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Heilpädagogische Pflege für unsere Kinder 20. Juni 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Jugendämter sind keine Halbgötter. Sie sind oft überlastet und müssen sich nach gesetzlichen Bestimmungen richten. Oft bleibt nicht die Zeit, um herauszufinden, wie es um die Kinder steht, die sie vermitteln. Unsere beiden galten bis jetzt als völlig “normal”. Aber die letzten anderthalb Jahre haben uns eines besseren gelehrt. Die Aggression von Susann, die Verschlossenheit von Jeannett, ihre Vergangenheit, all das kann nicht folgenlos geblieben sein. Also schreiben wir an unsere Sachbearbeiterin.

Pflegekinder Jeannett und Susann Sodann

Sehr geehrte Frau Wehrmann,

in letzter Zeit haben wir große Anstrengungen unternehmen müssen, um den hohen Anforderungen unserer beiden Pflegekinder gerecht zu werden. Immer mehr zeigen sich die in der Vergangenheit begründeten Defekte, die sehr viel Aufmerksamkeit und pädagogisches Wissen erfordern. Besonders davon betroffen ist Susann.

Erfreulich ist festzustellen, daß sie in der Schule z.Zt. erfolgreich mithält. Auffällig ist jedoch, daß sie auf ihre Arbeitsmaterialien, aber auch persönliche Dinge wie Mütze, Schal etc. betrifft, kaum in der Lage ist, acht zu geben. Dies wirkt sich noch nicht schulisch negativ aus, wird jedoch in absehbarer Zeit zum Problem werden. Auch im gemeinsamen Kinderzimmer ist sie nach wie vor nicht in der Lage, zumindest eine Grundordnung einzuhalten. Erkennbar ist auch, daß sie erhebliche Konzentrationsschwierigkeiten in Verbindung mit Hypermotorik aufweist. Dieses Problem verstärkt sich eher in letzter Zeit. Es macht eigentlich einfache Vorgänge wie das alltägliche Ritual des Aufstehens, Anziehens und der Körperpflege zu zeitraubenden Vorgängen, die nur unter Aufsicht stattfinden können.

Darüber hinaus stellen wir fest, daß Susann häufig nicht in der Lage ist, sich an einfache Tatsachen zu erinnern und Verknüpfungen im Gedächtnis zu erstellen, obwohl sie in anderen Fällen durchaus mühelos Inhalte aus dem Gedächtnis abrufen kann. Wir vermuten, daß sie aus psychosozialen Gründen den Abruf bestimmter Inhalte aus dem Gedächtnis blockiert, die in Verbindung mit ihren Erlebnissen aus frühester Kindheit stehen. Ferner gestaltet sich ihre Beziehung zu ihrer Schwester schwierig, wenn diese feststellt, daß Susann gewisse Abläufe wie das Zimmer in Ordnung zu halten, nicht beherrscht.

Bei Jeannett zeigen sich die Probleme anders. Sie kann aufgrund ihres Intellekts Vorgänge schneller bewältigen und Probleme schneller lösen, aber sie hat, ebenso wie Susann ein großes Problem damit, eine Beziehung zu ihrem Eigentum herzustellen und auf dieses acht zu geben. Hinzu kommt, daß sie nicht in der Lage ist, beispielsweise Hausaufgaben in der Schule zu notieren und diese zum verlangten Zeitpunkt anzufertigen. Wir arbeiten dabei eng mit der Klassenleiterin zusammen, um die Erfüllung der Aufgaben sicher zu stellen, aber schon ein abhanden gekommenes Aufgabenheft stellt erhebliche Probleme dar. Dennoch können wir feststellen, daß Jeannett zu guten Leistungen imstande ist, wenn sie in guter Verfassung ist.

Beide Schwestern haben ein symbiotisches Verhältnis zueinander, das z.T. sado-masochistische Züge trägt. Jeannett hält ihre Schwester häufig für dumm oder erkennt, daß sie einfachste Aufgaben nicht bewältigen kann. Susann wehrt sich durch aggressives Verhalten oder provoziert negative Aufmerksamkeit. Andererseits fügt sie ihr Schicksal, sei es, frühere gemeinsame Erlebnisse, sei es die jetzige Situation, auf Gedeih und Verderb zusammen.

