit, die eigentlich für die Schule zur Verfügung stehen müsste, in therapeutische Behandlungen zu investieren? Es gibt eigentlich keine Frage: Die Therapie soll die traumatischen Erfahrungen bearbeiten und die Grundlage für einen erfolgreichen Schulbesuch legen. Sie ist daher vorrangig. Jedoch scheint es uns so, dass die Therapie die Schule eher behindert, weil sie so zeitintensiv ist.
Was ist wichtiger? Therapie oder Schule? Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Frage falsch gestellt ist. Für ein traumatisiertes Kind, das unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung leidet, das mit Flashbacks aus der Zeit der Vernachlässigung zu kämpfen hat, sind die Bedingungen, schulische Leistungen im existierenden System zu erbringen, nicht erfüllt. Es muss möglich sein, dass diese Kinder anderen Bewertungsmaßstäben unterliegen. Dass Lehrer, Jugendamt und Therapeuten an einen Tisch setzen und die Hilfemaßnahmen miteinander abstimmen.
Mir ist völlig klar, dass ich einem Traum nachjage. So lange Fachleute wie Therapeuten und Pädagogen sich nachweislich weigern, zusammen zu arbeiten und Institutionen und Schulabschlüsse wichtiger sind, als die bloße Kenntnisnahme von ungleichen Lernvoraussetzungen, werden die, die schon einmal Opfer waren, wieder zu Opfern gemacht. Das Helfersystem scheitert an den Bedingungen, unter denen es arbeitet.
Das Muster ist dasselbe 31. Dezember 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: dissoziativ, Persönlichkeitsanteil, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Polis, Symptome, tollpatschig, Trauma, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Verhaltensmuster, Zeltplatz, Zypern
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Traumatisierte Pflegekinder haben ihr Verhalten in ihrem Gehirn eingebrannt bekommen. Es wiederholt sich, egal in welcher Situation. So ist es auch heute in unserem Urlaub in Polis auf Zypern.
Heute Vormittag entdecken wir, dass die Tülle der Kaffeekanne tief eingeschnitten ist. Susann hat ihren Kopf bereits gesenkt.
“Susann, hast du uns etwas zu sagen?”, frage ich sie.
“Ja, ich war´s”, gibt sie zu. “Ich habe mich geärgert, dass ihr entdeckt habt, dass ich die Schokolade geklaut habe. Da hab ich´s einfach gemacht.”
Meine Güte, sie hat es zugegeben! Wir werden jetzt keine große Affaire daraus machen. Jetzt, wo sie es geschafft hat, beide Persönlichkeitsanteile aneinander zu bringen.
Aber an Susann geht die Situation nicht spurlos vorbei. Wie immer in solchen Situationen wird sie tollpatschig. Als sie den Wasserkocher ausleeren will, stilpert sie und das verbleibende Wasser ergießt sich in den Adapter für die Kühltruhe. Es setzt einen Knall und weg ist der Strom. So viel für den Adapter.
Es ist Susann peinlich, obwohl niemand mit ihr schimpft. Das einzige Problem ist: Wo bekommen wir jetzt einen neuen Adapter her?
Ich setze mich ins Auto und fahre in die Stadt. Dort gibt es einen kleinen Campingzubehörladen. “I need a new transformer like this one”, erkläre ich dem Ladeninhaber und halte ihm das verschlissene Teil unter die Nase. Der blickt vielsagend und bahnt sich dann den Weg über Berge von Zelten, Schlafsäcken und Geräten in das Innere seines Ladens. Es rumpelt und klopft. Schließlich erscfheint er mit dem ersehnten Kästchen und hält es triumphierend in die Höhe.
“Twenty-five pounds” proklamiert er.
Fast falle ich hinten über. Das sind fünfzig Euro! Aber er kann den Preis bestimmen, angesichts in der Hitze vergammelnder Lebensmittel. Ich zücke mein Portemonnaie. Ehrlich gesagt, hätte er “sixty” gesagt, ich hätte es auch bezahlt. Insofern ist der Kauf ein Schnäppchen.
Zurück auf dem Zeltplatz, empfangen mich alle in gespannter Erwartung. Den Preis will niemand hören. Nur Susann ist etwas bedrückt.
Wir erkennen, dass die Symptome traumatisierender Ereignisse nicht in positiven Situationen verschwinden. Susann handelt entsprechend ihres Jahre lang eingeprägten Verhaltensmusters. Zwar mögen die Anlässe für dissoziative Übersprünge nicht so zahlreich sein und Susann mag stabiler sein als sonst. Aber die Symptome sind weiterhin vorhanden.
