Chaotischer Morgen 24. Oktober 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Schuhregal, Schule, Schultasche, traumatisierte Pflegekinder, Vergangenheit, vernachlässigt
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Ein Morgen in einer Familie sollte eigentlich wie der andere ablaufen. Wecken, Aufstehen, Duschen, Frühstück, raus aus dem Haus. Bei Pflegekindern, die früher nichts anderes als Chaos erlebt haben, ist das anders.
Susann trödelt beim Frühstück rum, bis es zu spät ist. Die Schule ist nur um die Ecke. Aber etwas ist immer verkehrt.
“Wo sind meine Schuhe? Ich kann meine Schuhe nicht mehr finden”, schreit sie in weinerlichem Ton.
“Hast du sie denn gestern nicht ins Schuhregal getan?”, versuche ich ihr zu helfen.
“ Ich weiß nicht mehr…”
Sieh in dein Zimmer!”
Ja, da sind sie, vergraben unter der schmutzigen Wäsche der letzten Tage.
Ich atme auf. Dieses Problem hätten wir gelöst.
“Aber meine Schultasche ist weg!”
Langsam wird auch meine Zeit knapp. Susann öffnet die Haustür. Da, auf dem Treppenabsatz vor der Tür steht sie. Sie hat vergessen, sie mit ins haus zu nehmen, als sie gestern kam. Sie ist nass vom Regen der letzten Nacht. Glücklicherweise haben Bücher und Hefte nicht viel abbekommen. Endlich können wir alle gehen.
Kinder, die in ihrer frühen Kindheit vernachlässigt und traumatisiert wurden, haben keinen Bezug zur Realität mehr. Sie leben in ihrer eigenen Welt. Was gestern war, ist im Nebel versunken. So schützen sie sich vor den schlimmen Erinnerungen aus der Vergangenheit. eigentlich sind sie nicht lebensfähig.
Unsere Aufgabe ist es dabei, sie zu unterstützen, den Alltag zu bewältigen. Es kostet uns manchmal den letzten Nerv. Und wir hoffen, dass das alles einmal aufhört. So lange aber müssen sir uns mit verloren gegangenen Turnschuhen und verschwundenen Büchern und Heften herumschlagen.
Hektische Tage 24. Juni 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Abendessen, Frühhort, Hausaufgaben, Jugendamt, Kindesvater, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, professionell, Schule, Stress, Therapie, Unfall, Wochenende
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Pflegekinder sind nicht pflegeleicht. Ihre Pflegeeltern sind meist die ersten, die Verantwortung für sie übernehmen und dabei mit dem professionellen Beobachten, Handeln und Organisieren beschäftigt sind. Besonders gilt das für die Pflegeeltern, die ihren Beruf nicht völlig aufgeben wollen. Dass nicht beide Vollzeit arbeiten können, versteht sich von selbst. Uns geht es nicht anders.
Ein “normaler” Arbeitstag läuft immer in Hektik ab. Morgens muss das Frühstück organsiert werden und dabei achten wir darauf, dass beide etwas essen und trinken. Das ist nicht selbstverständlich. Alle müssen gemeinsam aus dem Haus gehen. Der Frühhort ist Kilometer entfernt; es würde sich nicht lohnen, ihn in Anspruch zu nehmen. Also sind die Kinder manchmal länger vor Schulbeginn in der Schule, als es uns und den Lehrern lieb ist. Aber wir haben keine Alternative.
Ich bin meist derjenige, der zuerst zu Hause ist. Die Kinder kommen gegen vier aus dem Hort. Dann gibt es meist etwas Kleines zum Essen; trotz Schulspeisung sind die Kinder hungrig. Anschließend geht es an die im Hort nicht erledigten Hausaufgaben, und das sind meist alle. Mappe kontrollieren, Aufgabenheft checken, bei Mathe oder Englisch helfen. Ich muss zugeben, dass ich die Aufgaben manchmal selbst nicht verstehe. Oder die Aufgaben sind nicht eingetragen, trotz Absprache mit den Lehrern, dass sie die Eintragungen kontrollieren.
Meist ist es danach bereits Zeit fürs Abendessen und noch etwas Erzählen oder Spielen, aber dann ist auch schon Schluss.
Noch mag alles wie in einer ganz normalen Familie erscheinen. An drei Tagen der Woche jedoch geht Susann zur Therapie. Sommers fahren die beiden nach etwas Übung auf dem Hinweg alleine mit Bahn und bus. Abends hole ich sie mit dem Auto ab, brauche dafür etwa eine Stunde Fahrt. Im Winter allerdings hole ich Susann zusammen mit Jeannet aus dem Hort ab, fahre 15 km zu Susanns Therapiestätte, quäle mich dann 10 km durch den Stadtverkehr, liefere Jeannett ab, fahre wieder zurück, um Susann abzuholen und fahre dann wieder zu Jeannetts Therapie, um sie einzusammeln. Allein den Therapieplan so hinzubekommen, dass es so passt, bedurfte einiger Verhandlungen mit den Therapeutinnen und es darf nichts Unerwartetes passieren oder im Wege stehen. Wir sind dann um acht Uhr, pünktlich zum Abendessen zu Hause, nach sechzig Kilometer Fahrt. An Hausaufgaben ist für beide nicht zu denken; wir müssen sie auf die anderen Tage verteilen, wenn es geht.
Nicht immer jedoch geht es so gut. Eines Tages ist Susann genervt durch die Schule, will nicht ins Auto einsteigen. Es ist spät. Die Kinder sitzen auf ihrer Rückbank und streiten sich lauthals. Da geschieht es. Beim Rechtsabbiegen bremst der vor mir abbiegende Wagen, ich bin zu dicht, es kracht. Die Stoßstange ist verbogen, ein Scheinwerfer Matsch.
