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Tante Sarahs Geburtstag 17. Februar 2012

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Traumatisierte Pflegekinder haben meist jede Bindung verloren. Weil sie von ihre Eltern vernachlässigt und missbraucht worden sind, übertragen sie diese Erfahrungen auf die gesamte Erwachsenenwelt. Die Pflegeeltern haben es schwer, wieder eine Bindung an ihre Familie herzustellen.

Wie oft haben wir die Befürchtung, dass es nie etwas werden wird, dass Susann und Jeannett wieder sicher gebunden sein werden. Aber wir haben manchmal die Hoffnung. Durch Dinge wie diesem schöpfen wir wieder Kraft:

Susanns Bild für Tante Sarahs Geburtstag

Da geht uns das Herz auf! Sie ist, so scheint es, in unserer Familie angekommen. Sie hat ein Zuhause gefunden. Wir sind überglücklich!

Persönlichkeitsstrukturen 23. September 2011

Posted by lehrergehrke in Analysen.
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So lange konnten wir jetzt unsere Pflegekinder beobachten, ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse. Wir kennen sie besser als jeder sonst. Wir tragen Konflikte aus, für die die Gründe in ihrer Vergangenheit liegen. So langsam formt sich für mich aus allem ein Bild. Es hilft mir zu verstehen und zu helfen.

Persönlichkeitsstruktur sozial geschädigter Kinder

Die Persönlichkeitsstruktur sozial geschädigter Kinder ist beeinflusst durch ihre Erfahrungen, die sie in der Vergangenheit gemacht haben, also Vernachlässigung und Missbrauch. Sie bedingten ein bestimmtes Verhalten: Nahrungsbeschaffung um jeden Preis, Vermeidungsstrategien, distanzloses Verhalten gegenüber Fremden. Diese Erfahrungen und das erlernte Verhalten schlagen auf die Gegenwart durch. Sie entwickeln eine unbewusste Schattenseite, die fortan Teil ihrer Persönlichkeit ist. Die spaltet das Kind jedoch ab. Es behauptet in der Therapie: “Das bin ich doch gar nicht!” Deshalb ist es so schwer, diese unbewusste, verdrängte Seite zu heben. Sie bleibt meist abgespalten von der Gegenwart. Der Zugang bleibt verwehrt. Nur eine Traumatherapie kann ihn öffnen.

In der Gegenwart zeigt das Kind jedoch Freude und Zuneigung, die sich jedoch mit den durchschlagenden Erfahrungen und dem entsprechenden Verhalten innerhalb von Minuten abwechseln können. Es kommt dann zu Dissoziationen oder Übertragungen von Erfahrungen und Situationen auf die gegenwärtige Bezugsperson, also die Pflegemutter oder den Pflegevater. Das Kind vermittelt zwar den Eindruck, nur im Hier und Jetzt zu leben und blendet die Vergangenheit völlig aus. Tatsächlich aber ist es ständig von seiner Vergangenheit beeinflusst. So kommt es zu unerklärlichen Sachbeschädigungen, Diebstähle. Um diese zu vertuschen, aber auch weil die Erinnerung in der anderen, unbewussten Persönlichkeit liegt, lügt und leugnet das Kind. Daher ist es auch nicht schuldfähig; eine Einsicht kann nicht erwartet werden.

Situation in der Pflegefamilie

Konkret wurde das Kind vielleicht angehalten, Geheimnisse zu hüten, also Fehlverhalten der Eltern nicht preis zu geben, was bei ihm eine andauernde emotionale Vereinsamung bedingt. Dieser Zwang führt dazu, dass das Über-Ich, die normierende Instanz, ausgeschaltet wird. Immer wieder kommt es zu Normverletzungen, die als solche nicht gesehen werden. Das Kind hat diese Normverletzungen ja für überlebenswichtig erfahren und kommt dadurch natürlich in einen Konflikt mit der Anpassungsleistung, die es in der Pflegefamilie, aber auch in der Schule und im Freundeskreis zu erbringen hat und aus der ihm Vorteile in Form von positiver Zuwendung erwächst, die es so dringend nötig hat. Erbringt es diese Anpassungsleistung nicht, kann das jedoch bedeuten, dass die bisher erfahrene negative Zuwendung und Aufmerksamkeit (Nichtachtung, Strafe) sich verstetigt und immer wieder provoziert wird.

Für die Pflegefamilie bedeutet das, dass sie in der ständigen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der traumatisierten Kinder steht. Ständig ist sie konfrontiert mit dissoziativen Situationen, in denen die Kinder aus der Gegenwart zu verschwinden scheinen und in ihrer Vergangenheit leben, Diebstählen zum Erhalt der Nahrungsgrundlage, auch wenn es genug zu essen gibt und unmotivierten Wutausbrüchen, in denen das Kind die Wut auf die Herkunftseltern auf die Pflegeeltern überträgt, dicht gefolgt von Phasen der Zuneigung und Einsicht. Diese Situation bedingt Stress für die gesamte Pflegefamilie und führt manchmal auch zum Abbruch des Pflegeverhältnisses. Das jedoch ist für alle Beteiligten die schlechteste Variante und hinterlässt Spuren bei allen Beteiligten. Besonders bei den Pflegekindern kommt es zu einem erneuten Bindungsabbruch und kann das ganze Leben negativ beeinflussen.

