Kein Pardon? 12. April 2012
Posted by lehrergehrke in Allgemein.Tags: Auseinandersetzung, Überzeugung, Fäuste, gewalttätig, Hass, Jugendamt, Konsequenzen, Kontinuität, Kreischen, kuscheln, leibliche Eltern, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Recht, Schreien, Schweigen, Spannung, tranenerstickt, traumatisierte Pflegekinder, Umgangstermin, verletzt, Wut
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Wenn Pflegeeltern ihren traumatisierten Pflegekindern helfen wollen, scheint das zu viel gefordert zu sein. Denn damit kommen sie über kurz oder lang mit dem Jugendamt in Konflikt, insbesondere, wenn dieses Gesetze umsetzen und sich selbst nicht in die Auseinandersetzung begeben will. Dann wird es auch schon mal gewalttätig.
Heute sind vier Wochen vergangen und der nächste Umgangstermin ist heran. Seit wir versucht haben, Jeannett und Susann darauf vorzubereiten, haben wir nur Schweigen geerntet. Sie weigern sich einfach, darüber zu sprechen oder bloß darüber nachzudenken. Die Situation, dass sie vom Jugendamt abgeholt und in einen Zug gesetzt werden könnten, ist für sie nicht vorstellbar und deshalb nicht existent. Sie erwarten von uns, dass wir sie beschützen, auf sie aufpassen, in ihrer Nähe sind.
Ein Kleinwagen des Landkreises fährt vor unserem Haus vor. Frau Schilling und eine weitere Sachbearbeiterin steigen aus. Sie klingeln an der Tür. Ich öffne. Jeannett und Susann sitzen am Frühstückstisch.
“So”, grinst sie die beiden an, “wir fahren jetzt zusammen zum Bahnhof, damit ihr euren Papa besuchen könnt.”
Die Köfferchen stehen an der Eingangstür mit Waschzeug und Kleidung für den Aufenthalt.
Die Kinder blicken nicht auf. Sie nehmen Frau Schilling und ihre Begleiterin nicht wahr. Jeannett hat ihre Fäuste wieder ins Gesicht gepresst, Susann blickt vor sich hinunter.
“Wollt ihr denn gar nicht mitkommen? Eure Pflegeeltern wollen das bestimmt auch” spricht sie und sieht uns dabei tief in die Augen, als wollte sie sagen: “Nun sagen Sie doch auch was!” Aber wir schweigen. Wir werden uns nicht gegen unsere Überzeugung benutzen lassen.
“Kommt jetzt, macht nicht so einen Zirkus”, sagt sie scharf und ergreift blitzschnell die Hände der Kinder. Sie zieht sie nach oben und jede der Amtspersonen schlingt einen Arm um eines der Kinder, so dass sie sich nicht bewegen können.
Jetzt zerren sie sie aus der Küche zum Eingang, aus dem Haus heraus in Richtung Auto. Die Kinder schreien und kreischen.
“Wir wollen da nie wieder hin! Laßt uns los! Wir hassen euch!”
Frau Schillig zischt uns an. “So tun Sie doch was! Unterstützen Sie uns!”
Blitzschnell entwenden sich beide Kinder aus dem Griff der beiden Frauen und stürzen ins Haus hinein, in ihre Zimmer, verschließen die Türen. In uns kocht es vor Wut. Frau Schilling blickt uns streng und voller Hass an.
“So etwas habe ich noch nicht erlebt”, fährt sie uns an. “Sie werden die Konsequenzen zu tragen haben. Sie haben die Kinder wieder einmal ganz geschickt in Ihrem Sinne beeinflusst. So was tun sie nicht von sich aus. Das muss abgesprochen gewesen sein.”
Die Damen stürmen ins Auto. Klank, klank fallen die Türen in die Schlösser, der Motor heult auf. Sie sind verschwunden.
Wir betreten das Haus und setzen uns an den Küchentisch, die Köpfe gesenkt. Schritte vor der Tür. Ein leises Klopfen.
“Kommt herein, ihr beiden” lädt Ruth sie mit tränenerstickter Stimme ein. Beide setzen sich auf ihre Plätze.
“Sind sie weg?” fragt Susann leise. “Ja, sie sind weg”, antwortet Ruth ruhig. “Alles ist vorbei, alles wird gut.”
“Wir wollen nicht von euch weg, wir wollen nicht nach Berlin!” Jeannett steht auf und kuschelt sich an Ruth. “Wir wollen nicht da hin”, bekräftigt Susann und kuschelt sich an mich.
“Warum habt ihr uns nicht geholfen?”, will Jeannett wissen. Es kling nicht vorwurfsvoll, sondern eher traurig.
“Frau Schilling hat es nicht zugelassen”, versucht Ruth zu erklären. “Sie wollte sogar, dass wir ihr helfen.”
“Was, ihr helfen?”, fragt Jeannett ungläubig. “Ist die gemein!”
Wir verbringen einen schönen, ruhigen Abend, wie anständige Eltern das mit ihren Kindern tun. Dann gehen wir zu Bett.
Was heute passiert ist, haben wir nie erwartet. Es ist nicht vorstellbar, aber es passiert. Das Amt hat Recht und versucht es durchzusetzen, offensichtlich mit allen Mitteln. Das Kindeswohl zählt dabei nicht, es darf sogar beschädigt werden. Dabei sind die Pflegeeltern die Bösen, die die Kinder gegen die leiblichen Eltern beeinflussen.
Diese Geschichte ist noch nicht zuende. Wer weiß, was sich Frau Schilling nun ausdenkt. Es beeinflusst die Stimmung in unserer Familie. Ab jetzt stehen wir ständig unter Spannung. Das wird sich negativ auf die Kinder auswirken. Sie sind verunsichert, haben keine Kontinuität in ihrem Leben mehr. Als ob es nicht genügte, dass sie schon in ihrer Kindheit verletzt worden wären und daran zu tragen haben.
