Baby Susann? 24. Juli 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: bestrafen, Entwicklungsstand, krabbeln, Krankheit, Mittelpunkt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, regredieren, Therapeutin, unversorgtes Baby, urinieren, vernachlässigtes Kleinkind
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Es gibt Tage im Alltag von Pflegeeltern, die verlangen ihnen alles ab: Verständnis, spontan richtiges Handeln, das Bewahren der Ruhe. Heute ist so ein Tag und wir fühlen uns wieder einmal mit einer Situation konfrontiert, die wir bisher noch nicht kannten.
Susann hat, wie so oft im Winter, eine Infektion der Atemwege, die zugleich durch ihre asthmatische Grundkonstitution verschlimmert wird. Sie hustet in einem Fort. Die Kinderärztin verordnete ein Hustenmittel, Inhalationen und heiße Zitrone zum Lösen des Schleims.
Also gibt es zum Abendessen die heiße Zitrone. Die Inhalation steht bereit. Aber Susann streikt. Sie schiebt die Zitrone weg.
“Susann”, beginne ich an ihr Verständnis zu appellieren, “wenn du gesund werden willst, musst du etwas dafür tun. Du musst die Zitrone trinken und hinterher die Inhalation machen.”
Susann aber hat schon lange abgeschaltet. Sie jault lauthals und lässt sich vom Stuhl auf den Boden sinken. Dort krabbelt sie auf allen Vieren und gibt grunzende, quiekende Laute von sich. Es ist offensichtlich kein albernes Gehabe; sie meint es ernst. Sie krabbelt aus der Küche hinaus in den Flur, wo sich aus ihrem Schlüpfer unter dem Kleidchen ein übel riechendes Rinnsal den Weg bahnt.
Ruth ist starr vor Entsetzen und blickt mich hilflos an. Jeannett steht daneben und kreischt “Iiiieh, sie dir die mal an! Die hat doch nicht mehr alle!” Ich nehme sie und gehe mit ihr zurück in die Küche. “Warum tut sie das? Sie will euch bloß ärgern!” wird sie von ihrer Schwester beschuldigt. Derweil hat Ruth Susann vom Boden aufgehoben, sie wiegt sie wie ein Baby in ihren Armen, trägt sie ins Badezimmer. Sie entkleidet sie und duscht sie unter Susanns lautem Gebrüll warm ab. Dann nimmt sie sie wieder in die Arme, wiegt sie wieder, zieht ihr die Nachtwäsche an und legt sie ins Bett. Das Gebrüll ist einem leisen Wimmern gewichen. Ich komme dazu, streichele ihr leicht das Haar und rede ihr beruhigend zu.
“Es ist alles gut, alles wird gut. Sei jetzt ganz ruhig und schlaf ein bisschen.” Susanns Augen fallen zu. Es ist vorbei.
Als wir in die Küche kommen, sitzt Jeannett auf ihrem Platz, die Hände ins Gesicht gestemmt, die Lippen zusammengepresst. Sie sagt nichts. Uns ist allen der Appetit vergangen. Schließlich steht sie auf und sagt leise “Ich geh jetzt auch ins Bett.” und verschwindet nach oben in ihr Zimmer.
Wir ahnen, dass mit Susann irgend etwas nicht stimmen kann, aber wir wissen nicht was. Ist es eine Krankheit, unter der sie leidet? Haben wir etwas falsch gemacht? Haben wir richtig reagiert? Was tut man in solchen Situationen? Wie lange halten wir das noch aus?
Als wir das Erlebnis mit der Therapeutin besprechen, ist sie nicht erstaunt. Sie hält diese Verhaltensweise, die Susann auch in den Therapiestunden an den Tag legt, für Susanns Entwicklungsstand für normal.
“Erwarten Sie nicht zu viel”, erklärt sie uns. “Susann ist in Teilen ihrer Persönlichkeit im Babyalter. Dazu gehört Krabbeln und auf den Teppich zu urinieren. Sie möchte in diesen Situationen wieder zurück in den Mutterleib oder in die Rolle des Babys, das umsorgt wird und im Mittelpunkt steht. Das aber ist es, was sie nie erfahren und erhalten hat. Verwundert sie das? Sie müssen akzeptieren, dass es solche Vorkommnisse immer wieder geben wird.”
Wir sind entsetzt über die schonungslose Ehrlicheit und Professionalität der Therapeutin. Sie bestärkt uns auch darin, dass wir alles richtig gemacht haben. Aber wir wissen jetzt: Das unversorgte Baby, das vernachlässigte Kleinkind kann jederzeit wieder durchbrechen. Susann wird noch häufiger in ihre früheste Kindheit regredieren. Es braucht nur einen nichtigen Anlass. Und es ist uns klar: Wir können ihr dieses Verhalten nicht zum Vorwurf machen oder sie gar dafür bestrafen. Sie ist dann nicht mehr Herr der realen Situation.
