jump to navigation

Was wissen Jugendämter wirklich? 5. November 2011

Posted by lehrergehrke in Der Kampf um Normalität.
Tags: , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Für Pflegeeltern ist es unerlässlich, zu erfahren, was den Pflegekindern, die sie betreuen, wirklich in frühester Kindheit passiert ist. sie müssen es wissen, damit sie sich darauf einstellen können, was sie erwartet, welche Informationen sie sich beschaffen müssen und wie sie reagieren müssen.

Immerhin haben wir es geschafft, dass sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen: Die beiden ehemaligen Sachbearbeiter des abgebenden Jugendamtes, die Sachbearbeiterin des zuständigen Jugendamtes, wir als Pflegefamilie und unser Beistand. Die Defizite, die wir schon kennen, werden benannt: Vernachlässigung, wahrscheinlicher Missbrauch, wechselnde oder fehlende Bezugspersonen, intensives Miterleben eines Mordversuchs. Wir kennen die Symptome im Verhalten der Kinder: Angst, mal nichts mehr zu essen zu haben, Lolitasyndrom, Skepsis und Misstrauen und offen feindselige Haltung gegenüber der Erwachsenenwelt, Aggression, Abspaltung der Vergangenheit aus dem gegenwärtigen Erleben. Was wir uns erhofft haben, ist leider unmöglich. Der Einblick in die Polizei- und Gerichtsakten bleibt uns verschlossen, auch das Jugendamt hat keinen Zugriff darauf. So werden wir nie erfahren, was sich tatsächlich abgespielt hat.

Immer haben wir beim Jugendamt eingefordert, die ganze Wahrheit im Detail zu erfahren. Bevor wir uns entschieden, ein Pflegeverhältnis mit Jeannett und Susann anzubahnen, haben wir zwar den bisherigen Verlauf der Hilfemaßnahmen erfahren. Obwohl wir beide, Ruth und ich, in pädagogischen Berufen arbeiten, konnten wir jedoch diese Informationen für uns nicht bewerten. Bisher haben wir uns nicht vorstellen können, was leibliche Eltern ihren Kindern anzutun in der Lage sind und welche Auswirkungen das auf die Seele eines Kindes hat. Dieses Wissen haben wir uns in langen Seminaren und intensiven Schulungen selbst erarbeitet. Und wir haben feststellen müssen, dass wir nun mehr Wissen hatten als so manch ein Sachbearbeiter des Jugendamtes.

Wir müssen aber auch erkennen: Auch die Jugendämter sind unzureichend informiert und können ihre Erkenntnisse nur aus deren Aktenlage schöpfen. Es wäre an der Zeit, dass auch Strafverfolgungsbehörden und Gerichte sich der Jugendhilfe öffnen und ihren Beitrag zu einer effektiven Hilfe für traumatisierte Kinder leisten, anstatt die Geschehnisse im Verborgenen zu hüten.

Ein Anbahnungsbericht 22. Mai 2011

Posted by lehrergehrke in Analysen.
Tags: , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Sehr geehrte Frau Schilling,

im Hinblick auf eine Pflegkindschaft für beide o.g. Kinder möchten wir Ihnen den neuesten Stand der Entwicklung aus unserer Sicht schildern.

Entwicklung der Kontakte zu den Kindern

Nach unserem gemeinsamen Anfangskontakt am 28.10. haben wir in enger Absprache mit den Erzieherinnen und insbesondere der Teamleitung insgesamt bisher vier Termine realisiert. Dabei konnten wir feststellen, dass die Kinder sehr schnell ein herzliches Verhältnis zu uns aufbauten. Wir haben dabei sowohl Aktivitäten innerhalb der Einrichtung wie auch außerhalb (Spaziergänge, Spielplatzbesuche) unternommen.

In nächster Zukunft sind Besuchstermine in unserem Haus sowie mehrtägige Beurlaubungen von der Einrichtung geplant. Der erste Termin bei uns zuhause war mit Begleitung von Erzieherinnen geplant, kann aus dienstlichen Gründen jedoch so leider nicht stattfinden.