Chaotischer Besuchskontakt 31. März 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Besuchskontakt, Flehen, Hinterhof, Jugendamt, Kindesvater, Kompromiss, lallend, leibliche Eltern, normaler Menschenverstand, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Retraumatisierung, Sachbearbeiterin, Seitenflügel, traumatisierte Pflegekinder, Umgangskontakte, Verunsicherung, verzweifelt, Zigarettenrauch
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Wer schützt traumatisierte Pflegekinder, wenn nicht ihre Pflegeeltern? Sie haben die Aufgabe, ihre ihnen anvertrauten Kinder vor Retraumatisierungen, Mobbing und schlechten Einflüssen zu schützen, das ist unsere Meinung und Grundlage für unser Handeln. Manchmal, so scheint es, muss man sie auch vor dem Jugendamt und ihren leiblichen Eltern schützen.
Wieder ruft Frau Schilling, unsere Jugendamts-Sachbearbeiterin an. Sie will sich nach dem Verlauf des Umgangskontaktes, der kürzlich stattgefunden hat, erkundigen. Ich berichte über unsere Erfahrungen und unsere Vorbehalte gegen weitere Umgangskontakte. Aber Frau Schilling bleibt unbeeindruckt.
“Wir müssen auf Besuchskontakten einmal im Monat bestehen”, lautet ihre unumstößliche Anweisung. “Am besten am ersten Wochenende eines jeden Monats. Es wird eine Übernachtung geben.”
Ich weiß, dass ich mich nicht wehren kann, wenn ich nicht will, dass die Kinder vom Jugendamt abgeholt werden. Also versuche ich einen Kompromiss.
“Wir möchten den Kindern doch ermöglichen, dass sie sich an die neue Situation gewöhnen”, argumentiere ich. “Wir wären bereit, sie zum Besuchskontakt zu bringen und auch wieder abzuholen.”
“Aber der Papa wohnt in Berlin”, wendet Frau Schilling ein. “Wir würden die Fahrtkosten übernehmen, aber keine Übernachtungskosten.”
Na immerhin. Alles andere kriegen wir auch schon hin. Es gibt keine andere Möglichkeit und wir werden die Kinder keinesfalls auf die Bahn setzen und zwei lange Tage darauf warten, was sich zuträgt. Wir wollen vor Ort sein.
Es ist ein schöner Samstag im April. Wir haben den Kindern gesagt, dass wir nach Berlin fahren und sie bei ihrem leiblichen Vater übernachten werden. Wir haben ihnen auch gesagt, dass wir in der Nähe sind und sie mit einem Handy ausgestattet. Darauf sind sie besonders stolz. Unsere Handynummern haben wir eingespeichert. Für uns ist es wie eine generalstabsmäßig geplante Aktion. Für die Kinder ist es nur ein weiterer Ausflug. Aber sie wissen, dass wir in der Nähe sind und sie uns jederzeit erreichen können.
Nach fast dreistündiger Fahrt treffen wir in Berlin ein. Unser Navi führt uns über großzügige, alleeartige Straßen nach Neukölln, wo der Kindesvater wohnt. Unweit des S-Bahnhofes Neukölln biegen wir nach links in die Zeitzer Straße, rechts in die Braunschwieger Straße und gleich danach wieder nach links in die Richardstraße ein. Wenige Bäume stehen am Straßenrand, große, alte Mietshäuser machen die Straße zur Schlucht. Parkplätze gibt es kaum. Wir finden den Namen des Kindesvaters an einem Klingelbrett. “Seitenflügel links” ist es überschrieben.
“Ja” tönt eine Männerstimme aus der Wechselsprechanlage. “Die Pflegeeltern mit Jeannett und Susann”, kündige ich an. Der Summer ertönt. Wir drücken gegen die schwere hölzerne Tür. Den Kindern steht die Verunsicherung ins Gesicht geschrieben. Sie tragen jede ein Köfferchen. Wir passieren eine Toreinfahrt, die uns in einen tristen Hinterhof führt. Rechts und links des Hofes stehen weitere, große Wohnhäuser.
Die Tür zum Treppenhaus lässt sich schwer öffnen. Die Briefkästen sind verklebt, aufgebrochen, manche namenlos, einige voller Werbezeitschriften und Briefen. Wir erklimmen die Treppe bis ins zweite Geschoss. Es riecht nach Essen und Zigarettenrauch. Laute Musik tönt aus den Wohnungen, eine Mischung orientalischer und deutschtümelnder Schlagerklänge.
Die Klingel mit dem Namensschild des Kindesvaters funktioniert nicht. Wir klopfen. Er öffnet.
“Ah, det is aber schön, dit ihr da seid”, begrüßt er die Kinder, uns keines Blickes würdigend. “Denn kommt ma rin. Et jibt Kakau und Kekse.”
Wir müssen leider draußen warten.
Also schleichen wir uns nach draußen auf die Straße. “Komm”, sage ich zu Ruth, “lass uns mal die Gegend ansehen.” Wir biegen nach rechts in die Straße ab. Vor uns öffnet sich ein Platz, mit Bänken und typisch Berliner Schwengelpumpe. Kinder tollen auf dem kleinen Spielplatz herum. Menschen, deren Bekanntschaft ich lieber nicht machen möchte, sitzen auf den Bänken, Bierflaschen und Zigaretten in den Händen, laut diskutierend, manchmal blökend wie die Schafe. Südländisch gekleidete Frauen mit Kopftüchern schieben ihr Kinderwagen vorbei, im Gefolge eine Horde von Kindern. Es ist so fremd. So unwirklich. Wie sollen unsere Kinder damit klar kommen?
Nachdem wir den Platz mit einigen freundlichen Restaurants umrundet haben, voller neuer Eindrücke, beschließen wir, noch etwas fürs Abendessen einzukaufen und lassen uns von unserem Navi zu unserem Hotel führen, in dem wir ein Familienzimmer gebucht haben. Es liegt südlich außerhalb der Stadt, in einem Gewerbegebiet nahe des südlichen Berliner Ringes. Eines dieser Hotels, in das man selbst mit der Kreditkarte eincheckt. Wir machen es uns gemütlich und erwarten einen geruhsamen Abend mit Kartenspiel und Abendspaziergang.
Es ist Mitternacht. Wir machen uns langsam bettffertig. Da klingelt mein Handy. Es ist Jeannett.
“Papa, hol uns hier raus. Niemand ist hier, überall laute Musik, unser Vater und seine Frau sind nicht da, überall stinkt es. Kommst du uns abholen? Bitte!!!” Sie klingt richtig verzweifelt. Wir müssen reagieren.