Einschulung-Ausschulung 30. Mai 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Einschulung, Fachleute, Kognition, Leistung, Leistungsanforderungen, Mittelpunkt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Schulamt, schulpflichtig, Schulsystem, Schultüte, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Ursachenforschung, Zurückstellung
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Schule ist für Pflegekinder immer ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bedeutet es ein neues soziales Umfeld, in dem sie neue Erfahrungen sammeln und Gleichaltrige treffen können. Andererseits können sie den Leistungsanforderungen oft nicht genügen. Viel zuviel haben sie mit ihrer Vergangenheit zu tun. Außerdem sind sie immer in einem Erklärungsnotstand. Warum wohnst du nicht bei deinen Eltern? Warum wohnst du bei fremden Leuten? Was sind Pflegeeltern? Warum heißen deine Mama und dein Papa anders als du? Nicht einmal die Lehrer können solche für die Kinder wichtigen Fragen beantworten.
Es ist Susanns erster Schultag. Sie ist stolz in ihrem hübschen Kleidchen und mit der prall gefüllten Schultüte. Ein neuer Füller, eine Federtasche, Bunt-, Blei- und Filzstifte und ein paar Süßigkeiten. Es gibt eine Feier in der Schule, die anderen Klassen singen und führen ein Theaterstück vor. Dann lernen die Schulanfänger ihren Klassenraum und die Klassenkameraden kennen. Danach geht es im Familienkreise in ein Restaurant zu einem kleinen Mittagessen. Susann steht im Mittelpunkt. Das gefällt ihr. Jeannett ist ruhig und etwas zerknirscht. Sie ist nicht der Mittelpunkt heute.
Die nächsten Schulwochen verlaufen angespannt. Susann begreift, dass der Kindergartenbesuch in den Wochen zuvor eine andere Qualität hatte. Schon die Struktur des Schulalltages fordert sie bis an die Grenzen. Sie ist nervös und unkonzentriert, entweder hyperaktiv oder völlig apathisch in Gedanken versunken. Die Lehrer wissen nicht weiter, informieren uns dringlich wieder und wieder. Sie erwarten, dass wir etwas tun, dass wir das tun, wovon sie nicht wissen, was es sein könnte. Sie sind überfordert.
Also entscheiden wir, dem grausamen Spiel ein Ende zu setzen. Aber so einfach ist das nicht. Wer einmal eingeschult ist, ist schulpflichtig. Also muss ein Termin beim Schulpsychologen gemacht werden, zu dem Susann begutachtet wird. Daraus wird ein Bericht verfasst, der dem Schulamt zugeleitet wird. Das Schulamt entscheidet dann über eine mögliche Zurückstellung.
In unserem Fall wird entschieden, dass Susann noch ein Jahr die Vorschule des Kindergartens besucht und dann wieder eingeschult wird. Wir besprechen alles ganz genau und ruhig mit Susann. Von ihr ist eine Last genommen, aber das Problem ist nur verschoben. Nach einem Jahr gibt es eine erneute Einschulung; die Schultüte fällt nicht so reichhaltig aus. Aber wäre es nicht gemein, sie ohne Schultüte am ersten Tag teilnehmen zu lassen? Auch wenn sie den Beginn der Schule schon kennt.
Zu diesem Zeitpunkt sind wir noch absolut naiv. Wir kennen die Gründe nicht, aus denen Susann die Schule nicht bewältigt. Wir wissen viel zu wenig über ihre früheste Kindheit, und das, was wir kennen, können wir nicht richtig einschätzen. Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht, dass Susanns Entwicklung um Jahre verzögert ist. Wir wissen nicht, warum Susann manchmal aggressiv und manchmal zurückgezogen in der Schule reagiert. Fachleute machen sich nicht die Mühe der Ursachenforschung. Noch viel weniger wissen es die Lehrer. Und so bessert sich nach der zweiten Einschulung nicht wirklich etwas.
Das Schulsystem ist nicht für benachteiligte, traumatisierte Kinder gemacht. Es orientiert sich an der “Normalität”, und die, die unauffällig durchs Leben gehen. Unsere Pflegekinder werden immer, stets und ständig, in diesem auf Kognition und Leistung orientierten Schulsystem benachteiligt sein. Diese Erkenntnis ist schwer, aber sie spiegelt die Realität wider.
Susanns Asthma 1. Mai 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Asthma, Asthmaseminar, Asthmasprechstunde, Asthmatagebuch, Infekt, Inhalation, Lungenfunktionstest, Mittelpunkt, Peak Flow Meter, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, sekundärer Krankheitsgewinn, Stresssituation
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Asthma ist eine Krankheit, der man nachsagt, dass sie auch etwas mit der Psyche zu tun hat. Asthmakranke können zwar einatmen aber nicht mehr ausatmen.
Seitdem Susann bei uns wohnt, wissen wir, dass sie an Asthma leidet. In Stresssituationen kann sie nicht mehr richtig atmen. Sie droht dann fast zu ersticken. Für Infekte ist sie sehr anfällig.
Das Heim hatte eine Asthmabehandlung in einer Asthmasprechstunde in einem Universitätsklinikun begonnen, die wir fortsetzen. Dort nimmt sie regelmäßig an einem Lungenfunktionstest teil, der feststellt, wie gut sie atmen kann. Sie sitzt dann in einer Kabine und muss Luftballons, die auf einem Display erscheinen, in die Höhe pusten.