Absolute Stille auf der Rückbank. Irgendwann eine bange, leise Frage.
“Sind wir daran Schuld, dass du einem Unfall gemacht hast?”
Was soll ich dazu sagen?
“Ich habe nicht aufgepasst, aber ihr habt mich schon genervt”, versuche ich diplomatisch zu reagieren. Aber jetzt geht es darum neu zu organisieren. Susanns Termin muss ich absagen, Jeannett setze ich auf den Bus und lasse sie allein fahren und auch wieder zurückkehren.
Manchen Tag bin ich in dieser Zeit völlig fertig. Ich habe den Eindruck, nur noch zu funktionieren. Meine Unterrichtsvorbereitungen und Korrekturen ranken sich um die Termine der Kinder herum und finden meist am Wochenende oder nachts statt. Ein Ende ist nicht absehbar.
Manchmal würde ich mir wünschen, dass ein Jugendamtsmitarbeiter oder ein leiblicher Vater nur einen dieser Tage miterleben würde. Viele würden vielleicht argumentieren, dass das gar nicht sein müsste, dass wir uns zu viel Arbeit aufhalsen. Sicher gibt es nicht viele Menschen, die diesen Stress nicht einmal körperlich durchhalten würden, geschweige denn psychisch. Aber es muss sein. Also kämpfen wir weiter.
Heilpädagogische Pflege für unsere Kinder 20. Juni 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Aggression, alltägliches Ritual, Aufmerksamkeit, Eigentum, Förderbedarf, Gedächtnis, Haftstrafe, heilpädagogische Pflege, Hypermotorik, Jugendamt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, psychosozial, psychotherapeutische Diagnostik, Schicksal, Schule, Supervision, symbiotisches Verhältnis, Verschlossenheit
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Jugendämter sind keine Halbgötter. Sie sind oft überlastet und müssen sich nach gesetzlichen Bestimmungen richten. Oft bleibt nicht die Zeit, um herauszufinden, wie es um die Kinder steht, die sie vermitteln. Unsere beiden galten bis jetzt als völlig “normal”. Aber die letzten anderthalb Jahre haben uns eines besseren gelehrt. Die Aggression von Susann, die Verschlossenheit von Jeannett, ihre Vergangenheit, all das kann nicht folgenlos geblieben sein. Also schreiben wir an unsere Sachbearbeiterin.
Pflegekinder Jeannett und Susann Sodann
Sehr geehrte Frau Wehrmann,
in letzter Zeit haben wir große Anstrengungen unternehmen müssen, um den hohen Anforderungen unserer beiden Pflegekinder gerecht zu werden. Immer mehr zeigen sich die in der Vergangenheit begründeten Defekte, die sehr viel Aufmerksamkeit und pädagogisches Wissen erfordern. Besonders davon betroffen ist Susann.
Erfreulich ist festzustellen, daß sie in der Schule z.Zt. erfolgreich mithält. Auffällig ist jedoch, daß sie auf ihre Arbeitsmaterialien, aber auch persönliche Dinge wie Mütze, Schal etc. betrifft, kaum in der Lage ist, acht zu geben. Dies wirkt sich noch nicht schulisch negativ aus, wird jedoch in absehbarer Zeit zum Problem werden. Auch im gemeinsamen Kinderzimmer ist sie nach wie vor nicht in der Lage, zumindest eine Grundordnung einzuhalten. Erkennbar ist auch, daß sie erhebliche Konzentrationsschwierigkeiten in Verbindung mit Hypermotorik aufweist. Dieses Problem verstärkt sich eher in letzter Zeit. Es macht eigentlich einfache Vorgänge wie das alltägliche Ritual des Aufstehens, Anziehens und der Körperpflege zu zeitraubenden Vorgängen, die nur unter Aufsicht stattfinden können.
Darüber hinaus stellen wir fest, daß Susann häufig nicht in der Lage ist, sich an einfache Tatsachen zu erinnern und Verknüpfungen im Gedächtnis zu erstellen, obwohl sie in anderen Fällen durchaus mühelos Inhalte aus dem Gedächtnis abrufen kann. Wir vermuten, daß sie aus psychosozialen Gründen den Abruf bestimmter Inhalte aus dem Gedächtnis blockiert, die in Verbindung mit ihren Erlebnissen aus frühester Kindheit stehen. Ferner gestaltet sich ihre Beziehung zu ihrer Schwester schwierig, wenn diese feststellt, daß Susann gewisse Abläufe wie das Zimmer in Ordnung zu halten, nicht beherrscht.
Bei Jeannett zeigen sich die Probleme anders. Sie kann aufgrund ihres Intellekts Vorgänge schneller bewältigen und Probleme schneller lösen, aber sie hat, ebenso wie Susann ein großes Problem damit, eine Beziehung zu ihrem Eigentum herzustellen und auf dieses acht zu geben. Hinzu kommt, daß sie nicht in der Lage ist, beispielsweise Hausaufgaben in der Schule zu notieren und diese zum verlangten Zeitpunkt anzufertigen. Wir arbeiten dabei eng mit der Klassenleiterin zusammen, um die Erfüllung der Aufgaben sicher zu stellen, aber schon ein abhanden gekommenes Aufgabenheft stellt erhebliche Probleme dar. Dennoch können wir feststellen, daß Jeannett zu guten Leistungen imstande ist, wenn sie in guter Verfassung ist.
