Unser dissoziativer Alltag 24. November 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: ANP, anscheinend normal, Chaos, Michaela Huber, Persönlichkeitsanteil, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Pocket Coffee, Trauma, Traumaerfahrung, Traumatherapeut, traumatisch, traumatisiert, traumatisierte Pflegekinder
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Der Alltag von Pflegeeltern traumatisierter Pflegekinder ist nie langweilig. Immer gibt es etwas zu entdecken und immer gibt es etwas zum Freuen. Langsam gewöhnen wir uns daran.
In Susanns Zimmer finden wir heute die Umhüllung von unzähligen Pocket Coffees und die dazu gehörige leere Packung in der Küche. Pocket Coffees, das sind mit starkem Bohnenkaffee gefüllte Pralinen, die wir für den Fall langer Autofahrten immer in Reserve haben. Susann hat sie im Küchenschrank ganz oben entdeckt und hat sie offensichtlich geräubert. Dazu brauchte sie notwendigerweise einen Hocker, um dran zu kommen. Das ist kein Hindernis, aber es zeigt, mit welcher Intensität sie danach gesucht haben muss. Später gibt sie zu, dass sie eingentlich nicht geschmeckt haben und sie nach deren Genuss ziemlich nervös war.
Hinter dem Schrank finden wir ein Pausenbrot und, immerhin im Papierkorb, einen verschimmelten Becher mit Joghurt. Positiv ist, dass in dem Chaos ihre Zahnspange wieder auftaucht. Sie kann sie wieder benutzen.
Susann weiß wie immer von nichts. Das glauben wir ihr. Solche Raubzüge sind, folgt man Michaela Huber, Teil ihres traumatisch beeinflussten Persönlichkeitsanteils, der in ihrem “Anscheinend Normalen Persönlichkeitsanteil” dem Vergessen unterliegt und nicht wahr genommen werden kann. Susann ist traumatisiert und handelt oft in ihrem Persönlichkeitsanteil, der ihr z.B. suggeriert: Du musst dir jetzt etwas zu essen beschaffen, damit du nicht verhungerst!
Für uns Pflegeeltern bedeutet das, dass wir Susann keine “Schuld” zusprechen können. Wir müssen mit diesen Situationen leben. Nur ein guter Traumatherapeut könnte versuchen, die Persönlichkeitsanteile wieder aneinander zu bringen. Was Susann erlebt hat, war für sie außerordentlich bedeutsam. Sie kann jedoch die Erinnerung daran nicht aushalten. So kommt es, dass sie Handlungen, die mit ihrer Traumaerfahrung in Verbindung stehen, nicht erinnern kann.
Die Zimmer im Chaos 6. September 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Chaos, Müll, Ordnung, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, schmutzige Wäsche, verwahrlost, wertlos
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Pflegeeltern müssen sich mit vielem abfinden, aber auch immer wieder Hilfestellungen leisten. Eins dieser Themen ist immer wieder die (Un-)Ordnung in den Kinderzimmern und wie wir darauf reagieren.
Heute finden wir im Badezimmer im Mülleimer einen kaputten Duftflacon, den eines der Kinder wohl an sich genommen hat.
- So sehen die Zimmer aus. In Susanns Zimmer herrscht das totale Chaos aus Müll und sauberer und schmutziger Wäsche. In den Schubladen gammeln Lebensmittel.
- Jeannetts Zimmer ist verwahrlost. Wir finden Geschirr, Milchkännchen, eine angefangene Packung Schokopulver mit Löffel, Milchflaschen, eine Tüte Sahnebonbons und einen Kaugummispender. Die Heizung glüht auf Stufe 5.
- Also helfen wir beiden, die Zimmer wieder in einen bewohnbaren Zustand zu bringen. Jeannett packt es alleine, aber sie kann die Ordnung nicht halten. Ich setze mich zu Susann. Ich leite sie an: Erst die schmutzige Wäsche in ihren Wäschebehälter, dann die saubere Wäsche in den Schrank, dann sortieren wir den Müll. Wir finden dabei Stifte, Federtaschen und Schulhefte. Alles sortieren wir zunächst nach brauchbar und unbrauchbar. Es dauert Stunden, bis das Zimmer sauber und ordentlich ist. Susann strahlt: “So müsste mein Zimmer immer sein!”
