jump to navigation

Tante Sarahs Geburtstag 17. Februar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , ,
add a comment

Traumatisierte Pflegekinder haben meist jede Bindung verloren. Weil sie von ihre Eltern vernachlässigt und missbraucht worden sind, übertragen sie diese Erfahrungen auf die gesamte Erwachsenenwelt. Die Pflegeeltern haben es schwer, wieder eine Bindung an ihre Familie herzustellen.

Wie oft haben wir die Befürchtung, dass es nie etwas werden wird, dass Susann und Jeannett wieder sicher gebunden sein werden. Aber wir haben manchmal die Hoffnung. Durch Dinge wie diesem schöpfen wir wieder Kraft:

Susanns Bild für Tante Sarahs Geburtstag

Da geht uns das Herz auf! Sie ist, so scheint es, in unserer Familie angekommen. Sie hat ein Zuhause gefunden. Wir sind überglücklich!

Toben und Kuscheln 9. November 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , , ,
add a comment

Pflegeeltern traumatisierter Kinder müssen ständig auf alles gefasst sein. Eine Achterbahnfahrt ist ein harmloses Ereignis gegen das Leben mit ihnen. heute ist so ein Tag.

Ruth hat sich frei genommen, um sich mit einer Freundin zu treffen. Der Abend gehört nur den Mädels und mir. Eigentlich hatte ich vor, es uns so richtig gemütlich zu machen an diesem lauen Sommerabend. Aber es kommt anders. Susann hat Berge von Müll unter ihrem Bett gesammelt.

“Sammle doch wenigstens das Papier raus und tu es in die Papiermülltonne”, bitte ich sie recht höflich.

“Ich denke nicht dran, warum immer ich!”, tobt sie. “Ich will nicht immer machen müssen, was du mir sagst!” Die Tür fliegt zu. Es ist still.

Zum Abendessen erscheint Susann. “Susann, ich bin jetzt sauer auf dich”, gebe ich ihr ruhig, aber bestimmt zu verstehen. “Ich mache dir jetzt ein Brot und einen Früchtetee und du kannst hier am Küchentisch essen.” Jeannett und ich essen auf der Terrasse.

Als wir fertig sind, kommt Susann heraus und kuschelt sich an mich.

“Papa, ich bin so traurig. In der Schule sind alle so böse mit mir. Sie nennen mich Susiseuche. Bin ich wirklich so anders als die?”

“Du bist anders als alle anderen”, versuche ich ihr zu erklären. “Schau, jeder Mensch ist etwas ganz Besonderes. Auch du bist etwas ganz Besonderes. Du liebst es, deine Haare im Wind wehen zu lassen, du bist ganz gefühlvoll und eigentlich möchtest du mit keinem Streit haben. Aber dann siehst du, wie eine Freundin von anderen mies behandelt wird und du möchtest ihr helfen. Das ist auch richtig. Aber dafür lieben dich die anderen nicht. Sie sind feige und fühlen sich nur in ihrer Gruppe stark. Deshalb sagen sie solche gemeinen Sachen.”

“Ja, aber was kann ich denn dagegen machen? Manchmal denke ich, ich müsste sie einfach verdreschen.”, erwidert sie.

“Susann, nicht alle Menschen sind lieb und freundlich. Das ist auch bei Erwachsenen so, die können auch ganz schön gemein sein.

“Ich weiß”, sagt sie traurig, “meine richtige Mama und Papa waren auch oft ganz schön gemein zueinander. Ich habe dann immer Angst bekommen und wollte am liebsten weg.”

“Siehst du, und bei Kindern ist es dasselbe”, fahre ich fort. “Es ist nicht schön, und ich weiß, dass dich so etwas an deine Familie erinnert. Such dir die Kinder aus, die zu dir halten und tut euch zusammen gegen die, die dich nicht leiden können.”

“Ja, das mache ich”, strahlt sie. “Ich weiß auch schon, mit wem ich mich verstehe.”

“Na siehst du, und nun geh ins Bett, es ist schon spät”, beschließe ich die Situation. “Und denk immer dran, dass es viele Menschen gibt, die dich so lieb haben, wie du bist. Mama, ich, Tante Sarah, Oma, all diese Menschen haben dich sehr gern.”

“Bringst du mich noch ins Bett?”, fragt sie  leise, als wollte sie sagen, eigentlich bin ich dafür ja schon zu alt.

Klar, bringe ich sie ins Bett und singe ihr nach den Zähneputzen noch zwei Lieder zur Gitarre. Sie ist glücklich und schläft sanft ein.

Susann schwankt in ihren Gefühlen ständig hin und her. Sie ist eben noch aggressiv und tobt, im anderen Augenblick ist sie anhänglich und emotional und sucht die Liebe der ganzen Welt. Es ist kein Wunder, denn in ihrem Zuhause hat sie sie nie bekommen.

