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Hilfeplangespräch: Beistandsregelung ausgehebelt 23. Mai 2012

Posted by lehrergehrke in Allgemein.
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Hilfeplangespräche sind für Pflegeeltern zu allermeist Stress. Sie werden von den Jugendämtern häufig im Unklaren darüber gelassen, worum es in dem Gespräch geht und dass sie eine weitere Person als Beistand mitbringen dürfen:

SGB X, § 13:

(4) Ein Beteiligter kann zu Verhandlungen und Besprechungen mit einem Beistand erscheinen. Das von dem Beistand Vorgetragene gilt als von dem Beteiligten vorgebracht, soweit dieser nicht unverzüglich widerspricht.

Mitunter versuchen Jugendämter sogar, diese Regelung bewusst auszuhebeln. So haben wir es auch erfahren müssen.

Es war Eileen vom Pflegeelternverband, die uns auf diese Möglichkeit hinwies und wir haben sie gerne in Anspruch genommen. Es war schnell besprochen und beschlossen: Eileen wird beim Hilfeplangespräch mit zugegen sein.

Ein kleiner Raum, ein Konferenztisch, eine Armada an “Fach”leuten erwartet uns: Frau Sossna, die Familienhelferin, ihr Teamleiter, die begutachtende Ärztin des Landkreises, eine weitere Mitarbeiterin des Landkreises, die sich angeblich besonders gut mit traumatisierten Kindern auskennt und Frau Schilling, unsere Sachbearbeiterin, die das Gespräch leiten wird.

Wir betreten den Raum und stellen Eileen als unseren Beistand nach § 13 SGB X vor. Frau Schillings Gesichtsausdruck wandelt sich von unbeteiligt zu offen feindselig.

Immerhin dürfen wir alle Platz nehmen. Die anderen Teilnehmer am Gespräch werden uns vorgestellt. Als die Reihe an Eileen ist, begründet sie ihre Anwesenheit:

“Ich bin die stellvertretende Vorsitzende des Pflegeelternvereins. Wir kümmern uns in besonderem Maße um traumatisierte Kinder. Ich sehe meine Aufgabe darin, als neutrale Person meine Erfahrungen einzubringen und vermitteln zu können.”

Frau Schilling setzt ihren bösesten Gesichtsausdruck auf. “Leider kann ich einen Beistand nicht zulassen”, erklärt sie. “Der Kindesvati kann heute nicht dabei sein, er fühlt sich nicht wohl. Wir haben nicht die Zustimmung zur Teilnahme fremder Personen am Hilfeplangespräch. Es ist eine Sache des Schutzes sozialer Daten.”

“Wir weisen darauf hin, dass unser Recht im SGB X festgeschrieben ist”, widerspreche ich. “Wir bestehen auf der Anwesenheit unseres Beistandes.”

“Unter diesen Bedingungen führe ich kein Hilfeplangespräch durch”, insistiert Frau Schilling. Wir sind uns unsicher. Was werden die womöglich ohne unsere Anwesenheit festlegen?

Genau jetzt haben wir einen Fehler gemacht. Wir meinten, keine andere Wahl zu haben. Eileen verlässt den Raum.

Das hätte nicht sein müssen oder dürfen. Erstens unterliegen alle am Hilfeplangespräch Beteiligten der Geheimhaltungspflicht. Es hätte genügt, alle darauf hinzuweisen. Im Zweifel hätte Eileen eine Erklärung zu ihren Pflichten unterschreiben können. Die zweite Möglichkeit wäre gewesen, das Gespräch auf Grund der Nichteinhaltung von Gesetzen abzubrechen und für nichtig zu erklären.

“Wir kommen nun zur Hilfeplanung”, hebt Frau Schilling erneut an. Ich liefere einen Bericht über die Entwicklung der Mädchen ab und geben einen perspektivischen Ausblick. Ich fordere die Einleitung einer Traumatherapie für beide und die rückhaltlose fachliche und finanzielle Unterstützung durch das Jugendamt.

Als nächstes ist Frau Sossna dran. Sie schildert ihre Aktivitäten mit den Kindern wie Hilfe bei den Hausaufgaben und betont ihr gutes Vertrauensverhältnis zu beiden Kindern und ihre Funktion als neutrale Vermittlerin zwischen den Kindern und uns.

Danach hat die Ärztin das Wort.

“Es gibt gute Kliniken, die für Jeannett geeignet wären, sie stationär aufzunehmen. Eine zeitweise Trennung von der Pflegefamilie halte ich auch für angezeigt.”

“Das kommt für uns zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht in Frage”, widerspreche ich. “Jeannett ist stabil, sie hat eine Bindung zu uns aufgebaut. Sie hat uns erklärt, dass sie nichts mehr entwenden wird. Deshalb können wir eine stationäre Aufnahme nicht befürworten.”

“Aber gerade in einer solch stabilen Phase”, argumentiert die Ärztin, “würde eine stationäre Therapie besonders gut greifen.”

“Warum spricht hier eigentlich niemand über Susann, mit der die Schwierigkeiten viel größer sind?”, insistiere ich.

Nun schaltet sich Frau Schilling ein. “Ich habe mit Frau Meyer-Frankenfeldt gesprochen”, beginnt sie zu dozieren. “Sie hält eine Traumatherapie und einen Therapeutenwechsel für eher gefährlich. Schließlich müsste sich Susann auch erst an einen neuen Therapeuten gewöhnen und der Erfolg würde lange auf sich warten lassen. Es würde auch immer nur ein Teil des multiplen Traumas bearbeitet werden können. Susann ist gut aufgehoben in ihrer jetzigen Therapie. Ich sehe keine Notwendigkeit zur Veränderung.”

Gut nachgeplappert, Frau Schilling! Ohne Sachkenntnis, ohne Wissen um die Probleme. “Das ist nicht meine Aufgabe, ich weiß nichts über Psychologie, ich muss mich beraten lassen” ist die freizügige, entlarvende Antwort. Ich würde es inkompetent und ignorant nennen.

“Aber es gibt schon gute Kliniken, in denen Jeannet gute Fortschritte machen würde”, mischt sich nun der fettleibige Teamleiter ein.

“Ich bleibe bei meiner Einstellung”, werde ich nun schärfer, “und ich werde mich auch jedem Versuch, Jeannett stationär unterzubringen, entgegenstellen. Dort hätte sie Kontakt mit Kindern, die wahrscheinlich wesentlich härter betroffen sind. Die Familie halte ich für die beste Therapie.”

“Leider können wir den Kindesvati nicht nach seiner Ansicht befragen”, bemerkt Frau Schilling weinerlich. Was für ein Glück für uns! Denn der ist sowieso nicht entscheidungsfähig und würde in der hiesigen Situation nur aufgerieben.

Worauf man sich einigt, ist einzig die Fortsetzung der Familienhilfe. Wir widersprechen Jeannets stationären Aufnahme, das Jugendamt verweigert die Traumatherapie. Von “Hilfe”planung kann niemand reden; es ist ein ungleicher Kampf, in dem wir uns einigermaßen geschlagen haben.

Was können wir daraus lernen?