Beide Schwestern haben ein symbiotisches Verhältnis zueinander, das z.T. sado-masochistische Züge trägt. Jeannett hält ihre Schwester häufig für dumm oder erkennt, daß sie einfachste Aufgaben nicht bewältigen kann. Susann wehrt sich durch aggressives Verhalten oder provoziert negative Aufmerksamkeit. Andererseits fügt sie ihr Schicksal, sei es, frühere gemeinsame Erlebnisse, sei es die jetzige Situation, auf Gedeih und Verderb zusammen.
Besonders zu erwähnen ist die schwierige Situation, daß Herr Sodann zur Zeit eine Haftstrafe verbüßt. Wir erhielten von Frau Süßberg einen von Herrn Sodann verfaßten Brief, den wir beiden Kindern zu einem geeigneten Zeitpunkt zu Kenntnis brachten. Diese Situation verursacht bei beiden Kindern eine hohe zusätzliche Belastung. Während Jeannett die Situation zu verdrängen versucht, erzählt Susann in bestimmten Situationen in der Schule und im Hort darüber. Sie bringt sich und ihre Schwester dadurch in unkalkulierbare Situationen.
Ende letzten Jahres haben Jeannett und Susann eine psychotherapeutische Diagnostik durchlaufen. Diese ergab die dringende Notwendigkeit einer tiefenpsychologischen Therapie, eventuell in Verbindung mit einer Geschwistertherapie. Wir haben für beide Kinder bereits je einen entsprechenden Therapieplatz gefunden. Die Therapie wird Anfang diesen Jahres beginnen, nachdem ein Konsiliarbericht erstellt worden ist.
Wie aus dem Gesagten unschwer zu erkennen ist, bedeutet die Pflegschaft für Susann und Jeannett eine erhebliche pädagogische Belastung für uns. Obwohl unsere Beziehung zu beiden Pflegekindern sehr herzlich und emotional ist, fühlen wir uns durch die Probleme, die beide aufgrund ihrer früheren und jetzigen emotionalen und Bindungssituation mitbringen, bis zu unseren Grenzen gefordert. Wir brauchen daher unbedingt eine fachspezifische Unterstützung, beispielsweise eine Supervision, die uns in die Lage versetzt, besser mit den beschriebenen Situationen umgehen zu können.
Darüber hinaus vermuten wir aufgrund unserer aktuellen täglichen Beobachtungen die Notwendigkeit eines erweiterten Förderbedarfs. Deshalb bitten wir Sie, für dessen Feststellung alles Notwendige einzuleiten.
Für Ihre Unterstützung bedanken wir uns schon jetzt.
Freundliche Grüße
Wenig später werden die Kinder dem Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst vorgestellt. Anerkannt wird für beide eine Emotionale Störung des Kindesalters. Als notwendig wird erkannt, die Kinder in einer heilpädagogischen Pflegestelle unterzubringen. Außerdem wird eine psychotherapeutische Behandlung als nötig erachtet.
Wir sind erleichtert. Jetzt können wir den Kindern zukommen lassen, was sie so dringend benötigen. Da wir beide Pädagogen und als heilpädagogische Pflegestelle anerkannt sind, können die Mädchen bei uns bleiben und wir bekommen für unseren Aufwand den berechtigten finanziellen Ausgleich. Der Weg ist frei. Vor allem ist es auch für uns eine Anerkennung unserer Mühen.
Wir schützen unsere Kinder 13. Juni 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Bindung, Erwachsenenwelt, Flucht, Gewahrsam, Herkunftseltern, Hortleitung, Jugendamt, Kindesmutter, Kindesvater, Kripo, leibliche Eltern, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Schule, Schulleitung
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Nie wären wir auf die Idee gekommen, dass wir unsere Kinder vor dem Kindesvater schützen müssen. Aber die Situation gebietet schnelles, durchdachtes Handeln. Also tun wir, was zu tun ist angesichts der Situation, dass er sich auf der Flucht befindet.
Am Tag, nachdem die Kripo unser Haus durchsucht hat, informieren wir zuerst die Schule. Ich habe Glück, dass ich den Vormittag frei habe. Also bringe ich die Kinder zur Schule und spreche mit der Schulleiterin. Ich schildere, was passiert ist. Wir müssen jetzt damit rechnen, dass der Kindesvater die Kinder möglicherweise auf dem Schulweg abfängt und in seine Gewalt bringt. Ich vereinbare mit der Schulleitung und der Klassenlehrerin, dass die Kinder von uns zur Schule gebracht werden und unter Aufsicht um Hort gebracht werden. Von da aus hole ich sie abends ab. Die Lehrer sind informiert, aber sie sollen die Lage nicht bei den Kindern ansprechen und auch nicht die Mitschüler informiere. Alles soll aussehen wie normal. Auch die Hortleitung und die Erzieherinnen sind informiert.
Natürlich können wir die Kinder nicht wegsperren. Sie dürfen wie gewohnt in unserer Straße spielen, aber sie sollen sich nicht zu weit vom Haus entfernen, so dass wir sie im Blick haben. Die Kinder haben Verständnis und sie wissen, das alles, was geschieht, zu ihrem Schutz ist.
Als nächstes informieren wir das Jugendamt über die Geschehnisse und unsere getroffenen Maßnahmen. Die Sachbearbeiter stehen hinter uns, aber sie können nicht viel tun.
Nach ein paar Tagen ist die Lage entschärft. Die Kripo ruft uns an und informiert uns, dass der Kindesvater sich in Gewahrsam befindet. Uns fällt ein Stein vom Herzen. Und auch die Kinder scheinen irgendwie erleichtert. Der Vater der beiden war weit weg. Es heißt, er hätte zusammen mit der Kindesmutter ein paar Tage “Urlaub” in Frankreich gemacht.