Jugendämter mögen es unprofessionell nennen, aber das einzige, was diese vernachlässigten Kinder brauchen, ist ein sicheres, liebevolles Zuhause, Aufmerksamkeit und Verständnis. Sie erfahren zum ersten Mal bei uns, dass jemand bedingungslos zu ihnen steht. Dann können sie sich so richtig fallen lassen und versuchen, wieder eine Bindung aufzubauen, die ihnen so fehlt.

Geburtstagsnachfeier in Hameln 18. September 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Wenn jemand an seinem Geburtstag krank ist oder er mitten in der Woche liegt, feiert man ihn nach. Und jeder, der das tut, befindet sich in der guten Gesellschaft der englischen Königin, die ihren Geburtstag, der mitten im Winter liegt, regelmäßig im Sommer nachfeiert.

Warum also sollen wir Susanns Geburtstag, der so missglückt ist, nicht nachfeiern? Die Szenerie ist harmonisch. Wir fahren nach Hameln und treffen Ruths Familie. Schon im Auto sind Jeannett und Susann voller hoffnungsfroher Erwartung.

“Ich freu mich so”, strahlt sie,” das ist viel besser als mein richtiger Geburtstag, wenn alle da sind, Oma, Tante Sarah und Tante Erika.”

Als wir ankommen, gibt es erst einmal ein großes Abendessen mit allem, was wir aus Hameln kennen: Mettwurst, Hackepeter oder “Feuerwehrmarmelade”, wie sie dort für die Kinder heißt, Schmalz und Knackwurst aus der Dose. Man erzählt sich die neuesten Geschichten aus der Familie, die Kinder hören gespannt zu. Dann folgt die große Bescherung für Susann. Oma hält für Susann einen unten Hula-Hupp-Reifen als Geschenk bereit. Susann probiert ihn sofort , als hätte sie vorher nie etwas anderes getan. Von Tante Erika, die trotz ihres hohen Alters noch fit ist, gibt es einen selbst gestrickten Pullover, von Tante Sarah eine neue Puppe, zu der Tante Erika aus den Wollresten ein paar Röckchen und Pullover gestrickt hat. Susann strahlt vor Freude.

“Wie soll denn nun dein Püppchen heißen?”, fragt Tante Erika neugierig. Susann überlegt einen Moment.

“Sie soll Sarah heißen”, schießt es dann aus ihr heraus. Alle applaudieren anerkennend, selbst Jeannett, und Tante Sarah wird etwas rot im Gesicht.

“Ich bin schon müde”, meldet sich Jeannett, “ich geh ins Bett.”

“Ich auch” stimmt Susann lächelnd zu, beide verabschieden sich brav und verschwinden auf den Dachboden, wo sie, wenn es im Frühling schon warm ist und sie so gern nebeneinander auf den Matratzen schlafen.

Am nächsten Tag gibt es ein Frühstück für alle mit Schinken und Eiern. Die Mädels bekommen zur Feier des Tages einen großen Becher Kakao und er kann nachgefüllt werden. Auch Oma, der das Haus gehört, ist guter Dinge. Sie streift durch den Garten, genießt die Sonne und hat eine gute Idee.

“Wollen wir nicht mal grillen, so wie es Opa immer in der Laube gemacht hat?”, fragt sie mich. “Ich habe da noch ein paar Würstchen und etwas Grillfleisch im Kühlschrank.” Klar stimme ich zu.

Als es auf Mittag zu geht, wird der Grill angeheizt, der in der offenen Laube steht. So wie es Opa immer machte, als er noch lebte. Ich bin stolz, seine Rolle übernehmen zu dürfen. Jeannett und Susann stehen dabei.

“Darf ich auch mal ein paar Würstchen wenden” , fragt sie mich. “Au ja, ich auch!”, schaltet sich Susann ein. “Klar, Jeannett wendet die Würstchen und Susann die Fleischscheiben. Aber seid vorsichtig, es ist heiß.”

Vorsichtig, aber ziemlich professionell tun sie ihre Arbeit und strahlen ob der Verantwortung, die sie übertragen bekommen haben. Nach kurzer Zeit beginnen sie gemeinsam damit, den Tisch in der Laube zu decken. Alle versammeln sich wieder und ich versorge sie mit dem Grillgut. Natürlich gibt es Pommes rot-weiß für die Kinder. Sie sind entzückt.

Nachmittags beschließen wir, die Frühlingssonne zu genießen. Wir schlendern in die Altstadt, wo das Denkmal des Rattenfängers steht und das alte Rathaus unsere Bewunderung auf sich zieht. Danach gehen wir an der Weser spazieren. Die Kinder tollen herum und freuen sich an der Sonne.

Wieder zu Hause, gibt es Kaffee und Kuchen. Es ist eine schöne, lockere Atmosphäre. Die Kinder gehen zur Pferdekoppel und vergnügen sich dort. Bald sind sie hier auch bekannt als die Kinder, die von weit her kommen und bei ihrer Oma zu Gast sind.

Abends dürfen sie fernsehen, bis sie ins Bett gehen. Das ist immer etwas besonderes, das zu Hause nicht so oft vorkommt. Der Rest der Familie unterhält sich angeregt, bis der Abend fortgeschritten ist und alle sich zur Ruhe begeben.