Deshalb kann man Pflegeeltern mit traumatisierten Pflegekindern nur empfehlen, sich so früh wie möglich nach einer professionellen Traumatherapie für die Kinder und für sich selbst nach einer guten Supervision umzusehen, um die Familie zu stabilisieren, auch wenn das bedeutet, in Auseinandersetzung mit dem zuständigen Jugendamt zu gehen.

Geburtstagsnachfeier in Hameln 18. September 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Wenn jemand an seinem Geburtstag krank ist oder er mitten in der Woche liegt, feiert man ihn nach. Und jeder, der das tut, befindet sich in der guten Gesellschaft der englischen Königin, die ihren Geburtstag, der mitten im Winter liegt, regelmäßig im Sommer nachfeiert.

Warum also sollen wir Susanns Geburtstag, der so missglückt ist, nicht nachfeiern? Die Szenerie ist harmonisch. Wir fahren nach Hameln und treffen Ruths Familie. Schon im Auto sind Jeannett und Susann voller hoffnungsfroher Erwartung.

“Ich freu mich so”, strahlt sie,” das ist viel besser als mein richtiger Geburtstag, wenn alle da sind, Oma, Tante Sarah und Tante Erika.”

Als wir ankommen, gibt es erst einmal ein großes Abendessen mit allem, was wir aus Hameln kennen: Mettwurst, Hackepeter oder “Feuerwehrmarmelade”, wie sie dort für die Kinder heißt, Schmalz und Knackwurst aus der Dose. Man erzählt sich die neuesten Geschichten aus der Familie, die Kinder hören gespannt zu. Dann folgt die große Bescherung für Susann. Oma hält für Susann einen unten Hula-Hupp-Reifen als Geschenk bereit. Susann probiert ihn sofort , als hätte sie vorher nie etwas anderes getan. Von Tante Erika, die trotz ihres hohen Alters noch fit ist, gibt es einen selbst gestrickten Pullover, von Tante Sarah eine neue Puppe, zu der Tante Erika aus den Wollresten ein paar Röckchen und Pullover gestrickt hat. Susann strahlt vor Freude.

“Wie soll denn nun dein Püppchen heißen?”, fragt Tante Erika neugierig. Susann überlegt einen Moment.

“Sie soll Sarah heißen”, schießt es dann aus ihr heraus. Alle applaudieren anerkennend, selbst Jeannett, und Tante Sarah wird etwas rot im Gesicht.

“Ich bin schon müde”, meldet sich Jeannett, “ich geh ins Bett.”

“Ich auch” stimmt Susann lächelnd zu, beide verabschieden sich brav und verschwinden auf den Dachboden, wo sie, wenn es im Frühling schon warm ist und sie so gern nebeneinander auf den Matratzen schlafen.

Am nächsten Tag gibt es ein Frühstück für alle mit Schinken und Eiern. Die Mädels bekommen zur Feier des Tages einen großen Becher Kakao und er kann nachgefüllt werden. Auch Oma, der das Haus gehört, ist guter Dinge. Sie streift durch den Garten, genießt die Sonne und hat eine gute Idee.

“Wollen wir nicht mal grillen, so wie es Opa immer in der Laube gemacht hat?”, fragt sie mich. “Ich habe da noch ein paar Würstchen und etwas Grillfleisch im Kühlschrank.” Klar stimme ich zu.

Als es auf Mittag zu geht, wird der Grill angeheizt, der in der offenen Laube steht. So wie es Opa immer machte, als er noch lebte. Ich bin stolz, seine Rolle übernehmen zu dürfen. Jeannett und Susann stehen dabei.

“Darf ich auch mal ein paar Würstchen wenden” , fragt sie mich. “Au ja, ich auch!”, schaltet sich Susann ein. “Klar, Jeannett wendet die Würstchen und Susann die Fleischscheiben. Aber seid vorsichtig, es ist heiß.”

Vorsichtig, aber ziemlich professionell tun sie ihre Arbeit und strahlen ob der Verantwortung, die sie übertragen bekommen haben. Nach kurzer Zeit beginnen sie gemeinsam damit, den Tisch in der Laube zu decken. Alle versammeln sich wieder und ich versorge sie mit dem Grillgut. Natürlich gibt es Pommes rot-weiß für die Kinder. Sie sind entzückt.

Nachmittags beschließen wir, die Frühlingssonne zu genießen. Wir schlendern in die Altstadt, wo das Denkmal des Rattenfängers steht und das alte Rathaus unsere Bewunderung auf sich zieht. Danach gehen wir an der Weser spazieren. Die Kinder tollen herum und freuen sich an der Sonne.

Wieder zu Hause, gibt es Kaffee und Kuchen. Es ist eine schöne, lockere Atmosphäre. Die Kinder gehen zur Pferdekoppel und vergnügen sich dort. Bald sind sie hier auch bekannt als die Kinder, die von weit her kommen und bei ihrer Oma zu Gast sind.