Entwicklungsstand der Kinder

Jens und Petra sind aus unserer Sicht freundliche, aktive, normal entwickelte Kinder. Einschränkend haben wir festgestellt, dass Jens große Schwierigkeiten mit dem Ausdrucksvermögen und der Artikulation hat, die sich offensichtlich besonders nach häufigen Kontakten mit den leiblichen Eltern und anderen Familienangehörigen zeigen. Auch bei Petra konnten wir eine gewisse Orientierungslosigkeit beobachten. Den Grund hierfür sehen wir darin, dass sich die Kinder z.Zt. auf eine Vielzahl von Bezugspersonen einstellen müssen, die Schwierigkeiten bei der Verarbeitung verursachen. Insofern halten wir eine behutsame Überführung in eine Pflegschaft für angezeigt, die wir als Bezugspersonen systematisch aufbauen. In dieser Phase befindet sich unsere Anbahnung momentan. Deshalb befürworten wir eine weitere Gewöhnung durch zeitweise Beurlaubungen aus der Einrichtung.

Form der Pflegschaft

Aus dem Gesagten ergibt sich aus unserer Sicht, dass eine Kurzzeitpflege für Jens und Petra aus pädagogischen Gründen nicht in Frage kommt. Zur Stabilisierung der Situation der Kinder halten wir ein auf Dauer angelegtes Pflegeverhältnis für angebracht, wobei die Rolle der Herkunftsfamilie in diesem Stabilisierungsprozeß genau beschrieben werden muß. Wir halten es nicht für hilfreich, sollten Kontakte zur Herkunftsfamilie die Situation der Kinder destabilisieren. Ein konkretes Vorgehen möchten wir einer Hilfekonferenz vorbehalten.

Weitere zeitliche Perspektive

Perspektivisch stellen wir uns vor, unser Verhältnis zu den Kindern weiter zu festigen. Wir stellen uns dafür eine Phase von ein bis zwei Monaten vor. In diesem Zeitrahmen könnten Beurlaubungen aus der Einrichtung zur Eingewöhnung in unsere Familie genutzt werden. Dazu würden sich Ferienzeiträume wie die Zeit zwischen den Weihnachtsfeiertagen und dem Jahreswechsel besonders eignen. Die zwei ersten Februarwochen könnten je nach Fortschritt der Anbahnung einen Übergang in die Pflegschaft bilden. Diese Form der behutsamen Anbahnung würde für die Kinder zu einem reibungslosen Übergang in die Pflegefamilie führen, so dass die Eingewöhnung wenig Probleme verursachen würde.

Der erste Zeitraum der Pflegschaft

Unserer Erfahrung nach ist der Beginn der Pflegschaft besonders wichtig und stellt Weichen für die kommende Zeit. Deshalb denken wir die vorübergehende Beurlaubung der Pflegemutter aus erzieherischen Gründen an. Gerade die Phase der Einschulung für Petra, die für sie eine Umstellung ihres Lebensrhythmus bedeutet, wäre damit leichter zu bewältigen. Voraussetzung hierfür wäre allerdings unter allen Umständen die materielle Absicherung der Lebensumstände durch einen Pflegevertrag, der auf Dauer angelegt ist. Auch würde damit die eventuelle spätere Unterbringung der Kinder in einer Kindertagesstätte vereinfacht.

Folgerungen

Unserer Ansicht nach wäre ein behutsamer Übergang der Kinder in eine Pflegefamilie im vorliegenden Falle angebracht. Sollte aus pädagogischen Gründen ein schnellerer Übergang wünschenswert sein, möchten wir unsere persönliche Situation soweit absichern, dass wir dieser wichtigen Aufgabe ohne Schwierigkeiten nachkommen können. Dies gilt insbesondere für unsere berufliche Situation.

Wir freuen uns auf eine vertrauensvolle, intensive Zusammenarbeit.

Genaue Vorstellungen von einem Anbahnungsprozess wie diese hier scheinen eher weniger hilfreich zu sein. Jugendämter wollen gern das Konzept des Handelns behalten und darüber bestimmen, wann und wie die Kinder in eine Pflegefamilie vermittelt werden. Deshalb während der Anbahnung schön unauffällig bleiben.