- So wie es in den Köpfen unserer Kinder aussieht, sieht es auch in ihren Zimmern aus. Susann ist nicht in der Lage, nach brauchbar und unbrauchbar zu sortieren. Alles ist für sie wertlos, aber sie kann sich von nichts trennen, und sei es nur ein Papierschnipsel.
- Es bleibt der Eindruck, dass dieses Chaos regelmäßig beseitigt werden muss. Es raubt uns Zeit. Aber beide sind nicht in der Lage, Ordnung zu halten. Wir müssen es so akzeptieren, wie es ist.
Wir bewältigen den Alltag 3. September 2011
Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.Tags: Allatag, Chaos, Eigentum, Erfahrungen, Gier, Kick, Kinderheim.Verlieren, Ordnung, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Vergangenheit, wegnehmen
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Der Alltag für Pflegeeltern unterscheidet sich erheblich vom Alltag leiblicher Eltern. Pflegeeltern haben mit Problemen in verschärfter Form zu kämpfen. Und sie kennen den Hintergrund dieser Probleme nur allzu gut.
Jeannett hat heute mindestens eine Schokoladentafel aus dem Küchenschrank genommen und aufgegessen. Wir finden das Papier in ihrem Zimmer. Es ist keine Schokoladentafel mehr übrig. Das alles wäre nicht so schlimm, hätte sie uns darum gebeten, aber sie hätte wohl gewusst, dass wir ihr nur eine halbe Tafel genehmigt hätten. Die jedoch hätte ihre Gier nicht befriedigt. Außerdem hätte einfach der Kick gefehlt – das Risiko des Entdecktwerdens.
Wir stellen auch fest, dass Jeannett Susanns Socken an hat. Wir vermuten, dass sie in ihrem chaotischen Zimmer von sich keine mehr finden kann.
Wir haben beiden Kindern Armbanduhren gekauft. Jeannett trägt ihre mit Stolz, aber Susann hat keine Ahnung davon, wo sie ist. Für sie gibt es nur das Hier und Jetzt. Auch ihr Hausaufgabenheft taucht erst wieder auf, nachdem sie mit unserer Hilfe ihr Zimmer durchkämmt hat.
Das Chaos in den Köpfen und Seelen unserer Kinder spiegelt sich unmittelbar in ihren Zimmern und in ihrem Verhalten. Wir müssen langsam vorgehen, um es zu verändern. Es wird uns viel Energie kosten.
Also machen wir einen Plan. Wir werden regelmäßig am Wochenende mit Susann reden, damit wir alles klären, was sich in der Woche ereignet hat. Wir wollen es verbinden mit ihren Erfahrungen im Kinderheim. Auch das Thema Verlieren und Ordnung muss angesprochen werden.
Auch mit Jeannett wollen wir reden, Sonntag Abend oder in der Woche. Es muss eine Regelmäßigkeit geben. Wir wollen über ihre Erfahrungen in der leiblichen Familie sprechen, über ihre Erfahrungen im Kinderheim, über Aufgaben in einer Familie und über das Thema Eigentum und Wegnehmen.
Es stellt sich heraus: Jeannett redet nicht über ihre Vergangenheit. Sie ist ihr best gehütetes Geheimnis. Susann erzählt eine Geschichte nach der anderen und versucht sich immer in den Mittelpunkt zu stellen. Unser Vorhaben ist gescheitert. Es bleibt uns nur die Aufarbeitung der momentanen Probleme.
Übergang im Chaos 5. Mai 2010
Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.Tags: Asthma, Übergang, Chaos, emotionale Bindung, Familienversicherung, gesetzlich versichert, Krankenkasse, Krankenversicherung, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, pflegeverhältnis, Zahnspange
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Susann ist keine Woche in der heilpädagogischen Einrichtung, und schon zeigen sich die ersten Schwierigkeiten. Der Übergang scheint nicht so einfach wie gedacht zu verlaufen.