Irgendwie sind wir ein bisschen stolz. Wir haben es geschafft, dass Susann besser atmen kann. Sie scheint sich bei uns zu entspannen. Aber dennoch ist Asthma einen chronische Krankheit und muss ständig überwacht werden.
Zu Beginn der Ferien nehmen wir an einem Asthmaseminar teil. Es findet in einer Lungenklinik statt, die nur mit einem Bus und mit einer stundenlangen Anfahrt zu erreichen ist. Aber ich nehme den Weg auf mich.
Zum ersten Mal erfahre ich, was Asthma überhaupt ist. Wir treffen Kinder, denen es viel schlechter geht als Susann. Einige müssen regelmäßig alle paar Stunden inhalieren und sind bei der kleinsten Aufregung völlig fertig. Sie können nicht die geringste Anstrengung aushalten. Das zeigt Susann, dass es ihr so schlecht gar nicht geht. Sie lernt, wie sie ein Asthmatagebuch führt, wie sie richtig inhaliert und was sie im Falle eines Anfalles tut: Abstützen, gegen eine Wand oder den Kutschersitz ausführen und langsam ausatmen. Vor allem darf sie nicht in Panik geraten. Wir müssen zuhause überwachen, dass Susann morgens und abends mit dem Peak Flow Meter ihr Atemvolumen misst und das Ergebnis in eine Kurve ihres Tagebuches vermerkt. Bei der nächsten Untersuchung legt sie es dann vor und es kann festgestellt werden, wie es ihr geht.
Das ist alles ziemlich aufwändig, aber wir führen es durch. Zuerst haben wir festgestellt, dass der Peak Flow Meter nicht richtig funktioniert, weil er für Erwachsene konzipiert ist. Es ist eine Röhre, in die stoßartig Luft geblasen muss. Der angebrachte Zeiger zeigt dann einen Wert zwischen Null und 500 an, der vermerkt wird. Tatsächlich lässt sich ablesen, dass Susann große Probleme hat, den Zeiger überhaupt zu bewegen, wenn sie einen Infekt hat oder in einer Stresssituation ist. Sie muss dann inhalieren und erneut ihr Atemvolumen messen. Mit der Zeit jedoch bewältigen wir auch dieses Problem.
Zum Ende der Veranstaltung spricht mich die Ärztin noch einmal an.
” Ich vermute”, sagt sie, “dass Susann einen erheblichen sekundären Krankheitsgewinn aus ihrer Erkrankung zieht.”
Was soll das heißen, frage ich mich? Aber es ist ganz einfach. Es heißt, dass Susann es genießt, auf Grund ihrer Erkrankung im Mittelpunkt zu stehen und dass man sich um sie kümmert. Nicht, dass sie ihre Beschwerden nur vorspielt; das, so versichert mir die Ärztin, gelänge ihr nicht. Sie ist zwar krank, aber sie schafft es, aus ihrer Krankheit Kapital zu ziehen.
Es ist die Wiederholung immer desselben Themas. Das Signal heißt: Kümmert euch um mich, ich genieße es, denn bisher war es nie so. Ich möchte im Mittelpunkt stehen und ich habe jetzt etwas, was Jeannett nicht hat, etwas, was mich von ihr unterscheidet und das dazu gehörige Wissen.
Jeannetts Geburtstag 21. April 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Aufmerksamkeit, Bindung, Dorfrallye, emotionale Bindung, Familie, Fürsorge, Jugendamt, Kindergeburtstag, Konkurrenz, Mittelpunkt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, traumatisierte Pflegekinder, Verwandte
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Kindergeburtstage sind immer etwas Tolles – wie es sich gehört, besonders für die Kinder. Die Eltern organisiern, dass die Kleinen bespaßt werden und der Nachwuchs kann fast alles tun, was ihm gefällt.
Jeannett hat viele Freunde aus der Klasse und Schule eingeladen und das Haus ist voll. Dazu sind noch die Verwandten aus Hameln gekommen, Pflege-Oma Pflege-Opa und Pflege-Tante. Auch die anderen Omas und Opas sind erschienen, aber sie halten es nicht lange aus. Der Krach ist zu groß und so sind sie nach dem Kaffeetrinken, als es etwas turbulent wird, wieder weg.
Es ist ein wunderschöner Junitag. Topfschlagen und Schokoladenwettessen sind dabei. Dann rufe ich zur Dorfrallye auf. Sorgsam habe ich Aufgaben erprobt, zusammengestellt und über Computer ausgedruckt. Der Bahnübergang darf nur bei offener Schranke überquert werden. Überall gibt es Informationen, die zusammen zu tragen sind. Zum Schluss muss ein Wassereimer gefüllt und mit nach hause gebracht werden.