So werden wir uns damit abfinden, dass sie immer präsent bleiben. Es ist zweifelhaft, ob eine Heilung möglich ist. Es ist Urlaub und wir sind fest entschlossen, das Beste daraus zu machen.
Unser dissoziativer Alltag 24. November 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: ANP, anscheinend normal, Chaos, Michaela Huber, Persönlichkeitsanteil, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pocket Coffee, Trauma, Traumaerfahrung, Traumatherapeut, traumatisch, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder
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Der Alltag von Pflegeeltern traumatisierter Pflegekinder ist nie langweilig. Immer gibt es etwas zu entdecken und immer gibt es etwas zum Freuen. Langsam gewöhnen wir uns daran.
In Susanns Zimmer finden wir heute die Umhüllung von unzähligen Pocket Coffees und die dazu gehörige leere Packung in der Küche. Pocket Coffees, das sind mit starkem Bohnenkaffee gefüllte Pralinen, die wir für den Fall langer Autofahrten immer in Reserve haben. Susann hat sie im Küchenschrank ganz oben entdeckt und hat sie offensichtlich geräubert. Dazu brauchte sie notwendigerweise einen Hocker, um dran zu kommen. Das ist kein Hindernis, aber es zeigt, mit welcher Intensität sie danach gesucht haben muss. Später gibt sie zu, dass sie eingentlich nicht geschmeckt haben und sie nach deren Genuss ziemlich nervös war.
Hinter dem Schrank finden wir ein Pausenbrot und, immerhin im Papierkorb, einen verschimmelten Becher mit Joghurt. Positiv ist, dass in dem Chaos ihre Zahnspange wieder auftaucht. Sie kann sie wieder benutzen.
Susann weiß wie immer von nichts. Das glauben wir ihr. Solche Raubzüge sind, folgt man Michaela Huber, Teil ihres traumatisch beeinflussten Persönlichkeitsanteils, der in ihrem “Anscheinend Normalen Persönlichkeitsanteil” dem Vergessen unterliegt und nicht wahr genommen werden kann. Susann ist traumatisiert und handelt oft in ihrem Persönlichkeitsanteil, der ihr z.B. suggeriert: Du musst dir jetzt etwas zu essen beschaffen, damit du nicht verhungerst!
Für uns Pflegeeltern bedeutet das, dass wir Susann keine “Schuld” zusprechen können. Wir müssen mit diesen Situationen leben. Nur ein guter Traumatherapeut könnte versuchen, die Persönlichkeitsanteile wieder aneinander zu bringen. Was Susann erlebt hat, war für sie außerordentlich bedeutsam. Sie kann jedoch die Erinnerung daran nicht aushalten. So kommt es, dass sie Handlungen, die mit ihrer Traumaerfahrung in Verbindung stehen, nicht erinnern kann.
Welche Hilfe ist richtig? 3. November 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Übertragung, Dissoziation, EMDR, Erziehungsberatung, Hilfebedarf, Jugendamt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Therapie, Therapiebedarf, Trauma, Traumatherapie, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Unprofessionalität
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Nicht nur Pflegeeltern, auch leibliche Eltern brauchen manchmal Hilfe dabei, mit den Alltagsproblemen in der Erziehung. Pflegeeltern traumatisierter Kinder sind ständig auf der Suche nach angemessener Hilfe, denn die seelischen Verletzungen, die die Kinder mitbringen, machen das Zusammenleben sehr schwierig. Das Jugendamt ist hier in der Pflicht.
Seit einiger Zeit wissen wir durch Seminare, Recherchen und Kontakten zu Therapeuten, dass für unsere Kinder eine Traumatherapie unter Einbindung der EMDR-Methode die richtige wäre. Mehrmals haben wir unsere Sachbearbeiterin beim Jugendamt, Frau Schilling, darauf hingewiesen und verlangt, dass eine solche Therapie finanziell ausgestattet wird.
“Das kann ich nicht beurteilen”, war ihre Stellungnahme, “und eine solche Therapie gehört auch nicht zu den Angeboten unseres Amtes. Wir haben aber eine sehr effektive Erziehungsberatung und ich würde Ihnen dringend raten, diese aufzusuchen.”