Abends dürfen sie fernsehen, bis sie ins Bett gehen. Das ist immer etwas besonderes, das zu Hause nicht so oft vorkommt. Der Rest der Familie unterhält sich angeregt, bis der Abend fortgeschritten ist und alle sich zur Ruhe begeben.

Am nächsten Tag nach dem Frühstück fahren wir heim.Wir verabschieden uns, die Kinder werden in den Arm genommen. Sie gehören zu unserer Familie.

“Es war so schön!”, freut sich Susann während der Fahrt. Auch Jeannett stimmt freudestrahlend zu.

“Das Schönste finde ich, dass ich jetzt ein Kind habe. Sarah ist jetzt mein Kind.” Und sie wiegt die Puppe in ihren Armen.

Wenn ich daran denke, was Susann schon durchgemacht hat, finde ich es erstaunlich, dass sie es schafft, ihrem “Ersatz”kind Liebe geben kann. Versucht sie etwas aufzuarbeiten und besser zu machen?

“Wißt ihr, was ich am Schönsten finde?”, bemerke ich, während ich den Gang wechsle. “Ihr habt euch nicht einmal in Hameln gestritten.” Beide lächeln, Jeannett nimmt ihre kleine Schwester in den Arm. Sie gehören zusammen und beide zu uns, das kann niemand bestreiten.

Die Reise nach Hameln hat uns näher zusammen gebracht. Es war Familie zum Anfassen, wie es sein sollte, jeder steht für den anderen ein. Harmonisch und ruhig. Familie kommt nicht vom Himmel gefallen oder ist genetisch bedingt. Zwar ist es die stärkste Bindung, die Menschen haben können, aber jeder macht mit seiner Familie die ersten Bindungserfahrungen. Wer in der Kindheit vernachlässigt oder missbraucht wird, hält das für die Normalität.

Für traumatisierte Kinder, die in eine Pflegefamilie kommen, ist Harmonie und Liebe erst einmal keine Normalität. Vielleicht macht es ihnen Angst und sie versuchen, die alte Situation zu provozieren. Es dauert Jahre, ehe sie die Situation begriffen haben und eine Bindung aufbauen; manchmal gelingt es ihnen nie.

Daran aber denken wir im Moment nicht. Wir freuen uns einfach an der Harmonie und genießen sie in vollen Zügen. Es war ein glückliches Wochenende.

Die Angst vor der Trennung 29. August 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Einige Pflegekinder leben unter der ständigen Angst, von ihrer Pflegefamilie getrennt zu werden. Daran sind die Jugendämter nicht unschuldig, wenn sie auf Besuchskontakten mit der Herkunftsfamilie bestehen und vielleicht sogar die Rückführung vorbereiten. Besonders traumatisierte Pflegekinder trifft diese Befürchtung schwer und macht ihr ganzes Bemühen, eine Bindung zu den Pflegeeltern aufzubauen, zu einem ungeahnten Wagnis.

Susann bringt heute eine Zeichnung mit von der Therapie. Sie schockiert uns alle.

Auf der Vorderseite des Blattes, das an den Rändern gezackt eingeschnitten ist,sind links zwei erwachsene Personen zu sehen. Sie sind mit “Mama” und “Papa” überschrieben. “Mama” sagt in einer Sprechblase “Ha auf wiedersehen” und “Papa” “Auf Wiedersehen”. Die linke, kleinere Person mit traurigem Gesichtsausdruck ist “Susann” überschrieben. Sie weint und sagt ” auf wiedersehen”. Regen fällt, Blitze zucken. Auf der Rückseite ist eine jugendliche Person zu sehen, die Jeannett darstellt und sagt “HaHaHa auf wiedersehen”.

Susann hat sich schon immer mit Zeichnungen besser ausdrücken können als verbal. Aber die Aussagekraft dieser Zeichnung sprengt alles bisher Dagewesene und drückt die ganze Angst aus, die Susann umtreibt. Sie scheint zu meinen, dass sich alle außer mir in der Familie darüber freuen würden, wenn sie gehen würde. Susann kennt die Belastung, die sie für unsere Familie darstellt, aber sie kann so wenig dagegen tun. Zugleich spiegelt diese Zeichnung ihre ganze Angst wider, dass es einmal so weit kommen könnte.

Was machen wir falsch? Wir zeigen ihr doch nicht, dass sie bei uns unerwünscht ist. Sie ist es ja auch nicht. Aber Susann ist mit ihren Problemen wirklich eine Belastung für uns.

Zugleich macht Susann klar, dass beide Mädchen um unsere Zuneigung und Aufmerksamkeit kämpfen und wie stark sie konkurrieren. Susann hat Angst, den Kampf zu verlieren.

Für uns bedeutet das, dass wir Susann noch mehr zeigen müssen, dass sie bei uns willkommen ist, dass sie sich auf uns verlassen kann und dass sie dazu gehört. Zugleich aber tut sie alles dafür, sich ins Abseits zu stellen. Wir haben keine Ahnung, wie das weiter gehen soll.