Jeannett hat ihre Gruppe fest im Griff. Sie will bestimmen, was passiert und welche Aufgaben zuerst erfüllt werden sollen. Aber die anderen machen da nicht immer mit. Als sie zurückkehren, ist Jeannet sauer. Ihre Gruppe hat nicht gewonnen. Sie verkriecht sich in ihr Zimmer und schmollt.
Erst, als die Würstchen und Putenbrustfilets auf dem Grill schmoren, läßt Jeannett sich wieder blicken. Sie ist ruhiger, drängt sich nicht mehr in den Mittelpunkt. Die Atmosphäre ist entspannt und auch Susann ist zufrieden. Bis alle Eltern ihre Kids abgeholt werden und man noch etwas geplaudert hat, ist es Mitternacht.
Heute haben wir dazu gelernt: Selbst Kindergeburtstage sind bei traumatisierten Kindern anders. Allein die Tatsache, dass der Ehrentag gewürdigt und nicht einfach vergessen wird, ist etwas Besonderes. Dass es Geschenke gibt, endlich wie bei anderen Kindern auch, ist auch nicht üblich gewesen. Jeannett hat sich vorgestellt, dass sie den ganzen Tag im Mittelpunkt steht und hat dabei vergessen, dass es ihre Schwester ja auch noch gibt. Die beschwert sich bitterlich darüber, dass Jeannett auch ihre gemeinsamen Freunde eingeladen hat und befürchtet, dass sie sie ihr wegnehmen könnte.
So zieht sich das Thema Konkurrenz zwischen den Geschwistern und Kampf um Aufmerksamkeit durch die Pflegeeltern wie ein roter Faden durch die bisherigen Wochen unserer Pflegschaft. Immer geht es um das Thema, dass die leiblichen Eltern der beiden nicht in der Lage oder willens waren, ihnen die nötige Aufmerksamkeit und Fürsorge zu geben. Diese missratenen Bindungsversuche übertragen sie nun auf uns und befürchten, dass wir nicht beiden geben können, was sie brauchen. Jede einzelne von ihnen befürchtet, hintenan stehen zu müssen. Jede von ihnen will endlich im Mittelpunkt stehen können.
Die neue Klasse 1. April 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Eskalation, Mittelpunkt, mittelpunktstrebig, Neuanfang, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Schulhof, Umzug
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Wenn Kinder umziehen, bedeutet das fast immer, dass sie die Schule wechseln müssen. Sie kommen in eine neue Klasse, werden beäugt, stehen im Mittelpunkt. Es gibt viele Fragen, die ihnen gestellt werden. Und schließlich müssen sie sich durchsetzen.
Bei Jeannett ist das nicht anders. Die Lehrerin ist nett, aber rigoros. Sie verlangt Leistung. Und Schreibschrift ist hier schon lange eingeführt. Da wird Jeannett aufholen müssen.
Jeannett genießt es, im Mittelpunkt zu stehen. Aber sie erzählt nicht viel. Es ist nicht zu verbergen, dass sie bei Pflegeeltern wohnt. Aber sie spricht nicht darüber, warum. Es ist für die ein Neuanfang. Am liebsten würde sie sagen können, wir wären ihre richtigen Eltern.
In den Hofpausen tobt sie mit den Kindern herum. Ein hoch gewachsener ostfriesischer Junge, mit einer Scheidungsfamilie als Hintergrund, trägt sie oft im Huckepack über den Schulhof. Aber Jeannett hat schnell herausgefunden, mit wem sie auskommt. Im Unterricht will sie im Mittelpunkt stehen und lässt die Meinung von anderen nur selten gelten. In der Gruppenarbeit zeigt sie kaum Kompromisse; sie will die Führung haben. Sie ist ehrgeizig und will immer die Beste sein. Das wird schwer in fest gefügten Sozialstrukturen, die sich in der Klasse entwickelt haben.
In den Hilfeplänen taucht immer wieder ein Wort auf: mittelpunktstrebig. Jeannett muss sich in den Mittelpunkt drängen. In frühester Kindheit hat sie gelernt, Situationen in den Griff zu bekommen und die Kontrolle zu behalten. Nur so konnte sie Eskalationen vermeiden und ihre Schwester beschützen. Sie wird dieses Verhalten wohl ein Leben lang behalten. Und so begegnet sie allen neuen Situationen.
Jeannett ist nicht selbst bezogen oder egoistisch. Sie hat gelernt, dass so das Leben funktioniert und man niemandem zu viel vertrauen darf. Und schon gar keinem Erwachsenen.
Au ja, wir zelten! 19. März 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Angst, Aufmerksamkeit, Camping, draufgängerisch, feige, Gleichgesinnte, Luxus, Mittelpunkt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Rollenaufteilung, Vernachlässigung, Wertschätzung, wilde Tiere, Zelten, Zuneigung, Zuwendung
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Für Kinder wie für einige Erwachsene bedeutet es eine Art von Freiheit, in der freien Natur zu schlafen, nur mit einem Leinentuch über dem Kopf. Für unsere beiden Mädels ist es etwas Besonderes, Neues, etwas nie Dagewesenes, Aufregendes.