Ja, das kennen wir schon. Das Jugendamt hat eine bestimmte Anzahl von Hilfsangeboten, die sicher stellen, dass bei Hilfebedarf darauf verwiesen werden kann. Diese Angebote sind nicht individuell für den Hilfebedarf ausgelegt und deshalb in den meisten Fällen ineffektiv. Wir wissen auch, dass man solche Angebote nicht ungestraft ablehnen darf, um nicht als unkooperativ zu gelten.
Also machen wir einen Termin mit dem Träger der Erziehungshilfe. Als wir ankommen, ist die Sekretärin erstaunt.
“Ich habe hier keinen Termin für sie notiert und der Herr Doktor ist auch gar nicht da.”
Da fahren wir eine halbe Stunde, haben Jeannett dazu überredet, mitzukommen, und nun das.
Die Sekretärin telefoniert mit ihrem Boss. “Herr Doktor ist heute in Neuenkirchen und da haben Sie auch den Termin.” Unfassbar. Wir haben uns eindeutig notiert, dass der Termin hier stattfindet. “Dann müssen wir einen neuen Termin machen, so in zwei Monaten.”
Diese Stellen scheinen nicht zu begreifen, dass es bei uns brennt. Die Wörter “Trauma”, “Übertragung” und “Dissoziation” kommen in ihrem Wortschatz nicht vor. Eine ungeeignete Hilfe, unprofessionell organisiert, das ist mein Eindruck.
Am nächsten Tag treffen wir uns beim Jugendamt mit Frau Schilling, die sich als Unterstützung ihre Vorgesetzte mitgenommen hat. Wir haben Eileen vom Pflegeelternverband als Beistand dabei.
“Waren Sie bei Dr. Stein?”, will Frau Schilling wissen.
Ja”, antworte ich, “aber leider ist diese Institution nicht einmal dazu in der Lage, ihre Termine zu koordinieren. Der nächste Termin könnte in zwei Monaten stattfinden. Das ist für uns völlig undiskutabel.”
“Außerdem”, unterstützt uns Eileen, ” ist diese Form der Hilfe doch alles andere als angebracht. Hier geht es nicht um eine Hilfe für die Pflegeeltern, der Grund liegt in der Traumatisierung der Kinder. Hier muss angesetzt werden. Und deshalb ist eine Traumatherapie für beide Kinder genau das Richtige.”
Die beiden Amtspersonen werfen sich hilflose Blicke zu, die sagen: Mein Gott, was wollen die denn! Wir tun doch alles, was möglich ist.
Frau Schillig ergreift das Wort. “Woher sollen wir wissen, ob diese Therapie, die Sie vorschlagen, die richtige ist? Wir sind keine Fachleute!”
Ich fasse es nicht. Mit so viel Unprofessionalität hätte ich nicht gerechnet. Aber Eileen bleibt erstaunlich ruhig.
“Warum versuchen wir es nicht einmal? Wenn den Kindern damit geholfen wird, ist es doch genau, was wir wollen. Und dass die Kinder einen Therapiebedarf haben, ist doch wohl unbestritten.”
Frau Schilling nimmt jetzt eine andere Wendung, schiebt uns die Verantwortung zu. “Haben Sie denn schon einen Therapeuten?”
“Wie soll das gehen?”, frage ich. “Wir werden keinen Therpeuten suchen, so lange die finanzielle Frage nicht geklärt ist und wir von Ihnen keine schriftliche Zusage haben und die Hilfe nicht in einem Hilfeplan festgelegt ist.”
“Die Jugendhilfe wird für eine Spezialtherapie nicht aufkommen”, mischt sich die Leiterin ein. “Da müssen Sie vorher einen Antrag auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse prüfen lassen. Im Ablehnungsfalle können Sie einen Antrag auf Übernahme durch die Jugendhilfe stellen.”
“Traumatherapeuten” erklärt Eileen ruhig, “rechnen nicht über Krankenkassen ab, sondern privat.”
“Dann können wir das sowieso nicht genehmigen”, erklärt Frau Schilling bestimmt und mit versteinertem Gesicht.
“Aber sind wir uns wenigstens darin einig, dass ein therapeutischer Bedarf bei den Kindern besteht und dass eine Erziehungsberatung nicht geeignet ist?”, will Eileen wissen.
“Wir können das nicht beurteilen”, wiederholt sich Frau Schilling, “aber Sie können sich ja informieren und dann einen Antrag stellen.”
