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Der geöffnete Brief 13. Mai 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pflegekinder kennen keine Regelndes gesellschaftlichen Miteinanders. So tun Pflegeeltern besser daran, ihre Post nicht offen herum liegen zu lassen, egal ob geöffnet oder ungeöffnet, da nicht sicher ist, ob sie nicht gelesen wird. Aber auch die Post der Geschwisterkinder ist nicht sicher.

Jeannett geht heute an den Briefkasten und findet einen Brief an Susann vor. Sie öffnet ihn und findet vor, dass Susann einen Gewinn aus einem Preisausschreiben gefunden hat.

“Weißt du, wo Jeannett ist?”, fragt mich Ruth, als sie von der Arbeit nach Hause kommt.

“Keine Ahnung”, antworte ich, “sie hat mir nicht gesagt, dass sie weggeht.” Sie ist nirgends zu finden, nicht auf der Straße, nicht in ihrem Zimmer.

Eine halbe Stunde später kommen beide wieder. Susann hat den geöffneten Brief in der Hand.

“Jeannett, wo warst du? Wir haben sich überall gesucht!”

Susann hat den geöffneten Brief in der Hand. “Jeannett hat mir doch nur den Brief gebracht”, erklärt sie.

Jeannett blickt zu Boden.

“Du darfst Briefe nicht einfach so aufmachen”, versuche ich ihr zu erklären. “Was in einem Brief steht, ist geheim und geht nur den etwas an, der der Empfänger ist. Wie würdest du es finden, wenn ich Briefe öffne, die du bekommst?”

“Entschuldige, Susann”, wendet sie sich an ihre Schwester, “aber ich bin so gespannt gewesen, was du gewonnen hast. Ich hab ihn dir ja auch gleich gebracht.”

“Für das nächste Mal weißt du bescheid”, belehre ich Jeannett, “Briefe gehören dem, der sie bekommt und nur er darf sie öffnen. Denkst du in Zukunft daran?”

Jeannett nickt leicht. Wir haben ein Problem weniger.

Man mag sich fragen, ob es sinnvoll ist, eine solch unbedeutende Begebenheit hochzuspielen. Aber wir benutzen solche Gelegenheiten, um den Kindern beizubringen, wie man sich anderen gegenüber richtig verhält. Wer sonst soll es ihnen beibringen, wenn nicht wir?

Traumatisierte Kinder verfügen über ein sehr schwaches Über-Ich und kennen nur selten normative Kategorien. Sie haben es in ihrer Herkunfsfamilie nie gelernt. Deshalb finden wir, dass sie diesen Lernprozess nachholen müssen.

Bedrohliche Besuche 19. März 2012

Posted by lehrergehrke in Allgemein.
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Pflegeeltern sind verpflichtet, ihren Pflegekindern zu ermöglichen, Kontakt zu ihren leiblichen Eltern zu haben. Das ist gesetzlich festgehalten. Sie dürfen Kontakt haben, aber die Herkunftseltern müssen Kontakte wahrnehmen, wenn ihre Kinder diese wünschen.

Wir hatten bisher “Glück”. Zwar gab es mitunter Briefe des leiblichen Vaters aus dem Gefängnis, die wir den Kindern vorlasen, vorausgesetzt, sie waren ihrem Entwicklungsstand entsprechend für ihre Ohren geeignet. Auch hatten wir einige begleitete Umgangskontakte in den Räumlichkeiten des Jugendamtes. Jedes Mal mussten wir danach daran arbeiten, ihnen die Angst und die Verwirrtheit zu nehmen, die sich durch diese Kontakte einstellten. Aber im Großen und Ganzen war ihnen der Vater fremd; er kam wie aus einer anderen Welt. Die Mutter tauchte nicht auf und blieb verschollen. Nur selten kam es vor, dass Susann sich sehnte: “Ich würde so gerne wissen, wer meine Mama ist. Alle anderen haben eine richtige Mama, nur ich nicht.”

“Deine Mama ist nicht mehr da”, versuchten wir sie dann zu beruhigen, “Wir wissen ach nicht, wo sie ist. Keiner weiß das.”

Jetzt aber wird es ernst. Frau Schilling vom Jugendamt ruft mich an.

“Sie wissen vielleicht”, tastet sie sich vor, “dass der Papa Ihrer Pflegekinder wegen guter Führung aus der Justizvollzugsanstalt entlassen worden ist. Er wohnt jetzt in Neustadt in Bayern. Er hat natürlich das Recht, seine Kinder zu sehen. Dieses Recht hat er uns gegenüber schon geltend gemacht. Ich möchte Sie bitten, sich Gedanken darüber zu machen, wie diese Umgangskontakte umgesetzt werden können.”

Ich bin schockiert. Was ich an dieser Sachbearbeiterin so unglaublich unhöflich und unkooperativ finde, ist, wie sie mit der Tür ins Haus fällt, wie sie uns so einfach vor vollendete Tatsachen stellt, ohne uns nur die Spur einer Möglichkeit zu geben, uns mit ihre Forderungen auseinander zu setzen.

“Frau Schilling”, erwidere ich, nachdem ich mich wieder gesammelt habe, “Sie wissen doch genau so gut wie wir, was es für die Kinder bedeutet, wieder Kontakt zu ihrem Vater zu haben, der sie so stark traumatisiert hat und der an ihrem ganzen Unglück die Schuld trägt. Sie wissen, dass es beiden körperlich und seelisch sehr schlecht geht, wenn sie Kontakt zu ihm haben. Haben Sie das alles mit in Ihre Entscheidung mit einbezogen?”

“Da gibt es gar nichts mit einzubeziehen”, wehrt sie sich mit scharfem Ton, “Das ist die Gesetzeslage. Daran müssen wir uns halten. Auch Sie müssen sich daran halten. Wir werden das Recht des Vaters in jedem Falle durchsetzen. Und wir verlangen selbstverständlich Ihre Kooperation.”

“Aber wenn es den Kindern doch aber schadtet! Übernehmen Sie die Verantwortung für die Schäden, die entstehen können?”, versuche ich zu argumentieren.

“So ist das Gesetz”, beharrt sie. “Außerdem ist es auch aus Sicht von Psychologen und Therapeuten nicht unüblich und trägt zur Heilung des Traumas bei, wenn die Kinder ihre Herkunftsfamilie wiedersehen und zu ihnen wieder eine Beziehung aufbauen. Schließlich ist es der leibliche Vater. Wer sagt Ihnen, dass es den Kindern schadet? Seien Sie froh, dass er nicht gleich die Rückführung beantragt hat. Ich muss von Ihnen da jetzt Professionalität verlangen.”

“Darüber möchte ich aber erst noch einmal richtig nachdenken und mit meiner Frau sprechen”, versuche ich Zeit zu gewinnen.