  • Jugendämter sehen Pflegeeltern häufig als ihre Erfüllungsgehilfen.
  • Notfalls werden auch Gesetze verbogen, um Ansprüche der Pflegeeltern abzuwehren.
  • Pflegeeltern werden als fachlich unqualifiziert und inkompetent abgestempelt.
  • Es wird nicht davor zurückgescheut, sich als Jugendamt als inkompetent darzustellen, um kostenintensive Maßnahmen zu verhindern.
  • Es geht nicht um das Kindeswohl, sondern um die Durchsetzung der Vorstellungen des Jugendamtes.
  • Kein Ergebnis ist besser als eins, das Geld kostet und das man nicht haben will.

Dieses Hilfeplangespräch hat uns die Augen geöffnet. Es herrscht offene Feindseligkeit gegenüber uns. Es gibt keine Absicht, mit uns zusammen zu arbeiten. Die Aussperrung unseres Beistandes, der Trägerin der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, ist ein Affrond, wie er schlimmer nicht vorstellbar ist. All das zeigt die Ignoranz und Arroganz dieses Amtes gegenüber Pflegeeltern und ihren Interessensvertretern.

Pflegeeltern, die mit derart inkompetenten Ämtern konfrontiert sind, können wir nur raten:

  • Alles, auch die kleinste Angelegenheit schriftlich regeln. Das schafft Rechtssicherheit und beschäftigt die Ämter.
  • Alle Gepräche, auch Telefonate, mitprotokollieren und das auch gegenüber dem Gesprächspartner deutlich machen (das schreib ich mir mal auf…)
  • Hilfeplangespräche gut vorbereiten und versuchen, die Gesprächsführung zu übernehmen, zumindest sicher stellen, dass alle Punkte, die man besprochen haben will, auch wirklich besprochen werden
  • Zusammensetzung der Anwesenden kritisch beurteilen und ggf. kritisieren (z.B.Praktikanten)
  • Deutlich sagen, was man will: “Damit sind wir nicht einverstanden”, “Das kommt für uns nicht in Frage”, “Wir fühlen uns von Ihnen nicht vertreten/ wahrgenommen”, “Das Gesetz sagt da aber etwas anderes”
  • Notfalls das Gespräch platzen lassen, wenn deutlich wird, dass es aus dem Ruder läuft, unter Aufnahme des/der Grundes/Gründe ins Protokoll
  • Hilfepläne und Protokolle genau überprüfen, auf Richtigkeit und Abbildung der Diskussion
  • Ggf. schriftliche Stellungnahme formulieren und Veränderung fordern.

Jede schriftliche Äußerung ist ein Vorgang und wandert in die Akte. Nichtbeachtung ist verwaltungstechnisch gesehen ein Fehler des Sachbearbeiters.

Wir würden uns wünschen, dass Pflegeeltern sich als das sehen, was sie sind: Spezialisten, die die Pflegekinder am besten kennen. Da kann man schon mal auftrumpfen und verlangen, gehört  und beachtet zu werden. Also nur Mut!

Wieder Stress in der Schule 15. Mai 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Traumatisierte Pflegekinder finden sich oft missverstanden, durch die Pflegeeltern, Klassenkameraden, den Lehrern. Sie haben ein eigenes, sensibles Verständnis von gerechtigkeit und fühlen sich oft schnell angegriffen.

Susanns beste Freundin Celia hat sie heute schwer enttäuscht. “Halt die Schnauze!”, hat si ihr in einer Auseinandersetzung an den Kopf geworfen. “Ich habe kein Schnauze!”, hat sie zurückgeschrien.

“Susann hat eine Schnauze!”, intonierten die um sie versammelten Klassenkameraden. Susann ist tief verletzt und fühlt sich zurückgesetzt, anders als die anderen. Sie zieht Celia an den Haaren, schubst sie, bis sie hinfällt.

“Gib mir das Freundschaftsband zurück!”, schreit sie sie an. “Du bist nicht mehr meine Freundin!”

Da kommt die Klassenlehrerin hinzu. “Susann, so geht das nicht. Beruhige dich!”, versucht sie die Situation zu entschärfen. Susann sitzt zusammengekauert auf einem Stuhl, die Tränen fließen ihr die Wangen herunter.

“Celia ist doch deine Freundin. Willst du dich nicht mindestens bei ihr entschuldigen?”

Susann nickt zustimmend. Es tut ihr leid, dass sie sich nicht in der Gewalt hatte. “Entschuldigung, ich wollte das nicht”, flüstert sie. “Aber du hast auch Schuld. Ich habe keine Schnauze.”

Das ging nochmal gut. Aber es zeigt, sie sensibel traumatisierte Kinder auf den leisesten Angriff reagieren. Nie haben sie gelernt, in Konfliktsituationen de-eskalierend zu reagieren. Im Gegenteil kennen sie in solchen Situationen nur gewaltsame Lösungen.

Eigentlich ist dieses Ereignis ein gutes Thema für die Therapie. Susann hat mir versprochen, das Problem mit Frau Meyer-Frankenfeldt anzusprechen. Aber es fiel ein Bus aus, sie kam zu spät und wurde von ihrer Therapeutin zurechtgewiesen. Sie hatte Angst, die Sache anzusprechen und damit das Vorhaben von Frau Doktor zu torpedieren. Ihre Persönlichkeit ist zu schwach.

Eigentlich sollte man erwarten, dass eine Therapie Alltagsprobleme unbedingt aufnimmt. Aber wir haben uns wohl getäuscht. Die Therpeutin ist wohl nicht gewillt, am Alltag ihrer Patientin anzuknüpfen.

Therapie contra Schule? 7. Januar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Traumatisierte Pflegekinder haben viele Pflichten. Sie sollen in der Schule so funktionieren wie jedes andere Kind auch. Aber sie können es nur mit Unterstützung. Daneben sollen sie ihr Trauma und ihre belastenden Erlebnisse aus frühester Kindheit aufarbeiten. Das kostet Zeit.

Susann hat dreimal pro Woche psychotherapeutische Sitzungen. An drei Tagen kommt sie aus der Schule und fährt mit Bus und Bahn zur Therapeutin. Im Winter bringe ich sie und hole sie wieder ab. Wenn wir zu Hause sind, ist es meist ziemlich spät und sie ist meist nicht mehr in der Lage, irgend welche Hausaufgaben zu bewältigen. Das ist besonders schwierig, wenn in der Schule die Hausaufgabenstunden entfallen, weil Lehrer für Vertretungsunterricht eingesetzt werden.

Heute haben wir mehrere Schulprobleme. Susann bekommt einen vollen neuen Pinselsatz für den Kunstunterricht, weil der, den sie zum Anfang des Schuljahres bekommen hat, spurlos verschwunden ist.

Das Arbeitsheft für den Deutschunterricht hat Susann in der Schule gelassen. Sie kann die Hausaufgaben nicht machen.Außerdem fehlen noch zwei Hausaufgaben. Sie muss sie nachholen.

