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Die Mädchen ziehen ein 13. März 2011

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
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Selbst für uns Erwachsene ist ein Umzug immer etwas Besonderes, Aufregendes. Man verlässt einen Ort, an dem man vielleicht schon lange gelebt hat und man hängt noch lange an diesem Ort. Am neuen Wohnort muss man sich einleben, man weiß nicht, was auf einen zukommt. Auch mich beschleicht noch immer ein merkwürdiges Gefühl, wenn ich dort vorbei fahre.

Wie viel beeindruckender muss es erst für unsere Mädchen sein, wenn sie nun auf Dauer bei uns wohnen sollen! Sie haben schon an vielen Orten gewohnt und alle sind von Erlebnissen bestimmt, die selten posititv waren. Die Gefühle der Vernachlässigung am Wohnort ihrer Eltern, die vielen traumatisierenden Situationen, dann die Aufnahme im Kinderheim, die Besuche bei ihren Eltern, die Traumatisierung durch die Straftat, die sie mit erlebt haben und jetzt der Umzug zu uns nach jahrelangem Leben in einer Gruppe im Kinderheim, in dem sie sich immer gegen andere durchsetzen mussten gegen andere und keine wirkliche Bezugsperson hatten.

Nun ist es so weit. Ich habe einen Pritschen-LKW gemietet, um ihre Habseligkeiten zu transportieren. Alles wird aufgeladen, die Kinder verabschieden sich herzlich von ihren Erziehern und den Gruppenmitgliedern.

“Selbst Achmet, der mich immer so geärgert hat, hat geheult”, wird Jeannett später bemerken. Es ist ein sanfter Übergang, die Kinder und wir kennen uns inzwischen gut und es ist wie die Vollendung eines langen Prozesses.

Ruth fährt mit den Kindern wie immer mit der Bahn nach Hause. Ich komme mit dem LKW an, wir entladen alles und die Kinder räumen alles in das für sie schon vorbereitete Zimmer ein. Wir haben Schränke und einen Schreibtisch gekauft. Die Tapeten sind noch die alten, der Teppich auch. Eine gute Entscheidung, wie sich später zeigen wird. Schon Frau Wehrmann, unsere Sachbearbeiterin im Jugendamt, hat uns dazu geraten, nicht alles zu erneuern. Hat sie schon etwas geahnt?

Wir haben uns entschieden, die beiden in einem Zimmer in einem Doppelstockbett gegenüber unserem Schlafzimmer unterzubringen. Wir hielten dies für sinnvoll, damit wir die Kontrolle haben und beide nicht gleich auseinandergerissen werden.

Der Abend verläuft wie immer: Abendessen, und dann das Zu-Bett-Geh-Ritual mit Singen und für Jeannett mit Einschlaftee. Die Alpträume bei Susann haben nachgelassen, sie schläft vor Jeannett ein, damit sie sich gegenseitig nicht stören. Es war eine gute Entscheidung, die Anbahnung länger zu gestalten; so kennen beide Kinder schon unser Haus und ihr Zimmer ist ihnen vertraut geworden. Ihre Spielsachen und ihre Kleidung, die meist neu ist, tun das Übrige zu der vertrauten Atmosphäre.

Für die Kinder war es ein geglückter Übergang. Für uns war es eine neue Situation, plötzlich drei Kinder zu haben. Sigrid, die ihr Zimmer im Obergeschoss hat und aber im September eine eigene Wohnung an ihrem Ausbildungsort beziehen wird, hat die beiden als ihre Schwestern akzeptiert. Auch Jeannett und Susann akzeptieren sie als die ältere Schwester, die natürlich schon für sich selbst entscheiden darf.

Ab jetzt haben wir die volle Last dessen mit zu tragen, was die Mädchen in ihrer frühesten Kindheit erlebt haben. Es ist so viel mehr als wir wissen und uns vorstellen können, das wird sich immer wieder zeigen.

Der Sturz und die verlorene Mütze 4. März 2011

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
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Als Pflegeeltern in der Anbahnung möchte man sich von der Schokoladenseite zeigen. Alles ist perfekt, alles klappt, die Kinder sind hingebungsvoll und es gibt keine Zwischenfälle.

Jeannett und Susann sind wieder bei uns zu Besuch. Es ist ein weiterer schöner, sonniger Frühlingstag. Ruth und ich arbeiten im Garten und die Kinder spielen in unserer ruhigen Wohnstraße. Zwei Autos passen gerade aneinander vorbei, es gibt also keine Gefahr. Jeannett übt sich im Rollerskates-Fahren und Susann darf Sigrids altes Fahrrad ausprobieren.