“Nehmen sie es zur Kenntnis: Es gibt keine Alternative!”, erklärt sie und fordert ultimativ: “Ich rufe Sie übermorgen wieder an. Dann muss ich von Ihnen eine Vorstellung dazu haben, wann und wie wir die Umgangskontakte stattfinden.”

So ist das also. Es geht um das Recht der leiblichen Eltern, das Kindeswohl spielt keine Rolle. Es wird von den traumatisierten Kindern verlangt, ihrem Peiniger auch noch entgegen zu treten, mit ihm Zeit zu verbringen. Wo wir doch schon aus den bisherigen Besuchskontakten wissen, dass der Kindesvater mit seinen Töchtern nichts anzufangen weiß. Die ganze ehemalige Situation wird wieder erstehen, wie damals. Nicht auszudenken, wenn die damaligen Verletzungen, die Todesangst, sie Vernachlässigung unberechenbares Verhalten bei den Kindern, aber auch beim Kindesvater triggert.

Da hat diese Jugendamtssachbearbeiterin die Stirn, die Verantwortung für die Durchführung der Kontakte uns aufzubürden. Sie verlangt von uns Verständnis für eine verstaubte, durch nichts begründete Konfrontationstherapie. Sie appelliert an unsere “Professionalität”, die nichts anderes bedeutet, als dass wir emotionslos das tun und zu unterstützen, was das Jugendamt von uns verlangt. Und das alles auf dem Hintergrund, dass das Jugendamt um Himmels Willen keinen Ärger mit dem Kindesvater bekommen will. Unterstützung für die traumatisierten Pflegekinder und deren Pflegeeltern sieht ganz anders aus.

Als ich das alles Ruth erzähle, ist sie außer sich vor Wut und Hilflosigkeit. Aber es wird uns nichts anderes bleiben als uns darauf einzulassen und das Schlimmste zu verhindern.

Honig – und der gute Grund 15. März 2012

Posted by lehrergehrke in Allgemein.
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Wie oft verstehen Pflegeeltern nicht, was ihre Pflegekinder tun. Sie sind konfrontiert mit plötzlichen Situationen und fühlen sich urplötzlich angegriffen und in einer Abwehrhaltung. Aber wir schaffen es heute, den guten Grund zu erkennen und richtig darauf zu reagieren.

Ruth und ich sind in der Küche. Es ist Sonntag und wir haben ein richtig leckeres, dreigängiges Menü zusammengestellt, so wie es die Kinder auch lieben,

“Gehst du die Kinder holen?”, fragt mich Ruth, “das Essen ist jetzt fertig. Susann soll den Tisch decken, sie ist heute dran damit.”

Susanns Zimmertür ist offen. Sie ist nicht da. Ich ahne etwas. Also gehe ich in den Keller. Da bietet sich mir ein merkwürdiges Bild. Susann steht vor dem geöffneten Vorratsschrank, ein Glas Honig in der einen und einen Esslöffel in der anderen Hand. Der Honig ist zu einem Viertel leer.

“Susann, was machst du da?”, frage ich erstaunt. “Gib mir den Honig, wir wollen gleich Mittag essen.”

Susann versteckt das Honigglas hinter ihrem Rücken. “Nein, ich will nicht!”, schreit sie. “Ich ess den jetzt auf!”

“Susann – nein!”, bestimme ich. “Du gibst mir jetzt das Honigglas!”

“Nein!”, kreischt sie. “Nie bekomme ich etwas zu essen bei euch! Du bist so gemein!”

Susanns Gesichtsausdruck ist hasserfüllt. Sie tritt gegen den Vorratsschank.

Ich spüre das Blut in mir kochen. “So schon gar nicht! Gib mir jetzt das Honigglas!” Und mit einem geschickten Griff entwende ich es ihr.

Nun beginnt Susann, nach mir zu schlagen und zu treten. “Ich hasse dich, ich hasse dich, du bist so Scheiße!”, kreischt sie.

In mir steigen Bilder hoch, blitzartig. Ich sehe Susann in ihrer Herkunftsfamilie, das Geld ist knapp, es gibt nur wenig zu essen und zu unregelmäßigen Zeiten. Sie hat Hunger. Also nimmt sie sich, was sie bekommen kann. Warum soll ich nicht aussprechen, was sie denkt?

“Susann, wenn ich sehe, wie es dich aufregt, dass ich dir das Honigglas weggenommen habe, dann frage ich mich, was der Grund dafür ist. Du hast sicher einen Grund dafür, so wütend zu werden”, spreche ich in ruhigem Ton, während Susann sich die Tränen aus den Augen wischt.

“Weil du mir mein Honigglas nicht zurückgibst!”, antwortet sie, noch laut, aber schon ruhiger.

Ich mache einen Ansatz. “Ja, deshalb bist du jetzt so wütend, und ich glaube, dass du früher auch schon sehr wütend geworden bist, wenn du nichts zu essen bekommen hast.”

“Woher weißt du das?”, fragt sSusann, jetzt mit gesenktem Kopf und ziemlich leise.

“Weil ich auch sehr wütend wäre, wenn ich Hunger hätte und nichts zu essen bekommen würde. Das muss sehr schlimm sein.”

“Ja, das war auch schlimm”, läßt sich Susann nun auf meinen Versuch ein. “Manchmal konnte ich vor Hunger nicht schlafen.”

“Ich finde, du hattest Recht, wütend zu sein, wenn deine Mutter dir nicht das gegeben hat, was du zum Leben brauchtest. Ich wäre da auch wütend.”

“Meinst du wirklich?”, fragt Susann erstaunt.

“Klar! Ein Kind muss bekommen, was es zum Leben braucht. Du hast bestimmt ganz dolle Angst gehabt und hast gedacht, du kannst nicht weiter leben. Das ist für Kinder schrecklich, und dass du dann wütend wirst, kann ich gut verstehen.”

“Hättest du auch Angst, wenn deine Mama dir nichts zu essen geben würde? Würdest du dann auch wütend werden? Wie ich jetzt”

“Ich glaube schon”, sage ich vorsichtig.

“Wirklich?”, fragt sie leise und kuschelt sich an mich.

“Sicher”, bestätige ich. “Und du weißt, dass du bei uns immer was zu essen bekommst. Wir haben ein ganz tolles Mittag gekocht. Möchtest du für uns den Tisch decken? Im Wohnzimmer?”

Susann nickt wortlos, wendet sich um und stapft die Kellertreppe hinauf.

Traumatisierte Kinder handeln für ihre Umwelt scheinbar unberechenbar. Aber sie sind nicht böse. Es gibt immer einen guten Grund für ihr Verhalten. Zugegeben, es ist selten, dass ihre Mitmenschen diesen Grund erkennen und ihn auf kindliche Weise benennen und ihr Verständnis äußern können. Es braucht eine deeskalierende, stressmindernde Situation. Das ist im Alltag nicht immer zu verwirklichen, und schon gar nicht in der Schule oder in der Kita, wo die Umwelt keine Ahnung davon hat, was diese Kinder schon durchgemacht haben.