So einfach ist das aber nicht. Um sieben Uhr kommt sie von der Therapie, völlig ausgelaugt. Die Therapie verlangt ihr alles ab. Sie dreht das Unterste zuoberst. Immer braucht sie eine Stunde mindestens, um sich zu erholen, schläft meist auf dem Rückweg im Auto ein. An Schulaufgaben ist nicht mehr zu denken. Also gebe ich ihr ein Entschuldigungsschreiben mit, das die Situation schildert.

“Wissen Sie”, hat mir die Klassenlehrerin neulich verdeutlicht, “bei uns wird jeder Schüler gleich behandelt. Jeder muss die Anforderungen der Klassenstufe erbringen, wenn er das Klassenziel erreichen will. Wir können da keine Ausnahme machen.”

Schule ist grausam und sie bereitet auf die Grausamkeiten des Lebens vor. Wer nicht ins Schema passt, fällt raus. Zwar gibt es Förderprogramme für alles Mögliche, aber diese beseitigen nicht die Ungleichheiten in der sozialen Herkunft. Kinder wie unsere, die in ihrer Kindheit um Leib und Leben fürchten musste und die ständig Todesänsgte ausstanden, sind in der Schule von vornherein benachteiligt und damit ihrer Zukunftschancen beraubt. Sie haben einfach nicht dieselben Voraussetzungen wie Kinder, die unter friedlichen Bedingungen aufgewachsen sind un im Elternhaus gefördert worden sind.

Was ist für ein traumatisiertes Pflegekind wichtiger? In der Schule mitzukommen und erfolgreich zu sein? Das hieße, dass die Voraussetzungen dafür erfüllt wären: eine unproblematische Herkunft, die Förderung im Elternhaus, eine kindliche Unbeschwertheit. Von diesen Voraussetzungen sind traumatisierte Kinder weit entfernt.

Oder ist es wichtiger,die Zeit, die eigentlich für die Schule zur Verfügung stehen müsste, in therapeutische Behandlungen zu investieren? Es gibt eigentlich keine Frage: Die Therapie soll die traumatischen Erfahrungen bearbeiten und die Grundlage für einen erfolgreichen Schulbesuch legen. Sie ist daher vorrangig. Jedoch scheint es uns so, dass die Therapie die Schule eher behindert, weil sie so zeitintensiv ist.

Was ist wichtiger? Therapie oder Schule? Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Frage falsch gestellt ist. Für ein traumatisiertes Kind, das unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung leidet, das mit Flashbacks aus der Zeit der Vernachlässigung zu kämpfen hat, sind die Bedingungen, schulische Leistungen im existierenden System zu erbringen, nicht erfüllt. Es muss möglich sein, dass diese Kinder anderen Bewertungsmaßstäben unterliegen. Dass Lehrer, Jugendamt und Therapeuten an einen Tisch setzen und die Hilfemaßnahmen miteinander abstimmen.

Mir ist völlig klar, dass ich einem Traum nachjage. So lange Fachleute wie Therapeuten und Pädagogen sich nachweislich weigern, zusammen zu arbeiten und Institutionen und Schulabschlüsse wichtiger sind, als die bloße Kenntnisnahme von ungleichen Lernvoraussetzungen, werden die, die schon einmal Opfer waren, wieder zu Opfern gemacht. Das Helfersystem scheitert an den Bedingungen, unter denen es arbeitet.

Welche Hilfe ist richtig? 3. November 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Nicht nur Pflegeeltern, auch leibliche Eltern brauchen manchmal Hilfe dabei, mit den Alltagsproblemen in der Erziehung. Pflegeeltern traumatisierter Kinder sind ständig auf der Suche nach angemessener Hilfe, denn die seelischen Verletzungen, die die Kinder mitbringen, machen das Zusammenleben sehr schwierig. Das Jugendamt ist hier in der Pflicht.

Seit einiger Zeit wissen wir durch Seminare, Recherchen und Kontakten zu Therapeuten, dass für unsere Kinder eine Traumatherapie unter Einbindung der EMDR-Methode die richtige wäre. Mehrmals haben wir unsere Sachbearbeiterin beim Jugendamt, Frau Schilling, darauf hingewiesen und verlangt, dass eine solche Therapie finanziell ausgestattet wird.

“Das kann ich nicht beurteilen”, war ihre Stellungnahme, “und eine solche Therapie gehört auch nicht zu den Angeboten unseres Amtes. Wir haben aber eine sehr effektive Erziehungsberatung und ich würde Ihnen dringend raten, diese aufzusuchen.”

Ja, das kennen wir schon. Das Jugendamt hat eine bestimmte Anzahl von Hilfsangeboten, die sicher stellen, dass bei Hilfebedarf darauf verwiesen werden kann. Diese Angebote sind nicht individuell für den Hilfebedarf ausgelegt und deshalb in den meisten Fällen ineffektiv. Wir wissen auch, dass man solche Angebote nicht ungestraft ablehnen darf, um nicht als unkooperativ zu gelten.

Also machen wir einen Termin mit dem Träger der Erziehungshilfe. Als wir ankommen, ist die Sekretärin erstaunt.

“Ich habe hier keinen Termin für sie notiert und der Herr Doktor ist auch gar nicht da.”

Da fahren wir eine halbe Stunde, haben Jeannett dazu überredet, mitzukommen, und nun das.

Die Sekretärin telefoniert mit ihrem Boss. “Herr Doktor ist heute in Neuenkirchen und da haben Sie auch den Termin.” Unfassbar. Wir haben uns eindeutig notiert, dass der Termin hier stattfindet. “Dann müssen wir einen neuen Termin machen, so in zwei Monaten.”

Diese Stellen scheinen nicht zu begreifen, dass es bei uns brennt. Die Wörter “Trauma”, “Übertragung” und “Dissoziation” kommen in ihrem Wortschatz nicht vor. Eine ungeeignete Hilfe, unprofessionell organisiert, das ist mein Eindruck.

Am nächsten Tag treffen wir uns beim Jugendamt mit Frau Schilling, die sich als Unterstützung ihre Vorgesetzte mitgenommen hat. Wir haben Eileen vom Pflegeelternverband als Beistand dabei.

“Waren Sie bei Dr. Stein?”, will Frau Schilling wissen.

Ja”, antworte ich, “aber leider ist diese Institution nicht einmal dazu in der Lage, ihre Termine zu koordinieren. Der nächste Termin könnte in zwei Monaten stattfinden. Das ist für uns völlig undiskutabel.”

“Außerdem”, unterstützt uns Eileen, ” ist diese Form der Hilfe doch alles andere als angebracht. Hier geht es nicht um eine Hilfe für die Pflegeeltern, der Grund liegt in der Traumatisierung der Kinder. Hier muss angesetzt werden. Und deshalb ist eine Traumatherapie für beide Kinder genau das Richtige.”

Die beiden Amtspersonen werfen sich hilflose Blicke zu, die sagen: Mein Gott, was wollen die denn! Wir tun doch alles, was möglich ist.

Frau Schillig ergreift das Wort. “Woher sollen wir wissen, ob diese Therapie, die Sie vorschlagen, die richtige ist? Wir sind keine Fachleute!”

