Gemeinsame Sache 28. Februar 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Entwenden, Fachleute, Familienhelferin, Geschwisterkinder, kriminelle Energie, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Portemonnaie fehlt, schicksalhaft, Verbünden
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Geschwisterkinder werden in Pflegefamilien gemeinsam vermittelt, “weil sie ja niemanden sonst als sich selbst haben”. Pflegeeltern von Geschwistern stellen immer wieder fest, besonders zu Anfang der Pflege, dass die Kinder sich gegenseitig stützen, auch gegen die Pflegeeltern verbünden. Was wir allerdings erleben, ist die verkehrte Form des Verbündens.
Wir kehren vom Einkauf zurück. Alle Türen stehen offen. Frau Sossna, die Familienhelferin, unterstützt heute die Kinder mit den Schulaufgaben. Als wir herein kommen, finden wir sie und die Kinder stehend am Wohnzimmertisch, vor sich ihre Handtasche.
“Ist was passiert?”, erkundigt sich Ruth.
“Kann man wohl sagen”, antwortet Frau Sossna. “Ich war nur eben draußen am Auto, um meinen Kalender zu holen. Als ich zurück komme, finde ich meine Handtasche offen. Das Portemonnaie fehlt.”
Die Kinder senken ihre Köpfe.
“Wo ist das Portemonnaie?” frage ich scharf.
Jeannett verschwindet und kommt wenig später mit dem Portemonnaie wieder. Frau Sossna kontrolliert ihr Portemonnaie. Zwölf Euro bleiben verschwunden. Wir werden das Geld vom nächsten Taschegeld abziehen.
Die Sache hat sich, unserer Rekonstruktion nach, so abgespielt:
Frau Sossna geht zu ihrem Auto, um den Kalender zu holen. Das bekommen die Kinder mit. Jeannett stellt sich an die Eingangstür und schiebt Wache, während Susann das Portemonnaie aus der Handtasche holt. Jeannett kommt zurück und versteckt es in ihrem Zimmer.
Was wir heute erlebt haben, ist schon die Ausgeburt krimineller Energie. Natürlich besprechen wir die Sache mit den Kindern, aber die mauern. Es scheint, als ob der Rückfall in ihre alten, traumatischen Persönlichkeiten ausgerechnet zeitgleich stattgefunden haben und zusammengefallen sind.
Wir kennen keinen Weg, um solche Aktionen zu verhindern. Sie scheinen schicksalhaft über uns herein zu brechen. Auch andere, Pflegeeltern und Fachleute, mit denen wir reden, können uns nicht helfen.
Höchste Zeit für Hilfen 3. Februar 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Bezugspersonen, Einzelfallhilfe, Fachleute, Jugendamt, Missbrauch, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Therapeut, Traumatherapie, Vernachlässigung
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Pflegeeltern befinden sich manchmal in Situationen in denen es höchste Zeit für Hilfen ist. Wir wollen keine Einzelkämpfer sein, haben uns Unterstützung vom Pflegeelternverein gesucht. Wir durchblicken so langsam die Hintergründe. Damit scheinen wir dem Jugendamt etwas voraus zu haben.
Susann zeigt immer mehr Symptome von früherem Missbrauch und Vernachlässigung. Immer wieder drückt sie Tintenpatronen aus, färbt damit ihre Wäsche und alles mögliche andere blau ein. Müll stapelt sich knietief in ihrem Zimmer. Wir vermuten einmal mehr sexuellen Missbracuh.
Wir haben einen Termin beim Jugendamt mit Frau Schilling. Sie stellt uns Frau Sossna vor, die die Einzelfallhilfe bei uns durchführen soll. Ihre Aufgabe soll sein, uns zu entlasten, indem sie sich wechselseitig um die Kinder kümmert, Hausaufgaben mit ihnen macht, mit ihnen zur Bibliothek geht und sich allgemein mit ihnen beschäftigt, so dass nicht immer wir die einzigen Bezugspersonen darstellen.
Danach besprechen wir mit Frau Schilling über die Traumatherapie. Ein Therapeut steht in den Startlöchern. Wir wollen ein gemeinsames Treffen mit ihm, Frau Schilling und Frau Meyer-Frankenfeldt.
“Ich habe mit Frau Meyer-Frankenfeldt telefoniert. Sie möchte kein Treffen mit einem anderen Therapeuten”, berichtet sie. “Damit ist ein Gespräch wohl fruchtlos. Es wäre besser, wenn Sie mit Frau Meyer-Frankenfeldt kooperieren würden.”
Es ist schon schlimm. Die Fachleute sind sich untereinander nicht einig und versuchen, ihre Pfründe zu schützen. Das Wohl der Kinder kommt bei ihnen nicht vor. Das Schlimmste, was ihnen passieren kann, sind Pflegeeltern, die sich informieren und eine eigene Meinung vertreten. Immer geht es um Geld. Geld, das das Jugendamt nicht zur Verfügung hat und deshalb billige Lösungen wie die Einzelfallhilfe den teureren wie einer Traumatherapie vorzieht. Geld, das Therapeuten generieren und auf das sie nicht verzichten wollen.