Die Meinung der Fachleute 26. August 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pflegeeltern allein können manche Situationen nicht schultern. Sie wissen zu wenig und sind emotional zu sehr beteiligt. Das Verhalten von Pflegekindern wirft ihre gesamte Sozialisation über den Haufen. Sie kennen keine Erfahrungen, wie ihre Kinder sie machen mussten.

Also holen wir uns Hilfe. Wir konfrontieren Frau Meyer-Frankenfeldt, Susanns Therapeutin, befragen wir zuerst.

“Es ist ganz wichtig, dass Sie nicht so betroffen sind”, versucht sie, uns zu beschwichtigen, als wir ihr ihr von Susanns Ritzerei an der Haustür erzählen. Sie hat Nerven! Es ist ja nicht ihre Haustür. Es würde uns interessieren, was sie in diesem Fall sagen würde. Aber sie erklärt.

“Sie haben gelernt, was richtig und falsch ist. Die Mädchen haben so gut wie kein Über-Ich, keine moralische Instanz. Es ist ihnen nie vermittelt worden. Sie haben nur eine Möglichkeit: Thematisieren, Reden, Überzeugen. Vielleicht wäre es auch eine Variante, Jeannett für eine Weile weg zu geben, damit Sie wieder zu sich finden.”

Das wollen wir überprüfen. Also rufen wir noch am selben Tag Frau Wehrmann an, unsere ehemalige Sachbearbeiterin. Mit Frau Schilling können wir so sensible Themen nicht besprechen. Uns fehlt das Vertrauen in ihre Empathie.

“Susann kämpft um sie”, interpretiert sie unsere Schilderung der letzten Tage. “Sie will unbedingt bei Ihnen bleiben, aber sie kann es nicht ausdrücken. Deshalb startet sie alle möglichen unsinnigen Aktionen, um Sie auf die Probe zu stellen. Eigentlich will sie bloß ihre Aufmerksamkeit, sie will wissen, ob Sie wirklich bedingungslos zu ihr stehen.”

“Vielleicht wäre es eine Variante, Jeannett für eine Weile wegzugeben?”, deute ich an.

“Das halte ich nicht für eine gute Idee”, erwidert sie. “Das ist genau, was sie will, dann hätte sie ihr Ziel erreicht und sie hätte die Bestätigung dafür, dass sie unerwünscht ist.”

“Aber auch wir haben unsere Grenzen”, wende ich ein.

“Ach, wissen Sie”, räsoniert sie, “es gibt so viele Pflegeeltern mit den Problemen, wie sie sie haben, und viele haben nicht den Bildungshintergrund und die Erfahrungen wie Sie. Ihr Erfolg steht und fällt mit der Frage, ob Sie sich Hilfe holen. Sie brauchen unbedingt eine Supervision. Das müssen Sie bei Ihrem zuständigen Jugendamt beantragen.”

Wir sind uns dessen bewusst: Beantragung von Supervisionen werden von manchen Jugendämtern als Eingeständnis des eigenen Versagens interpretiert.

Haben uns die Ratschläge der Fachleute nun weiter geholfen? Sie haben ja Recht, sie sind auch guten Willens, aber sie können sich nicht richtig in unsere Situation hinein versetzen. Ich glaube, wir müssen die Kinder an dem Entwicklungsstand abholen, an dem sie stehen. Das heißt, wir müssen Susann als Vierjährige akzeptieren.

Das Ganze ist aber viel komplizierter. Susann versucht immer wieder, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sie meint, wir kümmern uns zu häufig um Jeannett. Sie will uns für sich, einzig und allein. Und sie weiß, dass das nicht geht.

Wie auch immer wir es drehen und wenden: Es war verkehrt, die beiden in dieselbe Familie zu vermitteln. Nun sind bereits fast vier Jahre vergangen und die Zeit ist nicht zurückzudrehen. Beide haben bei uns ihre Heimat gefunden. Wir könnten uns vorstellen, dass eins der Mädchen in einer befreundeten Pflegefamilie aufgenommen wird und wir mit ihr in ständigem Kontakt bleiben würden. Aber das bedeutete einen erneuten Bindungsabbruch, ein neues Eingewöhnen. Am Wichtigsten: Das Jugendamt lässt sich auf solche Gedanken nicht ein. Bei einer Inobhutnahme, die das ja nun rechtlich bedeutete, wären wir ohne Einfluss. Das wäre das Letzte was wir wollten.

Susann kämpft um unsere Liebe 20. August 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Dürfen Pflegeeltern ihre Pflegekinder lieb haben? Dürfen sie zu ihnen ein emotionales Verhältnis aufbauen? Die Mitarbeiter der Jugendämter mögen das wohl für unprofessionell halten. Wie aber sollten sonst vernachlässigte Kinder lernen, wieder eine Bindung aufzubauen?

In manchen Fällen stellt sich diese Frage nicht, weil die Pflegekinder diese Entscheidung für sich treffen. Susann hat entschieden und uns ihre Entscheidung mitgeteilt und ihrerseits Liebe eingefordert. Susann hat das mit einem Brief getan, den sie mir zusteckt.

Susann fragt, ob wir sie liebenNachdem herausgekommen ist, dass Susann Ruths Füller weggenommen und kaputt gemacht hat, befürchtet sie wohl, dass Ruth sie nicht mehr so akzeptiert wie früher. Das macht ihr zu schaffen. Mich benutzt sie dabei als Vermittler. Sie will eine Antwort.