Besonders zu erwähnen ist die schwierige Situation, daß Herr Sodann zur Zeit eine Haftstrafe verbüßt. Wir erhielten von Frau Süßberg einen von Herrn Sodann verfaßten Brief, den wir beiden Kindern zu einem geeigneten Zeitpunkt zu Kenntnis brachten. Diese Situation verursacht bei beiden Kindern eine hohe zusätzliche Belastung. Während Jeannett die Situation zu verdrängen versucht, erzählt Susann in bestimmten Situationen in der Schule und im Hort darüber. Sie bringt sich und ihre Schwester dadurch in unkalkulierbare Situationen.

Ende letzten Jahres haben Jeannett und Susann eine psychotherapeutische Diagnostik durchlaufen. Diese ergab die dringende Notwendigkeit einer tiefenpsychologischen Therapie, eventuell in Verbindung mit einer Geschwistertherapie. Wir haben für beide Kinder bereits je einen entsprechenden Therapieplatz gefunden. Die Therapie wird Anfang diesen Jahres beginnen, nachdem ein Konsiliarbericht erstellt worden ist.

Wie aus dem Gesagten unschwer zu erkennen ist, bedeutet die Pflegschaft für Susann und Jeannett eine erhebliche pädagogische Belastung für uns. Obwohl unsere Beziehung zu beiden Pflegekindern sehr herzlich und emotional ist, fühlen wir uns durch die Probleme, die beide aufgrund ihrer früheren und jetzigen emotionalen und Bindungssituation mitbringen, bis zu unseren Grenzen gefordert. Wir brauchen daher unbedingt eine fachspezifische Unterstützung, beispielsweise eine Supervision, die uns in die Lage versetzt, besser mit den beschriebenen Situationen umgehen zu können.

Darüber hinaus vermuten wir aufgrund unserer aktuellen täglichen Beobachtungen die Notwendigkeit eines erweiterten Förderbedarfs. Deshalb bitten wir Sie, für dessen Feststellung alles Notwendige einzuleiten.

Für Ihre Unterstützung bedanken wir uns schon jetzt.

Freundliche Grüße

Wenig später werden die Kinder dem Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst vorgestellt. Anerkannt wird für beide eine Emotionale Störung des Kindesalters. Als notwendig wird erkannt, die Kinder in einer heilpädagogischen Pflegestelle unterzubringen. Außerdem wird eine psychotherapeutische Behandlung als nötig erachtet.

Wir sind erleichtert. Jetzt können wir den Kindern zukommen lassen, was sie so dringend benötigen. Da wir beide Pädagogen und als heilpädagogische Pflegestelle anerkannt sind, können die Mädchen bei uns bleiben und wir bekommen für unseren Aufwand den berechtigten finanziellen Ausgleich. Der Weg ist frei. Vor allem ist es auch für uns eine Anerkennung unserer Mühen.

Wir treffen den Vater 14. April 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Verwandtenbesuche sind normalerweise etwas langweilig. Man sitzt am Tisch, isst Kuchen und trinkt Kaffee. Für Kinder ist das meistens nichts. Schon nach kurzer Zeit drängt es sie, aufzustehen und herumzutollen. Wer vernünftig ist, gibt diesem Drang nach.

Für Pflegekinder ist ein solcher Besuch bei den leiblichen Eltern etwas ganz anderes, aufregendes. Sie werden bei ihren Eltern abgeliefert, dürfen wo möglich bei ihnen übernachten, kommen dann zurück in die Pflegefamilie. Die Pflegeeltern stellen dann zumeist fest, dass die Kinder bei den Eltern alles durften, fernsehen, toben, eben alles. Sie haben meist damit zu kämpfen, dass sie verwildert sind, aggressiv oder depressiv.