Am nächsten Tag nach dem Frühstück fahren wir heim.Wir verabschieden uns, die Kinder werden in den Arm genommen. Sie gehören zu unserer Familie.

“Es war so schön!”, freut sich Susann während der Fahrt. Auch Jeannett stimmt freudestrahlend zu.

“Das Schönste finde ich, dass ich jetzt ein Kind habe. Sarah ist jetzt mein Kind.” Und sie wiegt die Puppe in ihren Armen.

Wenn ich daran denke, was Susann schon durchgemacht hat, finde ich es erstaunlich, dass sie es schafft, ihrem “Ersatz”kind Liebe geben kann. Versucht sie etwas aufzuarbeiten und besser zu machen?

“Wißt ihr, was ich am Schönsten finde?”, bemerke ich, während ich den Gang wechsle. “Ihr habt euch nicht einmal in Hameln gestritten.” Beide lächeln, Jeannett nimmt ihre kleine Schwester in den Arm. Sie gehören zusammen und beide zu uns, das kann niemand bestreiten.

Die Reise nach Hameln hat uns näher zusammen gebracht. Es war Familie zum Anfassen, wie es sein sollte, jeder steht für den anderen ein. Harmonisch und ruhig. Familie kommt nicht vom Himmel gefallen oder ist genetisch bedingt. Zwar ist es die stärkste Bindung, die Menschen haben können, aber jeder macht mit seiner Familie die ersten Bindungserfahrungen. Wer in der Kindheit vernachlässigt oder missbraucht wird, hält das für die Normalität.

Für traumatisierte Kinder, die in eine Pflegefamilie kommen, ist Harmonie und Liebe erst einmal keine Normalität. Vielleicht macht es ihnen Angst und sie versuchen, die alte Situation zu provozieren. Es dauert Jahre, ehe sie die Situation begriffen haben und eine Bindung aufbauen; manchmal gelingt es ihnen nie.

Daran aber denken wir im Moment nicht. Wir freuen uns einfach an der Harmonie und genießen sie in vollen Zügen. Es war ein glückliches Wochenende.

Susann kämpft um unsere Liebe 20. August 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Dürfen Pflegeeltern ihre Pflegekinder lieb haben? Dürfen sie zu ihnen ein emotionales Verhältnis aufbauen? Die Mitarbeiter der Jugendämter mögen das wohl für unprofessionell halten. Wie aber sollten sonst vernachlässigte Kinder lernen, wieder eine Bindung aufzubauen?

In manchen Fällen stellt sich diese Frage nicht, weil die Pflegekinder diese Entscheidung für sich treffen. Susann hat entschieden und uns ihre Entscheidung mitgeteilt und ihrerseits Liebe eingefordert. Susann hat das mit einem Brief getan, den sie mir zusteckt.

Susann fragt, ob wir sie liebenNachdem herausgekommen ist, dass Susann Ruths Füller weggenommen und kaputt gemacht hat, befürchtet sie wohl, dass Ruth sie nicht mehr so akzeptiert wie früher. Das macht ihr zu schaffen. Mich benutzt sie dabei als Vermittler. Sie will eine Antwort.

Also warten wir auf eine günstige Situation, in der Susann entspannt und ruhig ist. Wir nehmen sie in den Arm.

“Du weißt doch, dass wir dich lieb haben”, beginne ich. “Mama hat dich genauso lieb wie ich, auch wenn sie manchmal traurig und enttäuscht ist.”

Wir halten uns drei ganz fest.

“Natürlich habe ich dich auch lieb”, versichert Ruth. “Was immer kommt, du weißt, dass wir uns gemeinsam für dich einsetzen und dir immer helfen.” Wie Ruth das sagt, kommt es aus vollem Herzen und es macht ebenso klar, dass sie und ich zusammen stehen. Eine Tatsaache, mit der Susann noch klar kommen muss.

Susann löst sich langsam, weint einige Tränen des Glücks und setzt sich zu Ruth auf den Schoß. Das tut sie nicht oft.

“Ich habe dich auch lieb”, sagt sie leise. Wie sie dort so sitzt, angeschmiegt an Ruth, sieht sie aus wie ein Baby, das sich die Zuwendung holt, die es braucht. Sie braucht uns als Familie und kann es doch manchmal kaum ertragen, so eng dazu zu gehören.

Es ist für uns nicht einfach für uns zu ertragen, wie schnell sich Susanns Zustand ändert. Sie kämpft darum, mit allen Fehlern akzeptiert zu werden und ihre Verfehlungen tun ihr leid. Wir wissen aber: Innerhalb von Minuten kann sich die Situation ins Gegenteil verkehren, sobald wir Erwartungen an sie äußern, wie ihr Zimmer aufzuräumen. Auch für uns ist es eine ganz neue Erfahrung und gibt uns einen Einblick in die Konflikte, die in ihrem Inneren toben. Wir sind erwachsen und wir sind Profis; wir müssen es aushalten können.