Wer ist beispielsweise für die Krankenversicherung zuständig? Da sie nicht mehr bei uns wohnt und nicht mehr in unseren Haushalt gehört, ist sie bei uns auch nicht mehr krankenversichert. Wie die Einrichtung wohl jetzt mit Arztbesuchen verfährt?
Aus der Erfahrung wissen wir, dass solche Unklarheiten zu sehr peinlichen Situationen führen können. So kam es nur durch Zufall heraus, dass Susann schon einmal nicht versichert war. Damals war sie bei ihrem Vater versichert. Bei einem Anruf bei der Krankenkasse stellte sich heraus, dass diese Susann als Familienversicherte nicht mehr geführt wurde. Der Grund lag darin, dass der Vater eine Haftstrafe verbüßte und somit nicht mehr gesetzlich, sondern über den öffentlichen Dienst versichert war.
Glücklicherweise hat meine Krankenversicherung sehr flexibel reagiert und Susann in meine Familienversicherung aufgenommen. Susann war damit auch rückwirkend für alle medizinischen Leistungen versichert.
Die Krankenkasse sagt mir auch, dass das Programm für Susanns chronische Asthmaerkrankung nicht mehr fortgesetzt werden kann, da sich vor Ort kein Arzt befindet, der das Programm fortführt.
Die Kieferorthopädische Praxis ist irritiert von Susanns Umzug. Die Zahnärztin schlägt vor, die bereits angefertigte Zahnspange auch hier bei uns einsetzen zu lassen. Wir vereinbaren einen Termin zum Einsetzen der Zahnspange in einer Woche. Susann muss dafür herkommen. Das bedeutet zwei Stunden Zugfahrt.
Für uns ist es immer wieder unfassbar, wie wenig Institutionen über Pflegefamilien wissen, wie sie Pflegeverhältnisse einordnen sollen und wie damit zu verfahren ist. Zuweilen schlägt uns blankes Unverständnis entgegen.
Falsche Erinnerungen 26. März 2010
Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.Tags: Aggression, Aufräumen, Chaos, Gamedisk, Pfand, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, posttraumatische Belastungsstörung, PTBS, Reinszenierung, Traumatherapie, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung
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Es gehört zu den Symptomen schwerst Traumatisierter, dass sie bestimmte Ereignisse nicht mehr einordnen können und falsch erinnern. Die posttraumatische Belastungsstörung lässt Ereignisse durcheinander geraten. Es ist schwer, die Folgen einzuordnen. Ein solches Erlebnis und die Folgen hat uns erschaudern lassen.
Es ist einer dieser Sonntage. Susanns Zimmer ist mal wieder im Chaos.
Wir haben ersonnen, Susann auf eine andere Weise zum Aufräumen ihres Zimmers zu motivieren. Wir sitzen am Frühstückstisch und besprechen den Verlauf des Tages und der nächsten Woche.
“Ich will ja mein Zimmer aufräumen”, beteuert Susann.
“Gut”, erwidert Ruth. “Wie wäre es, wenn du uns ein Pfand dafür überlässt, irgend eine Sache, die du wirklich gern hast und dann wieder bekommst, wenn du´s geschafft hast.”
Susann überlegt kurz. Dann verschwindet sie und kommt mit dem Gamedisk wieder, den sie vor kurzem zu Weihnachten von uns geschenkt bekommen hat. Sie benutzt ihn gern, stellt sich damit Fragen und beantwortet sie. Ein so genanntes “pädagogisches Spielzeug”. Sie knallt ihn auf die Sitzbank.
“Ich brauch den sowieso nicht mehr!”
Typisch für traumatisierte Kinder, die keine Wertschätzung für materielle Dinge aufbauen können. Nichts besitzt einen Wert. Ehe eine Verpflichtung eingegangen wird, wird der Wert eines Gegenstandes geleugnet.
Aber es kommt noch abstruser.
“Ich habe den Gamedisk ja schon mal geschenkt bekommen”, bemerkt sie mit schnippischem Unterton.