Ich fordere deshalb, dass die Bezugspersonen wie Pflegeeltern, Lehrer, Erzieher und Jugendamtsmitarbeiter traumatisierter Pflegekinder dazu verpflichtet werden, an Fortbildungen teilzunehmen, die ihnen die Hintergründe für traumatisiertes Verhalten aufzeigen und ihnen, z.B. in Supervisionen, Möglichkeiten an die Hand gegeben werden, die Gründe für dieses Verhalten zu erkennen und richtig darauf zu reagieren. Nur so können traumatisierte Kinder lernen, mit ihren seelischen Verletzungen besser umzugehen und ein halbwegs “normales” Leben zu führen.

So wollen wir arbeiten! 24. Februar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Alle Pflegeeltern sollten sich zu irgend einem Zeitpunkt darüber klar werden, auf welcher Grundlage sie für ihre Pflegekinder da sein wollen. Meist passiert das immer erst dann, wenn sich vielfältige Probleme einstellen: Mit dem Verhalten der Kinder, mit dem Jugendamt, mit den Therapeuten. Dennoch haben wir sie ganz klar formuliert:

Grundlagen für die erfolgreiche Pflege zum Wohl unserer Pflegekinder

  • Wir müssen davon ausgehen, dass beide traumatisiert sind. Die einschlägige Fachliteratur beschreibt als traumatische Erfahrung den Zustand, dass „von Eltern die elementarsten Bedürfnisse des Kindes nicht wahrgenommen und respektiert (wurden) und wenn das Kind von seinen Eltern überwältigt wird und sie dadurch als Schutzobjekt verliert.“
  • In diesem Sinne sind beide Pflegekinder mehrfach traumatischen Erfahrungen ausgesetzt gewesen, die in der Anwesenheit zum Zeitpunkt einer Straftat im Elternhaus gipfelten.
  • Insofern verfolgen wir das Ziel, für die Kinder nicht nur pflegerisch tätig zu sein, sondern auch als Ersatz für die Rolle der Eltern zu fungieren.
  • Es ist uns bewußt, dass es sich dabei um einen langen Prozess handelt. Wir sind uns ebenso bewußt, dass traumatisierende Eltern von ihren Kindern idealisiert werden, um den Konflikt zwischen Bindung an den Kindesvater und durch traumatisierende Eltern ausgehender als existenziell erlebter Bedrohung auszuhalten. (Vgl. Beitrag von Hardenberg, O., in der Tagumgsdukumentation der 16. Jahrestagung der Stiftung zum Wohl des Pflegekindes am 30.5.2005 in Magdeburg)
  • In diesem Zusammenhang vertreten wir die Interessen und das Wohl der Kinder. Es gehört nicht zu unseren Aufgaben, die Interessen der leiblichen Eltern zu vertreten und diese „’gut zu machen’ und die Realität vor den Kindern (und vor dem Kindesvater!, Anm. d. Autoren) zu leugnen.“ (Hardenberg, O., a.a.O.)
  • Wie Hardenberg (a.a.O.) beschreibt, wird der Aufarbeitungsprozess eines traumatisierten Pflegekindes in der Pflegefamilie durch Besuchskontakte mit leiblichen Eltern „in unverantwortlicher Weise gestört“ und eine kritische Distanzierung vom traumatisierenden Erwachsenen kaum möglich. Nach Hardenberg kommen Besuchskontakte „fast einer Retraumatisierung des Kindes gleich“. Diesen Prozess konnten wir besonders im letzten Jahr intensiv beobachten.
  • Wir fühlen uns durch Hardenberg in unserem Weg, „sich und ihren Weg mit dem Pflegekind offensiv (zu) vertreten“, bestätigt. (a.a.O.)
  • Ebenso fühlen wir uns darin bestätigt, finanzielle Mittel zur Weiterbildung zu beanspruchen.
  • Wir beobachten bei beiden Kindern klar die Dissoziation des Selbst, wie von Hardenberg beschrieben (a.a.O.), d.h. die Abspaltung der im Elternhaus und ggf. auch im Kinderheim gemachten Erfahrungen von Schutzlosigkeit und Trennung.
  • Um den Kindern eine Aufarbeitung dieser Erfahrungen zu ermöglichen, ist eine spezielle Therapierung ihrer Traumata und damit einher gehend die Bereitstellung der finanzellen Mittel unabdingbar. Die Frage danach, wie diese Mittel zur Verfügung gestellt werden können, hat hinter der Verfolgung des Wohls der Kinder zurückzustehen.
  • In diesem Zusammenhang hat ebenfalls jede Rücksichtnahme auf die Befindlichkeiten der leiblichen Eltern zurückzustehen. Daher kann auch nicht diskutiert werden, ob Leistungen nach Opferentschädigungsgesetz beantragt werden. Die Notwendigkeit ergibt sich aus der Verfolgung des Kindeswohls.
  • Da wir als Pflegeeltern Ziel der Übertragung kindlicher traumatischer Erfahrungen sind (Hardenberg, O., a.a.O.), müssen uns Möglichkeiten an die Hand gegeben werden, damit umzugehen und eine „’heilende Beziehung’“ (Hardenberg, a.a.O.) aufzubauen.

Was wir formuliert haben, scheint im Rahmen des normalen Menschenverstandes selbstverständlich. Für Jugendämter und Familienrichter ist es das keineswegs. Da werden die Herkunftseltern gut geredet, die positive Entwicklung gelobt und das Recht der leiblichen Eltern an ihren Kindern ins Feld geführt. Viel zu selten wird mit einbezogen, welche Schuld diese Menschen an ihren Kindern auf sich geladen haben, Kinder, die ein Leben lang an ihrer Traumatisierung in frühester Kindheit leiden werden. Regelmäßig wird ihnen zugemutet, Besuchskontakte auszuhalten, die in ihnen die alten Erlebnisse wieder auferstehen lassen, die sie notwendigerweise in Loyalitätskonflikte zwischen den Pflegeeltern und ihren leiblichen Eltern stürzen müssen. Kindeswohl sieht anders aus.

Mit unserem Wissen über die Details dessen, was unseren Pflegekindern angetan wurde und den Erfahrungen, die wir mit den Ämtern und Schulen gemacht haben, können wir für die Verursacher des Leides unserer Kinder kein Mitleid empfinden. Wir meinen, dass durch ihre Eltern traumatisierten Kindern die Chance für einen Neuanfang, eine neue Bindung an schützende Erwachsene und an die Wiedererlangung von Vertrauen gegeben werden muss.

Ab in den Norden 17. Dezember 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pflegekinder und Kultur – das ist eine schwierige Mischung. Meist haben sie kaum Kultur genossen; der Fernseher und der Computer sind übermächtig gewesen in ihren Herkunftsfamilien. Deshalb erfahren sie meistens erst in der Pflegefamilie durch die Pflegeeltern, was Kultur eigentlich ist.