Uns fällt auf, dass wir Pflegeeltern vom Denken der leiblichen Eltern Lichtjahre entfernt sind. Die Kinder kommen im Denken und den Entscheidungen der Herkunftseltern nicht vor. Statt dessen diese Einstellung “Es wird schon nichts passieren”. Und warum fährt die leibliche Mutter mit dem, der sie fast umgebracht hätte, noch in Urlaub? Woher haben sie das Geld?
Aber das ist nicht unsere Sache.
Im Gegensatz dazu sind die Kinder bei uns der Mittelpunkt unseres Denkens und Tuns. Wir schützen und fördern sie. Wir wissen, was sie erlebt haben und wissen, dass sie skeptisch gegenüber der Erwachsenenwelt sind, zu der auch wir gehören. Wir müssen uns ihr Vertrauen verdienen. Und wir müssen damit rechnen, dass sie es nie schaffen, eine Bindung zu uns aufzubauen.
“Susann hat euch nur ausgenutzt” 24. September 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Aufmerksamkeit, Bindung, fehlende Bindung, Jugendamt, Konkurrenz, leibliche Eltern, Loyalität, petzen, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Schule, Trauma, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Unterstützung, Vergangenheit
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Leibliche Kinder verpetzenpetzen ihre Geschwister zuweilen. Aber was Jeannett heute tut, ist mehr als das.
Es ist ein schöner Sommerabend und wir sind zum fünfzigsten Geburtstag zu Verwandten eingeladen. Ein wunderschönes Wassergrundstück eines Restaurants. Jeannett sucht meine Nähe. Mir ist klar: Sie möchte etwas loswerden. Gemeinsam sitzen wir am Wasser und sie redet.
“Weißt du, Papa, Susann hat euch nur benutzt. Zuerst hatte sie bei Mama Unterstützung und die hat sie gegen dich ausgespielt. Häufig ist Mama für sie eingetreten und hat sie in Schutz genommen. Aber vor einem Jahr hat sie gemerkt, dass sie mehr von dir Unterstützung bekommen hat als von Mama. Da hat sie sich eben an dich rangehängt.”
Sie unterbricht einen Moment und ihr Gesicht wird nachdenklich.
“Susann hat deine ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Sie hat nur noch mit dir ihre Hausaufgaben gemacht. Mich hast du überhaupt nicht mehr beachtet. Immer musste ich still sein und durfte euch nicht unterbrechen. Die Schuhe hat sie immer in der Schule gelassen, damit du sie in der Schule besuchst und nach den Schuhen suchst. Und wenn du sie mal kritisiert hat, ist sie zu Mama gelaufen und hat sich bei ihr Unterstützung geholt.”
Meine Rolle ist jetzt die des Zuhörers. Sie erzählt weiter.
“Zum Schluss, als sie wusste, dass niemand sie mehr unterstützt, hat sie nur noch Randale gemacht, so lange, bis ihr sie weg gegeben habt. Ist euch das gar nicht aufgefallen?”
Natürlich ist uns das aufgefallen. Ich sage ihr das auch, und dass Susann unglaublich viel Aufmerksamkeit brauchte. Langsam begreife ich, dass das durchgängige Thema in unserer Familie die Konkurrenz der beiden Geschwister um unsere volle Aufmerksamkeit war. Deshalb musste das Pflegeverhältnis, so wie es geplant war, scheitern.
Leibliche Geschwisterkinder petzen manchmal und versuchen, die Eltern auf die eigene Seite zu ziehen. Im Gegensatz zu traumatisierten Pflegekindern jedoch haben sie die Erfahrung der Bindung an die leiblichen Eltern. Traumatisierte Pflegekinder haben viel nachzuholen, wenn sie denn überhaupt noch bindungsfähig sind. Kinder, die in der Kindheit Geschwister oder sogar noch die Eltern versorgen mussten, sollten besser in zwei Pflegefamilien vermittelt werden, die sich kennen. Damit ist sicher gestellt, dass sie sich häufig sehen können, ohne dass es zu Konkurrenzkämpfen um die Aufmerksamkeit kommt. Geschwisterkinder in eine Pflegefamilie zu vermitteln, käme nur dann in Frage, wenn die Geschwisterkinder durch die gemeinsame Traumatisierung gleich stark betroffen sind und sie sich gegenseitig haben unterstützen müssen.
Jugendämter kennen meist diese Unterscheidung nicht. Sie gehen immer davon aus, dass Geschwister grundsätzlich in eine Pflegefamilie vermittelt werden. Das geht manchmal schief.
Was war das also heute mit Jeannett? Es war keine Petzerei. Es war der Ruf nach Aufmerksamkeit, der vollen Aufmerksamkeit, die Jeannett jetzt für sich einfordert. Es war eine Loyalitätserklärung und zugleich eine Beschreibung des Zustandes vor dem Wendepunkt, als wir uns von Susann trennen mussten. Es war zugleich eine Warnung: Kümmere dich nicht zu viel um Susann, ich bin jetzt deine einzige Pflegetochter, die dir noch geblieben ist.
Lehrer futsch und Bindung weg 12. August 2010
Posted by lehrergehrke in Allgemein.Tags: Bindung, Bindungsabbruch, Effektivität, Einsatzplanung, Elternversammlung, emotionale Bindung, Engagement, engagiert, Fachleute, Familie, Förderprogramm, Gesamtschule, Gymnasiale Oberstufe, Herkunft, Lebenschancen, Lehrer, Leistungsschwäche, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Schülerzahlen, Schule, Schulleitung, Schulrat, Sekundarstufe I, Sozialarbeit, soziale Kontakte, soziales Lernfeld, Trauma, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Unterricht, Vergangenheit, verständnisvoll, Vertrauensverhältnis, weiter führende Schule, Widerspruchsverfahren
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Die weiter führende Schule kennt kein Pardon, wenn es um Bindungen von Kindern an bestimmte Lehrer geht. Sie müssen damit klar kommen, wenn ein engagierter Lehrer aus Gründen des Personaleinsatzes versetzt wird. Für Pflegekinder kann das ein besonderes Problem bedeuten.