Ruth ist entsetzt. “Wann hast du den denn schon einmal geschenkt bekommen?” fragt sie ungläubig. Jeannett blickt, als wolle sie sagen “Meine Güte, schon wieder so eine Lügengeschichte. Mir schwant, was jetzt passiert.
“Zu meinem letzten Geburtstag, und dann habt ihr ihn mir wieder weg genommen.”
Der Gamedisk lag schon lange bei unserem Vorrat an Geschenken, den wir für besondere Anlässe aufheben. Eigentlich wollte ich ihn Jeannet zu ihrem Geburtstag schenken, aber da hatte ich schon die “Löwenzahn”-CD-Sammlung, die sie am Computer benutzt. Es war offensichtlich: Für Jeannetts Alter war der Gamedisk nichts mehr, zu einfach und irgendwie langweilig. Aber für Susann war er zu Weihnachten genau richtig.
Jeannett meldet sich zu Wort.
“Du spinnst doch. Ich habe ihn noch nie vor Weihnachten bei dir gesehen.”
Ich versuche, Zugang zu Susann zu bekommen.
“Susann, du erinnerst dich falsch. Denk doch mal nach. Du hast ihn doch vor Weihnachten noch nie gesehen.”
Vergeblich.
“Klar habt ihr ihn mir zum Geburtstag geschenkt und wieder weggenommen”, brüllt sie. “Ihr seid so fies, so gemein!”
Ich glaube, sie ist wirklich überzeugt von dem, was sie sagt. Es ist die Realität in ihrem Kopf. Wer weiß, was sie wieder aus der Vergangenheit auf uns projiziert. Wie gehen wir damit um? Jeannett hält ihre Schwester für verrückt, Ruth ist verstört, ich bin hilflos. Wie kommt man aus einer solchen Situation wieder heraus?
Es gibt keinen Weg. Susann rennt in ihr Zimmer, schlägt die Tür hinter sich zu. Wir anderen sitzen betroffen am Tisch.
Es gibt nur eine Möglichkeit. Eine vernünftige Traumatherapie, die Susanns Erinnerungen an ihre frühe Kindheit aufarbeitet und sie zumindest von einigen ihrer Leiden befreit.
Traumaweihnacht 15. Januar 2010
Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.Tags: Chaos, de-eskalieren, Emotion, emotionale Bindung, Entbehrung, Entwenden, Flashback, Jugendamt, Lebensgefahr, Misstrauen, Pflegeeltern, Pflegefamilie, Pflegekinder, Professionalität, Reinszenierung, Schluchzen, Sozialisation, Trauma, traumatisierte Pflegekinder, Traumatisierung, Traumaweihnacht, Vertrauen, Volkssturm, Weihnachten, Weihnachtsfest, Weltkrieg
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Weihnachtszeit ist Traumazeit in unserer Familie. Die Zeit, in der für jedes einzelne Familienmitglied Bilder entstehen, die wir in unseren Köpfen haben, die Teil der Persönlichkeit sind und die uns geprägt haben. Die Zeit, mit der so unendlich viele Erwartungen verbunden sind, Stimmungen und Vorstellungen. Nicht nur für unsere Kinder gibt es traumatische Erlebnisse, die mit der Weihnachtszeit verknüpft sind.
In meinem Elternhaus war Weihnachten immer eine Zeit des Überflusses, ja, fast könnte man sagen, der Völlerei. Es gab Gans am ersten Feiertag, es wurde Wein getrunken, die Familie saß beisammen, immer waren unsere Großeltern, Tanten und Onkel dabei, die bunten Teller quollen vor Süßigkeiten über. Alle kannten nur ein Thema: Die Entbehrungen des Weltkrieges. Die Geschichte über die Zeiten der Gefangenschaft meines Vaters, nachdem sein Minensuchboot im Ärmelkanal von Briten torpediert wurde und von denen die verheilten tiefen Narben an seinen Armen und Beinen beredtes Zeugnis ablegten, kannten wir auswendig. Die Zeiten der Flucht meiner Mutter erst aus Paris vor den heran nahenden alliierten Truppen und dann aus Berlin vor der Sowjetarmee aus Angst vor Vergewaltigungen haben sie tief geprägt.