Wir wollen endlich die notwendige, richtige Hilfe für unsere Kinder! Sie sind keine Melkkühe! Sie haben schon genug Schlimmes erlebt in ihrer Kindheit, waren mit Eltern gestraft, die sie vernachlässigt und missbraucht haben! Helft ihnen endlich uneigennützig!
Therapie contra Schule? 7. Januar 2012
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: dissozialive Persönlichkeitsstörung, Fachleute, Förderprogramme, Grausamkeiten, Hausaufgaben, Herkunft, Lernvoraussetzungen, Opfer, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, posttraumatische Belastungsstörung, Schulaufgaben, Schulbesuch, Therapeutin, Therapie, Todesängste, Trauma, traumatische Erfahrungen, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Vernachlässigung, Vertretungsunterricht, Zukunftschancen
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Traumatisierte Pflegekinder haben viele Pflichten. Sie sollen in der Schule so funktionieren wie jedes andere Kind auch. Aber sie können es nur mit Unterstützung. Daneben sollen sie ihr Trauma und ihre belastenden Erlebnisse aus frühester Kindheit aufarbeiten. Das kostet Zeit.
Susann hat dreimal pro Woche psychotherapeutische Sitzungen. An drei Tagen kommt sie aus der Schule und fährt mit Bus und Bahn zur Therapeutin. Im Winter bringe ich sie und hole sie wieder ab. Wenn wir zu Hause sind, ist es meist ziemlich spät und sie ist meist nicht mehr in der Lage, irgend welche Hausaufgaben zu bewältigen. Das ist besonders schwierig, wenn in der Schule die Hausaufgabenstunden entfallen, weil Lehrer für Vertretungsunterricht eingesetzt werden.
Heute haben wir mehrere Schulprobleme. Susann bekommt einen vollen neuen Pinselsatz für den Kunstunterricht, weil der, den sie zum Anfang des Schuljahres bekommen hat, spurlos verschwunden ist.
Das Arbeitsheft für den Deutschunterricht hat Susann in der Schule gelassen. Sie kann die Hausaufgaben nicht machen.Außerdem fehlen noch zwei Hausaufgaben. Sie muss sie nachholen.
So einfach ist das aber nicht. Um sieben Uhr kommt sie von der Therapie, völlig ausgelaugt. Die Therapie verlangt ihr alles ab. Sie dreht das Unterste zuoberst. Immer braucht sie eine Stunde mindestens, um sich zu erholen, schläft meist auf dem Rückweg im Auto ein. An Schulaufgaben ist nicht mehr zu denken. Also gebe ich ihr ein Entschuldigungsschreiben mit, das die Situation schildert.
“Wissen Sie”, hat mir die Klassenlehrerin neulich verdeutlicht, “bei uns wird jeder Schüler gleich behandelt. Jeder muss die Anforderungen der Klassenstufe erbringen, wenn er das Klassenziel erreichen will. Wir können da keine Ausnahme machen.”
Schule ist grausam und sie bereitet auf die Grausamkeiten des Lebens vor. Wer nicht ins Schema passt, fällt raus. Zwar gibt es Förderprogramme für alles Mögliche, aber diese beseitigen nicht die Ungleichheiten in der sozialen Herkunft. Kinder wie unsere, die in ihrer Kindheit um Leib und Leben fürchten musste und die ständig Todesänsgte ausstanden, sind in der Schule von vornherein benachteiligt und damit ihrer Zukunftschancen beraubt. Sie haben einfach nicht dieselben Voraussetzungen wie Kinder, die unter friedlichen Bedingungen aufgewachsen sind un im Elternhaus gefördert worden sind.
Was ist für ein traumatisiertes Pflegekind wichtiger? In der Schule mitzukommen und erfolgreich zu sein? Das hieße, dass die Voraussetzungen dafür erfüllt wären: eine unproblematische Herkunft, die Förderung im Elternhaus, eine kindliche Unbeschwertheit. Von diesen Voraussetzungen sind traumatisierte Kinder weit entfernt.
Oder ist es wichtiger,die Zeit, die eigentlich für die Schule zur Verfügung stehen müsste, in therapeutische Behandlungen zu investieren? Es gibt eigentlich keine Frage: Die Therapie soll die traumatischen Erfahrungen bearbeiten und die Grundlage für einen erfolgreichen Schulbesuch legen. Sie ist daher vorrangig. Jedoch scheint es uns so, dass die Therapie die Schule eher behindert, weil sie so zeitintensiv ist.
Was ist wichtiger? Therapie oder Schule? Ich habe keinen Zweifel daran, dass diese Frage falsch gestellt ist. Für ein traumatisiertes Kind, das unter einer posttraumatischen Belastungsstörung und einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung leidet, das mit Flashbacks aus der Zeit der Vernachlässigung zu kämpfen hat, sind die Bedingungen, schulische Leistungen im existierenden System zu erbringen, nicht erfüllt. Es muss möglich sein, dass diese Kinder anderen Bewertungsmaßstäben unterliegen. Dass Lehrer, Jugendamt und Therapeuten an einen Tisch setzen und die Hilfemaßnahmen miteinander abstimmen.