Ich fasse es nicht. Mit so viel Unprofessionalität hätte ich nicht gerechnet. Aber Eileen bleibt erstaunlich ruhig.

“Warum versuchen wir es nicht einmal? Wenn den Kindern damit geholfen wird, ist es doch genau, was wir wollen. Und dass die Kinder einen Therapiebedarf haben, ist doch wohl unbestritten.”

Frau Schilling nimmt jetzt eine andere Wendung, schiebt uns die Verantwortung zu. “Haben Sie denn schon einen Therapeuten?”

“Wie soll das gehen?”, frage ich. “Wir werden keinen Therpeuten suchen, so lange die finanzielle Frage nicht geklärt ist und wir von Ihnen keine schriftliche Zusage haben und die Hilfe nicht in einem Hilfeplan festgelegt ist.”

“Die Jugendhilfe wird für eine Spezialtherapie nicht aufkommen”, mischt sich die Leiterin ein. “Da müssen Sie vorher einen Antrag auf Kostenübernahme durch die Krankenkasse prüfen lassen. Im Ablehnungsfalle können Sie einen Antrag auf Übernahme durch die Jugendhilfe stellen.”

“Traumatherapeuten” erklärt Eileen ruhig, “rechnen nicht über Krankenkassen ab, sondern privat.”

“Dann können wir das sowieso nicht genehmigen”, erklärt Frau Schilling bestimmt und mit versteinertem Gesicht.

“Aber sind wir uns wenigstens darin einig, dass ein therapeutischer Bedarf bei den Kindern besteht und dass eine Erziehungsberatung nicht geeignet ist?”, will Eileen wissen.

“Wir können das nicht beurteilen”, wiederholt sich Frau Schilling, “aber Sie können sich ja informieren und dann einen Antrag stellen.”

Wir haben nichts erreicht in diesem Gespräch. Wir bekommen nicht die Hilfe, die angemessen wäre. Das Jugendamt hält eine Reihe von Hilfen vor, die es je nach Bedarf einsetzt und zu billigen Preisen pauschal von freien Trägern einkauft. Alles darüber hinaus wird nicht genehmigt. Der Schwarze Peter liegt nun wieder bei uns.

Der verpfuschte Geburtstag 10. September 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Geburtstage sind für Pflegekinder von großer Wichtigkeit. Endlich stehen sie im Mittelpunkt und bekommen die Aufmerksamkeit, die sie sich immer wünschen. Denn in ihren Herkunftsfamilien waren Geburtstage nicht immer schön, es gab keine Geschenke oder der Anlass wurde ganz vergessen.

In unserer Familie gibt es zum Geburtstag einen Geburtstagstisch mit einigen Wunschgeschenken aber auch praktisch-schönen Dingen wie schön anzusehenden Kleidungsstücken oder fetzigen Stiften. Dann gehen wir zu Ehren des Geburtstagskindes in einen Wunschfilm oder etwas essen.

Heute macht uns aber etwas die Geburtstagslaune kaputt. Ruth findet in Susanns Hosentasche jede Menge Kleingeld.

“Susann, wo ist das Geld her?”, fragt sie sie.

Susann senkt den Kopf. “Weiß ich nicht.”

“Du musst doch wissen, woher das Geld ist”, insistiert Ruth.

Schweigen.

Wir nehmen uns Susanns Zimmer vor und werden fündig. Die kleine Dose, in der Ruth an der Waschmaschine das Kleingeld aus allen Hosentaschen sammelt, steht auf Susanns Schreibtisch, leer. Es ist eindeutig. Sie hat das Geld an sich genommen.

Wir beschließen, den Kinobesuch ausfallen zu lassen. Ruth ist sauer. Das können wir nicht einfach so ohne Folgen vorbei gehen lassen. Susann knallt die Tür zu ihrem Zimmer zu und vergräbt sich. Wenig später erscheint sie in der Küche und knallt uns einen Zettel auf den Tisch. Er ist groß, ein Teil einer Wundertüte.

Susanns erster Brief

“Jetzt könnt Ihr mir ja sagen, was wir kucken wollten”, steht da in ungelenken Buchstaben. Unterzeichnet ist er mit “eure Scheiß-Kuh Susann”.

Wir hatten aus dem Film eine Überraschung gemacht. Jetzt sind wir bestürzt über ihre Reaktion. Wir müssen einmal mehr erkennen, wie gering ihr Selbstbewusstsein ist. Sie fühlt sich schuldig.

Es dauert eine Stunde und Susann kommt in die Küche. Sie legt uns wortlos einen neuen Brief hin.

 

Susanns zweiter Brief

“Ich wollte mich entschuldigen, weil ich geklaut habe”, steht dort. “Es tut mir ganz, ganz, ganz doll leid. Ich wollte euch fragen, ob ihr die Entschuldigung annehmt?” An der Seite steht “Eure Tochter Susann”.

“Setz dich mal hin”, sagt Ruth leise. Jeannett ist nicht dabei, obwohl sie mit betroffen ist. Aber das geht nur uns drei etwas an.

“Wir finden es ganz toll, dass du dich entschuldigst”, beginne ich. “Du hast eingesehen, dass du einen Fehler gemacht hast, oder?”

Susann nickt mit gesenktem Kopf.

“Wir nehmen deine Entschuldigung an, du bist ja unsere Tochter. Aber du musst auch einsehen, Susann, dass uns jetzt nicht mehr danach ist, ins Kino zu gehen”, fahre ich fort. “Also freu dich an deinen Geschenken.”

Nach einer Pause des Schweigens beginne ich erneut.

“Was lernst du daraus, Susann?”

“Dass ich nicht klauen darf”, sagt sie leise.

“Und dass alles, was man tut und sagt, Folgen hat”, ergänze ich.

Susann nickt erneut. Wir umarmen uns zu dritt. Susann bleibt heute Abend in ihrem Zimmer. Der Abend vergeht ruhig.

Mir fällt auf, dass wir immer neue Formen finden, um mit solchen Situationen umzugehen. Wir wissen, dass Susann meist gar nichts mehr von dem weiß, was sie getan hat. Wenn sie dissoziiert, ist sie eine andere Persönlichkeit. Sie fällt zurück in ihr Verhalten aus der Zeit, als sie vernachlässigt und missbraucht wurde.

Aber dürfen wir sie deshalb nicht mehr auf ihr Handeln aufmerksam machen? Müssen wir alles ertragen? Ist es nicht eben gerade eine Form von Therapie, ihr ihr Fehlverhalten bewusst zu machen?

Irgend jemand sagte uns mal, dass der eigentliche Teil der Therapie bei uns zu Hause stattfindet. Wir müssen lernen, uns selbst nicht mehr so betroffen zu fühlen. Susann fehlt eben diese innere Kontrollinstanz. Es ist unsere Aufgabe, diese Kontrollinstanz aufzubauen, Stück für Stück und über eine Zeitspanne von Jahren. Heute haben wir wohl einen erheblichen Teil dazu geleistet. In dieser Hinsicht ist dieser Tag doch noch ein guter Tag, wenn auch kein lupenreiner “Geburtstag”.