Mir fehlte als Jugendlicher angesichts der Hungersnot in Biafra und des Vietnamkrieges jedes Verständnis für solche Feste. Als Kind wusste ich, dass Familie an einem solchen Tag zusammen gehört, dass es harmonisch und romantisch war, das alle Kriegsbeile begraben wurden. Ich weiß heute, wie stark der Krieg meine Eltern traumatisiert hat und dass das Weihnachtsfest ein Freudenfest war, an dem man sich alles leisten konnte, was es früher nicht gab und das die Wunden heilte.
Ruth hat, wie jeder, ihre eigenen Erfahrungen mit dem Weihnachtsfest. Ihr Vater brachte in konstanter Regelmäßigkeit die Weihnachtsgans als ersten Preis vom Preisskat mit nach Hause. Der Weihnachtsbaum wurde im Wald gefällt und beim Förster gekauft. Er wurde von ihrem Vater geschmückt und niemand durfte ihn sehen, bevor das Werk vollendet war. Die Familie war beisammen und so manches Mal musste Vater, der Eisenbahner war, an den Feiertagen hinaus, um Weichen und Gleise vom Schnee und Eis zu beseitigen. Auch er hat sein Trauma im Krieg erlebt, als er als 15-Jähriger zum „Volkssturm“, dem letzten Aufgebot der nationalsozialistischen Diktatur an der Ostfront, eingezogen wurde und im April 1945 sehen musste, wie er seinen Heimweg über Hunderte von Kilometern durch ein in Schutt und Asche liegendes Land fand.
Und dennoch: Es gab intakte Familienbande, oft Helfer in der Not und die Geschichten aus dem Krieg klingen alle erstaunlich positiv und es gab irgendwie immer eine Wende zum Besseren. Besonders die Familien der damaligen Bundesrepublik und dem Westen Berlins genossen die wieder erlangte Freiheit und den Wohlstand und hatten kein Verständnis für die Generation der „Achtundsechziger“, die politische und moralische Vorstellungen ihrer Eltern so vehement kritisierten.
Weihnachten für unsere beiden Pflegekinder ist dagegen immer wieder eine Zeit der Erinnerung an das Schlimmste, was ihnen je passierte. Es geschah mitten in ihrer Familie, die sich zum Weihnachtsfest versammelt hatte. Schon damals war klar, dass die Eltern nicht in der Lage waren, die beiden Kinder zu versorgen. Das Jugendamt vertraute aber darauf, die Familie zu stabilisieren. Deshalb beurlaubte man sie für die Festtage aus dem Heim in ihre Familie.
Jeannet sitzt mit Susann in der Küche und spielt. Plötzlich ein Streit. Der Vater brüllt, Mutter schreit hysterisch, sie fällt zu Boden, überall ist Blut. Vater schließt sich auf der Toilette ein, sein Schwager tritt gegen die Tür, er versucht, seine Schwester zu rächen. Ein unglaubliches Chaos. Die Kinder kommen hinzu, Susann wirft sich vor die Toilettentür, wird von ihrem Onkel getreten, bevor er sich umwendet und seiner am Kopf verletzten Schwester zu Hilfe eilt. Jeannett, die für ihre Schwester schon in mancher Situation eintreten musste und weiß, was sie in scheinbar aussichtslosen Situationen zu tun hat, hat sich schon den Weg zum Telefon gebahnt und die Polizei benachrichtigt.
Es dauert zwanzig lange Minuten. Sie scheinen wie eine Ewigkeit. Die blutende Mutter am Boden, die Kinder und ihr Onkel neben ihr. Der Vater noch immer verschanzt. Endlich klingelt es. Wieder ist es Jeannett, die die Initiative ergreift und die Tür öffnet. Männer in weißen Jacken und Hosen stürmen herein, versorgen die Verletzte und tragen sie hinaus. Keine Lebensgefahr. Es soll das letzte Mal, dass sie diese Wohnung betritt.