Also warten wir auf eine günstige Situation, in der Susann entspannt und ruhig ist. Wir nehmen sie in den Arm.

“Du weißt doch, dass wir dich lieb haben”, beginne ich. “Mama hat dich genauso lieb wie ich, auch wenn sie manchmal traurig und enttäuscht ist.”

Wir halten uns drei ganz fest.

“Natürlich habe ich dich auch lieb”, versichert Ruth. “Was immer kommt, du weißt, dass wir uns gemeinsam für dich einsetzen und dir immer helfen.” Wie Ruth das sagt, kommt es aus vollem Herzen und es macht ebenso klar, dass sie und ich zusammen stehen. Eine Tatsaache, mit der Susann noch klar kommen muss.

Susann löst sich langsam, weint einige Tränen des Glücks und setzt sich zu Ruth auf den Schoß. Das tut sie nicht oft.

“Ich habe dich auch lieb”, sagt sie leise. Wie sie dort so sitzt, angeschmiegt an Ruth, sieht sie aus wie ein Baby, das sich die Zuwendung holt, die es braucht. Sie braucht uns als Familie und kann es doch manchmal kaum ertragen, so eng dazu zu gehören.

Es ist für uns nicht einfach für uns zu ertragen, wie schnell sich Susanns Zustand ändert. Sie kämpft darum, mit allen Fehlern akzeptiert zu werden und ihre Verfehlungen tun ihr leid. Wir wissen aber: Innerhalb von Minuten kann sich die Situation ins Gegenteil verkehren, sobald wir Erwartungen an sie äußern, wie ihr Zimmer aufzuräumen. Auch für uns ist es eine ganz neue Erfahrung und gibt uns einen Einblick in die Konflikte, die in ihrem Inneren toben. Wir sind erwachsen und wir sind Profis; wir müssen es aushalten können.

Jeannett bedankt sich 31. Juli 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Jeannett bedankt sichPflegekind müssen eine riesige Anpassungsleistung erbringen, um in ihrer Pflegefamilie anzukommen. Meist wissen sie genau, was mit ihnen los ist. Manchmal schämen sie sich für ihre Vergangenheit. Sie nehmen den Unterschied zwischen ihrer Herkunftsfamilie und der Pflegefamilie genau wahr, aber die Situation in der Pflegefamilie ist ihnen fremd. Es gibt immer genug zu essen. Es gibt einen geregelten Tagesablauf. Sie müssen keine Angst mehr vor dem nächsten Tag haben, weil sie nicht wissen, was als nächstes geschieht.

Jeannett schreibt uns heute einen Brief. Sie hat bestimmt eine Menge Arbeit hinein gesteckt; er ist richtig künstlerisch. Aber auch der Inhalt ist schwer an Bedeutung. “Ich habe Euch lieb”, das ist nicht einfach so dahin gesagt. Jeannett darf endlich einmal eine Bindung zu jemandem aufbauen, auch wenn sie sich noch sehr unsicher ist, ob sie uns vertrauen kann. Aber sie kann wertschätzen, dass wir für sie da sind: Das “Danke für das was ihr in dieser Woche getan habt” nimmt mehr als die Hälfte der Seite ein. Wir sind glücklich und sagen ihr das auch.

Jeannetts Brief rührt uns. Es ist die erste emotionale Äußerung, die wir von ihr bekommen. Es zeigt uns aber auch, welche Widersprüche in ihr toben müssen. Einerseits verschafft sie sich Nahrungsmittel aus unserem Vorratsschrank und verzehrt sie. Andererseits weiß sie, dass ihr nichts passieren kann bei uns und vertraut darauf, dass wir die richtigen Entscheidungen treffen und sie unterstützen.

Es ist ein Widerspruch, der schon für uns schwer auszuhalten ist. Wie schwer muss es für Jeannett ein, diesen Widerspruch auszuhalten? Wir alle müssen lernen, damit zu leben.

Wir suchen einen Therapeuten 15. Juni 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Pflegekinder werden in Familien vermittelt, weil die Herkunftsfamilie mit der Erziehung überfordert ist. Oft stellen dann die Pflgeeltern fest, dass die Erlebnisse der Kindheit aufgearbeitet werden müssen, damit die Kinder wieder lernen, Bindungen einzugehen und Vertrauen aufzubauen.

Für uns wird immer offensichtlicher, dass Susann und Jeannett Hilfe brauchen. Aber wie soll das gehen? Noch nie haben wir mit Psychiattern etwas zu tun gehabt und wir wissen nicht, wir wir vorgehen müssen.

Zum Glück kenne ich aus meiner Studienzeit eine gute Freundin, die als Psychologin bei einem freien Träger der Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet. Sie gibt mir eine Adresse.

Nach einem kurzen Anruf ist alles geregelt. Für einige Wochen fährt Ruth, die sich für ein Jahr hat beurlauben lassen, regelmäßig mit den Kindern in eine kinder- und jugendpsychatrische Praxis. Die Therapeutin untersucht beide und stellt die Diagnose.