Die Mädchen ziehen ein 13. März 2011

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
Tags: , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Selbst für uns Erwachsene ist ein Umzug immer etwas Besonderes, Aufregendes. Man verlässt einen Ort, an dem man vielleicht schon lange gelebt hat und man hängt noch lange an diesem Ort. Am neuen Wohnort muss man sich einleben, man weiß nicht, was auf einen zukommt. Auch mich beschleicht noch immer ein merkwürdiges Gefühl, wenn ich dort vorbei fahre.

Wie viel beeindruckender muss es erst für unsere Mädchen sein, wenn sie nun auf Dauer bei uns wohnen sollen! Sie haben schon an vielen Orten gewohnt und alle sind von Erlebnissen bestimmt, die selten posititv waren. Die Gefühle der Vernachlässigung am Wohnort ihrer Eltern, die vielen traumatisierenden Situationen, dann die Aufnahme im Kinderheim, die Besuche bei ihren Eltern, die Traumatisierung durch die Straftat, die sie mit erlebt haben und jetzt der Umzug zu uns nach jahrelangem Leben in einer Gruppe im Kinderheim, in dem sie sich immer gegen andere durchsetzen mussten gegen andere und keine wirkliche Bezugsperson hatten.

Nun ist es so weit. Ich habe einen Pritschen-LKW gemietet, um ihre Habseligkeiten zu transportieren. Alles wird aufgeladen, die Kinder verabschieden sich herzlich von ihren Erziehern und den Gruppenmitgliedern.

“Selbst Achmet, der mich immer so geärgert hat, hat geheult”, wird Jeannett später bemerken. Es ist ein sanfter Übergang, die Kinder und wir kennen uns inzwischen gut und es ist wie die Vollendung eines langen Prozesses.

Ruth fährt mit den Kindern wie immer mit der Bahn nach Hause. Ich komme mit dem LKW an, wir entladen alles und die Kinder räumen alles in das für sie schon vorbereitete Zimmer ein. Wir haben Schränke und einen Schreibtisch gekauft. Die Tapeten sind noch die alten, der Teppich auch. Eine gute Entscheidung, wie sich später zeigen wird. Schon Frau Wehrmann, unsere Sachbearbeiterin im Jugendamt, hat uns dazu geraten, nicht alles zu erneuern. Hat sie schon etwas geahnt?

Wir haben uns entschieden, die beiden in einem Zimmer in einem Doppelstockbett gegenüber unserem Schlafzimmer unterzubringen. Wir hielten dies für sinnvoll, damit wir die Kontrolle haben und beide nicht gleich auseinandergerissen werden.

Der Abend verläuft wie immer: Abendessen, und dann das Zu-Bett-Geh-Ritual mit Singen und für Jeannett mit Einschlaftee. Die Alpträume bei Susann haben nachgelassen, sie schläft vor Jeannett ein, damit sie sich gegenseitig nicht stören. Es war eine gute Entscheidung, die Anbahnung länger zu gestalten; so kennen beide Kinder schon unser Haus und ihr Zimmer ist ihnen vertraut geworden. Ihre Spielsachen und ihre Kleidung, die meist neu ist, tun das Übrige zu der vertrauten Atmosphäre.

Für die Kinder war es ein geglückter Übergang. Für uns war es eine neue Situation, plötzlich drei Kinder zu haben. Sigrid, die ihr Zimmer im Obergeschoss hat und aber im September eine eigene Wohnung an ihrem Ausbildungsort beziehen wird, hat die beiden als ihre Schwestern akzeptiert. Auch Jeannett und Susann akzeptieren sie als die ältere Schwester, die natürlich schon für sich selbst entscheiden darf.

Ab jetzt haben wir die volle Last dessen mit zu tragen, was die Mädchen in ihrer frühesten Kindheit erlebt haben. Es ist so viel mehr als wir wissen und uns vorstellen können, das wird sich immer wieder zeigen.

Der Sturz und die verlorene Mütze 4. März 2011

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
Tags: , , , , , , , ,
add a comment

Als Pflegeeltern in der Anbahnung möchte man sich von der Schokoladenseite zeigen. Alles ist perfekt, alles klappt, die Kinder sind hingebungsvoll und es gibt keine Zwischenfälle.