Auf unserer Reise durch Zypern sind wir in Paphos gelandet und hatten einen wunderschönen Abend mit griechischem Essen und Tanz. Am nächsten Morgen nun machen wir uns in unserem Mietauto auf den Weg nach Norden. Es ist eine einfache Straße, die Sonne scheint und erwärmt die Luft. Nach zehn Kilometern biegen wir ab. Die schmale Straße führt hinauf auf einen Berg, zum Kloster Agios Neophyto.

Der Parkplatz ist klein und die Gebäude von einer Mauer umgeben. Wir betreten das Gelände. Die Arme und Beine müssen bedeckt sein, und so wickeln wir uns tücher um die Schultern und Jacken um die Taille. In der Kirche feiern die Mönche eine Andacht. Der gregorianische Kirchengesang beeindruckt die Kinder. Sie sind ganz still.

Nach ein paar Minuten verlassen wir die Kirche wieder.
“Papa, warum tragen die Männer so schwarze Mäntel?”, will Susann wissen.
“Das sind Mönche, und das ist ihre Kleidung. Sie leben hier ihr ganzes Leben lang, sie haben sich dazu entschieden”, erkläe ich. “Sie tun nichts weiter als beten und arbeiten.”
“Was arbeiten sie denn? Und wovon leben sie?”, mischt sich Jeannett ein.
“Sie pflanzen Gemüse an, das sie dann verkaufen. Außerdem sorgt die Kirche dafür, dass sie nicht verhungern. Ihnen gehört nichts”, fahre ich fort. “Sie wohnen in diesen kleinen Zimmern da, aber tagsüber sind sie immer zusammen.”
“Warum machen die das?”, fragt Susann ungläubig.
“Sie wollen nur dem lieben Gott dienen. Es ist ihre Lebensaufgabe.”
“Ist ja komisch”, urteilt Jeannett, “ich könnte das nicht.”

Wir sehen uns noch etwas im Kloster um und machen uns dann wieder auf den Weg zur Hauptstraße Richtung Norden. Nach einer weiteren Dreiviertelstunde treffen wir in Polis ein. Es ist ein kleines Städtchen an der nordwestlichen Küste, etwas verschlafen, aber umringt von Touristenappartments. Wir haben aus Deutschland einen Wohncontainer auf dem dortigen Campingplatz mit zwei Räumen gebucht. In einem schlafen die Kinder und der andere ist der Wohn-Schlafraum für uns. So können wir die frischen Nächte gut überstehen, ohne in einem Zelt frieren zu müssen.

Als wir ankommen, sind wir begeistert. Von unserem Wohnwagen aus können wir direkt an den Strand. Der Campingplatz ist gemütlich klein, in der Mitte ein Kiosk, der kleine Speisen verkauft. Es ist genau so, wie wir es jetzt brauchen.
Abends kommen wir mit einer Gruppe junger deutscher Touristen ins Gespräch. Wir trinken griechischen Wein und die Kinder tollen in der Dunkelheit in Sichtweite am Strand herum. Alles verspricht, harmonisch und angenehm zu werden.

Dies sind die Situationen, die wir brauchen. Stressfrei, an der Natur, alle sind entspannt und gut gelaunt. Wir hoffen, etwas von dieser Atmosphäre in unseren deutschen Alltag hinüber retten zu können.

Fahrt in den Westen 13. Dezember 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pflegeeltern sollten ihren Pflegekindern so viel von der Welt zeigen, wie möglich. Sie sollen verstehen, dass es viele Völker und Sprachen gibt, die alle unterschiedlich sind, aber trotzdem nicht feindlich. Sie sollen merken, dass es ihnen gut gehen kann, viel besser als in der Herkunftsfamilie. Sie sollen ihre grausamen Erfahrungen in ihrer Kindheit vergleichen können mit einer Welt, die Schönheit und Harmonie bietet.

Heute Morgen steigen wir in den Mietwagen und fahren auf der Autobahn nach Westen. Bis nach Limassol säumen Fabriken und Industrie den Weg durch die Ebene. Auch Limassol interessiert uns nicht besonders. Dann geht es weiter am Rande des Troodos-Gebirges entlang bis nach Paphos, der Stadt mit historischem Stadtkern und dem Bezirk der Touristenhotels. Er erstreckt sich vom Strand bis an die Felsen , auf denen die Altstadt erbaut ist.

Wir beabsichtigen, eine Nacht im Hotel zu verbringen, bevor wir weiter in den Nordwesten fahren. Aber in der Herbstzeit sind fast alle Hotels und Restaurants zwischen Strand und Altstadt geschlossen. Wir haben Glück und bekommen am frühen Nachmittag ein preiswertes Hotelzimmer. Nachdem wir uns eingerichtet haben, ist das Bad im Mittelmeer ein Muss. Es ist warm und sonnig. Wir alle genießen das Nichtstun. Alle trüben Gedanken sind wie weggeblasen.

Abends nehmen wir den Bus, griechisch ‘leoforio’ genannt, in die Altstadt. Ich spüre nach einer Taverne, die so ganz anders ist als die Restaurants, die die Touristen anlocken. In einer Seitenstraße finde ich so eine Lokalität. Durch große Fensterscheiben erkenne ich, dass sich hier viele Einheimische aufhalten. Als wir eintreten, bietet sich das typische Bild: Kleine eckige Tische, eine Papiertischdecke, mit einem Gummiband unten zusammengehalten, mit Brotkrümeln übersät. Kaum haben wir einen Tisch ausgesucht, kommt der Wirt und begrüßt uns herzlich. Er wechselt die Decke, legt eine neue auf. Dann lädt er uns mit einem freundlichen “Come, come, see” ein, zum Tresen zu kommen, in dem sich alle möglichen leckeren griechischen Speisen befinden.

Jeannett und Sussann sind sich nicht sicher, aber wir nehmen sie an die Hand. Wir suchen die Speisen aus, indem wir auf die Töpfe deuten und jeweils “ena” sagen. Es klappt. Für die Kinder gibt es “Lemonada”, für uns “Himiglikos”, den halbtrockenen roten Wein.

Die ganze Zeit werden wir unaufdringlich aus den Augenwinkeln beobachtet, wie wir speisen. Wir sind hier die einzigen Nichtgriechen, oder anders ausgedrückt, Touristen, Fremde. Der Wirt erkundigt sich nach unserem Wohlbefinden.

Als wir unser Mahl beendet haben, nähert sich ein griechischer Zypriot unserem Tisch, in der Hand eine Untertasse mit Oliven. Kurz vor unserem Tisch macht er Halt und lässt den Teller mitsamt den Oliven fallen; der Teller zerspringt mit lautem Gescheppere. Der Mann reißt die Arme nach oben und ruft laut, mit einem Lachen im Gesicht “Ella!”

Die Kinder blicken verstört, Ruth ist erschrocken.