Genau aus diesem Grund haben wir gemeinsam mit dem Jugendamt und dem Kindesvater vereinbart, dass Umgangskontakte auf neutralem Boden stattfinden und in unserer Begleitung. Der Wohnort des Kindesvaters ist  tabu, schon deshalb, weil wir nicht wissen, wie die Kinder reagieren würden, wenn sie an den Ort ihrer Leiden zurück kehren. Und es gibt noch eine Grundvoraussetzung: Sobald die Mutter der beiden auftaucht, ist der Umgangskontakt beendet. Darauf besteht das Jugendamt, weil sie sich nicht bemüht hat, beim Jugendamt vorstellig zu werden und das weitere Vorgehen zu besprechen. Sie scheint irgendwie nicht im geringsten interessiert.

Also setzen wir uns in die Bahn und fahren zu einem Spielpark, der uns bekannt ist und der den Kindern viel bietet, zu klettern, zu toben und sich zu bewegen.

Es ist drei Uhr nachmittags und wir stehen am Eingang, wo wir uns verabredet haben. Die Zeit vergeht, es vergehen zehn Minuten, fünfzehn, dann zwanzig. Da klingelt mein Handy.

“Ja, hier ick, wir ham uns veaabredet, aber ick steh hier und keener is da!” ertönt eine rauchige, tiefe Stimme aus dem Telefon.

Aha. Ein Berliner im Exil. Kennt sich nicht aus?!

“Wo sind Sie denn jetzt?”, erkundige ich mich mit bewußt ruhiger Stimme.

“Na, ick bin jetze hier an dem Spielplatz, hier in der – wat issn dit für ne Straße bloß… Ick gloobe, Südstraße. Ick war hier noch nie.”

Gut. Also erkläre ich ihm in langsamen Worten und mit viel Wiederholung, wie er uns findet.

“Iss jut, ick komme”, versichert er mir.

Zehn weitere Minuten Wartezeit. Dann biegt ein blaues Cabrio Zweisitzer mit offenem Verdeck und nicht überhörbarem Motorengeräusch um die Ecke und hält direkt vor uns.

“Wat is´n dit hier, hier kricht man ja noch nich mal `n Parkplatz!” begrüßt er uns. Ein kurzes Aufheulen des Motors und ein Sprung mit den Vorderrädern auf den Gehweg, Motor abgestellt.

Vor uns steht ein älterer Mann mit Lederjacke und Jeans, rotem, kugligen Kopf und Schmerbauch.

“Tach”

Sieht die Kinder, versucht sie beide, in den Arm zu schließen, sie an sich zu drücken und spitzt seinen Mund, um die Kinder zu küssen. Die drehen ihren Kopf bewusst weg, um dem Kuss auf den Mund auszuweichen.

“Gehen wir in den Park?” schlage ich vor. Ruth geht vor, die Kinder rechts und links an ihren Händen, dahinter wir beiden Männer. Wir laufen bis zu einem großen Platz mit einer Vielzahl von großen Spiel- und Klettergeräten. Sofort stürzen die Kinder los.

Da fällt Jeannett ein, dass sie ihr schickes kleines Handtäschchen los werden muss. Sie läuft auf mich zu, streckt die Hand mit dem Täschchen nach mir aus.

“Papa, kannst du mal halten?”

Sie errötet schlagartig. Der andere Papa blickt irritiert, ein Augenlid zuckt hektisch.

“Ich meine, Nico, kannst du mal halten?”, verbessert sie sich eilig und entflieht der peinlichen Situation in Richtung Rutsche.

“Ick bin schon Ewigkeiten nich mehr uff`m Spielplatz jewesen”, scheint er sich entschuldigen zu wollen. “Dit lassen meene Jeschäfte nich su. Aba is ja ooch ma nich schlecht.”

Wir machen brav Smalltalk, wo kommen Sie denn her, haben Sie lange gebraucht, um uns zu finden…

Plötzlich entfährt es ihm.

“Wissta, Kinda, wolln wa nich du sajn? Ick bin der Rudi.”