Jeannett besucht eine der wenigen verbliebenen Gesamtschulen in unserem Bundesland. Ich habe es vor eineinhalb Jahren geschafft, Jeannett über das Widerspruchsverfahren hier einzuschulen; ihr Grundschulgutachten hätte dies eigentlich nicht zugelassen. Jeannett weiß dies auch sehr zu schätzen. Sie hat damit die Chance, nach der Sekundarstufe I bei entsprechenden Leistungen die Gymnasiale Oberstufe zu besuchen und das Abitur zu machen.
Dass Pflegekinder ihre Herkunft besonders während der Pubertät intensiv aufarbeiten, ist allgemein bekannt. Dazu brauchen sie nicht nur die Unterstützung der Pflegeeltern, sondern auch “neutraler” Personen. Jeannett hat in ihrer Schule eine Lehrerin, die sich besonders um die sozialen Kontakte der Schüler kümmert. Sie bietet eine Arbeitsgemeinschaft zum Erlernen von Mediationstechniken an, an der Jeannett mit Engagement teil nimmt. Auch hat sie ein besonderes Vertrauensverhältnis mit ihr und erzählt viel über ihre Vergangenheit und ihr Leben bei uns. Auch der Sozialarbeiter in der Schule, den sie despektierlich “Psycho-Fuzzi” nennt, hilft ihr oft und gern weiter.
Mit der Einsatzplanung für das nächste Schuljahr kommt an den Tag, dass die Lehrerin ihres Vertrauens an eine andere Schule versetzt wird. Sie wird an eine ein paar Kilometer entfernte Oberschule versetzt und kann dazu in einer therapeutischen Einrichtung arbeiten, so lautet die Begründung. Dafür werden einige andere neue Lehrer an Jeannetts Schule versetzt, auf die sich die Schüler neu einrichten müssen. Es geht auch das Gerücht, dass diese Lehrerin nicht sehr angesehen bei der Schulleitung war; zu viel Engagement, auch im gewerkschaftlichen Bereich…
Es gelingt mir, einige Eltern in Jeannetts Klasse für eine Unterschriftenliste für die beliebte Lehrerin zu interessieren. Fast alle Eltern unterschreiben und auch die Eltern anderer Klassen laufen Sturm. Ich werde mit einem Schreiben bei dem zuständigen Schulrat vorstellig. Aber eine Reaktion bleibt aus..
Erst bei der ersten Elternversammlung nach den Ferien erfahre ich, dass auch andere Eltern aus der Klasse Beschwerden eingereicht haben. Eine dieser Beschwerden wurde beantwortet. Es ist die übliche Argumentation: Wegen des Schwindens der Schülerzahlen müßten Lehrer versetzt werden, es gebe keine Alternative und überhaupt müsse man das Große Ganze sehen.
Für Jeannett hat diese Veränderung erhebliche Auswirkungen. Am liebsten möchte sie an die Schule wechseln, an der ihre Lehrerin jetzt ist, sie trauert um den Verlust dieser Beziehung und ist kaum ansprechbar. In der ersten Zeit pflegt sie häufigen Kontakt per e-mail und Telefon, aber bald merkt sie, dass ihre Lehrerin jetzt andere Aufgaben hat und ihr nicht mehr zur Verfügung steht.
Schule und Pflegekinder scheinen Bereiche zu sein, die häufig nicht zusammen passen. Schule ist die Verwaltung und Vermittlung von Bildung und Vergabe von Lebenschancen und kann sehr unpersönlich sein. Auch wenn immer wieder der Erziehungsauftrag von Schule beschworen wird, sie stellt die Vermittlung von Wissen sicher. Sozialarbeit ist nicht der Bereich des Lehrers. Wenn sich ein Lehrer auch um die privaten Probleme seiner Schüler kümmert, so tut er das freiwillig.
Schule ist nach Gesichtspunkten der Effektivität organisiert. Regelklassen können bis zu 30 Schüler umfassen, Unterricht funktioniert nach Plan und Lehrer werden dort eingesetzt, wo sie gebraucht werden.
Diese Voraussetzungen sind für Pflegekinder ganz schlecht. Sie brauchen gesicherte, vertrauensvolle Bindungen, auch in der Schule anstatt Wissensvermittler und Leistungsbewerter. Ihre Vergangenheit und Gegenwart ist so anders als die der meisten Mitschüler und nicht selten spielen psychosoziale und bindungs- und entwicklungsbedingte Probleme eine wichtige Rolle.
Zwar gibt es an allen Schulstufen Förder- und Integrations-programme, so z.B. für ADHS und Dyskalkulie, aber um diese zu nutzen, müssen die Pflegeeltern sich schon sehr gut auskennen. So haben wir für Susann ein Förderprogramm zum Ausgleich ihrer Dyskalkulie angeschoben. Daran beteiligt waren die Schule und das Jugendamt. Seit sie aber in einer Wohngruppe lebt, wird die Existenz der Rechenschwäche, obwohl nachgewiesen, einfach geleugnet und Förderprogramme nicht angewandt. Hier spielt sicher auch eine Rolle, ob und in wie weit die Schule Stundenentlastungen bekommt und Fachleute zur Verfügung stehen.