Hektische Tage 24. Juni 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pflegekinder sind nicht pflegeleicht. Ihre Pflegeeltern sind meist die ersten, die Verantwortung für sie übernehmen und dabei mit dem professionellen Beobachten, Handeln und Organisieren beschäftigt sind. Besonders gilt das für die Pflegeeltern, die ihren Beruf nicht völlig aufgeben wollen. Dass nicht beide Vollzeit arbeiten können, versteht sich von selbst. Uns geht es nicht anders.

Ein “normaler” Arbeitstag läuft immer in Hektik ab. Morgens muss das Frühstück organsiert werden und dabei achten wir darauf, dass beide etwas essen und trinken. Das ist nicht selbstverständlich. Alle müssen gemeinsam aus dem Haus gehen. Der Frühhort ist Kilometer entfernt; es würde sich nicht lohnen, ihn in Anspruch zu nehmen. Also sind die Kinder manchmal länger vor Schulbeginn in der Schule, als es uns und den Lehrern lieb ist. Aber wir haben keine Alternative.

Ich bin meist derjenige, der zuerst zu Hause ist. Die Kinder kommen gegen vier aus dem Hort. Dann gibt es meist etwas Kleines zum Essen; trotz Schulspeisung sind die Kinder hungrig. Anschließend geht es an die im Hort nicht erledigten Hausaufgaben, und das sind meist alle. Mappe kontrollieren, Aufgabenheft checken, bei Mathe oder Englisch helfen. Ich muss zugeben, dass ich die Aufgaben manchmal selbst nicht verstehe. Oder die Aufgaben sind nicht eingetragen, trotz Absprache mit den Lehrern, dass sie die Eintragungen kontrollieren.

Meist ist es danach bereits Zeit fürs Abendessen und noch etwas Erzählen oder Spielen, aber dann ist auch schon Schluss.

Noch mag alles wie in einer ganz normalen Familie erscheinen. An drei Tagen der Woche jedoch geht Susann zur Therapie. Sommers fahren die beiden nach etwas Übung auf dem Hinweg alleine mit Bahn und bus. Abends hole ich sie mit dem Auto ab, brauche dafür etwa eine Stunde Fahrt. Im Winter allerdings hole ich Susann zusammen mit Jeannet aus dem Hort ab, fahre 15 km zu Susanns Therapiestätte, quäle mich dann 10 km durch den Stadtverkehr, liefere Jeannett ab, fahre wieder zurück, um Susann abzuholen und fahre dann wieder zu Jeannetts Therapie, um sie einzusammeln. Allein den Therapieplan so hinzubekommen, dass es so passt, bedurfte einiger Verhandlungen mit den Therapeutinnen und es darf nichts Unerwartetes passieren oder im Wege stehen. Wir sind dann um acht Uhr, pünktlich zum Abendessen zu Hause, nach sechzig Kilometer Fahrt. An Hausaufgaben ist für beide nicht zu denken; wir müssen sie auf die anderen Tage verteilen, wenn es geht.

Nicht immer jedoch geht es so gut. Eines Tages ist Susann genervt durch die Schule, will nicht ins Auto einsteigen. Es ist spät. Die Kinder sitzen auf ihrer Rückbank und streiten sich lauthals. Da geschieht es. Beim Rechtsabbiegen bremst der vor mir abbiegende Wagen, ich bin zu dicht, es kracht. Die Stoßstange ist verbogen, ein Scheinwerfer Matsch.

Absolute Stille auf der Rückbank. Irgendwann eine bange, leise Frage.

“Sind wir daran Schuld, dass du einem Unfall gemacht hast?”

Was soll ich dazu sagen?

“Ich habe nicht aufgepasst, aber ihr habt mich schon genervt”, versuche ich diplomatisch zu reagieren. Aber jetzt geht es darum neu zu organisieren. Susanns Termin muss ich absagen, Jeannett setze ich auf den Bus und lasse sie allein fahren und auch wieder zurückkehren.

Manchen Tag bin ich in dieser Zeit völlig fertig. Ich habe den Eindruck, nur noch zu funktionieren. Meine Unterrichtsvorbereitungen und Korrekturen ranken sich um die Termine der Kinder herum und finden meist am Wochenende oder nachts statt. Ein Ende ist nicht absehbar.

Manchmal würde ich mir wünschen, dass ein Jugendamtsmitarbeiter oder ein leiblicher Vater nur einen dieser Tage miterleben würde. Viele würden vielleicht argumentieren, dass das gar nicht sein müsste, dass wir uns zu viel Arbeit aufhalsen. Sicher gibt es nicht viele Menschen, die diesen Stress nicht einmal körperlich durchhalten würden, geschweige denn psychisch. Aber es muss sein. Also kämpfen wir weiter.

Eine krasse Idee? 2. Januar 2011

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Wenn man so richtig hilflos ist, kommen einem die krassesten Ideen. Susann ist in dieser Einrichtung und wir wissen nicht richtig, wie es ihr geht. Warum sollte man nicht mal mit den Gedanken spielen?

Ich habe die Idee, ab und zu mal an den Ort zu fahren, an dem Susann untergebracht ist und sie zu beobachten, wie es ihr geht. Niemand kann mir verwehren, mich an irgend einem Ort aufzuhalten und ich hätte endlich Gewissheit. Ich könnte gegebenenfalls eingreifen. Es würde mich einfach beruhigen, sie zur Schule gehen zu sehen oder zu wissen, was sie nachmittags alles macht, ob die Therapie regelmäßig stattfindet. Es wäre wie die Arbeit eines Detektives.

“Das kannst du nicht machen”, ereifert sich Ruth. “das ist Stalking. Du bringst dich in Schwierigkeiten.”

Okey, vielleicht ist die Idee doch nicht so gut. Aber wir werden darauf bestehen, mindestens zweimal im Jahr mit Susann Umgang zu haben, darauf haben wir ein Recht. Susann soll es uns ins Gesicht sagen, wenn sie das nicht will.

“Lass uns erst mit Frau Gerster darüber sprechen”, wendet Ruth ein. “Vielleicht hat sie noch eine andere Idee.”

Also fahren wir anderen Tags zum Jugendamt und sprechen mit Frau Gerster. Auch sie war mit dem Hilfeplangespräch nicht einverstanden, sieht aber im Moment keine Möglichkeiten.

“Susann will Sie nur im Moment nicht sehen, das kann sich bald ändern”, sagt sie uns. “Es ist eine Phase des Abstandes, die man ihr auch zugestehen sollte.”

Während des Hilfeplangespräches stellte Ruth die Frage “Was ist mit Weihnachten?” Susann hat diese Frage offensichtlich als eine Einladung zu uns aufgefasst und sehr heftig darauf reagiert. Sie hätte nicht erwartet, dass Ruth diese Frage stellt, sagte sie. Und immer wieder stellt sie die Frage, wie das gemeint war. Für uns ist jedoch klar: Sie wird Weihnachten nicht mit uns verbringen. Das Risiko ist zu groß.