“Wir kommen. Ruf uns an, wenn dein Vater wieder da ist.”
In die Sachen, ins Auto, mit Tempo durch die nächtlichen Straßen, in die noch sehr belebte Richardstraße. Kein Anruf. Wir rufen das Handy der Kinder an.
“Wo seid ihr?” erkundigt sie sich.
“Vor der Tür.”
“Ich lass euch rein.” Der Summer summt, wir durchmessen den Hinterhof, hetzen die Treppen hinauf. Jeannett steht in der geöffneten Tür, weicht nach hinten aus. Wir betreten die Wohnung. Bier- und Schnapsflaschen stehen herum, die Luft ist geschwängert von Alkohol- und Nikotingeruch. Auf dem abgewetzten Sofa und dem Boden liegen Kleidungsstücke verstreut. In einem anderen Zimmer stehen zwei kleinere Betten für die Kinder, kaum benutzt. Susann sitzt auf dem Sofa und hustet asthmatisch.
“Komm, Susann”, befiehlt Jeannett ihrer Schwester, “pack deine Sachen zusammen. Laß uns gehen.
Ich blicke Ruth an. “Können wir das machen?”, frage ich sie. “Wir müssen”, gibt sie zurück. “Hier können die Kinder nicht bleiben.”
Die Kinder verlassen die Wohnung, wir ziehen die Tür hinter uns zu. Alles schnell schnell, durch den Hinterhof, zur Haustür hinaus und ins Auto.
“Bin ich froh, dass wir da weg sind”, seufzt Jeannett. Susann ist bereits eingeschlafen. Ab und zu hustet sie.
Im Hotel geht alles schnell: Zähne putzen, bettfertig machen, rein ins Bett.
Da fällt mir etwas ein. “Jeannett, hast du die Telefonnummer deines Vaters eingespeichert?”
“Ja”, antwortet sie, “nimm mein Telefon.”
Ich rufe die Nummer und schalte auf laut.
“Ja”, meldet sich eine Männerstimme.
“Wir haben die Kinder abgeholt”, sage ich bestimmt. “Niemand war in der Wohnung und sie haben sich gefürchtet. Ich glaube, das ist besser so.”
“”Wat ham se?”, fragt die Stimme lallend. Ein Moment ist Ruhe. Dann ist es, als ob das Telefon explodieren will.
“Dit hat Folgen, dit sach ick Sie, dit hat Folgen!”, brüllt es aus dem Hörer. Dann klick. Aufgelegt.
“Was meint er denn?”, fragt Jeannett ängstlich. “Nichts Schlimmes, meine Kleine”, beruhige ich sie. “Solange wir bei euch sind, kann nichts passieren.”
Die Nacht wird unruhig. Immer wieder werfen sich die Kinder im Bett hin und her, sie stöhnen, Susann weint manchmal leise. Lange dauert es, bis sie Ruhe finden.
Als wir am nächsten Morgen erwachen, ist die Stimmung gedrückt, auch wenn wir uns ein schönes Frühstück machen. Wir beschließen, nach dem Frühstück nach Hause zu fahren. Einige Male müssen wir anhalten, um den Kindern Gelegenheit zu geben, sich auszutoben und auf andere Gedanken zu kommen. Für uns bedeutet es, am Montag Frau Schilling anzurufen und ihr über diesen chaotischen Besuchstermin Bericht zu erstatten. Wir wissen nicht, wie sie es aufnehmen wird.
Wieder kommen uns Zweifel. Haben wir richtig gehandelt? Hätten wir das tun dürfen?
Haben wir uns ins Unrecht gesetzt? aber wir haben doch nur etwas getan, das jeder Mensch mit normalem Menschenverstand auch getan hätte. Wir können die Kinder nicht leiden lassen. Wir können sie nicht auf sich selbst gestellt lassen. Wir konnten ihrem Flehen nicht widerstehen.
Wie kann man Kindern so etwas antun! Wie kann das Jugendamt es zulassen, dass es zu solchen Situationen kommt? Haben sie es sich nicht denken können, wie wir es uns auch gedacht haben? Es ist einfach nur unfassbar.
Versuchs-Besuch 26. März 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Besuchskontakt, Jugendamt, Kindesvater, Kompromiss, kooperativ, leibliche Eltern, Obhut, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, professionell, Täter, traumatisierte Pflegekinder, Umgangskontakt, Verniedlichung
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Pflegeeltern werden oft zu etwas gezwungen, was sie ihren Pflegekindern nie antun würden. Zwar haben die leiblichen Eltern das Recht, ihre Kinder zu sehen, aber ist es richtig, die Kinder dazu zu zwingen? Sollten sie nicht lieber die Möglichkeit haben, in Ruhe und einer sicheren Umgebung aufzuwachsen?
Frau Schilling, unsere Sachbearbeiterin vom Jugendamt, scheint nicht der Ansicht zu sein. Sie bittet uns zu einem persönlichen Gespräch in ihren Diensträumen.
“Wie Sie wissen, möchte der leibliche Papa Besuchskontakte”, beginnt sie. “Ich schlage vor, dass sie am Freitag in zwei Wochen mit dem Zug nach Berlin fahren. Dort wohnt der Papa jetzt.”
Wir fallen vor Entsetzen fast von unseren Stühlen. Ruth errötet vor Wut. Sie ist sprachlos. Ich fasse mich zuerst.
“Wie stellen Sie sich denn das vor?”, bemühe ich mich so ruhig wie möglich zu bleiben. “Der Kindesvater ist doch völlig fremd für die beiden. Es ist eine völlig neue Umgebung. Das können die Kinder doch nie verkraften.”
“Das dort zuständige Jugendamt hat schon die Wohnverhältnisse überprüft”, fährt Frau Schilling fort, “alles ist in Ordnung, der Papa wohnt jetzt mit einer Lebensgefährtin in einer größeren Wohnung und es gibt genug Platz für die beiden Kinder.”
“Dazu können wir nie und nimmer zustimmen”, ereifert sich Ruth nun laut. “Was haben Sie eigentlich vor, den Kindern anzutun? Haben Sie denn kein bisschen Gefühl im Leib?”