Jeannetts Geburtstag 21. April 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Kindergeburtstage sind immer etwas Tolles – wie es sich gehört, besonders für die Kinder. Die Eltern organisiern, dass die Kleinen bespaßt werden und der Nachwuchs kann fast alles tun, was ihm gefällt.

Jeannett hat viele Freunde aus der Klasse und Schule eingeladen und das Haus ist voll. Dazu sind noch die Verwandten aus Hameln gekommen, Pflege-Oma Pflege-Opa und Pflege-Tante. Auch die anderen Omas und Opas sind erschienen, aber sie halten es nicht lange aus. Der Krach ist zu groß und so sind sie nach dem Kaffeetrinken, als es etwas turbulent wird, wieder weg.

Es ist ein wunderschöner Junitag. Topfschlagen und Schokoladenwettessen sind dabei. Dann rufe ich zur Dorfrallye auf. Sorgsam habe ich Aufgaben erprobt, zusammengestellt und über Computer ausgedruckt. Der Bahnübergang darf nur bei offener Schranke überquert werden. Überall gibt es Informationen, die zusammen zu tragen sind. Zum Schluss muss ein Wassereimer gefüllt und mit nach hause gebracht werden.

Jeannett hat ihre Gruppe fest im Griff. Sie will bestimmen, was passiert und welche Aufgaben zuerst erfüllt werden sollen. Aber die anderen machen da nicht immer mit. Als sie zurückkehren, ist Jeannet sauer. Ihre Gruppe hat nicht gewonnen. Sie verkriecht sich in ihr Zimmer und schmollt.

Erst, als die Würstchen und Putenbrustfilets auf dem Grill schmoren, läßt Jeannett sich wieder blicken. Sie ist ruhiger, drängt sich nicht mehr in den Mittelpunkt. Die Atmosphäre ist entspannt und auch Susann ist zufrieden. Bis alle Eltern ihre Kids abgeholt werden und man noch etwas geplaudert hat, ist es Mitternacht.

Heute haben wir dazu gelernt: Selbst Kindergeburtstage sind bei traumatisierten Kindern anders. Allein die Tatsache, dass der Ehrentag gewürdigt und nicht einfach vergessen wird, ist etwas Besonderes. Dass es Geschenke gibt, endlich wie bei anderen Kindern auch, ist auch nicht üblich gewesen. Jeannett hat sich vorgestellt, dass sie den ganzen Tag im Mittelpunkt steht und hat dabei vergessen, dass es ihre Schwester ja auch noch gibt. Die beschwert sich bitterlich darüber, dass Jeannett auch ihre gemeinsamen Freunde eingeladen hat und befürchtet, dass sie sie ihr wegnehmen könnte.

So zieht sich das Thema Konkurrenz zwischen den Geschwistern und Kampf um Aufmerksamkeit durch die Pflegeeltern wie ein roter Faden durch die bisherigen Wochen unserer Pflegschaft. Immer geht es um das Thema, dass die leiblichen Eltern der beiden nicht in der Lage oder willens waren, ihnen die nötige Aufmerksamkeit und Fürsorge zu geben. Diese missratenen Bindungsversuche übertragen sie nun auf uns und befürchten, dass wir nicht beiden geben können, was sie brauchen. Jede einzelne von ihnen befürchtet, hintenan stehen zu müssen. Jede von ihnen will endlich im Mittelpunkt stehen können.

Konkurrierende Familien 30. Januar 2011

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
Tags: , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Bekommt die leibliche Familie erst einmal Einfluss auf die Pflegefamilie, ist eine Konkurrenz unausweichlich. Das erfahren wir heute gerade.

Jeannett telefoniert mit ihrer leiblichen Familie. Susann ist dort angekommen. sie hustet asthmatisch.

“Die rauchen hier alle so viel.”, erklärt sie uns.

Jeannett und Susann erzählen sich gegenseitig, was sie zu Weihnachten bekommen haben. Dabei scheint es uns so, als ob sie sich gegenseitig übertreffen wollen. Susann hat immerhin ein Handy samt Karte erhalten. Zwar hat Jeannett schon lange ein Handy, aber es ist ein Unterschied. Sie hat mein altes, noch völlig funktionsfähiges Handy und eine Prepaid-Karte dazu und bekommt alle drei Monate eine Aufladung von 15 Euro. Wenn sie mehr telefonieren will, gibt sie mir 5 Euro und bekommt dann die nächste Aufladung schon nach zwei Monaten. Susann verfügt über nicht genug Geld, um es aufladen zu können. Dass vergisst Jeannett gern, wenn sie sich darüber beschwert, dass ihr Handy nicht so hipp ist.