Mir ist völlig klar, dass ich einem Traum nachjage. So lange Fachleute wie Therapeuten und Pädagogen sich nachweislich weigern, zusammen zu arbeiten und Institutionen und Schulabschlüsse wichtiger sind, als die bloße Kenntnisnahme von ungleichen Lernvoraussetzungen, werden die, die schon einmal Opfer waren, wieder zu Opfern gemacht. Das Helfersystem scheitert an den Bedingungen, unter denen es arbeitet.
Schulprobleme 21. September 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Über-Ich, chaotisch, Fachleute, Geduld, Lehrer, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Psychologen, Schulsystem, Taschengeld, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Verständnis
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Nahezu alle Pflegeeltern kennen die Situation: Die Lehrerin ruft an und beschwert sich über das Verhalten oder die Leistungen des Pflegekindes. Haben Lehrer Recht, wenn sie das tun? Sollen Pflegeeltern ihre Pflegekinder schützen?
Heute ist so ein Tag. Die Lehrerin ruft an. Susann habe die Federtasche einer Klassenkameradin auf dem Klo versteckt, worauf hin diese unwiederbringlich verschwand. Außerden hat Susann das Mathe-Arbeitsblatt, das sie zu morgen bearbeiten soll, nicht da. Also versuchen wir das zu klären.
“Susann”, beginne ich, “wie war das mit der Federtasche? Was ist da passiert?”
Susann lässt den Kopf hängen. “Ich weiß auch nicht. Die anderen haben mich angestiftet, und dann hab ich´s einfach gemacht. Sonst hätten sie mich womöglich verprügelt.”
“Susann, was sagt deine Mitschülerin jetzt dazu? Ich glaube, du hast keine Freundinnen gewonnen, sondern eine verloren.”
“Ja, kann sein. Ich kann mich ja bei ihr entschuldigen.”
“Und du musst ihr eine neue kaufen. Von deinem Taschengeld.”
Susann nickt unmerklich.
Dann geht´s an die Hausaufgaben. In Susanns Aufgabenheft steht bei Mathe: “Arbeitsblatt beenden”. Aber das Arbeitsblatt ist verschwunden.
“ich habe es in der Schule unter dem Tisch vergessen”, gibt Susann zu. Also beginnen wir in aller Ruhe, Susanns Zimmer aufzuräumen. Und siehe da: Das Arbeitsblatt erscheint! Die Matheaufgaben sind gerettet.
Was sind die drei wichtigsten Aufgaben der Pflegeeltern an solchen Alltagen?
- Ruhe bewahren.
- Verständnis zeigen.
- Unterstützen.
Es nutzt nichts, zu ermahnen, zu verzweifeln, die Geduld zu verlieren. Traumatisierte Kinder handeln anders. Wir wissen, dass sie sich hinterher nicht mehr an ihr Verhalten erinnern können. Bei Susann ist die moralische Instanz, die die Psychologen “Über-Ich” nennen, kaum ausgeprägt. Deshalb müssen Pflegeeltern den Lehrern erklären und ihre Kinder schützen.
Traumatisierte Kinder können nicht dieselben Leistungen erbringen wie normal entwickelte Kinder. Die Welt in ihrem Kopf ist chaotisch und sie können sie nicht ordnen. Sie brauchen die Hilfe der Erwachsenen und von Fachleuten dazu. Für solche Kinder ist das Schulsystem nicht ausgelegt. Aber sie haben ein Recht auf Gleichbehandlung und Verständnis.
Die Meinung der Fachleute 26. August 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Aufmerksamkeit, Über-Ich, Bindungsabbruch, emotionale Bindung, Empathie, Fachleute, Inobhutnahme, Jugendamt, moralische Instanz, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Sozialisation, Supervision
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Pflegeeltern allein können manche Situationen nicht schultern. Sie wissen zu wenig und sind emotional zu sehr beteiligt. Das Verhalten von Pflegekindern wirft ihre gesamte Sozialisation über den Haufen. Sie kennen keine Erfahrungen, wie ihre Kinder sie machen mussten.
Also holen wir uns Hilfe. Wir konfrontieren Frau Meyer-Frankenfeldt, Susanns Therapeutin, befragen wir zuerst.
“Es ist ganz wichtig, dass Sie nicht so betroffen sind”, versucht sie, uns zu beschwichtigen, als wir ihr ihr von Susanns Ritzerei an der Haustür erzählen. Sie hat Nerven! Es ist ja nicht ihre Haustür. Es würde uns interessieren, was sie in diesem Fall sagen würde. Aber sie erklärt.
“Sie haben gelernt, was richtig und falsch ist. Die Mädchen haben so gut wie kein Über-Ich, keine moralische Instanz. Es ist ihnen nie vermittelt worden. Sie haben nur eine Möglichkeit: Thematisieren, Reden, Überzeugen. Vielleicht wäre es auch eine Variante, Jeannett für eine Weile weg zu geben, damit Sie wieder zu sich finden.”
Das wollen wir überprüfen. Also rufen wir noch am selben Tag Frau Wehrmann an, unsere ehemalige Sachbearbeiterin. Mit Frau Schilling können wir so sensible Themen nicht besprechen. Uns fehlt das Vertrauen in ihre Empathie.