Frau Schilling wird nervös, versucht aber äußerlich Ruhe zu zeigen.
“Da haben wir keine Wahl. Wenn Sie sich nicht kooperativ und professionell zeigen, müssen wir die Kinder in Obhut nehmen”, macht sie scharf und unumwunden deutlich.
Das ist eine eindeutige Drohung gegen uns, zu Lasten der Kinder, die in diesem Spiel offensichtlich gar nicht vorkommen. Also versuche ich einen Kompromiss zu erreichen.
“Wie wäre es”, wende ich ein, “wenn wir die Besuche erst einmal anbahnen? Das wäre für alle Parteien wohl das Beste. Wir wären bereit, den ersten Besuchskontakt hier stattfinden zu lassen. Wie es dann weiter geht, müsste man sehen.”
Frau Schilling entspannt sich. “Das wäre eine Idee. Wären Sie dann bereit, den Umgangskontakt zu begleiten?”
“Natürlich!”, bekräftigt Ruth. “Das ist eine gute Möglichkeit.”
“Dann sage ich dem Papa, dass er am nächsten Wochenende herkommt”, stimmt Frau Schilling zu. “Wie wäre es denn, wenn er zu Ihnen nach Hause kommt?”
Wir sehen uns gegenseitig an. Ein Blick, ein Gedanke.
“Das halten wir für keine gute Idee”, wende ich vorsichtig ein. “Wie wäre es denn mit einem Besuch auf dem Grillplatz im Park?”
“Das ist in Ordnung”. kommentiert Frau Schilling. “Ich werde es dem Papa mitteilen.”
“Allerdings müsste der Papa ja mit dem Zug kommen. Er müsste auch wieder rechtzeitig wegfahren, damit er rechtzeitig zu Hause ist”, gibt sie zu bedenken. “Sprechen Sie das mit ihm ab? Ich sage ihm, er soll sie anrufen.”
Wir stimmen allem zu, was einen Besuch in Berlin hinauszögert und worübe wir die Kontrolle haben. So haben wir eine Lösung erreicht, die unseren Kindern nicht allzu viel Schaden zufügt. Die weitere Entwicklung muss abgewartet werden.
Es ist uns unverständlich, dass das Jugendamt nichts tut, um uns zu helfen, aber alles, damit die leiblichen Eltern zu ihrem Recht kommen. Schon allein diese andauernde Verniedlichung des Täters als wäre er der liebende, von den Kindern geliebte Papa! Wir sind entsetzt darüber, dass unsere traumatisierten Kinder gar keine Rolle dabei spielen und niemand sich darum kümmert, wie es ihnen dabei geht. Warum müssen ihre Leiden so verlängert und verschlimmert werden, nur weil der Kindesvater seine Macht ausspielen will und deshalb auf seinem Recht beharrt?
Warum sind wir die jenigen, die nach professionellen Lösungen suchen müssen, die den Kindern möglichst wenig schaden und sie umsetzen sollen? Es ist eigentlich nicht unsere Aufgabe. Aber wir können nicht mit ansehen, wie das Leben unserer Kinder gegen die Wand gefahren wird. Wir sind Teil dieses grausamen Spiels, ob wir wollen oder nicht.
Hilfeplangespräch 20. Januar 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Besuchskontakt, Erfüllungsgehilfen, Familienhelferin, Hilfeplan, Hilfeplangespräch, Jugendamt, Kindesvater, leibliche Eltern, Opferentschädigungsgesetz, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Retraumatisierung, Sachbearbeiterin, Traumatherapie, Verantwortung, Verfahrensbeteiligte, Vorschrift, Zwernemann
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Für Pflegeeltern und Pflegekinder sind Hilfeplangespräche wichtige Instrumente, um festzulegen, wie Pflegekinder künftig gefördert werden sollen und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen. Idealerweise setzen sich alle Verfahrensbeteiligten an einen Tisch und besprechen die weiteren Erfordernisse.
Meist aber scheitert dieses Vorhaben schon daran, dass die leiblichen Eltern nicht daran teilnehmen oder die Zusammenarbeit verweigern. Als zweite Partei hat das Jugendamt das Ziel, möglichst ohne Komplikationen zu den beabsichtigten Lösungen zu kommen. Die Pflegeeltern, als diejenigen, die ihre Pflegekinder am besten kennen, sollten eigentlich den größten Einfluss ausüben. Häufig werden sie jedoch von den Jugendamtssachbearbeitern mehr als deren Erfüllungsgehilfen denn als kompetente, ernst zu nehmende Gleichberechtigte betrachtet.
Heute ist Hilfeplangespräch. Frau Schilling, unsere Sachbearbeiterin, hat es auf 12 Uhr angesetzt. Es ist uns nur schwer gelungen, uns von unserer Arbeit frei stellen zu lassen. Die Kinder sind im Hort.
Kaum dass wir angekommen sind, gibt es den ersten Konflikt.
Nach einer unterkühlten Begrüßung fragt Frau Schilling “Wo sind denn die Kinder?”
“Die sind im Hort”, antwortet Ruth selbstbewusst.
“Aber die müssen Sie doch zu einem Hilfeplangespräch mitbringen!”, ereifert sich die Sachbearbeiterin.
“Wer sagt denn sowas?”, antworte ich. “Wollen sie die Kinder all das, was wir hier an Defiziten und weiterem Vorgehen besprechen, mitbekommen lassen?”
“Das ist hier Vorschrift!”, gibt Frau Schilling spitz zurück. “Und sie haben sich daran zu halten!”
“Ein solches Vorgehen können wir nicht billigen”, erwidere ich. “Wollen Sie das Risiko einer Retraumatisierung eingehen? Wollen Sie die Verantwortung dafür übernehmen?”
Frau Schillings Blick verfinstert sich.
“Wo ist eigentlich der Kindesvater?”, will ich nun wissen.
“Er verspätet sich etwas. Ich werde ihn jetzt vom Bahnhof abholen. Er findet sonst nicht hierher.”
So ist das. Alles für die leiblichen Eltern, die Pflegeeltern zählen nicht.