Jeannett und Susann sind wieder bei uns zu Besuch. Es ist ein weiterer schöner, sonniger Frühlingstag. Ruth und ich arbeiten im Garten und die Kinder spielen in unserer ruhigen Wohnstraße. Zwei Autos passen gerade aneinander vorbei, es gibt also keine Gefahr. Jeannett übt sich im Rollerskates-Fahren und Susann darf Sigrids altes Fahrrad ausprobieren.

Da plötzlich kommt Susann mit dem Fahrrad angeschossen. Sie gerät auf den Schotterstreifen am Rand. Der Lenker zittert, sie kann ihn nicht mehr halten. Sie stürzt auf die Seite und schlittert mit ihrem kurzen Kleidchen, das wir ihr gerade neu gekauft haben und ihrem linken Bein über den rauen Asphalt. Susann beginnt wie am Spieß gegrillt zu schreien. ich stürze aus der Eingangspforte, nehme sie auf den Arm und trage sie über die Terrasse ins Wohnzimmer. Sie hat Schürfwunden, das Knie blutet. Mein Puls erreicht 130.

Äußerlich bleibe ich ruhig. Ruth ist eben eingetroffen, begreift sofort. Ich suche etwas zum Desinfizieren, eine Wundsalbe und Pflaster zusammen. Susanns Schreie sind einem leisen Wimmern gewichen. Ich beuge mich zu ihrem Knie herunter, stille das Blut, desinfiziere die Wunde und behandle alles mit der Wundsalbe. Zum Schluss plaziere ich gekonnt ein Pflaster aufs Knie. Ich weiß: Das hat alles einen eher symbolischen Wert. Sie fühlt sich angenommen, ist der Mittelpunkt. Aber Susann lächelt leicht, als Ruth bemerkt:

“Alles nicht so schlimm, bis zur Hochzeit ist alles wieder gut!”

Dann müssen wir uns auf machen, um die beiden wieder ins Heim zu bringen. Ein bisschen mulmig ist uns schon. Besonders, als uns im Zug auffällt, dass Susanns Mütze fehlt.

Susann ist ungewöhnlich zerknirscht. “Ich glaube, ich habe die Mütze verloren. Ich weiß nicht mehr, wo sie ist.”

Aber die Betreuer sehen alles sehr locker.

“Das kann schon passieren, ist nicht so schlimm. Und ein paar Mützen haben wir auch noch”, ist die unerwartete Reaktion.

Uns ist das alles sehr peinlich. Hoffentlich hält man uns nicht für unprofessionell. Haben wir unsere Aufsichtspflicht etwa versetzt? Und dass mitten in der Anbahnung? Sind wir schlechte Pflegeeltern? Wie wird das von den “Profis” aufgenommen? Wir sind uns nicht sicher.

Auf dem Heimweg gehen wir alles noch einmal durch. Wir sind froh darüber, dass uns allem Anschein nach niemand einen Vorwurf macht. Noch wissen wir ja nicht, dass das Verlieren von Sachen und Unfälle bei Susann zum Alltag gehören. Noch kennen wir die Hintergründe nicht. Die Bedeutung werden wir erst später erfahren.

Eine harmonische Woche 2. März 2011

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
Tags: , , , , , , , , , , ,
add a comment

Anbahnungen bei Pflegekindern brauchen Zeit. Geht alles überstürzt, bedeutet das womöglich, dass Pflegeeltern und Pflegekinder doch nicht mit einander auskommen. Die Folge ist besonders bei traumatisierten Kindern katastrophal. Es kann einen erneuten Abbruch von schon gewachsenen Bindungen bedeuten und die spätere Bindungsfähigkeit negativ beeinflussen.

Deshalb sind wir glühende Verfechter von sanften Anbahnungen. Dazu gehört, dass wir die beiden Mäuse am Ostermontag abholen, damit sie eine Woche lang bei uns verbringen können. Wir möchten sie möglichst gleitend in unseren Alltag einbinden. Wir wissen, dass sie aus einer zerrütteten Familie kommen, dass sie vernachlässigt und zu fremden Menschen abgeschoben wurden. Eine intakte Familie haben sie bisher noch nicht kennen gelernt. Der Alltag im Kinderheim ist nicht eben spannend, es gibt keine durchgehend verfügbaren Bezugspersonen. Wie werden sie auf das Leben in einer Familie reagieren?