“Warum macht der Mann das?”, fragt Susann, als sie sich wieder gefasst hat. Zum Glück kenne ich die griechischen Sitten von früher.

“Er freut sich darüber, dass wir da sind”, erkläre ich. Und schon kommt ein neuer Teller mit Oliven, für die Kinder Lemonada und für uns Erwachsene je ein Wasserglas mit Ouzo, dem griechischen Anislikör.

Plötzlich erschallt laute Musik: Sirtaki, der griechische Volkstanz. Drei Männer kommen auf unseren Tisch zu, lachen freundlich, ergreifen unsere Hände und ziehen uns in die Mitte des kleinen Raumes, während die anderen schon die Tische beiseite geräumt haben. “Ella” erschallt es wieder aus zwei Dutzend Kehlen und man bringt uns zum Takt der Musik bei, wie man Sirtaki tanzt. Teller zerspringen auf dem Boden. Die Kinder tanzen mit, wir bewegen unsere Arme und Beine zum Takt der Musik, in einer, manchmal mehreren Reihen. Ab und zu bewegt sich einer der Männer in die Mitte, schwingt die Beine, schreitet, dreht sich, geht wieder zurück ins Glied. Die Kinder strahlen, bewegen Arme und Beine, tanzen mit jungen und alten Griechen. Es ist wie das Paradies.

Nach tanzen,Stunden ist es spät, Zeit für alle, nach Hause zu gehen. Der letzte Bus ist lange weg, also laufen wir den Berg hinunter, bis zu unserem Hotel. Der Portier begrüßt uns freundlich und mit einem vielsagenden Lächeln. Ob er etwas ahnt von unserem Erlebnis?

“Das war sooo schön”, beschließt Jeannett den Abend, “ich habe selten so viel getanzt! Ich mag die Griechen! Am liebsten möchte ich immer hier bleiben!”

“Au ja”, schließt sich Susann an, “Können wir nicht hier bleiben? Die Menschen sind so nett und ich mag so gern tanzen!”

Ich fühle mich erinnert daran, wie unsere Beiden auf der Terrasse tanzten, bei uns zu Hause. Wie glücklich sie waren, eine Familie gefunden zu haben.

“Ja, ihr Beiden”, wende ich mich an sie, “ich fand´s auch toll. Aber wenn´s am schönsten ist, soll man aufhören. Wir wohnen nun mal in Deutschland, da sind eure Freunde, da ist eure Schule. Behaltet den Abend in eurem Kopf, denkt immer daran, wenn es euch nicht gut geht. Dann wir alles nicht so schlimm.”

Die beiden sind jetzt ganz ruhig. Sie liegen zufrieden lächelnd in ihren Betten und bald sind sie eingeschlafen. Ich kuschele mich noch etwas an Ruth.

“Es war ein toller Abend, Nico”, flüstert sie mir zu. “So müsste es immer sein, fröhlich und unbeschwert.” Dann schlafen auch wir ein, erschöpft, aber glücklich.

Im Zusammenleben mit traumatisierten Kindern ist es so selten, glückliche Momente zu schaffen. Meist kommen sie ganz von selbst. So wie heute, als uns die Lebenslust der Griechen einfach mit riss und uns all unsere Probleme und Schwiegigkeiten vergessen machte. So wie Alexis Sorbas, der immer dann tanzte, wenn es ihm am schlechtesten ging. Es ist wie eine Therapie.

An diesem Abend ist es uns gelungen. Es ist uns gelungen, dass unsere Traumakinder ihre Herkunft und alle ihre seelischen Wunden vergessen. Sie einfach nur glücklich zu sehen, bedeutet uns so viel. Erst wenn der Alltag uns wieder hat, kommen die Probleme wieder. Wenn das endlose Gezerre der Herkunftsfamilie an ihnen wieder losgeht, wenn wir uns die so dringlich erforderliche Hilfe des Jugendamtes wieder einmal ausbleibt, wenn die Schule ihre Ansprüche stellt.

Unsere Kinder könnten so glücklich aufwachsen, wenn an uns nur machen ließe. Wenn man uns unterstützen würde. Aber Zuhause ist gerade so weit weg; nur schemenhaft schimmert es wie durch eine Milchglasscheibe in meinen Kopf. Wir genießen einfach nur unser Glück.

Flug in den Süden 3. Dezember 2011

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Pflegekinder sind selten verreist. Sie haben vielleicht einmal ein paar Tage mit der Heimgruppe an der Nord- oder Ostsee verbracht, aber in der Herkunftsfamilie war Urlaub meist nicht drin. Deshalb ist es immer ein Erlebnis, wenn Pflegekinder mit ihren Pflegeeltern verreisen. Auch wenn unsere beiden Mädel daran gewöhnt sind, mit dem Auto in Deutschland herumzufahren: Was jetzt ansteht, ist außergewöhnlich.

Schon Tage lang wurde Kleid gewaschen und beiseite gelegt. Dann wurden die Koffer gepackt mit leichten Tops und T-Shirts und kurzen Hosen. Keiner der Koffer durfte mehr als 20 Kilo wiegen. Wir bereiten uns auf unsere erste Flugreise vor; das Ziel ist Zypern, die Insel im Mittelmeer zwischen Türkei und Griechenland.

Endlich ist es so weit. Wir schließen die Tür ab und schaffen unser Gepäck zur Bahn. Von dort aus ist es eine Stunde bis zum Flughafen. Die Kinder platzen vor Nervosität und Neugier. Nach der Ankunft endlose Rolltreppen, die zum Abfertigungsgebäude führen. Schließlich stehen wir am Abfertigungsschalter. Unser Flug ist bereits aufgerufen.

“Es ist alles so groß hier”, staunt Jeannett, “aber es stinkt. Was stinkt hier so?”

“Das ist das Flugzeugbenzin”, erkläre ich ihr. “Später im Flugzeug wirst du nichts mehr davon merken.”

Schließlich sind wir dran. Ich präsentiere die Ausweise und die Flugscheine. Die Dame an der Abfertigung schenkt uns ein Lächeln. Wir tun das Gepäck auf die Waage, von wo aus es verschwindet. Susann ist beunruhigt.

“Was passiert jetzt mit unseren Koffern?”, fragt sie besorgt.

“Die werden jetzt ins Flugzeug geladen, damit ihr sie nicht zu tragen braucht”, erklärt ihr lächelnd die Check-In-Angestellte. “Wenn ihr in Zypern nkommt, bekommt ihr sie auf dem Flughafen wieder.”

Susann ist beruhigt. Sie lächelt.

“Das erste Mal?”, erkundigt sie sich bei mir. Ich nicke.

“Na dann, guten Flug und viel Spaß! Ihr Flug geht von Flugsteig acht.”

Wir bewegen uns auf die Sicherheitskontrolle zu und sind gleich dran. Ruth und ich legen unsere Taschen auf das Transportband, das durch den Durchleuchtungsapparat führt.