Eine halbe Stunde später kehren beide zurück. Ich beginne mit meinem Bericht über die Entwicklung der beiden Mädchen. Die Rede ist von Jeannetts kieferorthopädischer Behandlung, die sie wohl nicht durchhalten wird, von Diebstahl, mangelnder Hygiene, von Rückschritten im Sozialverhalten. Wir fordern eine Supervision, die Einleitung einer Traumatherapie für beide und die Einrichtung einer Familienhilfe. Wir wollen die Aussetzung der Besuchskontakte, die die Kinder immer wieder verstören.
Und tatsächlich: Die Unterstützung durch eine Familienhelferin wird im Hilfeplan festgeschrieben, es wird die vorübergehende Aussetzung der Besuchskontakte vereinbart.
Zum Schluss berichte ich über meine Bemühungen, für beide Kinder eine Rente nach Opferentschädigungsgesetz zu beantragen. Grundlage dafür ist das weihnachtliche Ereignis, bei dem die Kinder eine Straftat in der elterlichen Wohnung miterleben mussten. Dafür muss eine Untersuchung stattfinden und der sorgeberechtigte Vater zustimmen. Ich habe eine Einverständniserklärung vorbereitet, schiebe sie über den Tisch und bitte um eine Unterschrift. Eine kurze Handbewegung und ich habe die Erklärung in der Tasche.
Warum aber muss es immer wieder Stress um die Teilnahme von Pflegekindern am Hilfeplangespräch geben? Paula Zwernemann (1) sagt dazu:
„Bei einem Kind ist ein Hilfeplangespräch in seinem Beisein aus fachlicher Sicht grundsätzlich in Frage zu stellen. Es sitzt da verloren zwischen all den Erwachsenen und muss hören, wo es ihm noch überall fehlt und was es welcher Zeit zu lernen hat.“
Und besonders hervorgehoben:
„Es ist ein Kunstfehler, die Teilnahme des Kindes am Hilfeplangespräch wortwörtlich zu nehmen. Das Kind hat ein Recht auf Schonung. Leider wird hier oft wenig Sensibilität gezeigt.“
Erst später wird der Wunsch bei den Kindern laut werden, mitzureden und das eigene Schicksal mitzubestimmen. Bis dahin ist es sinnvoller, dass der Sachbearbeiter sich z.B. im Rahmen eines Hausbesuches einen Überblick über die Entwicklung der Pflegekinder macht und sie nach ihren Wünschen und Vorstellungen befragt. Diese Erkenntnis kann dann mit in das Hilfeplangespräch einfließen. Ebenso wäre es möglich, die Kinder nur an einem Teil des Hilfeplangespräches teilnehmen zu lassen und ihnen den fachlichen Teil zu ersparen.
Wieder einmal fühlen wir uns als Erfüllungsgehilfen einer inkompetenten, fachlich und emotional überforderten Jugendamtsmitarbeiterin. Ihr einziges Argument sind die Bestimmungen und internen Absprachen, die sie so gut wie eben möglich erfüllen will. Hier geht es nicht um das Wohl der Kinder, sondern um die Rechte der leiblichen Eltern, die ihre Kinder jahrelang vernachlässigt und missbraucht haben.
Es ist eine traurige Veranstaltung geworden. Immerhin müssen wir aber zugeben, dass wir eine Menge erreicht haben.
(1) Zwernemann, P., Praxisbuch Pflegekinderwesen, Ratingen, 2007
Was wissen Jugendämter wirklich? 5. November 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Anbahnung, Bezugspersonen, Jugendamt, leibliche Eltern, Lolitasyndrom, Missbrauch, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Vergangenheit, Vernachlässigung
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Für Pflegeeltern ist es unerlässlich, zu erfahren, was den Pflegekindern, die sie betreuen, wirklich in frühester Kindheit passiert ist. sie müssen es wissen, damit sie sich darauf einstellen können, was sie erwartet, welche Informationen sie sich beschaffen müssen und wie sie reagieren müssen.
Immerhin haben wir es geschafft, dass sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen: Die beiden ehemaligen Sachbearbeiter des abgebenden Jugendamtes, die Sachbearbeiterin des zuständigen Jugendamtes, wir als Pflegefamilie und unser Beistand. Die Defizite, die wir schon kennen, werden benannt: Vernachlässigung, wahrscheinlicher Missbrauch, wechselnde oder fehlende Bezugspersonen, intensives Miterleben eines Mordversuchs. Wir kennen die Symptome im Verhalten der Kinder: Angst, mal nichts mehr zu essen zu haben, Lolitasyndrom, Skepsis und Misstrauen und offen feindselige Haltung gegenüber der Erwachsenenwelt, Aggression, Abspaltung der Vergangenheit aus dem gegenwärtigen Erleben. Was wir uns erhofft haben, ist leider unmöglich. Der Einblick in die Polizei- und Gerichtsakten bleibt uns verschlossen, auch das Jugendamt hat keinen Zugriff darauf. So werden wir nie erfahren, was sich tatsächlich abgespielt hat.
Immer haben wir beim Jugendamt eingefordert, die ganze Wahrheit im Detail zu erfahren. Bevor wir uns entschieden, ein Pflegeverhältnis mit Jeannett und Susann anzubahnen, haben wir zwar den bisherigen Verlauf der Hilfemaßnahmen erfahren. Obwohl wir beide, Ruth und ich, in pädagogischen Berufen arbeiten, konnten wir jedoch diese Informationen für uns nicht bewerten. Bisher haben wir uns nicht vorstellen können, was leibliche Eltern ihren Kindern anzutun in der Lage sind und welche Auswirkungen das auf die Seele eines Kindes hat. Dieses Wissen haben wir uns in langen Seminaren und intensiven Schulungen selbst erarbeitet. Und wir haben feststellen müssen, dass wir nun mehr Wissen hatten als so manch ein Sachbearbeiter des Jugendamtes.
Wir müssen aber auch erkennen: Auch die Jugendämter sind unzureichend informiert und können ihre Erkenntnisse nur aus deren Aktenlage schöpfen. Es wäre an der Zeit, dass auch Strafverfolgungsbehörden und Gerichte sich der Jugendhilfe öffnen und ihren Beitrag zu einer effektiven Hilfe für traumatisierte Kinder leisten, anstatt die Geschehnisse im Verborgenen zu hüten.