Für uns hat das Camping nichts mit Entsagung und fehlendem Luxus zu tun. Es bedeutet auch nicht, dass wir die Gemeinschaft von Gleichgesinnten besonders schätzen. Wir wissen nur, dass es Zeltplätze wie in Frankreich gibt, auf denen es an nichts fehlt, vom Stromanschluss bis zur Waschmaschine, und die für so viel Luxus sehr preiswert sind.
Es ist unsere Idee, mit den Kindern im Sommer zum Zelten zu fahren. Kinder mögen das Zelten. Sie beherrschen es intuitiv, so unsere Überzeugung. Trotzdem aber meinen wir, man sollte es vorher einmal ausprobiert haben.
Das Wochenendwetter ist nicht zu überbieten, strahlender Sonnenschein, trockene Luft, für einen Frühling ziemlich laue Nächte. Also beschließen wir, hinten im Garten das Zelt aufzubauen. Jeannett und Susann frohlocken, sie helfen uns mit dem Aufbau und nach getaner Arbeit toben sie um die Behausung herum. Luftmatratzen, Schlafsäcke, Puppen und Kuscheltiere werden ins Zelt geschleppt. Alles ist für die Nacht in freier Natur bereit. Wie es sich gehört, grillen wir zünftig auf der Terrasse.
Dann ist es Zeit, um ins Bett zu gehen. Die Mädchen verschwinden im Zelt und kuscheln sich in ihre Schlafsäcke. Noch ist es hell. Ein bisschen unterhalten sie sich noch, dann ist alles still. Die Dunkelheit ist einbebrochen. Vorsichtshalber haben wir die Kellertür unverschlossen gelassen.
Wir genießen den Tagesausklang vor dem Fernseher. Da hören wir eine Tür und Schritte auf der Treppe in den Keller. Susann steht im Wohnzimmer, verschlafen und verstört.
“Ich kannn nicht schlafen. Ich habe Angst. Alles um das Zelt herum knackt und raschelt und ich habe auch schon wilde Tiere gehört, als ich aufgewacht bin.”
Ruth nimmt sie in den Arm. “Du musst nicht draußen schlafen, meine Kleine”, beruhigt sie sie. “Aber es gibt in unserem Garten keine wilden Tiere. Vielleicht mal eine Maus, aber das ist alles.”
Susann schleicht in ihr Bett und schläft sofort ein. Vorsichtshalber schauen wir nach Jeannett. Die schläft tief und fest in ihrem Schlafsack.
Am nächsten Morgen ist Jeannett zeitig in der Küche.
“Was ist denn jetzt los?” ereifert sie sich. “Warum ist Susann nicht mehr im Zelt?” Und zu ihr gewandt: “Du bist wohl feige, hast du drin geschlafen?”
Ruth schaltet sich ein. “Susann war es ein bisschen unheimlich, da ist sie in ihr Bett gegangen. Das ist doch nicht schlimm.”
Jeannett blickt verächtlich. “Wie willst du das denn je hinkriegen, wenn du nicht mal ein bisschen durchhalten kannst! Ich hab´s doch auch geschafft.”
“Hattest du keine Angst?” fragt Susann leise. “Das ist doch völlig unwichtig!” bellt Jeannett ihre Schwester an, “Ich hab´s geschafft und du nicht!”
Ruth kuschelt beide Mädchen an sich und beruhigt sie. “Das ist doch alles nicht so schlimm. Das nächste Mal kriegen wir das schon hin. Dann weiß Susann bescheid und du, Jeannett, hilfst ihr und beruhigst sie, wenn sie Angst hat.”
Jeannett blickt finster, aber sie traut sich nichts mehr zu sagen.
Ist unser Vorhaben nun gescheitert? Jeannett will unbedingt zelten. Susann füchtet sich.
Zum ersten Mal haben wir einen Eindruck von der Beziehung der beiden Schwestern zueinander bekommen. Jeannet ist draufgängerisch und beherrscht, sie traut sich nicht, Schwächen zuzugeben. Susann dagegen ist sensibel, ängstlich, fast schon weinerlich. Beide haben massiv Angst, unsere Zuneigung und Wertschätzung zu verlieren. Ihre Rollenaufteilung funktioniert nicht mehr. Jeannett braucht Susann nicht mehr wie zu den Zeiten der Vernachlässigung zu beschützen und Susann hat das erste Mal in ihrem Leben Erwachsene, die sich um sie kümmern. Das stellt die Weltbilder der beiden total auf den Kopf.
Später werden wir die Folgen dieser Rollenveränderungen noch genauer kennen lernen. Sie sollen die ganze Zeit, während sie bei uns leben, enorm prägen. Wir werden erleben, wie jede der beiden um unsere Aufmerksamkeit, um unsere Zuwendung buhlen und kämpfen, wo es gar nichts zu kämpfen gibt. Aber sie kennen es nicht anders.