“Müssen wir unsere Rucksäcke auch da drauf legen?”, fragt Jeannet.

“Klar”, erwidert der Sicherheitsangestellte kurz. Wir lassen die Kinder zuerst durch die Sicherheitskontrolle. Sie stehen mit großen Augen vor dem Bildschirm, der den Inhalt ihrer Rucksäcke zeigt.

“Sieh bloß, Jeannett”, staunt Susann, “Man kann alles in meinem Rucksack sehen! Das Buch, meinen Kamm und sogar mein Kuscheltier!”

“Warum machen die das?”, fragt Jeannett. “Sie sehen ja alles, was ich mitnehme.”

“Ja, Jeannett, das muss sein”, erkläre ich ihr. “Es könnte ja sein, dass jemand etwas mitnimmt und andere damit bedrohen will.”

“So was wie eine Pistole?”

“Genau. Und das ist in einem Flugzeug natürlich gefährlich. Aber es passiert nur ganz selten.”

Während wir im Warteraum sitzen, erkunden die Kinder die Geschäfte und stehen an den Fenstern. Gebannt schauen sie den startenden, landenden und rollenden Flugzeugen zu. Dann ist es so weit. Der Flug wird aufgerufen. Alle Passagiere gehen zum Flugsteig. Die Bordkarten werden kontrolliert, wir laufen durch die angedockte Röhre zum Flugzeug. Die Stewardess begrüßt uns mit einem Lächeln. Wir finden unsere Plätze. Die Kinder sitzen am Fenster. Leise Musik erschallt aus den Lautsprechern. Schließlich sitzen alle Passagiere und die Türen werden geschlossen.

“Ihr müsst euch jetzt anschnallen”, erkläre ich den Mädchen. “Da sind die Gurte, die klickt man über dem Bauch zusammen.”

“Ich will mich aber nicht anschnallen!”, protestiert da Susann. “Ich will rumlaufen und mir alles ansehen!”

Schon hat sie ihren Gurt geöffnet, als die Flugbegleiterin mit freundlichem Blick die angelegten Belts kontrolliert.

“Machst du bitte deinen Gurt wieder zu”, sagt sie ihr freundlich, aber bestimmt. “Wenn wir starten, kannst du dich verletzen, wenn du nicht angeschnallt bist. Schau, alle Leute haben ihre Gurte zu.”

Susann schaut missmutig, aber sie tut, was man ihr sagt. Die Triebwerke heulen auf, die Maschine bewegt sich zur Startbahn und hebt mit rasendem Tempo ab. Susann versinkt in ihrem Sitz, während Jeannett aufrecht sitzend aus ihrem Fenster schaut. Sie ist gebannt. Wir haben Glück, es ist ein wolkenloser Herbsttag.

“Seht doch nur, wie wir über die Häuser fliegen! Jetzt da, der Hafen und die vielen, kleinen Schiffe! Die Autos sehen wie Spielzeug aus!”

Susann reckt sich ein bisschen und blickt auch aus dem Fenster. Es scheint ihr nicht ganz geheuer.

Dann kommt die Servicemannschaft mit Saft und einem Frühstück herum. Beide Kinder essen mit Appetit. Dann vertieft sich Susann in ein Buch, während Jeannett noch immer gebannt aus dem Fenster schaut, jedes vorbei fliegende Flugzeug begrüßt und versucht, festzustellen, wo wir uns gerade befinden.

Nach dreieinhalb Stunden befinden wir uns auf dem Anflug auf Larnaca. Jeannett gerät in Verzückung.

“Da, die ganzen weißen Häuser! Und das Meer, es ist so blau! Und der weiße Strand!”

Der Flieger legt sich in die Kurve, nimmt Kurs auf die Landebahn und Mutter Erde hat uns wieder. Wir verlassen das Flugzeug und schreiten endlose Gänge entlang zum Gepäckband. Die Kinder begutachten jedes einzelne Gepäckstück.

“Es ist immer noch nicht unsers. Aber da, jetzt ist er durch die Klappe gekommen! Ich will ihn vom Band nehmen!”

Da muss ich wohl etwas helfend eingreifen… Aber bald haben wir alle unsere Koffer zusammen und laden sie auf die Trolleys. Dann verlassen wir den bewachten Bereich durch eine automatische Tür. Die Mitarbeiterin des Reiseunternehmens begrüßt uns und geleitet uns zu einem Kleinbus, der uns ins Hotel bringt. Es ist heiß für einen Herbsttag. Im Hotel angekommen, beziehen wir unsere Zimmer. Kaum lohnt es sich, die Koffer auszupacken. Drei Tage werden wir hier im Osten der Insel verbringen und ihn mit einem Mietwagen erkunden.

“Papa, was ist das für eine Sprache, die die Leute hier sprechen?”, erkundigt sich Jeannett bei mir. “Sie sprechen etwas Englisch, das habe ich verstanden, aber was ist das andere?”

“Die Leute hier sprechen griechisch, weil Zypern mal zu Griechenland gehört hat”, erkläre ich. “Es ist eine sehr schöne Sprache.”

“Ja, die Buchstaben habe ich wiedererkannt”, freut sich Jeannett, “Die sind genau wie die in dem griechischen Restaurant, wo wir manchmal essen. Kannst du sie lesen?”

“Nur die Großbuchstaben”, gebe ich zu, “die anderen sind mir auch zu schwierig.”

“Was heißt ‘bitte’ auf griechisch?”, will Jeannett nun wissen.

” ‘Parakaló’ “, übersetze ich.

” ‘Parakaló’, ‘Parakaló’, ‘Parakaló’ “, übt Jeannett fleißig.

“Und was heißt ‘danke’?”, erkundigt sich Susann.

” ‘Ef charistó’ “, ist meine Antwort.

” ‘Ef charistó’, ‘Ef charistó’, ‘Ef charistó’ ” intonieren beide nun gemeinsam.

Abends schlendern wir vier noch zum Hafen und essen typisch griechisch. Die Mädchen nehmen ein Suflaki und ein Gyros, wie zu Hause. Ruth und ich lassen es uns mit einer Fisch-Meze und einer Flasche Himiglikos gut gehen. Wir sind gut angekommen.

Zugegebenermaßen: Unsere beiden Mädel haben sich gut geschlagen. So viele neue Eindrücke, der Klimaunterschied. Sie saugen all die Eindrücke begierig auf. Es ist ein Erlebnis, dass sie nicht kennen, das sie nicht einschätzen können. Es hätte schlimmer kommen können: Das Anschnallen im Flugzeug, die Leibesvisitation am Flughafen, all das hätte zu Abwehrhaltungen und Erinnerungen an frühere traumatisierende Situationen wecken können. Aber die positiven Eindrücke waren zu stark, die stressfreie Atmosphäre zu voll von Leichtigkeit des Seins, als dass sie auf trübe Gedanken kommen könnten.