Ja, auf diese Situation hat man uns zeitig vorbereitet. Keine Kumpaneien, immer schön Abstand wahren und professionell bleiben!

“Das ist uns nicht so lieb”, formuliert Ruth vorsichtig. “Vielleicht später mal.”

Wohl wissend, dass später nie eintreten wird. Rudi ist leicht sauer.

Die Kinder kommen angerannt. “Mammaaa, wir haben Hunger.”

Natürlich hat Ruth vorgesorgt, mit Broten, leckerem Kuchen, Schokolade und Fruchtsaft. Rudi kam es nicht in den Sinn, den Kindern etwas mitzubringen.

“Papa”, spricht Jeannett Rudi an, “ich habe übermorgen Geburtstag!”

“Ja richtich”, versucht er, Intersse zu heucheln. “Wie alt wirste denn?”

Ruth blickt mich entsetzt an.

“Ich werde jetzt acht Jahre, und ich wünsche mir von Mama und Pa… ähm, Nico einen Kaufmannsladen und Inline-Skater. Ich wünsche mir sie so!”

“Komm, Jeannett”, drängt Susann, “lass uns wieder auf die Rutsche gehen!”

Zwei Stunden schleichen dahin, ohne ein erwähnenswertes Gespräch. Dann machen wir uns auf den Weg, wir zum Bahnhof und Rudi zu seinem schicken Cabrio. Ob er nach Hause findet? Oder ob er eher zufällig durch die Straßen kurvt, um den Leuten zu zeigen, was für ein toller Typ er ist?

Zuhause angekommen, gibt es Abendessen. Susann scheint ihren Vater kaum zur Kenntnis genommen zu haben. Aber Jeannett sieht grüblerisch aus. Schließlich ergreift sie das Wort.

“Weißt du, Mama”, beginnt sie, “eigentlich müsste ein Mann wie mein Papa ins Gefängnis und dürfte nicht mehr raus. Er hat fast meine Mama erschlagen. Er müsste mit uns drüber reden. Warum besuchen wir ihn eigentlich noch?”

“Jeannett, sowas darfst du doch nicht sagen!”, schaltet sich Susann ein.

“Na stimmt doch!”, wehrt sich Jeannett.

Ruth hat sich als erste sortiert.

“Jeannett, du hast Recht, und dein Papa wird auch ins Gefängnis müssen. Aber er wird wieder frei gelassen, wenn er seine Strafe abgeleistet hat. Menschen, die sich strafbar gemacht haben, müssen dafür auch büßen.”

“Aber warum wird er wieder frei gelassen, nach dem was er getan hat?”

Jeannetts Stimme klingt eher anklagend.

“Das ist eben Gerechtigkeit. Und wenn er sich gut verhält, kommt er früher frei”, versucht Ruth zu erklären.

Jeannett hat einen finsteren Gesichtsausdruck.

“Das versteh ich nicht.”

Kinder lieben ihre Eltern, egal, unter welchen Umständen. Schließlich sind sie die ersten Menschen, mit denen sie in Kontakt kommen und die häusliche Situation ist die “normale”, die Bezugssituation. Werden sie vernachlässigt oder ihnen Gewalt angetan, empfinden sie das als die Reaktion auf ihr Verhalten. Deshalb werden sie ihre Eltern auch meist verteidigen oder für deren Verhalten Erklärungen suchen.

Wir haben es als Pflegeeltern schwer mit dem Kontakt zu einem Menschen, dessen Welt, in der er lebt, Lichtjahre von unserer entfernt ist. Immer spüren wir das Entsetzen in uns aufsteigen, wenn wir damit konfrontiert werden, was dieser Mensch seinen Töchtern angetan hat.

Dürfen wir uns von unseren moralischen Vorstellungen leiten lassen? Oder sollten wir Verständnis aufbringen für einen Mann, der unfähig ist, seine Kinder vernünftig zu versorgen und zu erziehen und ihnen Gefühle entgegen zu bingen?