“Susann kämpft um sie”, interpretiert sie unsere Schilderung der letzten Tage. “Sie will unbedingt bei Ihnen bleiben, aber sie kann es nicht ausdrücken. Deshalb startet sie alle möglichen unsinnigen Aktionen, um Sie auf die Probe zu stellen. Eigentlich will sie bloß ihre Aufmerksamkeit, sie will wissen, ob Sie wirklich bedingungslos zu ihr stehen.”
“Vielleicht wäre es eine Variante, Jeannett für eine Weile wegzugeben?”, deute ich an.
“Das halte ich nicht für eine gute Idee”, erwidert sie. “Das ist genau, was sie will, dann hätte sie ihr Ziel erreicht und sie hätte die Bestätigung dafür, dass sie unerwünscht ist.”
“Aber auch wir haben unsere Grenzen”, wende ich ein.
“Ach, wissen Sie”, räsoniert sie, “es gibt so viele Pflegeeltern mit den Problemen, wie sie sie haben, und viele haben nicht den Bildungshintergrund und die Erfahrungen wie Sie. Ihr Erfolg steht und fällt mit der Frage, ob Sie sich Hilfe holen. Sie brauchen unbedingt eine Supervision. Das müssen Sie bei Ihrem zuständigen Jugendamt beantragen.”
Wir sind uns dessen bewusst: Beantragung von Supervisionen werden von manchen Jugendämtern als Eingeständnis des eigenen Versagens interpretiert.
Haben uns die Ratschläge der Fachleute nun weiter geholfen? Sie haben ja Recht, sie sind auch guten Willens, aber sie können sich nicht richtig in unsere Situation hinein versetzen. Ich glaube, wir müssen die Kinder an dem Entwicklungsstand abholen, an dem sie stehen. Das heißt, wir müssen Susann als Vierjährige akzeptieren.
Das Ganze ist aber viel komplizierter. Susann versucht immer wieder, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie meint, wir kümmern uns zu häufig um Jeannett. Sie will uns für sich, einzig und allein. Und sie weiß, dass das nicht geht.
Wie auch immer wir es drehen und wenden: Es war verkehrt, die beiden in dieselbe Familie zu vermitteln. Nun sind bereits fast vier Jahre vergangen und die Zeit ist nicht zurückzudrehen. Beide haben bei uns ihre Heimat gefunden. Wir könnten uns vorstellen, dass eins der Mädchen in einer befreundeten Pflegefamilie aufgenommen wird und wir mit ihr in ständigem Kontakt bleiben würden. Aber das bedeutete einen erneuten Bindungsabbruch, ein neues Eingewöhnen. Am Wichtigsten: Das Jugendamt lässt sich auf solche Gedanken nicht ein. Bei einer Inobhutnahme, die das ja nun rechtlich bedeutete, wären wir ohne Einfluss. Das wäre das Letzte was wir wollten.
Der Name an der Tür 22. August 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Angst, dissoziativ, dummer Streich, Fachleute, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, ritzen, Sachbeschädigung
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Was ist Sachbeschädigung? Kann man Pflegekindern beibringen, dass sie Dinge, die anderen etwas bedeuten, nicht einfach beschädigen darf? Sind sie sich dessen bewusst, dass es überhaupt einen Schaden darstellt?
Heute entdecken wir, dass Susanns Name an unsere gläserne Haustür geritzt ist. Es ergäbe keinen Sinn, wenn Jeannett Susanns Namen dort verewigt hätte. Wir sind überzeugt: Susann war es.
“Ich war es nicht”, beteuert sie. Es ist eine dieser dissoziativen Handlungen, derer sie sich nicht bewusst ist.
Wie schlecht muss es Susann gehen, wie groß muss ihre Angst sein, uns verlassen zu müssen. Ist es ein dummer Streich oder ist es ein Hilferuf? Ich beschließe, dass wir alle verfügbaren Fachleute danach befragen werden. Noch morgen.
Einschulung-Ausschulung 30. Mai 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Einschulung, Fachleute, Kognition, Leistung, Leistungsanforderungen, Mittelpunkt, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Schulamt, schulpflichtig, Schulsystem, Schultüte, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder, Ursachenforschung, Zurückstellung
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Schule ist für Pflegekinder immer ein zweischneidiges Schwert. Einerseits bedeutet es ein neues soziales Umfeld, in dem sie neue Erfahrungen sammeln und Gleichaltrige treffen können. Andererseits können sie den Leistungsanforderungen oft nicht genügen. Viel zuviel haben sie mit ihrer Vergangenheit zu tun. Außerdem sind sie immer in einem Erklärungsnotstand. Warum wohnst du nicht bei deinen Eltern? Warum wohnst du bei fremden Leuten? Was sind Pflegeeltern? Warum heißen deine Mama und dein Papa anders als du? Nicht einmal die Lehrer können solche für die Kinder wichtigen Fragen beantworten.
Es ist Susanns erster Schultag. Sie ist stolz in ihrem hübschen Kleidchen und mit der prall gefüllten Schultüte. Ein neuer Füller, eine Federtasche, Bunt-, Blei- und Filzstifte und ein paar Süßigkeiten. Es gibt eine Feier in der Schule, die anderen Klassen singen und führen ein Theaterstück vor. Dann lernen die Schulanfänger ihren Klassenraum und die Klassenkameraden kennen. Danach geht es im Familienkreise in ein Restaurant zu einem kleinen Mittagessen. Susann steht im Mittelpunkt. Das gefällt ihr. Jeannett ist ruhig und etwas zerknirscht. Sie ist nicht der Mittelpunkt heute.