Da plötzlich kommt Susann mit dem Fahrrad angeschossen. Sie gerät auf den Schotterstreifen am Rand. Der Lenker zittert, sie kann ihn nicht mehr halten. Sie stürzt auf die Seite und schlittert mit ihrem kurzen Kleidchen, das wir ihr gerade neu gekauft haben und ihrem linken Bein über den rauen Asphalt. Susann beginnt wie am Spieß gegrillt zu schreien. ich stürze aus der Eingangspforte, nehme sie auf den Arm und trage sie über die Terrasse ins Wohnzimmer. Sie hat Schürfwunden, das Knie blutet. Mein Puls erreicht 130.

Äußerlich bleibe ich ruhig. Ruth ist eben eingetroffen, begreift sofort. Ich suche etwas zum Desinfizieren, eine Wundsalbe und Pflaster zusammen. Susanns Schreie sind einem leisen Wimmern gewichen. Ich beuge mich zu ihrem Knie herunter, stille das Blut, desinfiziere die Wunde und behandle alles mit der Wundsalbe. Zum Schluss plaziere ich gekonnt ein Pflaster aufs Knie. Ich weiß: Das hat alles einen eher symbolischen Wert. Sie fühlt sich angenommen, ist der Mittelpunkt. Aber Susann lächelt leicht, als Ruth bemerkt:

“Alles nicht so schlimm, bis zur Hochzeit ist alles wieder gut!”

Dann müssen wir uns auf machen, um die beiden wieder ins Heim zu bringen. Ein bisschen mulmig ist uns schon. Besonders, als uns im Zug auffällt, dass Susanns Mütze fehlt.

Susann ist ungewöhnlich zerknirscht. “Ich glaube, ich habe die Mütze verloren. Ich weiß nicht mehr, wo sie ist.”

Aber die Betreuer sehen alles sehr locker.

“Das kann schon passieren, ist nicht so schlimm. Und ein paar Mützen haben wir auch noch”, ist die unerwartete Reaktion.

Uns ist das alles sehr peinlich. Hoffentlich hält man uns nicht für unprofessionell. Haben wir unsere Aufsichtspflicht etwa versetzt? Und dass mitten in der Anbahnung? Sind wir schlechte Pflegeeltern? Wie wird das von den “Profis” aufgenommen? Wir sind uns nicht sicher.

Auf dem Heimweg gehen wir alles noch einmal durch. Wir sind froh darüber, dass uns allem Anschein nach niemand einen Vorwurf macht. Noch wissen wir ja nicht, dass das Verlieren von Sachen und Unfälle bei Susann zum Alltag gehören. Noch kennen wir die Hintergründe nicht. Die Bedeutung werden wir erst später erfahren.

Eine harmonische Woche 2. März 2011

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
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Anbahnungen bei Pflegekindern brauchen Zeit. Geht alles überstürzt, bedeutet das womöglich, dass Pflegeeltern und Pflegekinder doch nicht mit einander auskommen. Die Folge ist besonders bei traumatisierten Kindern katastrophal. Es kann einen erneuten Abbruch von schon gewachsenen Bindungen bedeuten und die spätere Bindungsfähigkeit negativ beeinflussen.

Deshalb sind wir glühende Verfechter von sanften Anbahnungen. Dazu gehört, dass wir die beiden Mäuse am Ostermontag abholen, damit sie eine Woche lang bei uns verbringen können. Wir möchten sie möglichst gleitend in unseren Alltag einbinden. Wir wissen, dass sie aus einer zerrütteten Familie kommen, dass sie vernachlässigt und zu fremden Menschen abgeschoben wurden. Eine intakte Familie haben sie bisher noch nicht kennen gelernt. Der Alltag im Kinderheim ist nicht eben spannend, es gibt keine durchgehend verfügbaren Bezugspersonen. Wie werden sie auf das Leben in einer Familie reagieren?

Auch wenn wir beide Urlaub haben, die normalen Aufgaben, die in einer Familie erledigt werden müssen, stehen an. Dabei versuchen wir, die beiden Mädchen mit einzubinden. Noch ist alles spannend, noch ist alles neu. Ob es darum geht, den Tisch abzuräumen oder die Wäsche aufzuhängen, alles funktioniert ohne Murren. Etwas Besonderes ist es, die Katzen zu füttern. Deshalb dürfen sie im Wechsel die Katzen füttern, Susann morgens und Jeannett abends. Tags über spielen sie in unserer ruhigen Wohnstraße oder dürfen auch mal zum Laden am Bahnhof gehen. Dann nehmen sie die Gelegenheit wahr, an der Schranke zu stehen und den Zügen zuzusehen.