Gedicht für einen gefallenen Engel 14. September 2011
Posted by lehrergehrke in Die Wende.Tags: brokendown angel, Herkunftsfamilie, leibliche Eltern, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Trauma, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung
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Dieses Gedicht zeigt in gefühlvoller Weise, dass ein durch Missbrauch traumatisierter Mensch seine Vergangenheit nie vergessen kann. Es berührt mich. Es zeigt mir, wie traumatisierte Mädchen fühlen.
Die Autorin hat mir die Zustimmung für die Veröffentlichung erteilt.
Brokendown Angel
I was a small girl with a face of an angel.
You were a huge man.
You were my hero, I looked up to you.
Everything was all right.
I loved you.
But then you did bad things to me.
Things that I couldn´t bear…
I became a brokendown angel
Brokendown angel, brokendown angel
But I loved you.
Those bad things are haunting me,
at night in my dreams,
the whole day through
if I try to live my life.
No man should touch an angel,
I was so small, I feel so small.
Brokendown angel, brokendown angel
But I loved you
Now I hate myself for loving you.
I will never love again…
So no one can me touch again in a way you did,
but I loved you.
I will always be a brokendown angel
I will always be a brokendown angel
Wir wollen es wissen! 13. August 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Geheimhaltung, Inobhutnahme, Jugendamt, Kindernotdienst, Kindesvater, leibliche Eltern, Normverletzungen, personenbezogene Sozialdaten, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Vergangenheit
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Pflegeeltern nehmen Kinder auf, die ihnen völlig fremd sind. Auch die Pflegeeltern sind den Pflegekindern fremd. Jugendämter sind häufig sehr zurückhaltend, die Pflegeeltern mit genügend Informationen zu versorgen. Sie argumentieren, dass sie ohne Zustimmung der leiblichen Eltern keine personenbezogenen Sozialdaten weitergeben dürften.
So gesehen, sind wir mit Informationen recht gut ausgestattet worden, wir kennen die Gründe der mehrfachen Inobhutnahmen. Aber uns fehlen Details, um unsere Kinder und ihr Verhalten zu verstehen und darauf reagieren zu können. Ohne diese Details neigen Pflegeeltern, Schule und Kindergarten oder Hort dazu, sie einfach als dumm, böse oder aggtressiv, also kurz als schlecht zu betrachten.
Wir wollen jetzt wissen, was alles im Detail unsere Kinder geschädigt hat. Also schreiben wir mehrfach an Frau Schilling, bombardieren sie mit der Forderung nach eiem klärenden Gespräch mit allen Beteiligten. Dazu gehört das in Obhut nehmende, aber auch das zuständige Jugendamt sowie der Kindesvater. Wir ahnen nicht, was wir lostreten. Dutzende Telefonate führen wir mit der Sozialarbeiterin des Kindesvaters, ebenso mit der Rechtsberaterin des in Obhut nehmenden Jugendamtes. Immer wieder fordern wir ein Gespräch mit allen Beteiligten.
Wir wollen wissen:
- Wie war das Verhältnis des Kindesvaters mit der Kindesmutter und wie hat es die Entwicklung der Kinder beeinflusst?
- Wie waren die Umstände der Betreuung der Kinder durch Nachbarn und Bekannte?
- Wie kam es zur Aufnahme der beiden Kinder beim Kindernotdienst? Wie ist hierzu die Aktenlage der Polizei und des Jugendamtes?
- Was geschah während der Beurlaubungen ins Elternhaus genau?
- Gab es Normverletzungen bereits in der Herkunftsfamilie und wie wurde damit umgegangen? Wurden die Kinder zur Geheimhaltung von Normverletzungen verpflichtet?
Es ist immer wieder dasselbe. Die Frage nach der Vergangenheit der Kinder stößt überall auf peinliches Berührtsein und Schweigen. Wir denken, dass der Kindesvater ein natürliches Interesse daran haben müsste, dass es seinen Kindern gut geht. Aber wir haben uns getäuscht. Es geht ihm nur um sich selbst. Er hat seine eigenen Ansichten von Schuld und kann sie für sich nicht anerkennen.
Wir hoffen, die Kinder besser verstehen zu können, wenn wir ihre Erfahrungen kennen, die sie in ihrer Kindheit geprägt haben. Aber das scheint niemanden zu interessieren außer uns. Die Ämter fürchten, sich falsch zu verhalten und zwischen die Fronten zu geraten. Das Wohl unserer Kinder spielt die geringste Rolle in diesem Spiel.
Besuch im Knast? 7. August 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Besuchskontakt, Bindung, Bindung aufbauen, Dienstwaffe, Dienstzeit, entfremden, Gefangenentransport, Gefängnis, Gefängniswagen, Halfter, Handschellen, Jugendamt, Justizbeamte, Kindesvater, leibliche Eltern, missbrauchte Kinder, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Recht auf Umgang, Sachbearbeiterin, seelische Wunden, traumatisiert, umbringen, unprofessionell, Urlaubsfotos, vernachlässigt
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Pflegeeltern werden vor immer neue Aufgaben gestellt. Jetzt besteht der Kindesvater auf Umgangskontakten, obwohl er inhaftiert ist. Wir fragen uns, wie das gehen soll. Sollen wir mit den Kindern im Besucherraum sitzen? Sollen wir die Sicherheitsuntersuchung über uns ergehen lassen? Wie werden die Kinder reagieren? Werden sie nicht zusätzlich zu den Erfahrungen aus ihrer Kindheit traumatisiert und ist ihnen das alles zuzumuten? Wir werden dem mit Sicherheit nicht zustimmen.
Frau Schilling, unsere Sachbearbeiterin, hat immer eine Lösung, wenn es um die Rechte der leiblichen Eltern geht. In diesem Fall arrangiert sie einen Termin im Jugendamt. Wir haben mit den Kindern zu erscheinen und auch sie wird anwesend sein.
Die Kinder lassen alles über sich ergehen. Sie wehren sich nicht, aber sie freuen sich auch nicht. Sie sind einfach teilnahmslos. Im Auto während der Fahrt herrscht Stille. Keine Gespräche, keine Streiterein. Als wir eintreffen, ist niemand da – außer Frau Schilling. Sie erklärt uns, dass es auf der Autobahn einen Stau gegeben hätte und der Gefangenenransport deshalb verspätet eintreffen würde. Die Kinder sind nicht davon abzubringen, ihren Vater auf dem Parkplatz zu erwarten.