Wir haben nichts erreicht in diesem Gespräch. Wir bekommen nicht die Hilfe, die angemessen wäre. Das Jugendamt hält eine Reihe von Hilfen vor, die es je nach Bedarf einsetzt und zu billigen Preisen pauschal von freien Trägern einkauft. Alles darüber hinaus wird nicht genehmigt. Der Schwarze Peter liegt nun wieder bei uns.
Gedicht für einen gefallenen Engel 14. September 2011
Posted by lehrergehrke in Die Wende.Tags: brokendown angel, Herkunftsfamilie, leibliche Eltern, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Trauma, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung
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Dieses Gedicht zeigt in gefühlvoller Weise, dass ein durch Missbrauch traumatisierter Mensch seine Vergangenheit nie vergessen kann. Es berührt mich. Es zeigt mir, wie traumatisierte Mädchen fühlen.
Die Autorin hat mir die Zustimmung für die Veröffentlichung erteilt.
Brokendown Angel
I was a small girl with a face of an angel.
You were a huge man.
You were my hero, I looked up to you.
Everything was all right.
I loved you.
But then you did bad things to me.
Things that I couldn´t bear…
I became a brokendown angel
Brokendown angel, brokendown angel
But I loved you.
Those bad things are haunting me,
at night in my dreams,
the whole day through
if I try to live my life.
No man should touch an angel,
I was so small, I feel so small.
Brokendown angel, brokendown angel
But I loved you
Now I hate myself for loving you.
I will never love again…
So no one can me touch again in a way you did,
but I loved you.
I will always be a brokendown angel
I will always be a brokendown angel
Kampf um Nahrung? 28. Juli 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Entbehrung, Hunger, Konservendosen, Müll, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Trauma, Vernachlässigung, zwanghaft
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Bei Pflegekindern muss man auf alles gefasst sein. Sie kämpfen um alles, was sie früher nicht hatten. Heute haben wir ein Erlebnis, das uns erschüttert.
Wir müssen manchmal in den Zimmern nach dem Rechten sehen. Heute sehen wir nach Jeannetts Zimmer. Und wir sehen eine Szene, die unwirklich erscheint, wie ein Traum.
Neben Dosen mit verschimmeltem Obst, das ihr Ruth für die Schule mitgegeben hatte und unsagbarem Müll finden wir zwei Konservendosen, die Ananas und Mandarinen enthielten. Die Dosen sind offensichtlich mit einem Hammer und einem Schraubenzieher geöffnet wurden. Eine wurde im Nachhinein mit einem Dosenöffner geöffnet.
Das Szenario stellen wir uns so vor:
Jeannett geht in den Keller, wo der Vorratsschrank steht. Sie nimmt zwei Dosen mit, geht zum Werkzeugbrett und nimmt einen Hammer und einen Schraubenzieher mit nach oben. Dort versucht sie, die Dosen mit den Werkzeugen zu öffnen. Bei einer klappt es, sie verschlingt den Inhalt. Bei der zweiten klappt es nicht. Also geht sie eine Etage tiefer in die Küche und holt sich einen Dosenöffner. Dann vertilgt sie den Inhalt der anderen Dose. Das Ganze kann sich nur nachts abgespielt haben; tagsüber war die Gefahr, entdeckt zu werden, einfach zu groß.
Was für eine Tragödie! Die Vergangenheit hat Jeannett eingeholt. Hat sie von Hunger geträumt und davon, dass sie sich etwas zu essen beschaffen muss? Wir vermuten, dass ihr Verhalten zwanghaft ist. Deshalb machen wir keine Vorwürfe.
Welche schlimmen Zeiten der Vernachlässigung und der Entbehrung müssen unsere Kinder mitgemacht haben! Sie handeln zwanghaft und besorgen sich Nahrung, obwohl sie zu essen im Überfluss bei uns haben. Ob wir es schaffen, dieses Trauma zu lindern dadurch, dass alles zur Verfügung steht? Dass wir die Kinder zu verstehen versuchen und ihnen zur Seite stehen? Es wäre fast wie ein Wunder.
Hintergründe 17. Februar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Anbahnung, Besuchskontakt, blauäugig, Dauerpflege, Gefängnisstrafe, gewarnt, Hilfeplan, Jugendamt, Kindesmutter, Kindesvater, Lieblingstochter, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Sauftouren, Trauma, Weihnachten
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Heute sind wir zum Jugendamt eingeladen. Es geht um die Biografie der beiden Mädel und um die Hintergründe der Vermittlung. Wir sitzen in einem weiß getünchten Raum mit zwei Schreibtischen und einem Besprechungstisch. Mit uns sind Frau Wehrmann, die für Susann und Jeannett zuständige Sachbearbeiterin und die für den Kindesvater zuständige Frau Süßberg.