Dann kommt mir eine andere Idee, die auch wirklich durchführbar ist. Ich möchte Susann zeigen, dass wir an sie denken und sie zu uns gehört. Also beschließen wir, ihr einen Adventskalender zu schicken und eines jener Kultbücher für Jugendliche als Weihnachtsgeschenk. Ich finde es auch wichtig, der Einrichtung zu zeigen, dass wir Susann auch jetzt nicht aufgeben, sondern den Kontakt halten, auch zur Einrichtung.

Es wird uns nichts weiter übrig, als die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist. Wir werden andere Wege suchen müssen, um mit Susann in Kontakt zu bleiben. Dabei wird Jeannett eine Schlüsselposition zukommen.

Vorgefechte 21. November 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Hilfepangespräche sind bei uns Kampfhandlungen. Das Jugendamt versucht, seinen Fachverstand zu zeigen, indem es versucht, uns so dumm wie möglich darzustellen und seine Interessen durchzusetzen. Natürlich geht es dabei immer um Geld und die Rechte der leiblichen Eltern. Wir vertreten die Rechte und Interessen der Kinder. Dabei bleibt uns nichts anderes, als schwere Geschütze aufzufahren. Meistens kommt nichts anderes dabei heraus, als ein windelweicher Kompromiss zu Lasten der Kinder.

Frau Schwerdtfeger ruft mich an. Das Hilfeplangespräch für Susann, so teilt sie mir mit, fände am 11. November um 11 Uhr in der Einrichtung statt. Susann soll während des ganzen Gespräches teilnehmen, ebenso der Kindesvater. Es wurde entschieden, dass Jeannett nicht teilnehmen soll, weil sie nicht am Hilfeplangespräch Beteiligte ist. Die Themen, die wir in unserem Antrag vorgegeben haben, seien jedenfalls akzeptiert.

Was soll das? Warum legt das Jugendamt den Termin auf einen Zeitpunkt, an dem alle erwerbstätigen Menschen nicht verfügbar sind? Das sieht sehr nach dem Versuch aus, uns aus der Hilfeplanung herauszudrängen. Aber da haben sie sich getäuscht. Es ist mein freier Tag in dieser Woche und Ruth wird sich frei nehmen. Auch wenn unsere Themen akzeptiert werden: Es sieht nach Konfrontation aus.

Ich rufe Frau Gerster an. Ich will wissen, worum es geht. Und ich weiß, dass Frau Gerster gut Kirschen essen ist.

“Ehrlich gesagt, sehe ich wenig Erfolg und Fortkommen in ihren Kontakten zu Susann”, bedeutet sie mir vorsichtig. “Wie Sie selber zugeben, klappt das mit den Besuchen bei Ihnen nicht zufriedenstellend.”

“Das ist doch kein Wunder”, entgegne ich. “So lange die Trennung von uns mit Susann nicht richtig aufgearbeitet wird und wir nicht mit einbezogen werden, ist es nicht verwunderlich, dass die Besuchskontakte nicht funktionieren, wie sie es sollten.”

“Was ich mir vorstelle, ist eine Traumatherapie, an der alle Beteiligten mitwirken. Da kann sich derKindesvater nicht entziehen und Jeannett und wir müssten mit einbezogen werden. Wir sind letztlich alle Teile des Problems.”

Frau Gerster schnauft hörbar ins Telefon. Danach Stille.

“Das wird schwer werden”, hebt sie nach einiger Überlegung an. Es ist nun mal Tatsache, dass Sie keine Befugnisse mehr haben, eine Entscheidung herbei zu führen. Susann ist jetzt in der Obhut des Jugendamtes.”

Jaja, ich weiß. Weil wir Susann in Obhut gegeben haben, haben wir versagt und andere müssen das jetzt ausbügeln, was wir verkehrt gemacht haben. Alles, was wir versucht haben, an Therapien, an Zeit und Wissen aufgewendet haben, um uns fortzubilden und unsere Pflegekinder zu verstehen, all das zählt jetzt nicht mehr.

Was ist mit der jahrelang fehlenden Unterstützung durch das Jugendamt? Gut, geschenkt. Wenn wir sehen könnten, dass es Susann besser geht, wenn sich Fachleute um sie kümmern würden, wenn die Entscheidungen des Jugendamtes und der Einrichtung professionell und nachvollziehbar wären, würde ich gern und ohne Zögern meine Verantwortung an alle jetzt Beteiligten abgeben. Warum aber nimmt man unsere langjährigen Erfahrungen und Beobachtungen mit Susann nicht ernst? Warum wird unser Wissen nicht mit einbezogen? Hat man Angst, etwas von Zuständigkeit und Kompetenz in Frage stellen zu müssen? Fühlen sich die Zuständigen aus der Rolle gedrängt?

“Das wichtigste ist jetzt, Jeannett weiterzuhelfen”, wendet Frau Gerster daas Gespräch. Wir müssen jetzt die Kontakte von Jeannett zu ihrem Vater gestalten.”

Jeannett hat in der letzten Zeit geäußert, dass sie unseren Namen annehmen möchte. Sie will auch von ihrem Vater wissen, ob sie wirklich Susanns Schwester ist. In den Akten ist die Rede davon, dass Jeannett aus der Verbindung mit einer anderen Frau stammen könnte als Susann.

“Ich will meinen Vater danach fragen, ich will, dass er mich nicht anlügt. Ich will ihm in die Augen sehen und ihm diese Frage stellen.”

“Ich stelle mir vor”, fährt Frau Gerster fort, “dass wir ein Gespräch mit dem Kindesvater und Jeannet hier vor Ort führen. Ich werde mit dem zuständigen Jugendamt vereinbaren, dass der Kindesvater auf dieses Gespräch vorbereitet wird. Es nützt gar nichts, wenn er Jeannett anlügt oder ihren Fragen ausweicht.”

Das schätze ich an Frau Gerster: Sie geht pragmatisch und kompetent vor und bezieht den Kindesvater wie selbstverständlich in die Verantwortung für Jeannett mit ein. Leider muss ich nach unseren Erfahrungen vermuten, dass er sich seiner Verantwortung wie immer geschickt entziehen wird.

“Und was Susann betrifft, würde ich Sie bitten, ihr Zeit zu geben. Auch sie muss mit der neuen Situation erst zurecht kommen.”

Nun gut, das ist von mir aus ok. Voraussetzung ist, dass sie fachmännisch betreut wird und die Zielsetzung, ihr nachhaltig zu helfen, nicht aus den Augen gelassen wird.

Ein Hilfeplangespräch muss her! 5. November 2010

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Pflegeeltern haben das Recht, ein Hilfeplangespräch zu beantragen. Deshalb greifen wir zu diesem Mittel, um endlich festzulegen, was mit Susann in der Wohngruppe weiter passiert. Es kann nicht sein, dass ihre Traumatisierung einfach nicht zur Kenntnis genommen wird. Wir wollen endlich konkret festgelegte Hilfe für unsere Kleine. Wir fühlen uns verantwortlich. Deshalb schicken wir ihrer Sachbearbeiterin ein Schreiben:

Antrag auf außerordentliches Hilfeplangespräch für Susann

Sehr geehrte Frau Schwerdtfeger,

als Beteiligte an der Hilfeplanung für Susann beantragen wir ein außerordentliches Hilfeplangespräch zur Korrektur der bestehenden Hilfeplanung.