Susann erwähnt leise, dass sie von uns ja nichts zu Weihnachten bekommen hätte. Sie hat vergessen, dass sie von uns ein Buch bekommen hat. Die Weihnachtsfeier in der Wohngruppe war ja schon Anfang Dezember. Kein Wunder, dass sie es nicht mehr mit Weihnachten in Verbindung bringt…

Tags drauf wird Jeannett Sigrid, unserer ältesten Pflegetochter gegenüber aggressiv. Ich hab Sigrid von ihrem Wohnort 350 km weit entfernt am Heiligen Abend mit dem Auto abgeholt. Sie musste bis 14 Uhr arbeiten und hat nicht genug Geld, um sich die Fahrt zu leisten. Jeannett hat das sehr genau bemerkt.

“Ich habe genau gehört, dass du mit Mama und Papa über mich geredet hast!”, fährt sie sie an.

Jeannett leidet darunter, dass sie auf einmal nicht mehr allein im Mittelpunkt steht. So hat sie sich das wohl nicht vorgestellt. Sicher glaubt sie, dass ihr das in ihrer leiblichen Familie nicht passieren würde. Und sie möchte in ihrer leiblichen Familie auch eine gewichtige Rolle spielen. Es beginnt eine Zeit, in der sie orientierungslos zwischen ihren beiden Familien hin und her gerissen wird. Wie sich das äußert und was das für das nächste Jahr bedeutet, können wir jetzt noch nicht einmal erahnen.

Alle für Susann 10. Dezember 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Welche Rolle spielt die Verwandtschaft der Pflegefamilie für ein Pflegekind? Wie stellen sich die Verwandten darauf ein, ein neues, fremdes Familienmitglied zu haben? Können sie es akzeptieren?

In unserem Falle ist Susann noch immer ein Teil unserer Verwandtschaft. Alle haben Jeannett vorbehaltlos angenommen. Sie haben unsere Erklärungen bereitwillig angenommen, wenn wir ihnen erklärt haben, dass sie nicht sind wie andere Kinder, wenn sie Dinge weggenommen haben, die eigentlich nicht ihre eigenen sind. Und noch jetzt ist Susann in Gedanken mit dabei.

Meine Schwägerin Sarah hat Geburtstag. Alle sitzen in Hameln um den Kaffeetisch. So auch Tante Erika, Ruths Tante. Sie ist weit über achtzig, rüstig und von liebenswerter Direktheit in ihren Äußerungen. Wenn sie die Wahrheit sagt, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, holt sie sich schon mal eine blutige Nase in der Familie. Aber das hält sie nicht davon ab, ihre Meinung zu sagen.

Tante Erika sitzt mir gegenüber.

Es platzt aus ihr heraus, direkt und unverblümt.

“Was machen wir denn nun mit unserer kleinen Hexe zu Weihnachten?”

Alles blickt verständnislos.

“Naja”, fügt sie erklärend hinzu, “ich meine Susann.”

Wir erklären, dass wir es nicht für gut halten, wenn Susann für die Festtage mit uns verbringt. Es gibt noch viel zu viele emotionale Betroffenheiten. Gerade Weihnachten ist dafür nicht der richtige Zeitpunkt, wir wollen keine Situation provozieren, die darin endet, dass wir sagen müssen: Es geht noch nicht. Das wird verstanden und es bricht eine Diskussion los, ob man Susann Päckchen schicken könnte und wie man ihr zeigen kann, dass sie noch zur Familie gehört.

Es zerreißt mich innerlich. Ich muss den Raum verlassen, Tränen stehen mir in den Augen. Ich kann diesen Gegensatz nicht aushalten. Ich denke daran, was uns in dem anstehenden Hilfeplangespräch erwartet. Das Jugendamt und die Einrichtung arbeiten, wie sie es nennen, “professionell”, für sie ist Susann ein Fall unter vielen. Wenn die Einrichtung über Weihnachten schließen will, muss eine Beurlaubung her. Es geht nicht um den Sinn oder Unsinn einer pädagogischen Maßnahme. Schlimm, dass wir uns einmal mehr schuldig fühlen, als die jenigen, die den Kontakt zu Susann verweigern. Wir sind diejenigen, die Entscheidungen nach sorgfältiger Abwägung treffen. Wir müssen erkennen, dass gute Gründe für Jugendamt und Einrichtung nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Und dann das hier. Menschen, die sich Gedanken machen, die Susann längst verziehen haben, die sie im Kreis der Familie behalten. Für die sie, trotz ihrer vielen Unzulänglichkeiten, ein wertvoller Mensch ist, dem eben nur das Schicksal in frühester Kindheit übel mitgespielt hat.

Was für ein Gegensatz! Ich bin stolz auf meine Familie in diesem Augenblick. So muss Familie sein: Zusammenhalten, auch in schlechten Zeiten, verzeihend, ein Hort der Gemeinsamkeit, der die Basis für die Existenz ist, nicht Existenz gefährdend. Vielleicht zu viel Nähe für Susann und ein Beispiel dafür, wie es auch in ihrer Kindheit hätte sein können und müssen. Ich weiß: Das kann sie nicht aushalten.