Susanns Geburtstag 6. Februar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.Tags: Anbahnung, Aufgewühltsein, Besuchskontakt, Elternhaus, Fieber, Geburtstag, Heimkinder, Kopfschmerzen, leibliche Eltern, Mittelpunkt, Pflegefamilie, Pflegekinder, Spaziergang, wertvoll
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Geburtstage sind für Kinder sehr wichtig. Da stehen sie allein im Mittelpunkt, bekommen Geschenke, alles dreht sich um sie. Alle zeigen ihnen Aufmerksamkeit und wie willkommen und wertvoll sie auf dieser Erde sind.
Das ist bei Heimkindern nicht anders, eher wichtiger. Schließlich haben es ihre leiblichen Eltern nicht hingekriegt, ihnen zu zeigen, wie wichtig sie ihnen sind. (Das kommt manchmal erst dann, wenn die Kinder in einer Pflegefamilie angekommen sind und sich zeigt, dass sie sich hier wohler fühlen als im eigenen Elternhaus.)
Also nutzen wir die Gelegenheit und besuchen die beiden Mädchen, die vielleicht einmal bei uns aufgenommen werden sollen.
Susann ist heftig erregt und freut sich über unseren Besuch. Sie hat vom Heim ein paar Geschenke bekommen, nur ihre Mutter scheint das Datum vergessen zu haben. Den Kuschelteddy, den wir ihr mitgebracht haben, schließt sie sofort in ihre Arme und lässt ihn nicht los, während wir mit den beiden spielen.
Schließlich macht die junge Diakonisse uns den Vorschlag, doch etwas spazieren zu gehen. Beide Kinder werden für das winterliche Wetter eingepackt und wir suchen uns einen schönen Weg am Ufer des in der Nähe liegenden Flusses. Susann weicht Ruth nicht von der Seite und erzählt vom Alltag im Heim. Jeannett tobt um mich herum.
Susann aber wird immer stiller.
“Ich habe Kopfschmerzen und mir ist ganz heiß.”, sagt sie mit leiser Stimme. Also treten wir den Rückweg an. Im Heim angekommen, stellen die Erzieher fest, dass sie fiebrig ist und beginnt, asthmatisch zu husten. Sie muss sofort ins Bett und wir verabschieden uns.
Wir kennen das schon von Sigrids Anbahnung. Heimkinder reagieren sehr feinfühlig auf solche Veränderungen und zeigen das auch körperlich. Fieber ist der normale Ausdruck für die spannungsgeladene Situation und ihr Aufgewühltsein. Wir wissen: Es hat nichts mit uns zu tun.
Es war dennoch ein schöner Tag. Wir haben einem Menschlein zeigen können, wie wertvoll es ist, vielleicht das erste Mal, dass Susann so etwas erfahren hat. Wir sind erfüllt von diesem Gefühl.
Konkurrierende Familien 30. Januar 2011
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Aggression, Aufladung, Familie, Handy, leibliche Eltern, Mittelpunkt, orientierungslos, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pflegetochter, Weihnachten, Wohngruppe
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Bekommt die leibliche Familie erst einmal Einfluss auf die Pflegefamilie, ist eine Konkurrenz unausweichlich. Das erfahren wir heute gerade.
Jeannett telefoniert mit ihrer leiblichen Familie. Susann ist dort angekommen. sie hustet asthmatisch.
“Die rauchen hier alle so viel.”, erklärt sie uns.
Jeannett und Susann erzählen sich gegenseitig, was sie zu Weihnachten bekommen haben. Dabei scheint es uns so, als ob sie sich gegenseitig übertreffen wollen. Susann hat immerhin ein Handy samt Karte erhalten. Zwar hat Jeannett schon lange ein Handy, aber es ist ein Unterschied. Sie hat mein altes, noch völlig funktionsfähiges Handy und eine Prepaid-Karte dazu und bekommt alle drei Monate eine Aufladung von 15 Euro. Wenn sie mehr telefonieren will, gibt sie mir 5 Euro und bekommt dann die nächste Aufladung schon nach zwei Monaten. Susann verfügt über nicht genug Geld, um es aufladen zu können. Dass vergisst Jeannett gern, wenn sie sich darüber beschwert, dass ihr Handy nicht so hipp ist.
Susann erwähnt leise, dass sie von uns ja nichts zu Weihnachten bekommen hätte. Sie hat vergessen, dass sie von uns ein Buch bekommen hat. Die Weihnachtsfeier in der Wohngruppe war ja schon Anfang Dezember. Kein Wunder, dass sie es nicht mehr mit Weihnachten in Verbindung bringt…
Tags drauf wird Jeannett Sigrid, unserer ältesten Pflegetochter gegenüber aggressiv. Ich hab Sigrid von ihrem Wohnort 350 km weit entfernt am Heiligen Abend mit dem Auto abgeholt. Sie musste bis 14 Uhr arbeiten und hat nicht genug Geld, um sich die Fahrt zu leisten. Jeannett hat das sehr genau bemerkt.
“Ich habe genau gehört, dass du mit Mama und Papa über mich geredet hast!”, fährt sie sie an.