Auch wenn wir beide Urlaub haben, die normalen Aufgaben, die in einer Familie erledigt werden müssen, stehen an. Dabei versuchen wir, die beiden Mädchen mit einzubinden. Noch ist alles spannend, noch ist alles neu. Ob es darum geht, den Tisch abzuräumen oder die Wäsche aufzuhängen, alles funktioniert ohne Murren. Etwas Besonderes ist es, die Katzen zu füttern. Deshalb dürfen sie im Wechsel die Katzen füttern, Susann morgens und Jeannett abends. Tags über spielen sie in unserer ruhigen Wohnstraße oder dürfen auch mal zum Laden am Bahnhof gehen. Dann nehmen sie die Gelegenheit wahr, an der Schranke zu stehen und den Zügen zuzusehen.

Auch für Ausflüge bietet sich das Frühlingswetter an. Wir fahren in die Heide und die beiden tollen um die Hünengräber herum. Im Glasmuseum sehen sie gebannt dem Glasbläser zu. Es sind viele Eindrücke, die sie bekommen, aber schon bemerken wir, wie sich sie traurige Leere in ihren Gehirnen langsam füllt. Mit glänzenden Augen saugen sie alles auf, was ihnen begegnet.

Anders dagegen die Nächte. Es ist nicht einfach, die beiden überhaupt zum Schlafen zu kriegen. Angesichts der aufregenden Tage ist das auch nicht verwunderlich. So setze ich mich abends zum Einschlafen zu ihnen an die Betten und singe zur Gitarre Lieder wie “Puff the Magic Dragon” und zum Schluss ein Gute-Nacht-Lied wie “Old Lang Syne”. Das gibt ihnen die nötige Ruhe.

Manchmal aber steht Jeannett abends um zehn im Wohnzimmer und klagt:

“Ich kann nicht schlafen.”

Also mache ich ihr einen Gute-Nacht-Tee, der signalisiert: Ab jetzt ist wirklich Ruhe!, und es funktioniert.

Nachts erwachen wir fast täglich von Susanns Stöhnen und Weinen. Sie wird geschüttelt von Alpträumen. Also halte ich ihre Hand und spreche beruhigend auf sie ein, bis sie wieder einschläft.  Wir können nur ahnen, welche Ängste sie nachts heimsuchen.

Als wir sie am Sonntag wieder ins Heim bringen, ist der Abschied herzlich. Es scheint, als könnten sie uns akzeptieren. Und wir haben einen ersten Einblick darin bekommen, was wir bereit sein müssen, zu leisten. Es wird nicht einfach, aber wir sind zuversichtlich, den beiden eine Familie bieten zu können, in der sie sich gut entwickeln können.

Fahrt mit der Bahn 22. Februar 2011

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
Tags: , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Kinder, die im Heim leben, sind gut behütet und werden professionell betreut. Aber meist sehen sie nur ihre Umgebung. Manchmal gibt es Urlaubsreisen, die sind allerdings eher selten. Eine Fahrt mit der Bahn ist da schon ein Erlebnis.

Nachdem wir Jeannett und Susann nun schon einige Male besucht haben, setzt sich die Anbahnung auch mit Besuchen bei uns zuhause fort. Langsam zieht der Frühling ein und es ist mild. Das Heim ist dreißig Kilometer entfernt von unserem Wohnort und wir haben seit fast einem Jahrzehnt auf ein Auto verzichtet. Statt dessen fahren wir eine Stunde lang mit der Bahn.

Beide Mädchen sind voller Erwartung. Wir ziehen sie an und laufen zum Bahnhof. Beide tollen um uns herum. Dann kommt die Bahn und wir steigen ein. Susann schmiegt sich an Ruth und Jeannett blickt interessiert und mit wachen Augen aus dem Fenster. Sie liest jedes Bahnhofsschild bei jedem Halt und versucht sich die Reihenfolge zu merken. Am letzten Bahnhof liest Jeannett:

“Denkendorf! Ist das, wo ihr wohnt?”

“Wiee??? Deckeldorf???”, amüsiert sich Susann und alle lachen lauthals.