Verlust 1. Dezember 2010

Posted by lehrergehrke in Die Wende.
Tags: , , , , , ,
1 comment so far

Es ist immer hart, wenn Pflegeeltern ein Pflegekind weggeben müssen. Emotionen werden wach, Situationen entstehen wieder. Gut, wenn man diese in einfache, klare Worte fassen kann, kurze, die so viel ausdrücken. Wave hat das getan und mir erlaubt, sie zu veröffentlichen. Sie drücken alles aus, was notwendig ist, zu sagen. Sie drücken zugleich Mut aus und das, was ich Wendepunkt nannte.

Verlust

Wir haben gekämpft

Gegen ihn
Für ihn
Mit ihm
Um ihn

Wir haben verloren

Ihn
Uns

Nun legen wir die Waffen nieder

Um ihn vor uns zu schützen.
Um uns vor ihm zu schützen.
Um zu schützen, was uns bleibt.

Jemand hat einmal folgende Zeilen geschrieben, seit vielen Jahren habe ich sie täglich vor Augen:

„Was bleibt
wem Fallobst nicht reicht
als die kurze Leiter
zu stellen ins Blau
und – den Spöttern zum Trotz-
zu wagen den Sprung“

Wir sind gesprungen…
…und dieses Mal…
…sind wir gefallen…

Wave

Winterstiefel, oder: Wie man einen unnötigen Streit provoziert 14. November 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
Tags: , , , , , , , , , , , ,
7 comments

Es gibt Themen, über sie es sich lohnt, einen Streit mit seinem (Pflege-)Kind zu inszenieren. Häufig aber steht der Erfolg in keinem Verhältnis zum Aufwand.

Ein solcher Streit schwelt in unserer Familie. Es ist kalt in diesen Tagen, zwei Grad über Null. Trägt man solcher Tage Halbschuhe oder sollten es eher Winterstiefel sein?

Ruth ruft mich morgens an, während ich mich gerade auf den Unterricht einstimme.

“Ich finde, Jeannett könnte ruhig Halbschuhe tragen. Sie ist gerade mit ihren Winterstiefeln losgegangen. Findest du das richtig?”

“Warum kümmerst du dich darum?”, frage ich zurück. “Warum streitest du dich wegen solcher Lappalien? Warum ist das so wichtig für dich?”

“Aber sollten wir nicht darüber bestimmen, was passiert? Warum unterstützt du mich nicht?”

Ruth ist aufgebracht. Ich versuche sie, zu beruhigen.

“Ist es denn nun wirklich so wichtig, welche Schuhe sie trägt? Schließlich ist es ja nicht mehr Sommer! Mach dir keine Gedanken, es wird schon alles gut. Überlass es einfach mir.”

Ruth resigniert. “Naja, wenn du meinst. Ich kann ja doch nichts machen.”

Das gefällt mir nicht. Es ist mir nicht gelungen, sie zu überzeugen. Wir werden das Thema später noch einmal bearbeiten müssen.

Es gibt zwei wichtige Grundsätze für (Pflege-)Eltern:

  1. Frage dich, ob das, was du durchsetzen willst, es wirklich wert ist, darüber in eine Auseinandersetzung zu gehen. Die meisten Konflikte entstehen um Dinge, die zu unwichtig sind, darüber zu streiten.
  2. Fordere nie etwas, was du nicht begründen oder durchsetzen kannst. Das heißt nicht, dass jede Forderung in eine unbefristete Diskussion münden muss. Wichtig ist, dass du vor dir selbst einen guten Grund für dein Verlangen finden kannst. Und schließlich nutzt dir keine Anweisung etwas, die du nicht durchsetzen kannst. “Sonst bekommst du eine geklebt” ist für Pflegeeltern z.B. keine Konsequenz, die sie tatsächlich einhalten könnten oder dürfen. Frag dich immer, ob die Konsequenz nicht mehr Schaden anrichtet, als deine Anweisung Positives herbei führen würde.

Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Aber sie sind Menschen, die eine eigene Wahrnehmung haben und, wie jeder Mensch, ihre Interessen durchsetzen wollen. Schlimmstenfalls werfen sie sich vor der Supermarktkasse auf den Boden und schreien, um ein paar Süßigkeiten zu bekommen. Dieses Interesse ist zwar verständlich aber nicht angemessen und berechtigt, wenn zu Hause ihre Schüssel mit Süßigkeiten wartet.

Erwachsene haben die erzieherische Pflicht, ihren Kindern beizubringen, dass es sinnvoll sein kann, auf eigene Interessen zu verzichten oder deren Erfüllung auf später zu verschieben. Verzicht war in Kriegszeiten oder Zeiten des Mangels völlig normal. Heute, in Zeiten des Überflusses in unseren Breiten muss dieser Verzicht hart erlernt werden. Welche Schuhe man trägt, ist sicherlich keine Entscheidung für oder gegen Verzicht, denn die Schuhe sind ja da. Es ist nichts weiter als das Ausfechten eines in diesem Falle völlig unsinnigen und überflüssigen Machtkampfes.