Jeannett leidet darunter, dass sie auf einmal nicht mehr allein im Mittelpunkt steht. So hat sie sich das wohl nicht vorgestellt. Sicher glaubt sie, dass ihr das in ihrer leiblichen Familie nicht passieren würde. Und sie möchte in ihrer leiblichen Familie auch eine gewichtige Rolle spielen. Es beginnt eine Zeit, in der sie orientierungslos zwischen ihren beiden Familien hin und her gerissen wird. Wie sich das äußert und was das für das nächste Jahr bedeutet, können wir jetzt noch nicht einmal erahnen.
Unfreiwillige Übernachtung 17. Oktober 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: emotionale Bindung, fahrplanmäßige Abfahrt, Kindernotruf, Mittelpunkt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pläne machen, Sommergewitter, Trennung, Wendepunkt, Wohngruppe
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Das Leben ist das, was passiert, während wir Pläne machen. So geht es auch uns an diesem Tag, an dem Susann das erste mal nach dem Wendepunkt und völlig ungeplant übernachtet.
Susann befindet sich auf dem Rückweg von Schwägerin Sarah in Hameln. Bei uns soll sie umsteigen in einen Zug, der zum Ort ihrer Unterbringung fährt. Das ist im Normalfall gar kein Problem. Ich hole sie vom Busbahnhof ab, wir essen noch zu Abend.
“Susann findet doch den Weg zum Bahnhof alleine, Nico, du brauchst sie nicht zu bringen”, meint Ruth. Eigentlich hat sie Recht, aber ich finde es richtig, Susann zu verabschieden und irgend etwas sagt mir, dass es besser so ist.
Also machen wir uns auf. Am Bahnhof angekommen, erwarten wir den Zug. Nichts passiert. Etwa zehn Minuten nach der fahrplanmäßigen Abfahrt eine quäkende Stimme aus dem Lautsprecher:
“Der Zug nach Stendal hat zwanzig Minuten Verspätung. Wir bitten um ihr Verständnis.”
Wir warten. Da – in der Ferne ein Umriss einer Lokomotive. Ein Zug läuft ein. Aber es ist der falsche. Alle Reisenden bestürmen den Zugbegleiter.
“Der Zug nach Stendal entfällt heute”, schnauzt er kurz angebunden. “Wir können auch nichts dafür, wenn irgend welche wild gewordenen Jugendlichen dem Lokführer Pfefferspray ins Gesicht sprühen.”
Das war´s. Der nächste Zug geht zwei Stunden später. Das würde bedeuten, dass Susann mitten in der Nacht ankommen würde. Wir müssen zu allererst die Wohngruppe informieren. Also machen wir uns auf den Weg nach Hause.
Zu Hause angekommen, beratschlage ich mit Ruth, was zu tun sei. Jeannett muss auch informiert werden. Wir versuchen es ihr so schonend wie möglich beizubringen. Sie ist entsetzt.
“Ich will nicht, dass sie hier übernachtet”, gibt sie uns zu verstehen. Wir hatten ja im Hilfeplangespräch festgelegt, dass die Zeit für eine Übernachtung noch nicht gekommen sei. Heute muss es wohl sein.
Also versuchen wir, die Wohngruppe zu erreichen. Niemand meldet sich. Eine Stunde vergeht, die Zeit verstreicht ungenutzt.
Es muss sein. Wir wählen die Kindernotrufnummer. Diese Nummer wird von der Feuerwehr zentral bundesweit zur Verfügung gestellt. Von dort wird man in den entsprechenden Landkreis weiter vermittelt.
Die Dienst habende Sachbearbeiterin reagiert sofort und versucht, einen Kontakt zur Einrichtung herzustellen. Aber die Wohngruppe ist unbekannt. Schließlich gelingt es ihr, die benachbarte Wohngruppe zu erreichen. Der Dienst habende Erzieher meldet sich telefonisch bei uns. Es ist wie in einem schlechten Film.
“Die Wohngruppe ist aufgeteilt worden”, erklärt er uns. “Der Erzieher hat sich beim Fußballspielen verletzt und musste ins Krankenhaus. Deshalb haben Sie dort auch niemanden erreicht.”
Wir fragen uns langsam, ob man Susann überhaupt vermisst hätte, wenn sie nicht oder zu spät angekommen wäre. Also sprechen wir ab, Susann morgen früh auf den Zug zu setzen. Es ist die einzige Möglichkeit.
Susann bezieht ihr Zimmer und geht sofort ins Bett. Sie ist selbst etwas irritiert, bei uns zu übernachten. Jeannett macht einen erregten Eindruck.
“Wenn ihr morgen frühstückt, möchte ich nicht dabei sein”, beschließt sie. “Ich schlafe etwas länger, aber ich sage Susann noch tschüß.”
Mit dieser Situation hat keiner von uns gerechnet. Sie kam plötzlich wie ein Sommergewitter. Noch sind die Eindrücke jenes Sonntages, als wir uns von Susann trennen mussten, zu frisch. Die Wunden sind noch nicht verheilt. Jeannett fürchtet nun wieder, dass Susann im Mittelpunkt stehen könnte. Vielleicht befürchtet sie sogar, dass wir uns entscheiden könnten, Susann zu behalten? Aus unserer Sicht ist die Idee absurd, aber für Jeannett wahrscheinlich real genug. Sie hat miterlebt, wie Ruth und ich unter der Trennung gelitten haben und noch immer leiden.