Wir können unsere mitmenschlichen Prinzipien nicht aufgeben, und wir brauchen es auch gar nicht. Es gibt keinen Grund, die leiblichen Eltern, die versagt haben, gegenüber den Kindern schlecht zu machen, aber es kann und darf von uns auch nicht verlangt werden, sie gut zu machen. Wir akzeptieren sie als Menschen, die, wie jeder Mensch, ein Schicksal zu tragen haben, aber wir verlangen von ihnen genau das, was wir von jedem anderen Menschen verlangen würden: Fairness und Mitmenschlichkeit. Wir versuchen, ihnen zu verdeutlichen, dass jede Handlung gegenüber ihren Kindern unmittelbare Konsequenzen für diese hat und dass sie für diese Handlungen Verantwortung übernehmen müssen. Auch, wenn das ihnen nur selten gelingt.

Letztlich interessieren uns die leiblichen Eltern nur im Zusammenhang mit den Kindern. Geschehenes kann nicht ungeschehen gemacht werden. Aber es muss weiteres Leid von ihnen abgewendet werden. Dafür stehen wir ein und vertreten deshalb auch nicht die Interessen der leiblichen Eltern, sondern der Kinder, die schmerzvoll unter ihren Eltern gelitten haben und noch leiden.

Hier wächst Trauma 28. September 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Es ist unser erster Urlaubstag. Auf unserem Weg in die Bretagne ist eine Kleinstadt in Frankreich unsere erste Etappe. Yutz heißt dsa Städtchen, in dem unser preiswertes Hotel liegt, inmitten eines Stadtteils, der offensichtlich von Einwanderern am Rad der Gesellschaft bewohnt wird. Plattenbauten, triste Atmosphäre, am Rande der Autobahn nach Metz. Vergessen, schmutzig, arm. Es drängt sich mir die Vorstellung auf, was aus unseren Pflegekindern geworden wäre, wären sie hier aufgewachsen. Die Atmosphäre inspiriert mich zu einem Gedicht.

Die Banlieue

Hier bin ich geboren

Hier ist mein Dorf

Es ist alles was ich habe

Es ist alles was ich kenne

Meine kleine Welt

Alles was existiert auf Erden

Hier gehör ich dazu


Meine Gang ist meine Heimat

Die Straßen sind mein Feld

Wir bestimmen über alles

Alles was hier passiert.

Geh uns besser aus dem Weg

Denn hier gelten nur wir

Wir beherrschen die Plattenbauten

Der Platz ist viel zu eng

Ich weiß was es heißt

zu siegen oder zu verliern

Mach mich nicht an!

Was ich will, passiert.


Was soll ich draußen in der Stadt?

Was interessiert mich dieses Land?

Alles was ich hab ist hier

Mach mir keine Angst!

Wir sprechen unsere Sprache

Hier sind wir zuhaus

Was gelten wir schon draußen?

Was solln wir in der Fremde?

Einsam und allein?

Draußen bei den Lichtern

Draußen in der Dunkelheit

Alles geschieht hier

Im Geruch des Mülls

Auf den schmutzigen Straßen

Vor den Toren der Stadt

Manchmal mitten drin

Hier ist unsere Heimat!


Meine Eltern erzählen mir manchmal

von einem fremden Land unserer Religion

und wie sie kamen in die Banlieue

Sie hofften auf ein besseres Leben

Nichts wissen sie von denen da draußen

Sie wollen uns nicht

Aber Verachtung dulden wir nicht

Wir hassen sie, sie hassen uns

Unsere Heimat ist hier

Yutz, Paris, Marseille, Neukölln

Unsere Namen sind gleich

Unser Schicksal dasselbe

Wo immer wir wohnen auf der Welt.

Im Winde verweht 1. März 2010

Posted by lehrergehrke in Die Wende.
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Für Susann

Wir haben es gewagt

Du, deine Schwester und wir

Großes hatten wir vor

Alle haben uns bewundert

Alle haben dich geliebt

Es hätte so schön sein können

Eine Familie, alles im Glück

Es ging nicht. Es hat nicht sollen sein.