Wir freuen uns auf einen spannenden, anregenden Urlaub in einem mit Geschichte und Naturschönheiten nur so strotzenden Land.

Gedicht für einen gefallenen Engel 14. September 2011

Posted by lehrergehrke in Die Wende.
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Dieses Gedicht zeigt in gefühlvoller Weise, dass ein durch Missbrauch traumatisierter Mensch seine Vergangenheit nie vergessen kann. Es berührt mich. Es zeigt mir, wie traumatisierte Mädchen fühlen.

Die Autorin hat mir die Zustimmung für die Veröffentlichung erteilt.

Brokendown Angel

I was a small girl with a face of an angel.

You were a huge man.

You were my hero, I looked up to you.

Everything was all right.

 

I loved you.

But then you did bad things to me.

Things that I couldn´t bear…

I became a brokendown angel

Brokendown angel, brokendown angel

But I loved you.

 

Those bad things are haunting me,

at night in my dreams,

the whole day through

if I try to live my life.

 

No man should touch an angel,

I was so small, I feel so small.

Brokendown angel, brokendown angel

But I loved you

 

Now I hate myself for loving you.

I will never love again…

So no one can me touch again in a way you did,

but I loved you.

 

I will always be a brokendown angel

I will always be a brokendown angel

 

Der verpfuschte Geburtstag 10. September 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Geburtstage sind für Pflegekinder von großer Wichtigkeit. Endlich stehen sie im Mittelpunkt und bekommen die Aufmerksamkeit, die sie sich immer wünschen. Denn in ihren Herkunftsfamilien waren Geburtstage nicht immer schön, es gab keine Geschenke oder der Anlass wurde ganz vergessen.

In unserer Familie gibt es zum Geburtstag einen Geburtstagstisch mit einigen Wunschgeschenken aber auch praktisch-schönen Dingen wie schön anzusehenden Kleidungsstücken oder fetzigen Stiften. Dann gehen wir zu Ehren des Geburtstagskindes in einen Wunschfilm oder etwas essen.

Heute macht uns aber etwas die Geburtstagslaune kaputt. Ruth findet in Susanns Hosentasche jede Menge Kleingeld.

“Susann, wo ist das Geld her?”, fragt sie sie.

Susann senkt den Kopf. “Weiß ich nicht.”

“Du musst doch wissen, woher das Geld ist”, insistiert Ruth.

Schweigen.

Wir nehmen uns Susanns Zimmer vor und werden fündig. Die kleine Dose, in der Ruth an der Waschmaschine das Kleingeld aus allen Hosentaschen sammelt, steht auf Susanns Schreibtisch, leer. Es ist eindeutig. Sie hat das Geld an sich genommen.

Wir beschließen, den Kinobesuch ausfallen zu lassen. Ruth ist sauer. Das können wir nicht einfach so ohne Folgen vorbei gehen lassen. Susann knallt die Tür zu ihrem Zimmer zu und vergräbt sich. Wenig später erscheint sie in der Küche und knallt uns einen Zettel auf den Tisch. Er ist groß, ein Teil einer Wundertüte.

Susanns erster Brief

“Jetzt könnt Ihr mir ja sagen, was wir kucken wollten”, steht da in ungelenken Buchstaben. Unterzeichnet ist er mit “eure Scheiß-Kuh Susann”.

Wir hatten aus dem Film eine Überraschung gemacht. Jetzt sind wir bestürzt über ihre Reaktion. Wir müssen einmal mehr erkennen, wie gering ihr Selbstbewusstsein ist. Sie fühlt sich schuldig.

Es dauert eine Stunde und Susann kommt in die Küche. Sie legt uns wortlos einen neuen Brief hin.

 

Susanns zweiter Brief

“Ich wollte mich entschuldigen, weil ich geklaut habe”, steht dort. “Es tut mir ganz, ganz, ganz doll leid. Ich wollte euch fragen, ob ihr die Entschuldigung annehmt?” An der Seite steht “Eure Tochter Susann”.

“Setz dich mal hin”, sagt Ruth leise. Jeannett ist nicht dabei, obwohl sie mit betroffen ist. Aber das geht nur uns drei etwas an.

“Wir finden es ganz toll, dass du dich entschuldigst”, beginne ich. “Du hast eingesehen, dass du einen Fehler gemacht hast, oder?”

Susann nickt mit gesenktem Kopf.

“Wir nehmen deine Entschuldigung an, du bist ja unsere Tochter. Aber du musst auch einsehen, Susann, dass uns jetzt nicht mehr danach ist, ins Kino zu gehen”, fahre ich fort. “Also freu dich an deinen Geschenken.”

Nach einer Pause des Schweigens beginne ich erneut.

“Was lernst du daraus, Susann?”

“Dass ich nicht klauen darf”, sagt sie leise.

“Und dass alles, was man tut und sagt, Folgen hat”, ergänze ich.

Susann nickt erneut. Wir umarmen uns zu dritt. Susann bleibt heute Abend in ihrem Zimmer. Der Abend vergeht ruhig.

Mir fällt auf, dass wir immer neue Formen finden, um mit solchen Situationen umzugehen. Wir wissen, dass Susann meist gar nichts mehr von dem weiß, was sie getan hat. Wenn sie dissoziiert, ist sie eine andere Persönlichkeit. Sie fällt zurück in ihr Verhalten aus der Zeit, als sie vernachlässigt und missbraucht wurde.

Aber dürfen wir sie deshalb nicht mehr auf ihr Handeln aufmerksam machen? Müssen wir alles ertragen? Ist es nicht eben gerade eine Form von Therapie, ihr ihr Fehlverhalten bewusst zu machen?

Irgend jemand sagte uns mal, dass der eigentliche Teil der Therapie bei uns zu Hause stattfindet. Wir müssen lernen, uns selbst nicht mehr so betroffen zu fühlen. Susann fehlt eben diese innere Kontrollinstanz. Es ist unsere Aufgabe, diese Kontrollinstanz aufzubauen, Stück für Stück und über eine Zeitspanne von Jahren. Heute haben wir wohl einen erheblichen Teil dazu geleistet. In dieser Hinsicht ist dieser Tag doch noch ein guter Tag, wenn auch kein lupenreiner “Geburtstag”.

Hilfe vom Pflegeelternverein 1. August 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pflegeeltern, die allein mit ihren Problemen klar kommen wollen, haben schlechte Karten. Sie sind bald verbrannt und im schlimmsten Falle führt ihre Überlastung dazu, dass sie die Kinder zurück geben müssen. Das ist dann ein weiterer Bindungsabbruch und stürzt sie in Schuldgefühle. Aber woher sollen Pflegeeltern wissen, welche Hilfen ihnen zur Verfügung stehen?