Die nächsten Schulwochen verlaufen angespannt. Susann begreift, dass der Kindergartenbesuch in den Wochen zuvor eine andere Qualität hatte. Schon die Struktur des Schulalltages fordert sie bis an die Grenzen. Sie ist nervös und unkonzentriert, entweder hyperaktiv oder völlig apathisch in Gedanken versunken. Die Lehrer wissen nicht weiter, informieren uns dringlich wieder und wieder. Sie erwarten, dass wir etwas tun, dass wir das tun, wovon sie nicht wissen, was es sein könnte. Sie sind überfordert.
Also entscheiden wir, dem grausamen Spiel ein Ende zu setzen. Aber so einfach ist das nicht. Wer einmal eingeschult ist, ist schulpflichtig. Also muss ein Termin beim Schulpsychologen gemacht werden, zu dem Susann begutachtet wird. Daraus wird ein Bericht verfasst, der dem Schulamt zugeleitet wird. Das Schulamt entscheidet dann über eine mögliche Zurückstellung.
In unserem Fall wird entschieden, dass Susann noch ein Jahr die Vorschule des Kindergartens besucht und dann wieder eingeschult wird. Wir besprechen alles ganz genau und ruhig mit Susann. Von ihr ist eine Last genommen, aber das Problem ist nur verschoben. Nach einem Jahr gibt es eine erneute Einschulung; die Schultüte fällt nicht so reichhaltig aus. Aber wäre es nicht gemein, sie ohne Schultüte am ersten Tag teilnehmen zu lassen? Auch wenn sie den Beginn der Schule schon kennt.
Zu diesem Zeitpunkt sind wir noch absolut naiv. Wir kennen die Gründe nicht, aus denen Susann die Schule nicht bewältigt. Wir wissen viel zu wenig über ihre früheste Kindheit, und das, was wir kennen, können wir nicht richtig einschätzen. Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht, dass Susanns Entwicklung um Jahre verzögert ist. Wir wissen nicht, warum Susann manchmal aggressiv und manchmal zurückgezogen in der Schule reagiert. Fachleute machen sich nicht die Mühe der Ursachenforschung. Noch viel weniger wissen es die Lehrer. Und so bessert sich nach der zweiten Einschulung nicht wirklich etwas.
Das Schulsystem ist nicht für benachteiligte, traumatisierte Kinder gemacht. Es orientiert sich an der “Normalität”, und die, die unauffällig durchs Leben gehen. Unsere Pflegekinder werden immer, stets und ständig, in diesem auf Kognition und Leistung orientierten Schulsystem benachteiligt sein. Diese Erkenntnis ist schwer, aber sie spiegelt die Realität wider.
Sexuelle Anmache 22. März 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Anmache, Fachleute, Interessen vertreten, Jugendamt, Lolitasyndrom, Missbrauch, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, sexuelle Handlungen, sexueller Missbrauch, sprachlos
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Es gibt untrügliche Zeichen für sexuellen Missbrauch von Kindern. Leider werden diese jedoch auf die körperlich nachweisbaren Folgen reduziert. Was aber ist mit den kleinen Seelen, die zerstört werden?
Als wir in die Geschichte userer beiden Mädel Einblick erhielten, wurden die Fachleute in diesem Punkt unsicher. Es könne schon sein, aber es hätten sich keine eindeutigen Beweise finden lassen. Wir meinen, sie gefunden zu haben.
Es ist Zeit für´s Abendessen, alle sitzen um den Tisch in der Küche herum und speisen. Nach dem Essen blödeln wir mit den Kindern noch etwas herum, alle sind fröhlich und lachen. Jeannett schmiegt sich an mich und kuschelt. Dann setzt sie mich auf meinen Schoß, die Beine gespreizt, ihr Röckchen nach oben geschoben. Sie beginnt, unzweideutige Bewegungen auszuführen, bis Susann sie herunter schubst.
“Ich will jetzt auch mal, Jeannett!”, äußert sie lautstark und beginnt mit demselben Spiel. Ich hebe sie vorsichtig herunter und stelle beide neben mich.
“Jetzt hört mir mal zu, ihr beiden”, beginne ich mit ernstem Ton, und beide merken, dass das, was ich zu sagen habe, wichtig ist.
“Das was ihr da eben beide gemacht habt, ist für Erwachsene. Ein Papa macht so etwas nicht mit seinen Töchtern. Schmusen und Toben ist okey. Aber wenn der Papa sagt, ‘Jetzt ist’s genug’, dann hören wir auf. Ist das okey?”
Beide blicken verschämt auf den Boden und sind ganz ruhig. Als ob sie sich an irgend etwas erinnert fühlten.
“So, und nun macht euch fertig für´s Bett. Ich spiele euch auch noch ein Lied vor, wenn ihr euch beeilt.”