Pflegeeltern können ihre Pflegekinder mit folgenden Maßnahmen unterstützen:
- Sie sollten die schulische Entwicklung sehr genau beobachten und bei Leistungsschwächen oder -ausfällen sofort Kontakt mit dem Klassenlehrer und der Schulleitung aufnehmen.
- Lehrer sind nur selten Fachleute für Ursachen für Leistungsschwächen. Noch seltener kennen sie sich mit den Problemen von Pflegekindern und Traumatisierungen aus. Deshalb ist es wichtig, die Lehrer und die Schulleitung über die individuellen psychosozialen und medizinischen Voraussetzungen des Pflegekindes und die Bindungsfähigkeit des Pflegekindes zu informieren, um sie für dessen Verhalten im Unterricht zu sensibilisieren.
- Pflegeeltern sind die manchmal einzigen Interessensvertreter ihrer Pflegekinder. Es nutzt nichts, den Druck, den Schule und Lehrer disziplinarisch und im Hinblick auf Leistungen aufbauen, einfach an das Pflegekind weiter zu geben. Sie müssen das Kind unterstützen und dieselbe Unterstützung auch von der Schule und ihren Lehrern einfordern. Das bedeutet manchmal auch, mit der Schule in den Konflikt zu gehen.
- Pflegeeltern müssen zuerst die Probleme des Kindes mit der Herkunft und der Situation in der Pflegefamilie lösen. Erst dann kann das Pflegekind den Kopf für die Schule frei kriegen. Bis dahin muss die Schule gegebenenfalls zurück stehen.
Die Grundlage für gute schulische Leistungen ist also immer die Situation in der Pflegefamilie. Wenn die Probleme nicht gelöst werden können, wird es auch in der Schule keinen Erfolg geben. Andererseits ist die Schule ein wichtiges soziales Lernfeld für das Kind und kann die elterliche Erziehungsarbeit erheblich unterstützen, wenn die Lehrer zugänglich, verständnisvoll und engagiert sind.
Hilfeplanung für Susann 17. Juni 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Angst, Asthma, Asthmaseminar, §35a SGB VIII, Besuchskontakt, Bezugserzieherin, Einfluss, Erfahrungen, Fachleute, Hilfeplan, Hilfeplangespräch, innenwohnende Therapeutin, Jugendamt, leiblicher Vater, Lungenfunktionstest, Notfallspray, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Schule, Schweigepflicht, traumatisierend, Wohngruppe
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Heute ist ein wichtiger Tag für Susann und uns alle. Es ist das erste Hilfeplangespräch nach Susanns Umzug. Eine gespannte Atmosphäre herrscht vor. Susann trifft ihren leiblichen Vater das erste Mal seit Jahren wieder. Wir wissen, dass wir Einfluss verloren haben, aber wir möchten uns so gerne einbringen. Wir wissen: Niemand interessiert sich für unseren Abschlussbericht oder unsere Erfahrungen.
Alle sitzen um einen Tisch. Susann zwischen Ruth und mir und ihrer Bezugserzieherin au der einen Seite, Frau Schwerdtfeger, Frau Gerster, die Mitarbeiterin des Jugendamtes, zuständig für den leiblichen Vater und der leibliche Vater von Susann auf der anderen Seite. Frau Schwerdtfeger ist die Leiterin des Gespräches und nach § 35a SGB VII (von seelischer Behinderung bedrohte Kinder) verantwortlich für Susann. Frau Gerster war bisher für Susann zuständig und ist die Sachbearbeiterin für Jeannett.
Mein Vorschlag, Susann doch mindestens für Teile des Gespräches die Teilnahme zu ersparen, wird übergangen. Dabei muss es für Susann eine unkalkulierbare, Angst besetzte, nicht beeinflussbare Situation bedeuten: Sie steht im Fokus des Gespräches, zwischen ihren ehemaligen Pflegeeltern, ihrer Bezugserzieherin und ihrem leiblichen Vater, der zugleich die traumatisierende Person ist. Schlimmer kann es nicht kommen. Aber wir scheinen die einzigen zu sein, die das so sehen.
Susann sitzt mit gesenktem Kopf da, blickt nur Ruth und mir ab und zu verstohlen in die Augen, als wollte sie uns anflehen: “So helft mir doch!” Wenn sie wüsste, wie wenig wir das noch können!
Frau Schwerdtfeger beginnt die Runde. Sie spricht Susann an und schießt Fragen auf Susann ab.
“Wie geht es Dir in der Wohngruppe?”
“Möchtest Du dort bleiben?”
“Wie bist Du in der Schule?”
Susann reagiert einsilbig, noch immer mit gesenktem Kopf. Ja, nein, ganz gut.
Die Bezugserzieherin übernimmt. Susann habe sich gut eingelebt, sie sei gut in der Schule und fühle sich wohl.
Da geschieht es. Ruth und ich sehen uns an. Susann beginnt schneller zu atmen, sie keucht, bekommt keine Luft mehr. Es ist ganz klar ein asthmatischer Anfall. Die Anwesenden sind irritiert, wissen nicht, was los ist.
Frau Schwerdtfeger läuft rot an.
“Schnell, hat nicht jemand ein Notfallspray bei?”
“Wir haben nicht mehr mit einem Asthmaanfall gerechnet, deshalb haben wir kein Notfallspray besorgt und das alte war abgelaufen. Das konnten wir ja nicht wissen.”
Wie naiv. Zum Glück hat Ruth ihr Notfallspray dabei. Wir verabreichen Susann zwei Hübe. Zum Glück bin ich mit Susann oft genug und regelmäßig zum Lungenfunktionstest und zu den Asthmaseminaren gegangen. Automatisch setzt sie sich in den Kutschersitz und atmet ruhig ein und aus. Dann verlässt sie den Raum. Ich folge ihr.