Durch Zufall stoße ich im Internet auf die Website Vereins für Pflegekinder. Dort gibt es eine Telefonnummer. Wir zögern zuerst, anzurufen. Wie wird man mit uns umgehen? Wird man uns verstehen? Sind wir vielleicht nur schlechte Pflegeeltern, nicht professionell genug, halten wir nicht genug aus?

Schließlich wagen wir es. Eileen Große ist die stellvertretende Vorsitzende und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Wir fassen sofort Vertrauen. Sie sichert uns zu, dass alles, was wir ihr anvertrauen, unter uns bleibt.

Eileen hört uns geduldig zu. Ihre Äußerungen zeigen uns, dass sie weiß, wovon sie redet.

“Ihr müsst erstmal sehen, dass ihr eine Auszeit kriegt”, rät sie uns. “Eure Kinder sind hoch traumatisiert. Kein Wunder, dass ihr so gestresst seid. Ihr seid wirklich nicht zu beneiden. Wir haben am nächsten Samstag ein Seminar für Pflegeeltern traumatisierter Kinder. Wollt ihr nicht kommen? Ihr könnt dann andere Pflegeeltern kennen lernen, die eure Situation kennen.”

Zunächst zögern wir. Was sollen wir mit den Kindern tun? Aber Eileen weiß Rat.

“Am nächsten Wochenende veranstaltet Wildfang ein Wochenende für Pflegekinder. Am Freitag geht´s los, ihr müsst die beiden bloß anmelden und sie hinbringen.”

Wir erkundigen uns sofort. Wildfang e.V. ist ein gemeinnütziger Verein, der Kinder- und Jugendfreizeiten unter dem Markennamen “ICanDo” speziell für Pflegekinder veranstaltet. Nie mehr als fünf Kinder kommen auf einen Betreuer, wenn erforderlich auch 1:1-Betreuung. Sie haben jede Menge kreativer Aktivitäten und jede Freizeit steht unter einem speziellen Thema wie Baseball, Survival oder Grusel&Spuk. Die Vorstellungen von Wildfang zur Integration schwieriger Kinder   sind genau die, die auch auf unsere Kinder zutreffen. Auch wenn der Preis für die Teilnahme hart an der Schmerzgrenze liegt: Wir buchen das Wochenende.

Am Freitag fahren wir zum Camp 50 km weit weg und bringen unsere Kinder. Die sind natürlich ganz aufgeregt: Das erste Mal allein “verreisen”, und das mit anderen Kindern zusammen, das ist etwas Besonderes. Der Leiter, Knuth Gründer,  und die Betreuer sind vertrauenswürdig und haben viel Erfahrung mit Pflegekindern. Für die Kinder ist wichtig, dass sie sich austauschen können über ihre Vorerfahrungen und die Erfahrungen in der Pflegefamilie. Eine wirklich ideale Konstellation.

Samstag ist für uns Seminar. Der Referent ist Oliver Hardenberg, Diplompsychologe und Gerichtsgutachter. Viel erfahren wir von ihm über traumatisierte Pflegekinder. Einige der Kernaussagen:

  • Traumatisierte Pflegekinder kann man nicht verwöhnen. Sie haben viel zuviel nachzuholen.
  • Es gibt das “Konzept des guten Grundes”: Es gibt immer gute Gründe für das Verhalten traumatisierter Kinder. Deshalb müssen Pflegeeltern ihre Pflegekinder mit ihren Erfahrungen stets ernst nehmen und gegenüber Ämtern und anderen Beteiligten und Entscheidungsträgern stets vom Kind her argumentieren.
  •  Pflegeeltern sind die Anwälte für ihre Pflegekinder. Sie sollen mit den Erwachsenen streiten anstatt mit den Kindern.
  • Aggression und das bewußte Kaputtmachen von Sachen resultiert aus der Identifikation mit dem ehemaligen Angreifer. Die Kinder inszenieren bewußt Situationen aus ihrem früheren Leben und übertragen sie auf die Pflegeeltern.
  • Die Pflegeeltern sollen die Aggression aufnehmen und sich mit den Kindern und deren Wut auf ihr früheres Leben verbünden und bewußt Partei ergreifen.
  • Pflegekinder, die traumatisiert wurden, sind in der Regel “pseudoautonome” Kinder: Sie leugnen die Eltern-Kind-Beziehung. Sie machen aber die Pflegeeltern zu Eltern, wenn sie das brauchen (Anrede Mama/Papa).
  • Auch wenn die Herkunftseltern die Macht haben, das Pflegeverhältnis mit zu gestalten, heißt das noch nicht, dass die Kinder ihnen gehören. Das Kind gehört sich selbst und nicht den Eltern.
  • Die Weigerung, zu essen, ist eine geschickte Weigerung, sich durch die (Pflege-) Eltern ernähren zu lassen. Das Wegnehmen und Verzehren von Lebensmitteln bedeutet die feste, auch erlernte Absicht, für sich selbst zu sorgen und der Umwelt zu zeigen, dass man die anderen nicht braucht.
  • Man sollte Lügen nicht zu ernst nehmen. Immerhin handelt es sich dabei um eine Kulturtechnik, die gesellschaftlich gang und gäbe ist.Kinder lügen, um Bestrafungen zu vermeiden. Ebenfalls kann es sein, dass sich das Kind fremd vorkommt, wenn es lügt. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat ein traumatisiertes Kind in frühester Kindheit gelernt, zu lügen, so dass es für es Normalität geworden ist.

Diese Grundsätze sind eigentlich selbstverständlich, aber in den Stresssituationen, in denen Pflegeeltern sich häufig befinden, gehen sie einfach verloren. Uns haben sie die Augen geöffnet.

In den Pausen haben wir die Gelegenheit, mit anderen Pflegeeltern zu reden. Es ist immer wieder dasselbe: Aggression, Diebstahl, Unordnung, ärger mit dem Jugendamt und der Herkunftsfamilie. zum ersten Mal erfahren wir: Wir stehen nicht allein da mit unseren Problemen.

Abends gönnen Ruth und ich uns ein schönes Essen in unserem Lieblingsrestaurant. Wie lange hatten wir das schon nicht mehr! Zum ersten Mal nach Jahren geht es uns wieder gut und wir sind entspannt.

Am nächsten Tag holen wir Jeannett und Susann aus dem Wochenendcamp ab. Sie haben uns viel zu erzählen von ihren Aktivitäten und Erlebnissen aber auch von den anderen Kindern.

“Stellt euch mal vor”, resümiert Jeannett, ” es gibt Kinder, denen ist es noch viel schlechter ergangen als uns.” Eine Erkenntnis, die zuerst die zuerst beklemmend, aber dann ausgesprochen beruhigend wirkt.

Es ist ein Glück, dass wir Eileen und die anderen kennen gelernt haben. In diesen paar Tagen haben wir mehr erfahren als in den letzten Jahren. Wir wissen: Wir stehen nicht allein. Das gibt uns mehr Ruhe und Kraft im Umgang mit den Kindern.

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