“Ja, hier wohnen wir”, bestätigt Ruth. Wir verlassen den Bahnhof und laufen durch das Wohngebiet, das aus großen Grundstücken mit gemütlichen, kleinen Häuschen besteht, durchsetzt von Wochenendgrundstücken. Der Weg vom Bahnhof ist besonders wichtig. Als wir vor unserem Haus angekommen sind, sehen wir die Mädchen leise staunen. Sie kennen nur das Heim und von früher den schäbigen, problembelasteten Kietz, in dem sie damals ihre ersten Lebensjahre verbracht haben.

Ruth macht Spaghetti mit Tomatensoße und alle langen kräftig zu. Es gibt Saft, vermischt mit Wasser aus dem Wassersprudler. Danach gibt es ein leckeres Eis.

Das Wetter ist schön. Die Terrassentür ist offen und während wir dort sitzen und einen Kaffee trinken, tollen die Mädchen im Garten herum und führen uns Tänze und kleine Theaterstückchen auf. Eine will die andere überbieten. Alles ist schön und harmonisch. Als ob sie schon immer bei uns waren.

So kommt denn die Zeit überraschend, als wir uns wieder auf zum Bahnhof machen müssen. Beide sind müde aber glücklich. Wieder prägt sich Jeannett die einzelnen Stationen ein und viele hat sie schon in der Reihenfolge behalten. Nach einer Stunde Fahrt landen wir wieder im Heim und die alte Welt hat unsere beiden wieder. Aber sie sind um eine Erfahrung reicher.

Das Schönste daran, Pflegekinder zu haben und bis zur Volljährigkeit zu begleiten ist es, zu beobachten, wie sie mehr und mehr Interesse an der Welt finden. Wie sie ihren Horizont erweitern und mit den anderen Kindern mithalten können. Wie sie die Welt verstehen lernen. Wie sie lernen, sich in Familienstrukturen einzufügen und davon zu profitieren. Wie sie zu wertvollen und akzeptierten Mitgliedern in dieser Gesellschaft heranwachsen.

Noch zeigt sich aber nicht, dass es ein Risiko ist, Geschwisterkinder aufzunehmen. Zwar hätten wir jetzt schon die Konkurrenz zwischen den beiden beobachten können und wie sie um unsere Aufmerksamkeit kämpfen. Aber wir sind zu verliebt in die beiden, um diese Anzeichen als ein Problem akzeptieren zu können. Wir sind erst einmal nur glücklich.

Hintergründe 17. Februar 2011

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
Tags: , , , , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Heute sind wir zum Jugendamt eingeladen. Es geht um die Biografie der beiden Mädel und um die Hintergründe der Vermittlung. Wir sitzen in einem weiß getünchten Raum mit zwei Schreibtischen und einem Besprechungstisch. Mit uns sind Frau Wehrmann, die für Susann und Jeannett zuständige Sachbearbeiterin und die für den Kindesvater zuständige Frau Süßberg.

“Wie war der erste Kontakt?”, will Frau Wehrmann wissen. Wir berichten unsere ersten Eindrücke. Und wir sind gespannt, was uns die beiden zu berichten haben.

Beide Mädel sind schon seit längerem beim Jugendamt bekannt. Sie sind offensichtlich von ihrer Familie häufig allein gelassen worden, so dass Jeannett, die Lieblingstochter des Kindesvaters, auf ihre Schwester aufpassen und öfter Nahrung besorgen musste. Sehr zeitig schon trennte sich die Kindesmutter von der Familie. Der Vater war häufig auf Sauftouren unterwegs. Ab und zu tauchte auch die Mutter auf, um mitzusaufen. Die Kinder spielten für sie keine Rolle.

Auch wurden die Kinder eines Morgens um zwei in Frankfurt, mitten im Vergnügungsviertel in Begleitung zweier Männer von der Polizei aufgegriffen und zum Kindesvater zurück gebracht. Der beteuerte, es sei alles in Ordnung und er habe davon gewusst.

Letztes Weihnachten, als die Familie für wenige Monate wieder vereint war, geschah das Ungeheure. Der Vater versucht, die Mutter in Anwesenheit der Kinder umzubringen. Die Kinder, die auf Besuchskontakt in der Familie sind, werden von der Polizei zurück ins Heim gebracht.