Nach den Sanitätern folgt die Polizei. Sie fordern Verstärkung an. Die erste Mannschaft nimmt Vater und Onkel mit. Die zweite kümmert sich um die Kinder. Jeannett stellt ungerührt fest: „Ich will wieder ins Heim. Da sind wir sicher.“ Susanns verzweifeltes Schreien ist in ein leises Schluchzen übergegangen. Sie ist tagelang nach dem Ereignis nicht mehr ansprechbar. Jeannetts Augen haben sich in kleine Schlitze verwandelt, aus denen sie die Umwelt mit misstrauischen Augen betrachtet. Ihr Mund ist schmal, ihr Gesichtsausdruck hart und ernst. Es dauerte Jahre, bis er sich änderte.
Jeannett und Susann haben ein Schicksal erlitten, das uns als Pflegeeltern so völlig unvorstellbar ist. Es dauerte Jahre des Einfühlens und der Erfahrung, bis wir uns eine ungefähre Vorstellung von den Folgen machen konnten, die ihre Persönlichkeit beeinflussen. Wen wundert es, dass unsere Kinder Erwachsenen nicht mehr vertrauen? Für uns heißt das, uns Stück für Stück ihr Vertrauen zu erarbeiten und zu verdienen. Sie müssen erfahren, dass wir für sie da sind, bedingungslos ihre Interessen vertreten und uns für sie einsetzen.
Für Jeannett ist es nicht einfach, dies zu akzeptieren. Sie war immer diejenige, die Susann beschützen musste und für sie gesorgt hat, wenn ihre Eltern als Versorger ausfielen. Sie meint in jeder Situation zu wissen, was sie zu tun hat und was für sie am besten ist. Es fällt ihr schwer, zu akzeptieren, Rat anzunehmen und zuzugeben, wenn sie falsch liegt. Nach den Erfahrungen, die sie gemacht hat, verwundert das nicht.
Susanns Misstrauen ist hilflos. Sie verweigert sich, sie versorgt sich durch Entwendungen, sie provoziert, um die Loyalität der erwachsenen Bezugspersonen zu testen. Häufig tauchen bei ihr die Bilder auf, die sie an Situationen der Vernachlässigung und der Gewalt erinnern. Sie kann dann die Realität und ihre Flashbacks nicht mehr auseinander halten. Und sie reinszeniert Situationen, die ihr bekannt sind, aber unter denen sie so sehr leidet. Es ist wie ein Teufelskreis.
Weihnachten ist mit vielen Erwartungen besetzt. Der Harmonie, die wir Pflegeeltern kennen und gerne hätten, stehen die Erfahrungen unserer Pflegekinder entgegen. Unsere Vorstellungen und die harmonische Situation tun ihnen einerseits auch gut und sie möchten sie ebenso genießen. Andererseits macht Harmonie und Familienglück sie orientierungslos, so dass sie alles dafür tun, die ihnen bekannte Situation, unter der sie so gelitten haben, wieder herzustellen.
Wenn Susann ihren Adventskalender innerhalb von zwei Tagen leer räubert, fragen wir uns, warum sie das tut, und es berührt uns emotional. Können wir es schaffen, es als ein Unvermögen zu betrachten, Vorhandenes einzuteilen und Verfügbares nicht aufzuheben, die Spannung zu ertragen, die darin liegt? Seien wir ehrlich: Solches Verhalten widerspricht unserer Sozialisation und unseren Normen. Es verlangt verdammt viel Toleranz, damit umzugehen und viel Selbsterkenntnis, die in der konkreten Situation nicht immer präsent ist.
Wir wissen: Als Pflegeeltern haben wir die Aufgabe, unseren Pflegekindern zu zeigen, dass wir sie annehmen, mit allen Erfahrungen und allem Anderssein, auch wenn wir es uns nicht immer erklären können. Wir müssen ihnen zeigen, dass sie willkommen sind.
Dabei brauchen Pflegeeltern Hilfe. Gerade in der Weihnachtssituation müssen sie stark sein. Ob Jugendämter und Therapeuten davon wissen? Ob sie bereit sind, Unterstützung zu gewähren?