Ruth und ich sind sprachlos. Was war das für ein Spiel? Habe ich richtig reagiert, ohne den beiden mein Entsetzen zu zeigen? Hätten wir die Situation stärker thematisieren müssen? Auf solche Situationen bereitet kein Jugendamt die Pflegeeltern vor. In ihrem Repertoire kommen solche schambesetzten Situationen nicht vor.
Jahre später erfahren wir in einem Seminar für Pflegeeltern das Fachwort für dieses Verhalten. Es heißt “Lolita-Syndrom”. Allgemein wird der Begriff eher auf Männer angewendet, die sich zu jugendlichen Frauen hingezogen fühlen. In der Psychologie beschreibt er jedoch das Verhalten von Kindern, allermeistens Mädchen, die Erfahrungen mit sexuellem Missbrach gemacht haben. Um Schlimmeres zu verhindern, bieten sie sich dem männlichen Erwachsenen an, in der Hoffnung, dass er damit zufrieden ist und keine weiter gehenden sexuellen Handlungen an ihnen vornimmt.
Ab heute ist es für uns klar. Die Mädchen sind missbraucht worden. Wir wissen auch, dass kein Arzt, kein Therapeut und kein Gericht der Welt diese Situation als Beweis gelten lassen würde. Wir wissen auch, dass sich die Folgen des Missbrauches auf die Psyche unserer beiden Pflegekinder in ihrem Verhalten zeigen werden. Es wird nicht einfach werden. Und es schweißt uns stärker mit diesen beiden geschundenen Kreaturen zusammen. Für uns ist ab jetzt klar, dass wir rückhaltlos die Interessen unserer Mädels vertreten werden, egal ob vor dem Jugendamt oder gegenüber anderen Entscheidungsträgern. Uns ist auch klar, dass wir sehr wahrscheinlich schon jetzt mehr über sie wissen, als alle anderen.
Ab jetzt sind wir Teil einer Entwicklung, von der wir nicht wissen, wie sie ausgehen wird.
Wir lecken die Wunden 25. Dezember 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Einfluss, Fachleute, gelähmt, leiblicher Vater, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Professionalität, Rausschmiss, Supervision, unprofessionell, Verselbständigung, Verselbstständigung
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Es ist Tag eins nach dem Rausschmiss. Wir sind wie gelähmt. Was muten diese “Fach”-Leute uns zu! Ist das die so genannte Professionalität, die uns angeblich fehlt? Sie haben uns als Pflegeeltern verächtlich gemacht und Jeannett in einem Konflikt zwischen uns, ihrer Schwester und ihrem leiblichen Vater hinterlassen. Mir fallen nicht viele Worte dafür ein: Unqualifiziert, unprofessionell, gefühllos.
Ruth und ich sind krank und Jeannett ist nicht zur Schule gegangen. Es hat uns alle hart getroffen, wie hier mit uns umgegangen wurde.
Zu unserem Glück haben wir heute einen Supervisionstermin. Frau Sommer, wie immer ruhig und professionell, hört sich die Geschichte an.
Nachdem wir unseren Unmut los geworden sind, wendet sich Frau Sommer an Jeannett.
“Jeannet, du musst jetzt wissen, was du wirklich willst. Deine Eltern sind jetzt für Susann nicht mehr zuständig. Sie haben keinen Einfluss mehr. Du bist jetzt die einzige Verbindung zu Susann.”
Jeannett schaut ernst drein. Dann wendet sich Frau Sommer an uns.
“Im Moment haben Sie keine Chance. Vielleicht ändert sich etwas, wenn Susann beginnt, ihre Vergangenheit aufarbeitet.”
Das sind klare Worte. Aber ich protestiere.
“Fast sechs Jahre waren wir gut genug, haben getan, was wir konnten, haben uns eingesetzt. Das kann doch nicht alles plötzlich vorbei sein!”
“Es gibt keine Möglichkeit”, sagt sie ernst. “Es ist vorbei.”
Und dann sehr entspannt: “Sehen Sie es doch einmal so. Sie übergeben die Verantwortung an Susann. Es ist wie eine Verselbständigung. Susann muss jetzt wissen, was sie draus macht. Ob und wann sie den Kontakt zu Ihnen wieder aufnehmen will. Ich glaube, das wird passieren.”
Sie hat ja Recht. Es war eine gute Erklärung, die sie uns gab. Jeannett ist jetzt die jenige, über die wir den Kontakt noch haben. Trotzdem können wir es noch nicht glauben. Es wird noch lange dauern, bis wir uns damit abfinden können. Wir sind für Susann keine Pflegeeltern mehr und haben allen Einfluss verloren.
Der Rausschmiss 16. Dezember 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Arroganz, Überraschungseffekt, Beistand, Besuchskontakt, Bezugserzieherin, dissoziatives Verhalten, Dyskalkulie, egoistisch, Fachleute, Hilfeplan, Hilfeplangespräch, Hilfeverfahren, Inobhutnahme, Jugendamt, Kindesvater, Kindeswohl, KJHG, Krankenlassenkarte, leibliche Eltern, Lungenfunktion, multiple Traumatisierung, Obhut, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Rausschmiss, Retraumatisierung, Schuld, Sorgerecht, Therapeutin, Therapiesitzung, Traumatherapie, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Verfahrensbeteiligte, Weihnachten, Wohnsitz, Zahnspange
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Es gibt Hilfeplangespräche, die sind gruselig für die Pflegeeltern. Es gibt Sachbearbeiter, die sehen Pflegeeltern nur als Dienstleister. Es gibt Hilfeplangespräche, in denen es nicht um das Kindeswohl geht, sondern nur um die leiblichen Eltern. Dies ist eins von denen.