Da schließlich trifft der Gefängniswagen ein. Ein Kleinbus mit Gittern an den Fenstern und mit getönten Scheiben. „Sitzt da unser Papa drin?“, fragt Susann leise. Jeannett nickt stumm. Die Türen öffnen sich, zwei Justizbeamte steigen aus, öffnen die hintere Tür. Der Kindesvater verlässt das Fahrzeug und wird unmittelbar von den Justizbeamten in die Mitte genommen. Die in den Halftern unter den Jacken steckenden Dienstwaffen sind nicht zu verbergen. Der Kindesvater trägt Handschellen. Er wirft den Kindern ein schnelles Lächeln zu. Sie setzen sich in Richtung Eingang in Bewegung, dahinter wir mit den Kindern, die Mädchen mit gesenkten Köpfen. In dem für den Besuchskontakt vorgesehenen Raum angekommen, werden wir von Frau Schilling begrüßt. Die Justizbeamten beziehen Stellung in einem Nebenraum.
Der Raum, in dem wir uns befinden, ist weiß gestrichen, ein Schreibtisch und ein Besprechungstisch, an dem wir Platz nehmen. Die Kinder und wir auf der einen und der Kindesvater auf der anderen Seite. Ruth wäre nicht Ruth, wenn sie die Situation nicht vorausgesehen hätte und Vorsorge getroffen hätte. Sie hat einen Korb mit Geschirr und Tassen gepackt und zwei Thermoskannen mitgenommen. Eine ist mit Kaffee gefüllt, die andere mit heißer Schokolade. Niemand von uns hat ernsthaft erwartet, dass das Jugendamt eine so heikle Situation auch aus der Perspektive der Kinder betrachtet und für eine aufgelockerte Situation sorgt. Hauptsache den Gesetzen ist Genüge getan.
Sie verteilt das Geschirr und Besteck und bietet den Kuchen und die Getränke an. Der Kindesvater stößt mit sauertöpfischer Miene hervor „´n Bier wär mir lieber“ und Frau Schilling ziert sich und lehnt mit einem leisen „Nein, danke“ ab und fügt hinzu: „Sie hätten sich doch nicht solche Umstände machen müssen.“ Weiß sie was sie überhaupt, was sie tut? Hat sie Angst, wir würden wir etwas in den Kaffee tun? Die Kinder und wir wechseln Blicke des Bedauerns und lassen uns den Kaffee, die Schokolade und den Kuchen schmecken. Frau Schilling und der Kindesvater sehen uns schweigend zu.
Schließlich bricht Frau Schilling das Schweigen. „Wie war denn euer Urlaub?“ „Schön“, strahlt Susann. „Wir haben an der Nordsee gezeltet. Es war sooo heiß!“ Jeannett übernimmt jetzt. „Und in Cuxhaven haben wir uns verirrt! Da haben Mama und Papa uns mit der Polizei gesucht. Der Polizeiwagen ist über die Strandpromenade gefahren und hat immer unsere Namen durch den Lautsprecher gerufen.“
Frau Schillings Gesicht verfinstert sich. „Darüber werde ich noch mit euren Pflegeeltern sprechen müssen“, kündigt sie an. Der Kindesvater blickt mürrisch.
Wieder hat Ruth vorgebaut. Sie hat die Urlaubsfotos mitgenommen. Susann nimmt sie und nähert sich ihrem Vater. „Magst du sie sehen? Hier…“ und hält sie ihm hin. Der sieht sie eilig durch und murmelt etwas wie „Schön“. Dann breitet Susann die Fotos auf dem Tisch aus und kommentiert sie. Auch Jeannett, die sich bisher kaum bewegt hat, nimmt nun teil.
„Sieh mal, unser Zelt!“ „Da ist die Wasserrutsche!“ „Und da sind die Engländer mit dem Liegerad, mit denen sich Papa so lange unterhalten hat – und alles auf Englisch!“, bemerkt Jeannett mit einem gewissen Stolz, unseren beiden Gegenübern ins Gesicht blickend, ob es nicht einen Anflug von Bewunderung oder zumindest Anteilnahme gäbe. Aber Sachbearbeiterin und Kindesvater zeigen keine Regung.
Schließlich, nachdem sich diese gespenstische Situation anderthalb Stunden hingezogen hat, kommt von Frau Schilling der ersehnte Abpfiff. „Wir können uns ja noch einmal treffen, wenn ihr wollt. Aber für heute ist es wohl genug.“ Es klang eher wie: Meine Dienstzeit ist jetzt zu Ende und wir haben unsere Pflicht erfüllt.
Im Auto wieder Schweigen. Zuhause Gibt Jeannett eine Einschätzung des Besuchskontakts.
„Ich weiß gar nicht, warum wir da waren. Mein Vater hat nichts gesagt, Frau Schilling hat keinen Kuchen gegessen und überhaupt möchte ich meinen Vater so nicht wiedersehen. Ich hab doch jetzt dich, Papa“, wendet sie sich zu mir.
„Jeannett, wie kannst du so etwas sagen!“, erregt sich jetzt Susann. „Mir tut er leid, mit den Handschellen und in dem vergitterten Auto.“
„Susann, bist du blöd?, fährt Jeannett sie an. „Weißt du nicht mehr, was er Mama angetan hat und dass er sich nie um uns gekümmert hat? Ich will mit ihm nichts mehr zu tun haben, bevor er mir nicht sagt, warum er das alles getan hat. Am besten ist, er kommt nie mehr aus dem Gefängnis!“
Hier muss ich mich einschalten. „Jeannett, du hast Recht, dein Vater hat viele falsche Dinge getan. Er konnte nicht für euch sorgen. Aber wenn ein Mensch seine Strafe verbüßt hat, wird er aus dem Gefängnis entlassen. Die Taten sind zwar noch die selben. Aber man muss Menschen auch die Chance geben, sich zu bessern. Dass ihr zu eurem Vater nicht mehr zurück könnt, ist klar. Aber vielleicht willst du ja später mal mit ihm reden.“
Jeannett stemmt wieder die Fäuste in ihr Gesicht und hat wieder diese schmalen Lippen. Wie immer bedeutet das: Ich will nicht mehr reden. Wir beenden den Abend und schicken die Kinder ins Bett.