Wie tanztet ihr auf der Terrasse im Sonnenschein

Fröhlich waren sie, die ersten Tage

Wie oft habe ich gesungen, bis ihr schlieft

Die Angst verscheucht

Vor dem, was du erlebtest

Schlimmes, Grausames

Es hat dich geprägt

Immer war es da

Alles ist

Im Winde verweht

Kannst du es noch hören,

Das Rauschen des Meers

Die Sonne, wie sie brannte

Oben im Norden, wo ihr nie wart zuvor

Das Zelt am Strand

Verweht im Wind der Zeit

Weißt du noch

Wie es war, auf dem Gletscher

Die Berge zu sehen war euer Wunsch

Das Hexenwasser auf der Alm

Die Sonne, hinter den Bergen versinkend

Der Wind der Zeit hat es uns genommen

Die Burg die sie bauen

Weit weg im französischen Land

Der Fluss und die gewaltigen Kirchen

Bistros und Cafes

Die steinernen Häuser im Westen am Ende der Welt

Keltische Tänze und Fischerfeste

Brausende Wogen

Erinnerst du dich?

Oder ist es im Dunkeln

Vom Winde verweht?

Kennst du sie noch, die weißen Felsen

Erst weit weg und dann so nah

Eine andere Sprache, eine andere Welt

Lebende Museen, und wieder das Meer

Auf dem Meridian standst du über der Stadt

Unter dem Observatorium

Weißt du noch?

Alles weg mit dem Wind?

Die schwarze Vergangenheit

Sie holte dich ein

Du wusstest nicht mehr, was ist heute

Was ist vergangen

Wo lauern die Leiden, die dich verfolgen

Kannst sie spüren als wäre es jetzt

Die Angst überkommt dich

Die Menschen von damals sind wieder da

Der Hunger, die Pein

Alleinsein

Du musst dich wehren

Weißt du

Es sind nicht die von damals

Du glaubst, du hast es nicht verdient

So viel Gutes kann nicht sein

Die dunklen Tage

Nie verweht im Wind

Immer hier und jetzt

Französisch möchtest du lernen

Es gibt kein schöneres Land, so sagst du

Ein Stück Vergangenheit das du liebst

Du kannst es nicht leugnen

Es verweht nicht im Wind

Die, die für dich jetzt entscheiden

Sie kennen dich nicht

Sie wissen nichts von alledem und von dir

Du weißt es genau

Sie wollen dass du zurückkehrst in die alten Tage

Sie kennen nur sich selbst

Was sie tun, halten sie für richtig

Nichts wissen sie

Tapfer versuchst du dich anzupassen

Verleugnest all die schöne Zeit

Und sei ich der einzige

Ich kann dich verstehn

Ich wünsche dir Wind

Der durch deine Haare streicht

So wie du es so gerne magst

Er säuselt dir zu

Vergiss nie wer du bist

Finde den Weg

Suche dir Menschen, die dir helfen

Sei wie der Wind

Beständig weht er weiter

Er weht nie zurück

Zurück in die dunkle Zeit.

Für Hilferufe nicht zuständig 26. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
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Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie

und Psychotherapie

Dr. med.XXXXX XXXXXXXX

- Chefarzt –

nachrichtlich an:

Frau Simone Saalitz (Beistand)

Frau Gerster

Jugendamt XXXXXXXXXX

Barmer Ersatzkasse

Zweigstelle Ludwigsruh

Dringender Behandlungsbedarf unserer mehrfach traumatisierten Pflegetochter Susann Vorberger

Sehr geehrter Herr Dr. XXXXX,

wir wenden uns an Sie, weil wir dringend Hilfe für unsere 12-jährige Pflegetochter benötigen, die nunmehr seit Juni 2003 gemeinsam mit ihrer älteren Schwester in unserer Familie wohnt.