Ein Hilfeplangespräch muss her! 5. November 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,
19 comments

Pflegeeltern haben das Recht, ein Hilfeplangespräch zu beantragen. Deshalb greifen wir zu diesem Mittel, um endlich festzulegen, was mit Susann in der Wohngruppe weiter passiert. Es kann nicht sein, dass ihre Traumatisierung einfach nicht zur Kenntnis genommen wird. Wir wollen endlich konkret festgelegte Hilfe für unsere Kleine. Wir fühlen uns verantwortlich. Deshalb schicken wir ihrer Sachbearbeiterin ein Schreiben:

Antrag auf außerordentliches Hilfeplangespräch für Susann

Sehr geehrte Frau Schwerdtfeger,

als Beteiligte an der Hilfeplanung für Susann beantragen wir ein außerordentliches Hilfeplangespräch zur Korrektur der bestehenden Hilfeplanung.

Wir beantragen, folgende Punkte im Hilfeplangespräch aufzunehmen:

Momentane Situation in den Besuchskontakten zwischen Susann einerseits und uns als Bezugspersonen sowie ihrer Schwester Jeannett andererseits

Begründung:

Während eines mit der Einrichtung vereinbarten fünftägigen Besuchs Susanns bei meiner Schwägerin in Hameln hat Susann nachweislich fünf Überraschungseier aus dem Vorrat meiner Schwägerin entwendet, verzehrt und die enthaltenen Spielfiguren an Jeannett verschenkt. Jeannett hat ausgesprochen aufgebracht und enttäuscht reagiert. Sie verweigert derzeit weitere Kontakte. Im Verlauf eines Telefonats mit Susann hat sie den Vorgang vehement geleugnet und schließlich das Gespräch abrupt beendet. Die Einrichtung ist informiert.

Ziel:

Orientierung am Kindeswohl durch folgende Maßnahmen:

Erstellung eines konkreten Vorgehens in solchen Fällen, insbesondere die Einbindung der Einrichtung in der professionellen Aufarbeitung der Besuchskontakte mit uns, Vorbereitung weiterer Besuchskontakte, insbesondere Planung von Besuchen während der Weihnachtszeit (unter Berücksichtigung der emotionalen und traumatischen Belastung im Zusammenhang mit der in dieser Zeit stattgefundenen Straftat des Kindesvaters in Anwesenheit beider Kinder).

Psychotherapeutische Behandlung von Susann im Rahmen einer speziellen Traumatherapie mit dem Ziel, Susann zu helfen, ihr Trauma zu akzeptieren und damit umzugehen, um weitere dissoziative Handlungen zu verhindern. Feststellung, dass eine Verhaltenstherapie keine ausreichende Hilfe darstellt. Abwägung einer stationären Therapie.

Einbeziehung aller Bezugspersonen in die therapeutischen Maßnahmen

(Wieder einmal versuchen wir, wie schon so oft, endlich eine einheitliche Hilfe für Susann herbei zu führen. Wir sind uns sehr wohl darüber klar, dass der Kindesvater auf Grund seines Sorgerechtes zustimmen muss. Der vom Vormundschaftsgericht verlangte Runde Tisch mit allen beteiligten Fachleuten hat nie stattgefunden, weil das Jugendamt das Zustandekommen verschleppt hat. Wenn der Kindesvater jetzt aber erneut seine Zustimmung verweigern würde, hätten wir gute Chancen auf Entzug des Sorgerechtes. Dann könnte Susann endlich geholfen werden.)

Pflichten der betreuenden Einrichtung bei Besuchskontakten

Begründung:

Susann hatte bei den bisherigen Besuchen weder ein Ausweispapier noch die Krankenkassenkarte dabei. In Notfällen kann die Person, in deren Verantwortung sich Susann befindet, weder nachweisen, daß Susann sich berechtigter Weise in ihrer Verantwortung befindet noch eventuelle medizinische Maßnahmen einleiten.

Ziel:

Die Einrichtung gibt Susann die Krankenkassenkarte, den Kinderpass und/oder eine Bescheinigung mit, aus der hervor geht, dass sich Susann berechtigter Weise in der Verantwortung der jeweiligen Person befindet.

(Es ist schon ein starkes Stück, und es ist uns erst sehr spät aufgefallen. Wenn Sarah während Susanns Besuch hätte nachweisen müssen, dass sie sich berechtigter Weise in ihrer Obhut befand, hätte sie keine Chance gehabt. Wäre Susann krank geworden, wäre das ebenfalls ein Problem geworden. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn sie z.B. durch einen Unfall nicht mehr in der Lage gewesen wäre, zu entscheiden und Susann in die Obhut der Polizei genommen worden wäre.)

Besuchskontakte mit dem Kindesvater

Begründung:

Die Kontakte zum Kindesvater haben seit dem letzten Hilfeplangespräch zugenommen. Wie ich in meinem letzten Schreiben bereits ausführte, besteht das Risiko einer Retraumatisierung auf der Basis von hochambivalenten Bindungswünschen, die eine Desorientierung des Bindungsverhaltens fördern und verfestigen.