“Für mich ist der Fall klar”, stellt sie fest. “Beide sind in ihrer Kindheit schwerst traumatisiert worden. Sie sollten schnellst möglich in eine Psychotherapie.”

Wir haben das nötige Vertrauen zu ihr und fragen uns, warum sie die Therapie nicht übernehmen könnte.

“Sehen Sie”, beginnt sie eine Erklärung, “wir sind auf Verhaltenstherapie spezialisiert. Diese Therapieform ist für Ihre Kinder nicht die richtige. Ich würde Ihnen eine tiefenpsychologische Psychotherapie empfehlen, damit die Erlebnisse der Kindheit wirklich therapiert werden können. Das ist nicht unser Gebiet. Aber ich gebe Ihnen eine Adresse.”

Es handelt sich um einen Verein, der Therapeuten ausbildet und recht angesehene Therapeuten dafür beschäftigt. Wir erhalten die Adresse einer Kinder- und Jugendlichentherapeutin.

Frau Meyer-Frankenfeldt ist eine Frau, deren Alter schlecht zu schätzen ist. Sie trägt lange Röcke und die Haare zu einem Dutt gebunden. Sie wirkt streng aber zeigt Interesse und Mitgefühl für Susann und uns. Als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin scheint sie uns geeignet und die tiefenpsychologische Psychotherapie scheint auch zu passen. Es werden fünf probatorische Sitzungen vereinbart und durchgeführt. Dann folgt ein Elterngespräch.

“Sie müssen sich auf eine lange Therapiezeit einrichten”, bedeutet sie uns mit ernster Miene. “Es wird lange dauern, bis ich Zugang zu Susann habe. Ich schlage drei Sitzungen pro Woche vor.”

Wir sind nicht abgeneigt und erhoffen uns einen günstigen Einfluss auf unsere häusliche Situation. Schon meinen wir, während der Zeit der Probatorik festgestellt zu haben, dass Susann ruhiger und ausgeglichener geworden ist.

“Wir sollten die Frequenz der Sitzungen beibehalten”, schlägt sie uns vor. “Ich bin mir sicher, dass die Krankenkasse keine andere Wahl haben wird, als der Therapie zuzustimmen. Alles andere wäre unvertretbar.”

Wir stimmen zu. Wir sind froh, überhaupt etwas erreicht zu haben. Es ist nicht einfach, einen Therapieplatz zu bekommen.

Urlaub an der Nordsee 6. Mai 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
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Die Urlaubszeit ist in allen Familien die schönste Zeit. Entspannung, neue Eindrücke, gemeinsame Erfahrungen schweißen die Familie zusammen. Was wir aber nicht bedenken, ist, dass eine Urlaubsfahrt für traumatisierte Pflegekinder die absolute Ausnahmesituation ist. Meist kommen sie aus Familien, die sich Urlaubsreisen nicht leisten konnten oder sie haben im Heim die obligatorische Urlaubsreise gemacht, die bedeutet, dennoch immer in der Gruppe zu sein und sich behaupten zu müssen: Verlegung der sozialen Situation an einen anderen Ort.

Schon früh haben wir erkannt, dass eine Urlaubsreise für unsere beiden Mädel anstrengend ist. Stundenlange Autofahrten sind für sie eine Belastung, sie beginnen, sich zu streiten und verlangen nach Bewegung. Das Schlafen im Zelt bedeutet eine Ausnahmesituation. Aufgaben sind beim Camping genau so zu erfüllen, wie zu Hause, nur eben auf kleinerem Raum. All das haben wir präzise geübt, wieder und wieder. Nun ist es so weit und der “Ernstfall” tritt ein.

Wie auch schon früher haben wir ein Auto gemietet, eins, in dem wir Zelte und die Haushaltsgegenstände unterbringen können. Eine Woche werden wir weg sein. Wie immer hat Ruth die Sachen gepackt, Reiseproviant besorgt, wir haben Kocher und Kühlbox ins Auto geladen. Nun verschließen wir das Haus. Wir sind gespannt, wie die Kinder die neue Situation aufnehmen werden.

Der Zeltplatz liegt in der Nähe eines ostfriesischen Dorfes, vor dem Deich. Das Wetter meint es gut mit uns, warme bis heiße Tage und laue Nächte und kein Regen. Was für die Natur nicht immer gut ist, nimmt uns eine Sorge, die wir hatten: Es gibt keinen Regen. Aber es gibt auch keinen Schatten.

Den Kindern tut der Urlaub gut. Wechsel zwischen Pflichten wie Zubereitung des Essens, Aufräumen der Zelte und Abwasch einerseits und Freizeit andererseits schafft eine entspannte Atmosphäre. Das Toben in den Wellen am Strand und die sportliche Bewegung machen sie abends müde und zufrieden. So könnte es immer weiter gehen, denke ich mir.

Eines Abends sitzen wir am Strand des Zeltplatzes, da rollen zwei Liegeräder mit Anhängern auf uns zu und halten direkt am Strand. Eine englische Familie, die die Nordseeküste tourt. Heute sind sie hier. Ich wende sofort meine Englischkenntnisse an und wir unterhalten uns. Sie sind dankbar für Tipps, die sie von mir bekommen.