Von nun an ist klar, dass eine Stabilisierung der Familie mit der Option der Rückführung nicht mehr in Frage kam. Der Kindesvater ist zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, die er zu verbüßen hat. Dies führte nun dazu, dass Pflegeeltern für eine Dauerpflege gesucht wurden.

Wir haben die Möglichkeit, Einblick in die Hilfepläne zu bekommen. Es ist die Rede von Alpträumen und Einnässen bei Susann und tiefer Verschlossenheit bei Jeannett. Auch wurde Susann dabei beobachtet, dass sie sich ganz ungeniert sexuell stimuliert. Polizeiberichte jedoch liegen nicht vor.

Zu diesem Zeitpunkt können wir noch nicht ahnen, was auf uns zu kommt. Wie viel Energie wir aufwenden müssten, wie viel Wissen wir uns aneignen müssten. Trauma, Dissoziation, Vernachlässigung, Lolita-Syndrom sollten Worte werden, die uns ständig begleiteten. Wir waren absolut blauäugig und niemand hat uns gewarnt.

Susanns Geburtstag 6. Februar 2011

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
Tags: , , , , , , , , , , , , ,
add a comment

Geburtstage sind für Kinder sehr wichtig. Da stehen sie allein im Mittelpunkt, bekommen Geschenke, alles dreht sich um sie. Alle zeigen ihnen Aufmerksamkeit und wie willkommen und wertvoll sie auf dieser Erde sind.

Das ist bei Heimkindern nicht anders, eher wichtiger. Schließlich haben es ihre leiblichen Eltern nicht hingekriegt, ihnen zu zeigen, wie wichtig sie ihnen sind. (Das kommt manchmal erst dann, wenn die Kinder in einer Pflegefamilie angekommen sind und sich zeigt, dass sie sich hier wohler fühlen als im eigenen Elternhaus.)

Also nutzen wir die Gelegenheit und besuchen die beiden Mädchen, die vielleicht einmal bei uns aufgenommen werden sollen.

Susann ist heftig erregt und freut sich über unseren Besuch. Sie hat vom Heim ein paar Geschenke bekommen, nur ihre Mutter scheint das Datum vergessen zu haben. Den Kuschelteddy, den wir ihr mitgebracht haben, schließt sie sofort in ihre Arme und lässt ihn nicht los, während wir mit den beiden spielen.

Schließlich macht die junge Diakonisse uns den Vorschlag, doch etwas spazieren zu gehen. Beide Kinder werden für das winterliche Wetter eingepackt und wir suchen uns einen schönen Weg am Ufer des in der Nähe liegenden Flusses. Susann weicht Ruth nicht von der Seite und erzählt vom Alltag im Heim. Jeannett tobt um mich herum.

Susann aber wird immer stiller.

“Ich habe Kopfschmerzen und mir ist ganz heiß.”, sagt sie mit leiser Stimme. Also treten wir den Rückweg an. Im Heim angekommen, stellen die Erzieher fest, dass sie fiebrig ist und beginnt, asthmatisch zu husten. Sie muss sofort ins Bett und wir verabschieden uns.

Wir kennen das schon von Sigrids Anbahnung. Heimkinder reagieren sehr feinfühlig auf solche Veränderungen und zeigen das auch körperlich. Fieber ist der normale Ausdruck für die spannungsgeladene Situation und ihr Aufgewühltsein. Wir wissen: Es hat nichts mit uns zu tun.

Es war dennoch ein schöner Tag. Wir haben einem Menschlein zeigen können, wie wertvoll es ist, vielleicht das erste Mal, dass Susann so etwas erfahren hat. Wir sind erfüllt von diesem Gefühl.

Erstbegegnung 4. Juni 2010

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
Tags: , , , , , , , , , ,
add a comment

Heute ist es soweit. Das erste Mal, dass wir sie sehen, unsere beiden Mädchen. Wir waren beim Jugendamt, haben uns Informationen geholt, uns vorgestellt. Nun sollen wir sie kennen lernen.

Das Heim ist evangelisch, wir werden von einer jungen Diakonisse in Tracht begrüßt. Sie macht einen netten, kompetenten Eindruck.