Es ist ein ruhiges, harmonisches Frühstück am Tag darauf. Ich bringe Susann zum Zentralbahnhof. Aber meine Hoffnung, die Fahrkarte einfach so umtauschen zu können, zerschlägt sich. Ich muss eine neue kaufen und Susann die alte zur Erstattung der Kosten mitgeben. Aber das ist jetzt auch egal.
Ich bin froh. Die alten Welten sind wieder hergestellt. Susann ist auf dem Weg zu ihrer und wir haben unsere wieder. Wir haben eine für uns schwierige, risikoreiche Situation professionell und in Ruhe bewältigt.
Wer ist Schuld? 30. Mai 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Aufmerksamkeit, Jugendamt, Mittelpunkt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Reinszenierung, Schuld, traumatisierte Pflegekinder, Unterschiedlichkeit, Vergangenheit, weinerlich
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Wer ist Schuld an Susanns Situation, daran, dass sie nicht mehr bei uns bleiben konnte? Wir als Pflegeeltern? Haben wir versagt? Jeannett, weil sie darauf bestanden hat, dass ihre Schwester geht? Susann selbst wegen ihres Verhaltens?
Heute sind wir alle drei bei unserer Supervisorin, die versucht, gemeinsam mit uns diese Frage zu klären.
Jeannett erkennt, dass sie eine starke Verbindung zu Susann hat. Sie weiß auch, dass es ihre gemeinsame Vergangenheit ist, die die Situation bei uns zu Hause beeinflusst hat. Aber sie geht hart mit ihrer Schwester ins Gericht.
“Susann hätte sich ja vernünftig benehmen können. Ich habe ja auch selbst beschlossen, nicht mehr zu klauen, und das habe ich auch durchgehalten”, argumentiert sie.
“Aber vielleicht konnte Susann nicht anders?” wendet die Supervisorin vorsichtig ein.
Natürlich weiß ich, dass Susann ihre Vergangenheit nicht hinter sich lassen konnte. Sie hat immer geglaubt, Ruth wäre ihre Mutter und sie provoziert, sich so zu verhalten wie ihre Mutter: Schimpfen, schlagen, schließlich das Interesse verlieren.
“Nein, nein” widerspricht Jeannett mit rotem Gesicht und weit aufgerissenen Augen, “sie hat Euch bewusst provoziert und wenn sie gemerkt hat, die Methode klappt, hat sie sie immer wieder angewandt.”
Stimmt. Das ist die Reinszenierung der familiären Situation, wie sie sie kannte. Haben wir das zu spät erkannt? Warum hatten wir keine Hilfe? Warum kennt das Jugendamt in solchen Fällen nur die Beendigung des Pflegeverhältnisses?
“Sie hätte anders handeln können”, analysiert Jeannett. “Sie hat es nicht gewollt.”
Das ist hart. Jeannett entlastet uns damit, und zugleich sich selbst. Aber aus ihren Worten klingt tiefe Überzeugung.
“Würdest du denn deine Schwester besuchen wollen?” fragt die Supervisorin.
“Nein nicht im Moment”, erwidert Jeannett.
Die Supervisorin geht jetzt aufs Ganze. “Hast du Angst, dass deine Eltern sich mehr um Susann kümmern als um dich?”
“Ich habe keine Angst, aber warum soll Susann immer im Mittelpunkt stehen? Sie hat die ganze Zeit im Mittelpunkt gestanden!”
Die Supervisorin argumentiert weiter. “Susann hat dich und deine Eltern nur ein paar Stunden, aber du 365 Tage im Jahr.”
Jeannetts Gesicht verfinstert sich. Sie ist wütend. “Sie hätte uns ja auch das ganze Jahr haben können, wenn sie sich vernünftig benommen hätte.”
Jeannett setzt ihre ganze Intelligenz ein, um aus dieser Situation heraus zu kommen. Und sie tut es mit Vehemenz. Wer könnte ihren Argumenten widersprechen? Jeannett ist nicht leicht zu überzeugen, und sie ist stolz darauf.
Wie anders ist doch Susann dagegen. Sensibel, nur auf den Tag bedacht, verletzlich und manchmal weinerlich. Sie ist der ganze Gegensatz zu Jeannett.
Noch immer bin ich im Dilemma. Ich liebe beide in ihrer Unterschiedlichkeit, ich weiß, dass Susann so viel mehr Hilfe braucht als Jeannett und ich weiß, dass sie in der Einrichtung nur einen Bruchteil dieser Hilfe bekommt. Ich bin mir auch bewusst, dass unser Einfluss beschränkt ist. Aber natürlich muss ich zustimmen, wenn mir die Supervisorin sagt, dass Jeannett jetzt unsere ganze Aufmerksamkeit braucht, denn sonst hätte sie kaum einen Grund, bei uns zu bleiben. Es kostet mich all meine Kraft, eine Lösung dafür zu finden, beide Kinder unterstützen zu können.