Jeannett steht erst in sicherer Entfernung und beobachtet uns. Langsam kommt sie immer näher. Ihre Augen sind weit aufgerissen. Sie setzt sich nah zu mir. Es scheint ihr unglaublich, dass ich eine Sprache spreche, die sie nicht versteht. Vielleicht spürt sie auch etwas davon, dass ich mich, wenn ich Englisch rede, ein bisschen verändere, eine andere Identität besitze, ein anderer bin.

Als wir wieder im Zelt sind und es Zeit ist, zu Bett zu gehen, spricht mich Jeannett an.

“Papa, welche Sprache hast du da geredet mit den Leuten?”

“Das war Englisch, meine kleine Schnecke.”

“Woher kannst du das?”

“Ich habe es in der Schule gelernt und in England gearbeitet.”

“Wann war das?”

“Das ist schon ein paar Jahre her. Ich habe damals an einer Schule gearbeitet und den englischen Schülern Deutsch beigebracht.”

“Und musstest du da immer Englisch sprechen?”

“Ja, natürlich. Alle Menschen sprechen da Englisch.”

“Und kann ich das auch lernen?”

“Klar, meine Kleine. Du musst dir nur etwas Mühe geben.”

“Ich möchte auch nach England fahren und Englisch lernen, Papa.”

“Das kommt später, meine Kleine”, vertröste ich sie. “Jetzt gehst du erst einmal ins Bett und schläfst. Gute Nacht.”

Nie hätte ich damit gerechnet, dass Jeannett eine solche Reaktion gezeigt. Das ist der Stoff, aus dem Träume und Zielvorstellungen sind! Wenn da nicht immer die verletzenden Erfahrungen aus der Vergangenheit wären…

An einem Tag machen wir einen Ausflug nach Cuxhaven. Wir schlendern über die Strandpromenade, gehen ein Eis essen. Schließlich machen wir uns auf den Rückweg zum Auto.

“Können wir unten am Wasser entlang gehen?” fragt Jeannett.

“In Ordnung”, sage ich. “Aber nur mit den Füßen ins Wasser!”

“Ja, machen wir. Komm, Susann!”

“Da hinten seid ihr wieder oben, da treffen wir uns.”

Und schon sind sie entschwunden. Es ist heiß. Der Strand ist voll mit Menschen, liegend, laufend, spielend. Bald können wir die beiden nicht mehr sehen. Wir kommen am vereinbarten Treffpunkt an, aber die Kinder sind nicht da. Wir können sie nicht mehr sehen. Schwitzend und entnervt laufen wir den Abschnitt der Uferpromenade entlang, wieder und wieder. Aber die Kinder bleiben verschwunden.

Nach einer halben Stunde entschließen wir uns, die Polizei zur Hilfe zu rufen.

“Wir sind Pflegeeltern und mit unseren Pflegekindern hier”, erkläre ich dem Beamten am Telefon. “Irgendwie haben wir sie an der Strandpromenade verloren und können sie nicht wieder finden. Das ist uns sehr peinlich.”

“Das kriegen wir schon wieder hin”, tröstet mich der nette Polizist. “Bleiben Sie, wo Sie sind, wir schicken einen Einsatzwagen hin.”

Zehn Minuten können so lang sein! Als der Streifenwagen eintrifft, hören die Beamten sich die Geschichte erst einmal an.

“Machen Sie sich keine Gedanken. So was passiert hier jeden Tag mindestens dreimal. Steigen Sie erst einmal ein.”

Unsere beiden Helfer fahren jetzt im Schritttempo die Uferpromenade entlang. Aus dem Lautsprecher erschallt in regelmäßigen Abständen die Ansage des Beifahrers.

“Jeannett und Susann bitte zum Polizeiwagen kommen – Jeannett und Susann bitte zum Polizeiwagen kommen!”

Da – auf einer Treppe, die vom Strand auf die Promenade führt, sitzt sie: Susann, in Tränen aufgelöst. Langsam erhebt sie sich, trollt sich zum Polizeifahrzeug.

“Ich dachte schon, ihr wollt uns nicht mehr. Bin ich froh!”

“Aber wo ist denn Jeannett?” fragt Ruth aufgeregt.

“Das weiß ich auch nicht”, flüstert Susann, “sie wollte unbedingt alleine gehen.”

In diesem Moment erscheint Jeannett am Wagen.

“Was ist denn? Habt ihr die Polizei geholt? Ich habe mich kaum getraut, herzukommen.”

“Jeannett, wir haben euch gesucht!”, errege ich mich.

“Ich war doch bloß am Wasser. Und, ich glaube, wir sind in die falsche Richtung gegangen.”

Wir sind so froh, alle wieder beisammen zu sein. Eins will ich noch wissen.

“Der Einsatz ist ja nun aktenkundig.”, wende ich mich an die Polizisten. “Bedeutet das, dass Sie das Jugendamt informieren?”

“Da machen Sie sich mal keine Gedanken, da hätten wir ja viel zu tun!”, beruhigt mich einer der Beamten. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Peinlich wäre es allemale.

Aber auch Jeannett und Susann sind unsicher.