“Geh ruhig wieder rein”, flüstert sie mir draußen zu. “Es ist nur wegen meinem Vater. Ich habe ihn so lange nicht gesehen.”
Als ich den Raum betrete, herrscht stille Betroffenheit.
“Geht es ihr wieder gut?”, erkundigt sich Frau Schwerdtfeger.
“Von gut kann wohl keine Rede sein”, gebe ich zurück, “aber sie ist nicht in Gefahr. Sie braucht jetzt etwas Ruhe.”
Ich wende mich an die Bezugserzieherin.
“Wir haben doch besprochen, dass Susann asthmatisch ist. Haben Sie sie denn einem Lungenfacharzt vorgestellt?”
Sie schaut peinlich berührt, irgendwie ertappt.
“Wir haben das vor, aber es ist so schwer, einen Termin zu bekommen”, erwidert sie.
Ihr gesundheitlicher Zustand sei bisher gut gewesen, es gab keinen Anlass, einen Arzt zu konsultieren. Aber man werde das nachholen.
Im weiteren Gesprächsverlauf stellt sich heraus, dass Susann keinen Förderunterricht mehr an der neuen Schule bekommt. Sie sei durchaus leistungsfähig.
Auf unsere Nachfrage, ob sie denn auf das Hilfeplangespräch angemessen vorbereitet worden sei, wird auf die Verhaltenstherapie durch die innenwohnende Therapeutin verwiesen. Man könne uns keine Details mitteilen, denn das unterliege der ärztliche Schweigepflicht.
Just in diesem Moment geht die Tür auf und Susann erscheint und setzt sich wieder auf ihren Platz, ohne jemanden anzuschauen.
Jetzt will ich es wissen.
“Susann, wie geht es eigentlich mit Deiner Therapie?”, will ich wissen.
Betreten schaut sie vor sich auf den Tisch.
“Einmal war ich schon da, aber ich habe es immer vergessen.”
Einmal in Wochen. So viel für die Vorbereitung der Wiederbegegnung mit ihrem leiblichen Vater. Der sitzt in seinen Stuhl geflezt irgendwie teilnahmslos da.
Ruth ergreift die Initiative.
“Was machst du eigentlich nach der Schule so den ganzen Tag lang?”
“Abhängen, mit Jungs?”
“Und was ist mit der Freiwilligen Feuerwehr? Du warst doch bei uns dabei und hast kein Treffen ausgelassen. Gibt es sowas nicht auch bei euch?”
Die Bezugserzieherin schaltet sich ein.
“Wir haben bisher noch keine Freizeitaktivitäten ins Auge gefasst.”
Frau Schwerdtfeger übernimmt jetzt die Initiative.
“Susann, gibt es irgend etwas, was du dir besonders wünschst?
“Ich würde Jeannett gern zu ihrem Geburtstag besuchen und ich möchte gern, dass ihr mich besucht.”
“Das solltest du aber zuerst mit Jeannett besprechen”, wendet Ruth ein. “Sie hat ihren Geburtstag nämlich schon mit ihren Freundinnen verplant.”
Tatsächlich scheint Jeannett keine Ambitionen zu haben, Susann an ihrem Geburtstag zu empfangen. Zu unterschiedlich sind die Welten, in denen sie jetzt leben.
“Vielleicht könnte man einen späteren Besuchstermin ins Auge fassen, um den Geburtstag nachzufeiern”, wendet Frau Schwerdtfeger ein. Wir würden eine Besuchsfrequenz von vier Wochen befürworten, auch mit Übernachtungen.”
Wir machen deutlich, dass wir so häufige Besuchskontakte nicht befürworten würden. Wie die Lage im Moment ist, würde Jeannett kaum einen Besuch unbeschadet überstehen. An Übernachtungen ist überhaupt nicht zu denken, solange die Trennung von uns mit Susann nicht aufgearbeitet ist. Wir einigen uns auf alle sechs Wochen höchstens.
Zum Schluss bietet Frau Schwerdtfeger dem Kindesvater an, dass Besuche bei Susann in regelmäßigen Abständen stattfinden könnten, ja, sie drängt ihm diese Möglichkeit förmlich auf. Die Reaktion ist unbeteiligt:
“Ja, kann man ja machen.”
Fazit:
Niemand hat auf uns gehört. Unsere Erfahrungen zählen nichts. Man gefällt sich darin, das Rad neu zu erfinden. Zeitweise kommen wir uns wie Störenfriede vor. Aber wir konnten auch die Hilflosigkeit dieser “Helfer” erfahren, wenn es ernst wird. Sie kennen Susann nicht entfernt so gut wie wir. Das ist eigentlich logisch, aber es werden daraus keine Konsequenzen gezogen.
Wozu bin ich mit Susann zum Schulpsychologen gegangen, habe Gutachten erstellen lassen, sie in der Schule fördern lassen, wenn sie nicht weiter gefördert wird? Wozu die regelmäßigen Lungenfunktionstests, die Asthmaseminare, wenn das nicht fortgesetzt wird?
Wir müssen erkennen: Es war ein Trugschluss, anzunehmen, dass Susann besser bei Fachleuten aufgehoben wäre. Wir haben so gut wie keinen Einfluss mehr. Wenn wir noch Einfluss nehmen können, dann indem wir wenigstens Jeannett schützen und ihre Interessen vertreten. Die Möglichkeit, auch die Interessen von Susann zu vertreten, geht inzwischen gegen null. Wir werden uns darauf einzurichten haben.