Wir beantragen, folgende Punkte im Hilfeplangespräch aufzunehmen:

Momentane Situation in den Besuchskontakten zwischen Susann einerseits und uns als Bezugspersonen sowie ihrer Schwester Jeannett andererseits

Begründung:

Während eines mit der Einrichtung vereinbarten fünftägigen Besuchs Susanns bei meiner Schwägerin in Hameln hat Susann nachweislich fünf Überraschungseier aus dem Vorrat meiner Schwägerin entwendet, verzehrt und die enthaltenen Spielfiguren an Jeannett verschenkt. Jeannett hat ausgesprochen aufgebracht und enttäuscht reagiert. Sie verweigert derzeit weitere Kontakte. Im Verlauf eines Telefonats mit Susann hat sie den Vorgang vehement geleugnet und schließlich das Gespräch abrupt beendet. Die Einrichtung ist informiert.

Ziel:

Orientierung am Kindeswohl durch folgende Maßnahmen:

Erstellung eines konkreten Vorgehens in solchen Fällen, insbesondere die Einbindung der Einrichtung in der professionellen Aufarbeitung der Besuchskontakte mit uns, Vorbereitung weiterer Besuchskontakte, insbesondere Planung von Besuchen während der Weihnachtszeit (unter Berücksichtigung der emotionalen und traumatischen Belastung im Zusammenhang mit der in dieser Zeit stattgefundenen Straftat des Kindesvaters in Anwesenheit beider Kinder).

Psychotherapeutische Behandlung von Susann im Rahmen einer speziellen Traumatherapie mit dem Ziel, Susann zu helfen, ihr Trauma zu akzeptieren und damit umzugehen, um weitere dissoziative Handlungen zu verhindern. Feststellung, dass eine Verhaltenstherapie keine ausreichende Hilfe darstellt. Abwägung einer stationären Therapie.

Einbeziehung aller Bezugspersonen in die therapeutischen Maßnahmen

(Wieder einmal versuchen wir, wie schon so oft, endlich eine einheitliche Hilfe für Susann herbei zu führen. Wir sind uns sehr wohl darüber klar, dass der Kindesvater auf Grund seines Sorgerechtes zustimmen muss. Der vom Vormundschaftsgericht verlangte Runde Tisch mit allen beteiligten Fachleuten hat nie stattgefunden, weil das Jugendamt das Zustandekommen verschleppt hat. Wenn der Kindesvater jetzt aber erneut seine Zustimmung verweigern würde, hätten wir gute Chancen auf Entzug des Sorgerechtes. Dann könnte Susann endlich geholfen werden.)

Pflichten der betreuenden Einrichtung bei Besuchskontakten

Begründung:

Susann hatte bei den bisherigen Besuchen weder ein Ausweispapier noch die Krankenkassenkarte dabei. In Notfällen kann die Person, in deren Verantwortung sich Susann befindet, weder nachweisen, daß Susann sich berechtigter Weise in ihrer Verantwortung befindet noch eventuelle medizinische Maßnahmen einleiten.

Ziel:

Die Einrichtung gibt Susann die Krankenkassenkarte, den Kinderpass und/oder eine Bescheinigung mit, aus der hervor geht, dass sich Susann berechtigter Weise in der Verantwortung der jeweiligen Person befindet.

(Es ist schon ein starkes Stück, und es ist uns erst sehr spät aufgefallen. Wenn Sarah während Susanns Besuch hätte nachweisen müssen, dass sie sich berechtigter Weise in ihrer Obhut befand, hätte sie keine Chance gehabt. Wäre Susann krank geworden, wäre das ebenfalls ein Problem geworden. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn sie z.B. durch einen Unfall nicht mehr in der Lage gewesen wäre, zu entscheiden und Susann in die Obhut der Polizei genommen worden wäre.)

Besuchskontakte mit dem Kindesvater

Begründung:

Die Kontakte zum Kindesvater haben seit dem letzten Hilfeplangespräch zugenommen. Wie ich in meinem letzten Schreiben bereits ausführte, besteht das Risiko einer Retraumatisierung auf der Basis von hochambivalenten Bindungswünschen, die eine Desorientierung des Bindungsverhaltens fördern und verfestigen.

(Will sagen: Susanns häufigen Kontakte zum Kindesvater bringen sie völlig durcheinander. Wie kann man ihr zumuten, mit diesem Kriminellen, der Susann so viel Leid angetan hat, immer wieder konfrontiert zu werden? Aber hier geht es nicht um das Wohl des Kindes, sondern um das Recht der leiblichen Eltern, das in so vielen Fällen als wichtiger angesehen wird. Natürlich steht auch dahinter, einer gerichtlichen Auseinandersetzung auszuweichen. Es muss erst wider etwas passieren. Dabei ist schon etwas passiert. Wir sehen Susanns Verhalten und Verstörung als unmittelbare Folge der Kontakte zu ihrem leiblichen Vater an. Zwar verweigert sie die Kontakte nicht. Wie könnte sie auch, in diesem Konflikt zwischen leiblichen und Pflegeeltern.)

Susanns Verhalten während des Besuches bei meiner Schwägerin bestätigt unsere Ansicht, dass die Kontakte mit dem Kindesvater sich keinesfalls förderlich, sondern eher negativ auf ihre Entwicklung auswirken. Ihre Reaktion auf die Konfrontation mit ihrem Verhalten lässt auf eine multiple Persönlichkeit auf Grund vielfältiger Traumatisierungen schließen.

Ziel:

Beschränkung der Kontakte zum Kindesvater auf höchstens monatliche Telefonate in Absprache mit Jeannett als Susanns Schwester und uns als deren Pflegeeltern

In Ihrem Schreiben vom x.xx.xxxx haben Sie die Zusammensetzung der Anwesenden beim Hilfeplangespräch begründet. Sie haben dabei das Kindeswohl in Bezug auf Susann nicht berücksichtigt, insofern, als Susann während des ganzen Hilfeplangespräches anwesend war und ihr zugemutet wurde, einen Loyalitätskonflikt zwischen Pflegeeltern, Kindesvater und Vertreterin der Einrichtung auszuhalten, anstatt ihr ein Recht auf Schonung zuzugestehen. Wie ich bereits in meinem letzten Schreiben ausführte, ist es nicht im Sinne des Kindeswohls, die Teilnahme des Kindes am Hilfeplangespräch wortwörtlich zu nehmen. Die Einbeziehung des Kindes in die Hilfeplanung kann beispielsweise auch durch eine vorher gehende Befragung sicher gestellt werden.

(Immer wieder wird von den Jugendämtern ohne Rücksicht auf die seelische Lage der Pflegekinder verlangt, dass diese am Hilfeplangespräch teilnehmen. Wie sollen sie das aushalten? Namhafte Fachleute machen immer wieder klar, dass dies die Kinder in einen für sie unlösbaren Konflikt bringt. Bei den Jugendämtern ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen.)