Auch für Ausflüge bietet sich das Frühlingswetter an. Wir fahren in die Heide und die beiden tollen um die Hünengräber herum. Im Glasmuseum sehen sie gebannt dem Glasbläser zu. Es sind viele Eindrücke, die sie bekommen, aber schon bemerken wir, wie sich sie traurige Leere in ihren Gehirnen langsam füllt. Mit glänzenden Augen saugen sie alles auf, was ihnen begegnet.

Anders dagegen die Nächte. Es ist nicht einfach, die beiden überhaupt zum Schlafen zu kriegen. Angesichts der aufregenden Tage ist das auch nicht verwunderlich. So setze ich mich abends zum Einschlafen zu ihnen an die Betten und singe zur Gitarre Lieder wie “Puff the Magic Dragon” und zum Schluss ein Gute-Nacht-Lied wie “Old Lang Syne”. Das gibt ihnen die nötige Ruhe.

Manchmal aber steht Jeannett abends um zehn im Wohnzimmer und klagt:

“Ich kann nicht schlafen.”

Also mache ich ihr einen Gute-Nacht-Tee, der signalisiert: Ab jetzt ist wirklich Ruhe!, und es funktioniert.

Nachts erwachen wir fast täglich von Susanns Stöhnen und Weinen. Sie wird geschüttelt von Alpträumen. Also halte ich ihre Hand und spreche beruhigend auf sie ein, bis sie wieder einschläft.  Wir können nur ahnen, welche Ängste sie nachts heimsuchen.

Als wir sie am Sonntag wieder ins Heim bringen, ist der Abschied herzlich. Es scheint, als könnten sie uns akzeptieren. Und wir haben einen ersten Einblick darin bekommen, was wir bereit sein müssen, zu leisten. Es wird nicht einfach, aber wir sind zuversichtlich, den beiden eine Familie bieten zu können, in der sie sich gut entwickeln können.

Der Osterausflug 25. Februar 2011

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Heimkinder sind dankbar für jede Abwechslung. Für den Karfreitag haben wir uns etwas Besonderes ausgedacht. Es ist frühlingsmild und die Vögel zwitschern. Besser kann ein Tag nicht sein.

Für diesen Tag haben wir uns ein Auto gemietet. Wir holen unsere beiden Mäuse aus dem Kinderheim ab und fahren in den Wald. Ruhig fließt der Fluss durch die Landschaft. Die beiden sind voller Spannung und sehen wie gebannt von der Rückbank aus auf die Landschaft.

Da! Was ist das? Ich muss bremsen. Vor dem Wagen ein Rudel Wildschweine. Die Kinder stoßen gleichzeitig einen hohen Schrei aus. Langsam teilt sich die Rotte und ich rolle an ihnen vorbei, so dass die beiden sie genau aus dem Auto heraus beobachten können.

“So etwas habe ich noch nie gesehen!”, stößt Susann schreckgezeichnet hervor.

“Das gibt es überall”, erkläre ich ihr, “man muss sich dann ganz ruhig verhalten, wenn man ihnen im Wald begegnet.

“Ich glaube, das könnte ich nicht”, kommentiert die sonst so mutige Jeannett.

Wir parken das Auto und spazieren durch den Wald. Auf einem Spielplatz lassen wir die beiden toben. Schaukeln, klettern, rennen – und wir machen mit.

Als es etwas ruhiger wird, buddeln sie etwas in einer Sandkiste und präsentieren uns unaufhörlich mit Sandkuchen, die wir “essen” müssen. Plötzlich hält Susann inne, faltet ihre Hände und betet: “Lieber Gott, danke dafür, dass du uns so liebe Pflegeeltern gibst.”

Damit haben wir nicht gerechnet. Sind sie uns schon so nah? Haben sie keine Bindung mehr an ihre Eltern? Was bringt ein Heimkind dazu, so zu reagieren? Haben wir schon “gewonnen”? Oder möchte sie uns nur gefallen?

Egal, wir sind gerührt und genießen die Situation. In einem Restaurant am Fluss gibt es auf der Terrasse noch einen großen Eisbecher. Dann bringen wir sie wie versprochen wieder zurück. Ein herzlicher Abschied und wir machen uns auf nach Hameln, um dort Ruths Familie über Ostern zu besuchen.