Es wird viel von Professionalität in der Pflege von traumatisierten Kindern gesprochen. Heißt Professionalität einfach das Ausschalten von Emotionen und der eigenen Sozialisation? Kann das gelingen? Oder entstammt dieser Anspruch der Realität der Ämter und Heime? Kommt er daher, wo es für Mitarbeiter überlebenswichtig ist, Abstand zu wahren, um nicht berufliche Probleme mit in die Freizeit zu nehmen, damit die Erholung vom Arbeitsalltag gelingt?
Pflegeeltern haben keinen Feierabend. Sie sind jede Sekunde ihres Lebens mit der Traumatisierung ihrer Pflegekinder konfrontiert. Professionalität heißt hier: Sich das Verhalten der Pflegekinder erklären können und blitzschnell zu de-eskalieren, um Situationen nicht ausufern zu lassen. Ist diese Aufgabe lösbar?
A propos Professionalität von Ämtern und Weihnachten:
Aus einer Einladung eines Jugendamtes zu einer Weihnachtsfeier:
„Auch dieses Jahr möchten wir wieder eine Weihnachtsfeier durchführen.“
Wie war eigentlich die Durchführung Ihres Weihnachtsfestes dieses Jahr?
Chaotische Zustände 30. Oktober 2009
Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.Tags: Aggression, Aufräumen, Chaos, Entwenden
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Heute ist wieder so ein Tag. Susann verweigert alles und ist aggressiv. Sie weiß genau, wo sie uns packen kann, wie sie es anstellt, die Situation hoch zu schaukeln. Wir finden in ihrem Zimmer knietief Papier, bekritzelt, zerknüllt, mitten drin halb geleerte Quarkbecher und angebissene Stullen. Sie nimmt alles, was sie erreichen kann.
Die Situation ist chaotisch. Um ihr keine Chancen mehr zu geben, verschließen wir die Küchentür und öffnen sie nur zu den Mahlzeiten. Mein Büro ist verschlossen und meine Vorräte an Kopierpapier sind darin verborgen, ebenso wie meine Vorräte an Schreibpapier für den Schulunterricht der Kinder. Es muss immer wieder in unbeobachten Momenten geschehen.
Natürlich wissen wir, dass Kinder, die in ihrer frühesten Kindheit vernachlässigt wurden, sich Vorräte anlegen. Susanns Vorräte sind binnen einer Stunde verschwunden, wie groß sie auch immer sein mögen. Jederzeit kann sie uns fragen, ob sie das eine oder das andere haben darf. Und meistens bekommt sie es. Aber das ist uninteressant. Es scheint ihr der Kick zu fehlen, etwas Heimliches zu tun. Hat sie es getan, scheint die Verheimlichung uninteressant zu sein.
Wir können natürlich nicht alles verschließen. Der zweite Kühlschrank im Keller ist immer erreichbar. Den Vorratsschrank halten wir verschlossen. Einkäufe sind zum unplanbaren Risiko geworden.
Um zu verhindern, das Susann ihre Kleidung aus dem Schrank zerrt und bekritzelt und zerreißt, heben wir sie extra auf, so dass sie nicht selbst drankommt und teilen sie ihr zu. Ruth ist traurig und enttäuscht darüber, dass Susann die hübschen, eigens ausgesuchten Kleidungsstücke so behandelt. Schuhe sind innerhalb weniger Wochen völlig zerschlissen und unbrauchbar, daran haben wir uns gewöhnt.
Alles vergeblich. Susann geht jetzt an die Schränke im Schlafzimmer und Jeannetts Zimmer und holt sich, was sie meint, zu brauchen. Wir finden in ihrem Zimmer ein Nachthemd von Ruth und Unterhosen und einen BH von Jeannett. Wo soll das enden??
Es wird immer offensichtlicher. Susanns Zustand verschlechtert sich zusehends. Es muss eine sofortige Lösung her. Ich werde Kontakt zu Kliniken, Ärzten und Behörden aufnehmen. Wir brauchen dringend professionelle Hilfe.