“Dürfen wir bei euch bleiben, oder nimmt uns das Jugendamt euch wieder weg?, fragt Jeannett unsicher.

“Nein, sei ganz beruhigt, das passiert nicht”, sage ich. Beide kuscheln sich an uns an und wir gehen heute Abend noch zum Essen in ein Restaurant, um unser Wiedertreffen zu feiern.

Wir bemerken, dass das Verhalten unserer beiden heute besonders tadellos ist.

Niemals hätten wir uns vorgestellt, wie stark die beiden schon an uns gebunden sind. Aber auch wie unsicher sich Susann noch unserer Bindung ist. Jeannett hingegen reagiert, wie sie es gelernt hat: Auf Situationen des Alleingelassenseins reagieren, indem sie überlegt, was zu tun sei, voller Misstrauen gegen die Erwachsenenwelt und sich selbst rettend, dabei vermutend, dass sie – wieder einmal – einen undefinierbaren Fehler gemacht haben könnte. Ihr fehlt die Möglichkeit, ihre Handlungen und Entscheidungen richtig einzuschätzen.

Ausgerechnet einen Monat nachdem die Kinder zu uns gekommen sind, muss uns so ein gravierender Fehler passieren. Wir hätten deutlicher machen müssen, wo wir uns treffen oder, besser, die Kinder nicht allein gehen lassen dürfen. Etwas verunsichert sind wir schon. Aber die Sache hatte einen guten Ausgang. Auch wenn wir bemerken mussten, dass auch wir nicht vor Fehlern gefeit sind, wissen wir jetzt, welch hohen Stellenwert die emotionale Bindung der Mädchen an uns hat und wie sie beide auf eine Trennung reagieren. Und Trennungen hatten sie in ihrem Leben schon genug.

Jeannetts Geburtstag 21. April 2011

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Kindergeburtstage sind immer etwas Tolles – wie es sich gehört, besonders für die Kinder. Die Eltern organisiern, dass die Kleinen bespaßt werden und der Nachwuchs kann fast alles tun, was ihm gefällt.

Jeannett hat viele Freunde aus der Klasse und Schule eingeladen und das Haus ist voll. Dazu sind noch die Verwandten aus Hameln gekommen, Pflege-Oma Pflege-Opa und Pflege-Tante. Auch die anderen Omas und Opas sind erschienen, aber sie halten es nicht lange aus. Der Krach ist zu groß und so sind sie nach dem Kaffeetrinken, als es etwas turbulent wird, wieder weg.

Es ist ein wunderschöner Junitag. Topfschlagen und Schokoladenwettessen sind dabei. Dann rufe ich zur Dorfrallye auf. Sorgsam habe ich Aufgaben erprobt, zusammengestellt und über Computer ausgedruckt. Der Bahnübergang darf nur bei offener Schranke überquert werden. Überall gibt es Informationen, die zusammen zu tragen sind. Zum Schluss muss ein Wassereimer gefüllt und mit nach hause gebracht werden.

Jeannett hat ihre Gruppe fest im Griff. Sie will bestimmen, was passiert und welche Aufgaben zuerst erfüllt werden sollen. Aber die anderen machen da nicht immer mit. Als sie zurückkehren, ist Jeannet sauer. Ihre Gruppe hat nicht gewonnen. Sie verkriecht sich in ihr Zimmer und schmollt.

Erst, als die Würstchen und Putenbrustfilets auf dem Grill schmoren, läßt Jeannett sich wieder blicken. Sie ist ruhiger, drängt sich nicht mehr in den Mittelpunkt. Die Atmosphäre ist entspannt und auch Susann ist zufrieden. Bis alle Eltern ihre Kids abgeholt werden und man noch etwas geplaudert hat, ist es Mitternacht.

Heute haben wir dazu gelernt: Selbst Kindergeburtstage sind bei traumatisierten Kindern anders. Allein die Tatsache, dass der Ehrentag gewürdigt und nicht einfach vergessen wird, ist etwas Besonderes. Dass es Geschenke gibt, endlich wie bei anderen Kindern auch, ist auch nicht üblich gewesen. Jeannett hat sich vorgestellt, dass sie den ganzen Tag im Mittelpunkt steht und hat dabei vergessen, dass es ihre Schwester ja auch noch gibt. Die beschwert sich bitterlich darüber, dass Jeannett auch ihre gemeinsamen Freunde eingeladen hat und befürchtet, dass sie sie ihr wegnehmen könnte.

So zieht sich das Thema Konkurrenz zwischen den Geschwistern und Kampf um Aufmerksamkeit durch die Pflegeeltern wie ein roter Faden durch die bisherigen Wochen unserer Pflegschaft. Immer geht es um das Thema, dass die leiblichen Eltern der beiden nicht in der Lage oder willens waren, ihnen die nötige Aufmerksamkeit und Fürsorge zu geben. Diese missratenen Bindungsversuche übertragen sie nun auf uns und befürchten, dass wir nicht beiden geben können, was sie brauchen. Jede einzelne von ihnen befürchtet, hintenan stehen zu müssen. Jede von ihnen will endlich im Mittelpunkt stehen können.

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