Lange haben wir überlegt, ob es sinnvoll wäre, die beiden Mäuse mitzunehmen. Aber wir haben uns dagegen entschieden. Schließlich ist noch nichts fest und wir wollen nicht, dass sie Bindungen aufbauen und womöglich wieder abbrechen müssen. Aber wir haben ja die Zeit ab dem Ostermontag, wenn wir sie wieder holen dürfen und sie für eine Woche zu uns nach Hause beurlaubt sind. Wir freuen uns schon auf die Zeit.

Fahrt mit der Bahn 22. Februar 2011

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Kinder, die im Heim leben, sind gut behütet und werden professionell betreut. Aber meist sehen sie nur ihre Umgebung. Manchmal gibt es Urlaubsreisen, die sind allerdings eher selten. Eine Fahrt mit der Bahn ist da schon ein Erlebnis.

Nachdem wir Jeannett und Susann nun schon einige Male besucht haben, setzt sich die Anbahnung auch mit Besuchen bei uns zuhause fort. Langsam zieht der Frühling ein und es ist mild. Das Heim ist dreißig Kilometer entfernt von unserem Wohnort und wir haben seit fast einem Jahrzehnt auf ein Auto verzichtet. Statt dessen fahren wir eine Stunde lang mit der Bahn.

Beide Mädchen sind voller Erwartung. Wir ziehen sie an und laufen zum Bahnhof. Beide tollen um uns herum. Dann kommt die Bahn und wir steigen ein. Susann schmiegt sich an Ruth und Jeannett blickt interessiert und mit wachen Augen aus dem Fenster. Sie liest jedes Bahnhofsschild bei jedem Halt und versucht sich die Reihenfolge zu merken. Am letzten Bahnhof liest Jeannett:

“Denkendorf! Ist das, wo ihr wohnt?”

“Wiee??? Deckeldorf???”, amüsiert sich Susann und alle lachen lauthals.

“Ja, hier wohnen wir”, bestätigt Ruth. Wir verlassen den Bahnhof und laufen durch das Wohngebiet, das aus großen Grundstücken mit gemütlichen, kleinen Häuschen besteht, durchsetzt von Wochenendgrundstücken. Der Weg vom Bahnhof ist besonders wichtig. Als wir vor unserem Haus angekommen sind, sehen wir die Mädchen leise staunen. Sie kennen nur das Heim und von früher den schäbigen, problembelasteten Kietz, in dem sie damals ihre ersten Lebensjahre verbracht haben.

Ruth macht Spaghetti mit Tomatensoße und alle langen kräftig zu. Es gibt Saft, vermischt mit Wasser aus dem Wassersprudler. Danach gibt es ein leckeres Eis.

Das Wetter ist schön. Die Terrassentür ist offen und während wir dort sitzen und einen Kaffee trinken, tollen die Mädchen im Garten herum und führen uns Tänze und kleine Theaterstückchen auf. Eine will die andere überbieten. Alles ist schön und harmonisch. Als ob sie schon immer bei uns waren.

So kommt denn die Zeit überraschend, als wir uns wieder auf zum Bahnhof machen müssen. Beide sind müde aber glücklich. Wieder prägt sich Jeannett die einzelnen Stationen ein und viele hat sie schon in der Reihenfolge behalten. Nach einer Stunde Fahrt landen wir wieder im Heim und die alte Welt hat unsere beiden wieder. Aber sie sind um eine Erfahrung reicher.

Das Schönste daran, Pflegekinder zu haben und bis zur Volljährigkeit zu begleiten ist es, zu beobachten, wie sie mehr und mehr Interesse an der Welt finden. Wie sie ihren Horizont erweitern und mit den anderen Kindern mithalten können. Wie sie die Welt verstehen lernen. Wie sie lernen, sich in Familienstrukturen einzufügen und davon zu profitieren. Wie sie zu wertvollen und akzeptierten Mitgliedern in dieser Gesellschaft heranwachsen.

Noch zeigt sich aber nicht, dass es ein Risiko ist, Geschwisterkinder aufzunehmen. Zwar hätten wir jetzt schon die Konkurrenz zwischen den beiden beobachten können und wie sie um unsere Aufmerksamkeit kämpfen. Aber wir sind zu verliebt in die beiden, um diese Anzeichen als ein Problem akzeptieren zu können. Wir sind erst einmal nur glücklich.