Jeannett – benachteiligen wir sie? 28. Januar 2010
Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.Tags: Aufmerksamkeit, benachteiligt, Einmaleins, Internet, Jugendamt, Mathe, Mittelpunkt, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pflegekinder Vermittlung, Schule, Spagat, Trauma, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Unterrichtsmaterialien, Unterstützung, Zuwendung
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Susann fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Sie braucht ständige Unterstützung bei den Hausaufgaben, wir helfen ihr aufzuräumen, wir holen verloren geglaubte Jacken, Turnschuhe und Unterrichtsmaterialien aus der Schule. Kommt Jeannett da zu kurz?
Es ist wieder einmal nachmittags. Jeannett sitzt am Computer und bereitet einen Schulvortrag vor. Damit ich Susann auch im Blick habe, sitze ich mit ihr neben Jeannett am Tisch und versuche ihr das Einmaleins beizubringen und helfe ihr bei den Mathe-Aufgaben.
„Papa, kann ich das hier aus dem Internet benutzen?“, fragt Jeannett.
Ich bin genervt.
„Jeannett, siehst Du nicht, was ich hier tue? Ich kann jetzt nicht.“
Jeannett blickt traurig. Sie kommt nicht weiter. Und ich habe eine Chance verpasst, ihr zu zeigen, dass ich auch für sie da bin. Es ist ein Spagat.
Abends möchte Jeannett nach dem Abendbrot mit uns reden. Ruth ist wie immer auch dabei.
„Ich bin sauer.“, beginnt sie.
„Immer kümmert ihr euch um Susann. Nie kann ich euch was fragen, dann ist Susann wieder wichtiger. Ich will doch bloß eine ruhige, harmonische Familie. Bin ich euch überhaupt noch wichtig?“
Sie blickt nach unten und hat wieder diesen verkniffenen Gesichtsausdruck, den wir von ihr kennen, wenn sie sich nicht wohl fühlt.
„Ich finde Susann unverschämt. Immer spielt sie sich in den Mittelpunkt.“
Sie hat Recht. Wie viel Zeit und Energie wenden wir auf, um Susann zu unterstützen. Vergessen wir dabei, dass Jeannett ebenso unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung braucht? Aber wie bringen wir das hin, ohne dass eine von beiden sich benachteiligt fühlt?
Wir versprechen, die Situation zu ändern, wohl wissend, dass es eigentlich nicht geht. Jeannett ist nicht zufrieden.
Manchmal fragen wir uns, ob es sinnvoll war, die beiden hoch traumatisierten Mädchen mit so viel Bedarf an Zuwendung in eine Familie zu vermitteln. Jugendämter haben ein ungeschriebenes Gesetz: Geschwister werden nie getrennt vermittelt. Es wird nicht genau untersucht, welche Schwierigkeiten es geben kann, wenn beide traumatisiert sind und sich womöglich gegenseitig triggern könnten.
Nun, nach fünf Jahren, ist sowieso alles zu spät. Wir müssen mit der Situation klar kommen. Es gibt kein Zurück. Die Vermittlung ist lange her und wir haben uns darauf eingelassen. Nicht einmal die Ämter haben sich vorstellen können, wie sich die Traumatisierung auswirken könnte.
Werden Kinder bei der Vermittlung nicht genug untersucht? Haben die Sachbearbeiter überhaupt die Möglichkeit, alle Eventualitäten mit einzubeziehen?
Wir wissen es nicht. Wir müssen einfach versuchen, das Beste draus zu machen.
Wir arbeiten das Trauma auf 15. November 2009
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Arbeit, Familientherapie, Schule, Trauma, Urlaub
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Denken? Sprechen? Arbeiten? Etwas Schönes tun?
Jeannett ist heute nicht zur Schule gegangen. Sie vergräbt sich in ihrem Zimmer, ist schweigsam. Es ist gut so. Sie denkt nach und versucht auf diese Weise die Situation zu bewältigen. Sie kann das. Zum Glück.
Sprechen. Die Familientherapie soll uns helfen. Wir erzählen von allem. Die Therapeutin bestärkt uns. Es war die richtige Entscheidung. Sie meint, sie hat es kommen sehen. Vergeblich kämpft sie gegen Jeannetts Meinung, Susann gehöre jetzt nicht mehr zu unserer Familie.
„Susann gehört einfach nicht mehr zu unserer Familie.“, sagt sie. „Sie hätte auch dazu gehören können, aber sie wollte es nicht mehr.“
„Aber Susann ist doch deine Schwester“, wendet die Therapeutin ein und gibt ein Beispiel:
„Simone ist doch Eure große Pflegeschwester. Sie wohnt doch auch nicht mehr bei euch. Und trotzdem ist sie zu Weihnachten mit euch zusammen und auch zu Geburtstagen.“
Das sitzt. Jeannett überlegt einen Moment. Dann sagt sie trotzig: „Aber trotzdem, Sie gehört nicht mehr dazu.“
Erst jetzt verstehen wir richtig, wie Jeannett gebangt haben muss, dass unsere Familie zerfällt. Die traurigen und schwierigen Situationen, in denen wir nicht mehr weiter wussten. Für sie ist es ein ganz neuer Anfang.
Jeannett hat aber jetzt eine Aufgabe, die ihr Selbstbewusstsein hebt. Sie trägt Werbeprospekte aus und verdient sich so ihr erstes eigenes Geld. Sie ist ganz stolz.
Am Wochenende fahren wir in die Umgebung, übernachten, sehen uns ein Freilichtmuseum an. Es hilft uns allen, Abstand zu gewinnen. Aber dennoch kennen wir nur ein Thema. Es ist ein völlig neues Gefühl, Und trotzdem werden wir das Gefühl nicht los, dass wir unvollständig sind…