Seit ca. einem Jahr verstärken sich die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung. Sie überträgt ihre Erfahrungen mit ihrer leiblichen Mutter auf meine Frau, reagiert ihr gegenüber sehr aggressiv, reinszeniert die erlebten Situationen in unserer Familie und isoliert sich durch ihr unkontrolliertes Verhalten von unserer Familie. Die anbrechende Pubertät führt zu heftigen Aggressionsschüben. Es ist Dyskalkulie diagnostiziert worden, die Versetzung in die nächste Klasse ist gefährdet.

Gemeinsam mit dem zuständigen Jugendamt sehen wir die Notwendigkeit, Susann schnell und kompetent zu helfen. Voraussetzung für eine Diagnostik und Therapie ist für uns, dass sie von einem auf Traumatologie spezialisierten multiprofessionellen Team behandelt und betreut wird, sowie die Einbeziehung von uns als Pflegeeltern und Bezugspersonen in Entscheidungs- und Therapieprozesse. Wir halten Ihre Klinik auf Grund der Darstellung Ihrer Therapiemethoden und Ihres Behandlungskonzeptes in Ihrem Internetauftritt für besonders geeignet und würden gern persönlich mit Ihnen das notwendige weitere Vorgehen besprechen.

Die akute Krise unserer Pflegetochter macht schnelles Handeln einerseits erforderlich. Andererseits möchten wir Susann nicht in eine Einrichtung geben müssen, in der unsere intensive Einbeziehung und die Anwendung spezifischer Therapiemethoden nicht gewährleistet ist.

Wir gehen davon aus, dass unsere gesetzliche Krankenkasse die Kosten der Diagnostik und Therapie übernimmt. Darüber hinaus gehende Leistungen können durch Ansprüche nach Opferentschädigungsgesetz gedeckt werden. Gutachten nach § 35a KJHG und OEG liegen vor. Wir gehen davon aus, dass der sorgeberechtigte Kindesvater uns für unser Vorhaben zeitnah bevollmächtigt oder ggf. ihre Zustimmung gerichtlich ersetzt wird.

Wir bitten Sie, uns in dieser schwierigen Situation, die wir trotz Supervision nicht mehr lange bewältigen können, behilflich zu sein. Sie können mich per e-mail oder über 01xx-xxxxxxx erreichen. Ich würde Sie ebenfalls versuchen, in den nächsten Tagen zu erreichen, auch gern zu einem von Ihnen bestimmten Zeitpunkt.

Vielen Dank im Voraus für Ihr Verständnis und Ihre Mühe.

Freundliche Grüße

P.S.: Die Antwort erfolgte durch einen Anruf der Sekretärin des Chefarztes bei uns, in dem sie uns mitteilte, dass auf Grund der Zuständigkeit für ein Versorgungsgebiet eine Aufnahme in der XXXXX-Klinik nicht möglich sei.

P.P.S.: Wir sind entsetzt. In unserem Staat gibt es für diejenigen, denen in ihrem Leben am schlimmsten mitgespielt wurde, offensichtlich die wenigste Hilfe. Schicksale werden verwaltet, es gibt für jedes Problem eine Zuständigkeit, alles ist sozial ausgewogen. Wer kümmert sich eigentlich um den seelischen Zustand dieser verletzten Menschen? Warum wird es dem Zufall überlassen, welche Behandlung dem Traumatisierten widerfährt und ob die für das Versorgungsgebiet zuständige Klinik auf die Bedürfnisse des Einzelnen überhaupt passt? Warum darf der Traumatisierte sich nicht die neuesten, besten, effektivsten Behandlungsmethoden aussuchen? Warum gibt es so wenig Traumatherapeuten, dass diese auf Jahre hinaus ausgebucht sind? Warum gibt es immer noch Therapeuten, die EMDR und andere Traumatherapien als unwirksam darstellen können? Und warum vertrauen die Jugendämter ausgerechnet, denen, die eine Traumatherapie diskreditieren?