Erstbegegnung 4. Juni 2010

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
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Heute ist es soweit. Das erste Mal, dass wir sie sehen, unsere beiden Mädchen. Wir waren beim Jugendamt, haben uns Informationen geholt, uns vorgestellt. Nun sollen wir sie kennen lernen.

Das Heim ist evangelisch, wir werden von einer jungen Diakonisse in Tracht begrüßt. Sie macht einen netten, kompetenten Eindruck.

Es ist wie im Film. Die beiden Geschwister stehen uns gegenüber, Hand in Hand. Es fehlen nur noch die großen Schleifen im Haar. Sie heißen Susann und Jeannett, sechs und acht Jahre alt. Die junge Frau sagt: “Das sind eure Pflegeeltern.”

Hoppla! So schnell geht das wieder? Wir stellen uns mit Ruth und Nico vor. Wollen wir was unternehmen?

Wir machen einen Spaziergang, die beiden tollen um uns rum. Sie sind locker und gelöst, aber sie halten zusammen. Wir beobachten auch, dass die Ältere die Jüngere beschützt und auch etwas beherrscht.

Inzwischen sind wir gebrannte Kinder. Wir freuen uns zwar, aber wir sind vorsichtig, um nicht wieder enttäuscht zu werden. Wir vereinbaren einen weiteren Besuchstermin zum Geburtstag von Susann. Und wir sind vorsichtig optimistisch. Kinder in der Anabahnugsphase als “süß” zu bezeichnen, liegt uns fern. Wir wissen, dass die beiden vernachlässigt worden sind, dass Jeannett Susann oft hat beaufsichtigen müssen und für sie verantwortlich war. In ihrer Gegenwart ist während eines Besuchskontakts in ihrem Elternhaus eine Straftat geschehen. Sie haben bestimmt beide ihr Päckchen zu tragen. Die Auswirkungen sollten sich noch zeigen.

Pflegeeltern suchen Pflegekinder 2. Mai 2010

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
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Es ist alles im Reinen. Unser Haus ist fertig, wir bewohnen es schon seit ein paar Jahren, zusammen mit unserer ältesten Pflegetochter. Nun soll es passieren. Sigrid, unsere Pflegetocher, wünscht sich Geschwister. Und wir haben reichlich Platz und Energie.

Das Jugendamt sieht das leider nicht so. Die Sachbearbeiterin, Frau Schilling, hält uns offensichtlich für alt. Dennoch hat sie uns zwei Kinder in Aussicht gestellt. Also beginnen wir die Anbahnung.

Als wir zum Kinderheim kommen, kommt uns Frau Schilling schon mit sauertöpfischer Mine entgegen.

“Die Kinder wollen niemanden sehen”, erklärt sie kurz angebunden und tritt den Heimweg an. Aber so schnell geben wir nicht auf. Ein Mädchen und ein Junge, von der alkoholabhängigen Mutter vernachlässigt, aber offen und freundlich, warten auf uns. Wir nehmen am Abendbrot teil und Ruth setzt ihre gesamten beruflichen Fähigkeiten ein, spielt mit ihnen und macht Scherze. Die Erzieher sind freundlich und unterstützen uns. Es wird ein schöner Nachmittag. Wir haben ein gutes Gefühl.

Der nächste Besuch ist als Spaziergang geplant. Die Kids zeigen uns ein Wohngebiet der Stadt. Für sie scheint es ganz normal, was sie sehen. Wir sind entsetzt. Plattenbauten, die modernisiert werden, die Menschen stehen vor den Toilettencontainern auf der Straße Schlange. Wie können Menschen unter solchen Umständen leben, fragen wir uns.

Auf unserem Weg schließt sich ein kleiner Junge uns an. Er hat wohl bemerkt, als wir auf dem Spielplatz herum tollen, dass wir nie die richtigen Eltern sein können. Wir benehmen uns nicht wie “richtige” Eltern. Wir schimpfen nicht, wir gehen mit Kindern spazieren scherzen – so etwas kommt in seiner Familie wohl nicht vor. Auf dem Weg zum Kinderheim können wir ihm nur mit Mühe erklären, dass er nicht mitkommen kann und wir ihn nicht mitnehmen können.

Was für ein Tag! Schon stellen wir uns vor, was wir mit den beiden unternehmen, wie wir eine Familie werden, welche Zimmer sie bewohnen… Wir sind erfüllt von dem Gedanken, den beiden Gutes zu tun.

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