(Will sagen: Susanns häufigen Kontakte zum Kindesvater bringen sie völlig durcheinander. Wie kann man ihr zumuten, mit diesem Kriminellen, der Susann so viel Leid angetan hat, immer wieder konfrontiert zu werden? Aber hier geht es nicht um das Wohl des Kindes, sondern um das Recht der leiblichen Eltern, das in so vielen Fällen als wichtiger angesehen wird. Natürlich steht auch dahinter, einer gerichtlichen Auseinandersetzung auszuweichen. Es muss erst wider etwas passieren. Dabei ist schon etwas passiert. Wir sehen Susanns Verhalten und Verstörung als unmittelbare Folge der Kontakte zu ihrem leiblichen Vater an. Zwar verweigert sie die Kontakte nicht. Wie könnte sie auch, in diesem Konflikt zwischen leiblichen und Pflegeeltern.)

Susanns Verhalten während des Besuches bei meiner Schwägerin bestätigt unsere Ansicht, dass die Kontakte mit dem Kindesvater sich keinesfalls förderlich, sondern eher negativ auf ihre Entwicklung auswirken. Ihre Reaktion auf die Konfrontation mit ihrem Verhalten lässt auf eine multiple Persönlichkeit auf Grund vielfältiger Traumatisierungen schließen.

Ziel:

Beschränkung der Kontakte zum Kindesvater auf höchstens monatliche Telefonate in Absprache mit Jeannett als Susanns Schwester und uns als deren Pflegeeltern

In Ihrem Schreiben vom x.xx.xxxx haben Sie die Zusammensetzung der Anwesenden beim Hilfeplangespräch begründet. Sie haben dabei das Kindeswohl in Bezug auf Susann nicht berücksichtigt, insofern, als Susann während des ganzen Hilfeplangespräches anwesend war und ihr zugemutet wurde, einen Loyalitätskonflikt zwischen Pflegeeltern, Kindesvater und Vertreterin der Einrichtung auszuhalten, anstatt ihr ein Recht auf Schonung zuzugestehen. Wie ich bereits in meinem letzten Schreiben ausführte, ist es nicht im Sinne des Kindeswohls, die Teilnahme des Kindes am Hilfeplangespräch wortwörtlich zu nehmen. Die Einbeziehung des Kindes in die Hilfeplanung kann beispielsweise auch durch eine vorher gehende Befragung sicher gestellt werden.

(Immer wieder wird von den Jugendämtern ohne Rücksicht auf die seelische Lage der Pflegekinder verlangt, dass diese am Hilfeplangespräch teilnehmen. Wie sollen sie das aushalten? Namhafte Fachleute machen immer wieder klar, dass dies die Kinder in einen für sie unlösbaren Konflikt bringt. Bei den Jugendämtern ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen.)

Aus diesem Grunde halten wir es für erforderlich, Susann bei sensiblen Inhalten wie z.B. die Auswirkung der Besuchskontakte des Kindesvaters auf ihre Entwicklung und ihr Verhalten nicht am Gespräch teilnehmen zu lassen. Organisatorisch sollte sich das Gespräch in einen Teil gliedern, bei dem Susann anwesend ist und sich äußern kann und einen zweiten, in dem die Auswirkungen und fachlichen Erfordernisse diskutiert werden.

Wir ziehen jedoch eine Befragung Susanns am Standort der Einrichtung in Vorbereitung auf das Hilfeplangespräch vor. Eine Konfrontation mit ihrem Verhalten und ihrer Entwicklung während des Hilfeplangespräches halten wir für schädlich, nicht zielführend und mit dem Kindeswohl nicht vereinbar.

(Manche Jugendämter ziehen eine Befragung des Kindes einer Anwesenheit beim Gespräch vor und es lohnt sich immer, dies beim Sachbearbeiter anzuregen

Wir regen an, Jeannett als die leibliche Schwester Susanns in die Hilfeplanung mit einzubeziehen, da sie von allen Festlegungen, die getroffen werden, mit betroffen ist.

(Der Amtsschimmel wiehert: Da das HPG Jeannett nicht betrifft, sie im Amtsdeutsch keine “Beteiligte” ist, soll sie auch nicht teilnehmen. Lösung: Das Geschwister einfach mitnehmen, wenn man es für richtig hält, z.B. um einen Eindruck des seelischen Zustandes zu vermitteln,)

Bei der Terminierung des Hilfeplangespräches bitten wir Sie, die Nachmittagsstunden (ab 15 Uhr) zu nutzen, da wir vormittags dienstlich gebunden sind. Zur Absprache eines Termins stehen wir jederzeit unter den oben genannten Telefonnummern zur Verfügung.

(Da werden wir noch unser blaues Wunder erleben!)

Wir fragen uns immer wieder, warum die Sachbearbeiter häufig den Sachverstand, die Erfahrungen und die Beobachtungen der Pflegeeltern nicht mit einbeziehen. Ob man ihnen in ihrer Ausbildung sagt, dass Pflegeeltern nichts anderes als Dienstleister für die Jugendämter sind?

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 102 other followers