Tage später werden wir Zeugen eines Spiels der Kinder.
„Ich bin Jeannett und du bist unser Vater. Du musst auf meine Fragen antworten. Ok? Ich frage dich jetzt. Warum hast du versucht, Mama umzubringen?“
Susann ist verzweifelt. „Ich habe doch gar nichts gemacht!“
„Natürlich, du wolltest sie umbringen. Warum?“
„Sie hat es verdient. Nein, das stimmt nicht. Er hat sie auch gar nicht umgebracht.“
„Aber du hast uns immer weggeschickt, zu fremden Leuten.“
„Das wollte er nicht, er hat uns lieb! Ich will nicht mehr spielen, Jeannett! Es ist ein doofes Spiel.“
Verstört sucht Susann ihr Zimmer auf und legt sich ins Bett. Sie ist nicht mehr ansprechbar. Der Tag ist für sie gelaufen.
Wie sollen wir das je auffangen? Es sind die Auswirkungen des Besuchskontaktes, mit denen wir nun da stehen. Dieses Jugendamt macht alles verkehrt. Besuchskontakte sind nicht vorbereitet, der Ablauf ist unklar und dem Zufall überlassen. Das ist alles höchst unprofessionell. Die Kinder spüren überdeutlich, dass es hier nicht um sie geht, sondern nur um das vermeintliche Recht des Kindesvaters. Und das, obwohl die leiblichen Eltern laut Bürgerlichem Gesetzbuch zwar die Pflicht haben, an Besuchskontakten teilzunehmen, wenn die Kinder das wünschen. Ein Recht auf Umgang aber haben sie nicht, auch wenn Richter und Jugendämter das immer behaupten. Die Jugendämter aber haben ein Interesse daran, die leiblichen Eltern als Gegenpol zu den Pflegeeltern aufzubauen und denen sogar vorzuwerfen, dass sie die Pflegekinder den leiblichen Eltern bewußt entfremden.
Warum lässt man diese geschundenen Kreaturen nicht in Ruhe? Warum lässt man die Pflegeeltern nicht behutsam eine Bindung zu den Kindern aufbauen, damit sie nicht später durchs Leben gehen, ohne in der Lage zu sein, Bindungen zu anderen Menschen aufbauen zu können? Warum müssen diese Kinder das alles ertragen? Es ist eine verkehrte Welt und die Chancen auf Heilung der seelischen Wunden vernachlässigter, missbrauchter Kinder gehen unter solchen Voraussetzungen gegen null. Fast könnte man den Eindruck haben, dass man sie bewusst den Interessen ihrer leiblichen Eltern opfert.
Wir schützen unsere Kinder 13. Juni 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Bindung, Erwachsenenwelt, Flucht, Gewahrsam, Herkunftseltern, Hortleitung, Jugendamt, Kindesmutter, Kindesvater, Kripo, leibliche Eltern, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Schule, Schulleitung
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Nie wären wir auf die Idee gekommen, dass wir unsere Kinder vor dem Kindesvater schützen müssen. Aber die Situation gebietet schnelles, durchdachtes Handeln. Also tun wir, was zu tun ist angesichts der Situation, dass er sich auf der Flucht befindet.
Am Tag, nachdem die Kripo unser Haus durchsucht hat, informieren wir zuerst die Schule. Ich habe Glück, dass ich den Vormittag frei habe. Also bringe ich die Kinder zur Schule und spreche mit der Schulleiterin. Ich schildere, was passiert ist. Wir müssen jetzt damit rechnen, dass der Kindesvater die Kinder möglicherweise auf dem Schulweg abfängt und in seine Gewalt bringt. Ich vereinbare mit der Schulleitung und der Klassenlehrerin, dass die Kinder von uns zur Schule gebracht werden und unter Aufsicht um Hort gebracht werden. Von da aus hole ich sie abends ab. Die Lehrer sind informiert, aber sie sollen die Lage nicht bei den Kindern ansprechen und auch nicht die Mitschüler informiere. Alles soll aussehen wie normal. Auch die Hortleitung und die Erzieherinnen sind informiert.
Natürlich können wir die Kinder nicht wegsperren. Sie dürfen wie gewohnt in unserer Straße spielen, aber sie sollen sich nicht zu weit vom Haus entfernen, so dass wir sie im Blick haben. Die Kinder haben Verständnis und sie wissen, das alles, was geschieht, zu ihrem Schutz ist.
Als nächstes informieren wir das Jugendamt über die Geschehnisse und unsere getroffenen Maßnahmen. Die Sachbearbeiter stehen hinter uns, aber sie können nicht viel tun.
Nach ein paar Tagen ist die Lage entschärft. Die Kripo ruft uns an und informiert uns, dass der Kindesvater sich in Gewahrsam befindet. Uns fällt ein Stein vom Herzen. Und auch die Kinder scheinen irgendwie erleichtert. Der Vater der beiden war weit weg. Es heißt, er hätte zusammen mit der Kindesmutter ein paar Tage “Urlaub” in Frankreich gemacht.
Uns fällt auf, dass wir Pflegeeltern vom Denken der leiblichen Eltern Lichtjahre entfernt sind. Die Kinder kommen im Denken und den Entscheidungen der Herkunftseltern nicht vor. Statt dessen diese Einstellung “Es wird schon nichts passieren”. Und warum fährt die leibliche Mutter mit dem, der sie fast umgebracht hätte, noch in Urlaub? Woher haben sie das Geld?
Aber das ist nicht unsere Sache.
Im Gegensatz dazu sind die Kinder bei uns der Mittelpunkt unseres Denkens und Tuns. Wir schützen und fördern sie. Wir wissen, was sie erlebt haben und wissen, dass sie skeptisch gegenüber der Erwachsenenwelt sind, zu der auch wir gehören. Wir müssen uns ihr Vertrauen verdienen. Und wir müssen damit rechnen, dass sie es nie schaffen, eine Bindung zu uns aufzubauen.