Die wichtigste aller Fragen lautet: Warum wird denen, die eine spezielle Therapie besonders benötigen, aber die wenigsten finanziellen Mittel haben, um sich die beste Therapie leisten zu können, die finanzielle Hilfe verweigert? Und warum dürfen Sorgeberechtigte diese Therapie durch die Verweigerung ihrer Zustimmung verhindern und erzwingen eine gerichtliche Auseinandersetzung über ihre Weigerung, deren Ausgang mehr als ungewiss ist?

Ich bin am Ende meiner Bemühungen. Das war´s für die Kliniksuche.

Über diese Geschichte 20. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Wende.
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Dies ist eine Geschichte darüber, welches Schicksal manche Menschen von früh an zu ertragen haben und wie sie sich darauf einstellen. Ich habe sie “Ab jetzt vertraue ich niemandem” genannt, weil Kinder, die vernachlässigt worden sind, es schwer haben, jemals wieder jemandem zu vertrauen. Manchmal gibt es einen Punkt, an dem sie das ganz klar äußern. Das ist in dieser Geschichte geschehen.

Es ist eine Geschichte darüber, wie diejenigen, die ihnen unendliches Leid zugefügt haben, Recht bekommen und diejenigen, die versuchen, ihre Interessen zu vertreten, kämpfen müssen, um gehört zu werden und schließlich doch scheitern können. Sie ist ein Lehrstück über das Wesen der Bürokratie in Deutschland. Die Akteure sind leibliche Eltern, die in der Erziehung ihrer Kinder gescheitert sind, Pflegekinder, die durch ihre leiblichen Eltern tief verletzt worden sind und deren Pflegeeltern, die die Aufgabe haben, diese verletzten Kinder zumindest bis zu ihrer Volljährigkeit zu begleiten und die Mitarbeiter des Jugendamtes, von deren Entscheidungen das Wohl des Pflegekindes maßgeblich abhängt.

Die Personen in dieser Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig, zeigen jedoch, dass die Vorkommnisse und Situationen in dieser Geschichte alles andere als realitätsfern sind, so unglaublich und stellenweise kurios sie sich auch anhören mögen.

Diese Geschichte enthält Anschreiben und Analysen, die fiktiv sind. Sie dienen der Darstellung des Problems, beziehen sich jedoch nicht auf real existierende Personen. Dennoch hätten sie so geschrieben werden können.

Diese Geschichte hat einen Fokuspunkt: den Wendepunkt. Von diesem aus entwickelt sich die Geschichte nach vorne und nach hinten. Wie es weiter geht, steht in der Kategorie Die Zeit danach . Die Eskalation schildert die unmittelbare Situation, die dazu geführt hat, Susann in die Obhut des Jugendamtes zu geben. Die Anbahnung fängt dort an, als die Kinder in die Pflegefamilie vermittelt werden und wie sich Pflegeeltern manchmal um Pflegekinder bemühen müssen. Hier wird geschildert, wie Pflegeeltern manchmal erst spät entdecken, wie stark ihre Pflegekinder traumatisiert sind und wie sie darauf reagieren. Der Kampf um Normalität beinhaltet alles, was wir über Jahre hinaus getan haben, von Therapien bis zum Versuch, sie in der Schule fördern zu lassen, mit allen Schwierigkeiten, die uns bereitet wurden.

Zwei Kategorien sind etwas außergewöhnlich. Zum Anfang enthält die Beschreibung des Wendepunktes und Allgemeines wie Gedichte und Geschichten. Die Analysen enthalten fachliche Ratschläge zu Einzelproblemen traumatisierter Kinder wie Grundsätze für das Zusammenleben in einer Familie oder die Auswirkung der Traumatisierung auf das Verhalten und die Leistung in der Schule.

Eine Bitte noch zum Schluss: Ich habe nichts gegen die Weiterverbreitung dieser Geschichte. Aber es steckt mein Wissen und meine Arbeit darin. Wer die Geschichte verwenden, verlinken oder zitieren möchte, erwähnt bitte die Quelle und gibt mir eine kurze Rückmeldung auf  “beratung-traumakinder(at)arcor.de”.

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