“Wie war der erste Kontakt?”, will Frau Wehrmann wissen. Wir berichten unsere ersten Eindrücke. Und wir sind gespannt, was uns die beiden zu berichten haben.
Beide Mädel sind schon seit längerem beim Jugendamt bekannt. Sie sind offensichtlich von ihrer Familie häufig allein gelassen worden, so dass Jeannett, die Lieblingstochter des Kindesvaters, auf ihre Schwester aufpassen und öfter Nahrung besorgen musste. Sehr zeitig schon trennte sich die Kindesmutter von der Familie. Der Vater war häufig auf Sauftouren unterwegs. Ab und zu tauchte auch die Mutter auf, um mitzusaufen. Die Kinder spielten für sie keine Rolle.
Auch wurden die Kinder eines Morgens um zwei in Frankfurt, mitten im Vergnügungsviertel in Begleitung zweier Männer von der Polizei aufgegriffen und zum Kindesvater zurück gebracht. Der beteuerte, es sei alles in Ordnung und er habe davon gewusst.
Letztes Weihnachten, als die Familie für wenige Monate wieder vereint war, geschah das Ungeheure. Der Vater versucht, die Mutter in Anwesenheit der Kinder umzubringen. Die Kinder, die auf Besuchskontakt in der Familie sind, werden von der Polizei zurück ins Heim gebracht.
Von nun an ist klar, dass eine Stabilisierung der Familie mit der Option der Rückführung nicht mehr in Frage kam. Der Kindesvater ist zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er zu verbüßen hat. Dies führte nun dazu, dass Pflegeeltern für eine Dauerpflege gesucht wurden.
Wir haben die Möglichkeit, Einblick in die Hilfepläne zu bekommen. Es ist die Rede von Alpträumen und Einnässen bei Susann und tiefer Verschlossenheit bei Jeannett. Auch wurde Susann dabei beobachtet, dass sie sich ganz ungeniert sexuell stimuliert. Polizeiberichte jedoch liegen nicht vor.
Zu diesem Zeitpunkt können wir noch nicht ahnen, was auf uns zu kommt. Wie viel Energie wir aufwenden müssten, wie viel Wissen wir uns aneignen müssten. Trauma, Dissoziation, Vernachlässigung, Lolita-Syndrom sollten Worte werden, die uns ständig begleiteten. Wir waren absolut blauäugig und niemand hat uns gewarnt.
Ein schlimmer Traum 14. Januar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Alptraum, Angst, Herkunft, Kindesvater, Traum, Trauma, Traumatisierung, Unterbewusstsein, Vergangenheit
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Unser Unterbewusstsein verarbeitet, was wir erlebt haben, unsere Wünsche und Ängste. Manchmal können es Alpträume sein.
Wie immer gehe ich morgens in Jeannetts Zimmer, um sie zu wecken. Schweißgebadet und völlig verstört setzt sie sich auf und fällt mir in die Arme.
“Ich habe einen so schlimmen Traum gehabt”, sagt sie leise. Ich habe geträumt, dass wir alle in der Küche standen. Papa war auch dabei. Dann hat sie ein Messer gezogen und dich umgebracht und dann Ruth.”
Sie hält mich umklammert. Sie beschwört mich.
“Versprich mir, dass ihr euch vorseht. Seht euch immer genau um, wer hinter euch steht. Ihr müsst immer ganz genau beobachten, wer in eurer Nähe ist. Versprich es mir.”
Es gelingt mir, Jeannett zu beruhigen. Sie schafft es, sich für die Schule fertig zu machen. Aber um zehn Uhr kommt ihr Anruf.
“Papa, hol mich ab. Ich kann mich nicht auf die Schule konzentrieren, immer muss ich an diesen Traum denken.”
Was hat das zu bedeuten? Ich vermute, dass sich Jeannett mit ihrer Herkunft auseinander setzt. Natürlich würde uns ihre Mutter nie etwas antun. Aber Jeannetts Erfahrungen und traumatischen Erlebnisse mischen sich mit der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit. Sie befürchtet, dass, wenn wir nicht mehr da wären, ihr der Schutz verloren ginge, den sie jetzt bei uns genießt. Diese Angst vor der Ungewissheit ist ganz normal. Wir sind verpflichtet, sie ihr zu nehmen.