Aus diesem Grunde halten wir es für erforderlich, Susann bei sensiblen Inhalten wie z.B. die Auswirkung der Besuchskontakte des Kindesvaters auf ihre Entwicklung und ihr Verhalten nicht am Gespräch teilnehmen zu lassen. Organisatorisch sollte sich das Gespräch in einen Teil gliedern, bei dem Susann anwesend ist und sich äußern kann und einen zweiten, in dem die Auswirkungen und fachlichen Erfordernisse diskutiert werden.

Wir ziehen jedoch eine Befragung Susanns am Standort der Einrichtung in Vorbereitung auf das Hilfeplangespräch vor. Eine Konfrontation mit ihrem Verhalten und ihrer Entwicklung während des Hilfeplangespräches halten wir für schädlich, nicht zielführend und mit dem Kindeswohl nicht vereinbar.

(Manche Jugendämter ziehen eine Befragung des Kindes einer Anwesenheit beim Gespräch vor und es lohnt sich immer, dies beim Sachbearbeiter anzuregen

Wir regen an, Jeannett als die leibliche Schwester Susanns in die Hilfeplanung mit einzubeziehen, da sie von allen Festlegungen, die getroffen werden, mit betroffen ist.

(Der Amtsschimmel wiehert: Da das HPG Jeannett nicht betrifft, sie im Amtsdeutsch keine “Beteiligte” ist, soll sie auch nicht teilnehmen. Lösung: Das Geschwister einfach mitnehmen, wenn man es für richtig hält, z.B. um einen Eindruck des seelischen Zustandes zu vermitteln,)

Bei der Terminierung des Hilfeplangespräches bitten wir Sie, die Nachmittagsstunden (ab 15 Uhr) zu nutzen, da wir vormittags dienstlich gebunden sind. Zur Absprache eines Termins stehen wir jederzeit unter den oben genannten Telefonnummern zur Verfügung.

(Da werden wir noch unser blaues Wunder erleben!)

Wir fragen uns immer wieder, warum die Sachbearbeiter häufig den Sachverstand, die Erfahrungen und die Beobachtungen der Pflegeeltern nicht mit einbeziehen. Ob man ihnen in ihrer Ausbildung sagt, dass Pflegeeltern nichts anderes als Dienstleister für die Jugendämter sind?

Susanns Besuch 5. September 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Wie fühlt es sich an, wenn man Besuch bekommt von einem geliebten Menschen, den man lange nicht gesehen hat? Jemand, mit dem man sieben Jahre lang unter einem Dach gewohnt hat? Von dem man alles gewusst hat? Und dann ein halbes Jahr nicht mehr kennt?

Wir sind doch wieder angespannt, unsicher. Aber wir haben uns vorbereitet.

Susann kommt um elf Uhr. Sie ist locker, fröhlich, umarmt uns alle. Wie lange hatten wir das nicht mehr!

Es gibt ein schönes Frühstück, so wie früher.

Aber ich will es wissen.

“Oma Lehnchen und Tante Sarah wollten dich nächste Woche mit mir besuchen kommen. Ist das ok?”

Ihr Gesicht strahlt.

“Oh, coool!”

“Was kann man denn so machen bei euch? Was möchtest du unternehmen?”, erkundige ich mich. Natürlich könnte ich das auch übers Internet rausbekommen. Aber ich will wissen, wie sie angekommen ist.

Susann denkt nicht lange.

“Ich will schwimmen gehen.”

“Susann”, sage ich ruhig, “meinst du, das wäre das richtige für Oma und Tante Sarah?

Sie blickt verlegen vor sich hin.

Oma Lenchen kann nur noch mit der Hilfe eines Stocks laufen und Sarah hat wohl Jahrzehnte lang kein Schwimmbad mehr von innen gesehen. So kennen wir sie. Es fällt ihr schwer, sich in andere Menschen hinein zu versetzen. Es ist genug, dass sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzen muss.

“Vielleicht Eis essen? Ich kenne mich in der Stadt aus und es ist nicht weit.”

Na, das ist doch was!

“Möchtest du denn auch mal wieder nach Hameln fahren?”

“Klar”, strahlt sie wieder.

Wir besprechen, dass wir der Bezugserzieherin vorschlagen, die zweite Woche nach unserem Urlaub zu nehmen.

Da klingelt das Telefon. Jeannett springt ans Mobilteil. Der Kindesvater ist dran.

Muss das jetzt sein? Jetzt, da er weiß, dass beide Mädchen bei uns sind? Will er sich einmischen? Sehen, wie alles geht?

Er stört. Und das wird er noch öfter tun. Ganz bewusst und mit Absicht. Die Kinder sind aufgedreht, überbieten sich gegenseitig, belanglose Geschichten zu erzählen, schreien durcheinander. So wie früher halt. Die Konkurrenz zwischen beiden wird wieder offensichtlich.

Schließlich fahren wir zum Rummel, essen französisch und fahren Karussell. Zwei Stunden geht das gut. Dann quengelt Susann.

“Kann ich nicht wieder nach Hause?”

Was bedeutet das? Will sie bei uns bleiben? Aber nein…

“Wann fährt denn der Zug?”

Er fährt in einer Stunde. Also setzen wir uns auf eine Bank im nahe liegenden Park und vertilgen unsere Vorräte.

Ein Thema muss ich noch ansprechen.

“Sag mal, du weißt doch, dass dein Papa dein Geld nicht verwalten darf. Das muss jemand anderes machen. Wie wär´s, wenn ich das mache? Würdest du das wollen?”

Vor einem Jahr ist dem Kindesvater die Vermögenssorge entzogen worden. Für beide Kinder hatte ich den Anspruch auf Opferentschädigung durchgesetzt, aber es darf natürlich kein Geld an Täter fließen. Das Gericht hat zunächst die Vermögenssorge an einen Vormund des Jugendamtes übertragen. Aber warum sollte nicht ein ehrenamtlicher Ergänzungspfleger die Opferentschädigungsrente verwalten? Warum nicht ich, der ich beiden Kindern nahe bin und sie gut kenne?

“Kann das nicht Frau Siebert machen?” fragt sie.

“Susann”, versuche ich zu erklären. “Frau Siebert ist deine Bezugserzieherin. Meinst du nicht, dass sie ein bisschen zu viel dafür zu tun hat?”

Susann ist enttäuscht.

Einerseits bin ich zufrieden, dass Susann zu ihrer Bezugserzieherin eine Bindung aufgebaut hat. Andererseits weiß ich: Sie verdient damit ihr Geld, in der Wohngruppe zu arbeiten. Wer würde da eine Vermögenssorge annehmen.

Es ist wie eine kleine Erlösung, als der Zug einfährt. Herzliches Verabschieden, und alle sind zufrieden. Eins ist klar: Eine Übernachtung kommt auf absehbare Zeit nicht in Frage. Schon habe ich beobachtet, wie Susann dissoziiert: Sie guckt dann in die Luft, ist abwesend, nimmt ihre Umwelt nicht wahr. Sie befindet sich dann irgendwo in der Vergangenheit. Wir wissen nicht, ob die Therapeutin der Einrichtung tatsächlich auch die Trennung von uns aufarbeitet. Es sieht nicht danach aus.

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