Entgegen den Wünschen, die man wohl gehegt hat, haben wir eine dreistellige Kilometeranzahl zurück gelegt, um in der Einrichtung, die für Susann zuständig ist, am Hilfeplangespräch teil zu nehmen. Alle sind da: Frau Schwerdtfeger, Frau Gerster, die Therapeutin der Einrichtung, die Bezugserzieherin, Jeannett, die wir gegen den Willen Frau Schwerdtfegers mitgenommen haben, Ruth und ich. Darüber hinaus der für den Kindesvater und für Susann zuständige Sachbearbeiter des Jugendamtes, Herr Sadowczik. Nur einer ist nicht da: Der Kindesvater. Er ist krank.
Eine halbe Stunde warten Ruth, Jeannett und ich draußen im Kalten, während der Rest mit Susann redet. Dann werden wir eingelassen. Jeannett geht mit Susann in ihr Zimmer.
Herr Sadowczik ist ein hoch gewachsener, hagerer Mittdreißiger mit hagerem Gesicht und finsterer Miene.
Frau Schwerdtfeger beginnt in leisem Ton.
“Ich darf Ihnen Herrn Sadowczik vorstellen, den neuen Sachbearbeiter des zuständigen Jugendamtes. Er wird das Gespräch leiten. Entsprechend des KJHG ist die Zuständigkeit für Susann auf das Jugendamt xxx übergegangen.”
Das hat System. Der Überraschungseffekt. Alles, was bisher beschlossen worden ist, hat offensichtlich keine Gültigkeit mehr.
Herr Sadowczik eröffnet das Gespräch.
“Ich möchte klar stellen, dass Sie am nächsten Hilfeplangespräch nicht mehr teilnehmen werden.”
Ruth ist empört.
“Warum sollten wir nicht mehr teilnehmen?” , stößt sie hervor.
Herr Sadowczik sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl. Sein Kopf ist leicht nach hinten gelehnt. Er signalisiert: Beißt mich doch! Ich fürchte euch nicht. Ich bin das Alphatier.
“Weil ich Sie nicht mehr einladen werde.”
Die durch Arroganz des Sachbearbeiters erfüllte eisige Atmosphäre ist körperlich spürbar.
Ich spüre, wie mein Blut beginnt, zu kochen. Dennoch bemühe ich mich, Ruhe zu bewahren.
“Lassen Sie mich klar stellen. dass die Zusammensetzung der Teilnehmer an diesem Gespräch nicht den Auflagen des Amtsgerichts in seiner Entscheidung über das Sorgerecht entspricht. Dem entsprechend sind zu Hilfeplangesprächen Fachkräfte wie Therapeuten und fachkundige Beistände hinzu zu ziehen. Darüber hinaus wird im letzten Hilfeplan unsere Beteiligung an der weiteren Hilfeplanung als wichtig und notwendig und für Susann als bedeutsam erachtet. Außerdem ist nicht einsichtig, warum Jeannett nicht am Hiilfeplangespräch beteiligt sein sollte, wenn sie doch die leibliche Schwester ist.”
Ich nehme wahr, dass meine Stimme leise, aber scharf klingt. Die Antwort kommt prompt.
“Sie sind nicht mehr Verfahrensbeteiligte und nicht mehr zuständig. Sie sind nicht mehr die Pflegeeltern. Sie waren es doch, die das Kind in Obhut gegeben haben!”
“Moment mal.”, wende ich ein. “Wir haben das Recht auf Besuchskontakte, wie alle leiblichen Eltern auch. Wir wollen Besuchskontakte. Voraussetzung ist allerdings, dass die Einrichtung die Umstände, die zur Inobhutnahme geführt haben, aufarbeitet, damit solche Kontakte gelingen können. Wir erwarten schon, dass Besuchskontakte auch mit Susann gemeinsam vorbereitet werden.”
Ich wende mich an die Therapeutin. “Ist das geschehen? Wir hatten nicht den Eindruck.”
Die Therapeutin antwortet mit einem leisen “Ja, sicher.”
Ich lege nach.
“In wie weit hat das denn statt gefunden und was waren die Ergebnisse? Was wird denn dafür getan, Susanns multiple Traumatisierung und ihr dissoziatives Verhalten aufzuarbeiten? Spätestens nach dem Ereignis bei meiner Schwägerin müsste da ja etwas passiert sein.”
Jetzt wird sie lauter. “Glauben Sie, ich würde Ihnen die Ergebnisse meiner Therapiesitzungen hier bekannt geben? Sie haben nicht das Recht dazu, das zu fordern. Schließlich müsste der Kindesvater ja auch zustimmen!”
Der ist ja zum Glück nicht da…
“Uns würde auch interessieren, ob Susann inzwischen einem Lungenfacharzt vorgestellt worden ist. Susann ist asthmatisch und muss, wie Sie wissen, regelmäßig auf ihre Lungenfunktion hin überprüft werden.”
Das ist wohl recht peinlich. “Das haben wir in jedem Falle vor, wir haben nur noch keinen Termin”, beteuert die Bezugserzieherin.
Jetzt bin ich so richtig schön in Schwung.
“Und was ist mit der Anpassung der Zahnspange? Gibt es da auch keinen Termin?”
“Wir haben das im Blick”, rechtfertigt sie sich erneut. “Wir haben schon einen Termin gemacht.”
“Was ist mit Susanns Dyskalkulie, die vom Schulamt diagnostiziert wurde und für die Frau Schwerdtfeger bereits Maßnahmen genehmigt hat? In wie weit wird das fortgesetzt?”
“Wir haben keine Schwierigkeiten beobachten können, die darauf hin deuten”, ist die einfache, bestechende Antwort.
“Warum bekommt Susann zu Besuchskontakten keine Krankenkassenkarte mit? Wie sollen wir ioder andere nachweisen, dass sie sichberechtigter Weise bei uns aufhält, wenn sie kein Personaldokument bei sich hat? Ist sie eigentlich an unserem Wohnsitz inzwischen ab- und bei Ihnen angemeldet?”
Keine Antwort, nur peinliches Schweigen.
Der coole Herr vom Jugendamt kommt jetzt aus der Reserve. Das ist ihm nun doch zuviel, was wir uns da anmaßen.
“Ich finde das unverschämt, wie sie die Einrichtung hier kritisieren! Dazu haben Sie kein Recht!”, bellt er. “Sie sind nur egoistisch!”
Jetzt reicht es mir.
“Unverschämt ist Ihre Art, mit uns zu reden. Wir haben heraus gefunden, dass Susann mehrfach traumatisiert ist, nicht das Jugendamt. Wir haben eine Therapie eingeleitet und uns um eine spezielle Traumatherapie bemüht. Wir haben Kontakte zu Kliniken aufgenommen. Wir haben Seminare besucht, um unsere Pflegekinder zu verstehen. Wir haben sie in der Schule unterstützt und ihre Gesundheit gefördert. Un Sie nennen uns egositisch?”
Wieder lehnt er sich zurück und zeigt uns seinen Hals.
“Das war gar nicht ihr Job”, schleudert er uns entgegen. “Sie können ja versuchen, gerichtlich Einfluss auf das Hilfeverfahren zu nehmen. Sie werden keinen Erfolg haben. Sie sind nämlich keine Verfahrensbeteiligte. Und was die Besuchskontakte angeht: Susann weigert sich, Sie zu sehen.”
Ich gebe nicht auf.
“Wie stellen Sie sich dann die Kontakte zu ihrer Schwester vor?”
“Da das Geschwisterkind noch bei Ihnen wohnt, haben Sie die Möglichkeit, über diese Besuchskontkte mit zu entscheiden, in Absprache mit dem zuständigen Jugendamt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich beide Geschwister in Berlin treffen und zusammen etwas unternehmen. Sie muss Sie als ehemalige Pflegeeltern ja nicht besuchen.”
Was ist mit Weihnachten, will ich wissen.
Die Bezugserzieherin antwortet.
“Weihnachten ist die Einrichtung geschlossen. Susann wird zu ihrem Vater beurlaubt.”
“Ist das nicht mit erheblichen Gefahren verbunden?”, will ich wissen. “Haben Sie in Erwägung gezogen, dass Susann retraumatisiert wird? Schließlich ist der leibliche Vater zugleich die traumatisierende Person.”
“Das lassen Sie mal unsere Sorge sein”, wehrt Sadowczik ab.
Dann werden die Kinder eingelassen.
Jeannett ist völlig überfordert.
“Willst du deine Schwester sehen?”
“Jaaa.”
“Wie wäre es denn wenn ihr euch in Berlin treffen würdet?
“Jaaa”
“Würdest du auch mal hinfahren?”
“Jaaa”
Ende der Veranstaltung. Alle sind peinlich berührt. Unterkühlte Verabschiedung.
Für uns ist es das Fiasko, der Rausschmiss schlechthin. Kindeswohl kam in dieser Veranstaltung nicht vor. Stattdessen Zuständigkeiten, Machtspiele, Aggressionen, Ungereimtheiten. Es ist das Ende unseres Einflusses.
Niemand dieser “Fachleute” scheint sich Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet, wenn ein traumatisiertes Kind seinem Peiniger erneut gegenüber tritt. Stattdessen das eigene Wohl, die Einsatzplanung der Einrichtung.
Niemand will sich vorstellen, was passiert, wenn Susann ihren Zug nicht bekommt. Niemand bedenkt, was passiert, wenn Susann in Berlin in Jeannetts Beisein in einem Kaufhaus etwas mitgehen lässt und beide erwischt werden. Sie weigern sich, das Risiko zu erkennen, weil sie es nicht kennen. Jeder kann sich vorstellen, wer einspringen muss, wenn etwas schief geht. Eigentlich sind wir raus aus der Verantwortung. Können wir das durchhalten?
Sind wir Schuld an allem, was schief geht, weil wir nicht durchgehalten haben? Es ging nicht. Aber dass es einmal so kommt, hätten wir uns nicht träumen lassen.