Es ist wie im Film. Die beiden Geschwister stehen uns gegenüber, Hand in Hand. Es fehlen nur noch die großen Schleifen im Haar. Sie heißen Susann und Jeannett, sechs und acht Jahre alt. Die junge Frau sagt: “Das sind eure Pflegeeltern.”

Hoppla! So schnell geht das wieder? Wir stellen uns mit Ruth und Nico vor. Wollen wir was unternehmen?

Wir machen einen Spaziergang, die beiden tollen um uns rum. Sie sind locker und gelöst, aber sie halten zusammen. Wir beobachten auch, dass die Ältere die Jüngere beschützt und auch etwas beherrscht.

Inzwischen sind wir gebrannte Kinder. Wir freuen uns zwar, aber wir sind vorsichtig, um nicht wieder enttäuscht zu werden. Wir vereinbaren einen weiteren Besuchstermin zum Geburtstag von Susann. Und wir sind vorsichtig optimistisch. Kinder in der Anabahnugsphase als “süß” zu bezeichnen, liegt uns fern. Wir wissen, dass die beiden vernachlässigt worden sind, dass Jeannett Susann oft hat beaufsichtigen müssen und für sie verantwortlich war. In ihrer Gegenwart ist während eines Besuchskontakts in ihrem Elternhaus eine Straftat geschehen. Sie haben bestimmt beide ihr Päckchen zu tragen. Die Auswirkungen sollten sich noch zeigen.

Wir kämpfen um Pflegekinder 27. Mai 2010

Posted by lehrergehrke in Die Anbahnung.
Tags: , , , , , , , , , ,
4 comments

Es wird so langsam klar: Obwohl der Landkreis per Zeitungsannoncen Pflegeeltern sucht, bekommen wir keine Kinder. Sicher, wir haben einmal abgelehnt. Die Mutter hat psychische Probleme, der Junge ist stark verhaltensgestört. Sie müsste sozusagen “mitbetreut” werden. Der Wohnort liegt sechzig Kilometer von unserem entfernt.

Es reicht uns. Wir suchen andere Lösungen. Seit wir mit Sigrid, unserer ältesten Pflegetochter in diesen Kreis gekommen sind, geht es mit Frau Schilling nicht gut. Sie scheint uns nicht zu wollen.

Also wenden wir uns an das Jugendamt, das in Hamburg für uns zuständig war und uns überprüft hat:

Pflegekinder aus Hamburg nach Niedersachsen…

Sehr geehrte Frau Beltz-Grenardier,

es hat uns keine Ruhe gelassen, und so haben wir uns kundig gemacht, ob nicht auch aus Hamburg Pflegekinder nach Niedersachsen (genauer: Denkendorf) vermittelt werden könnten. Der Grund dafür ist ganz einfach: Alle bisherigen Anbahnungsphasen gestalten sich sehr aufwendig, da wir am oberen Ende des Landkreises wohnen und wir mitunter sehr weit fahren müssen, um eine Einrichtung zu erreichen. Dennoch stehen wir zur Zeit mit Frau Schilling im Jugendamt Lüneburg in Kontakt, um eine Anbahnung in einer Einrichtung in Lüneburg zu beginnen.

Mit einem Schreiben an den Senator für Jugend, Bildung und Sport, das wir Ihnen beilegen, haben wir versucht, eine Klärung zu erreichen. In der beigefügten e-mail-Antwort hat uns Herr Grenz die Voraussetzungen erläutert und uns geraten, direkt mit den Stadtteilverwaltungen Kontakt aufzunehmen.

Wir wenden uns nun an Sie als der Stelle, die sowohl derzeit unsere Eignung festgestellt hat als auch die Voraussetzungen unserer Pflegestelle kennt. Auch Frau Schilling vom jetzt zuständigen Jugendamt kennt diese Voraussetzungen. Dementsprechend sind die von Herrn Grenz genannten Bedingungen optimal erfüllt.

Wir können uns gut vorstellen, dass Kinder aus ihrer momentanen Situation in einer Großstadt herausgelöst werden müssen, um in ruhiger Atmosphäre eine positive Entwicklung zu nehmen. Wir sind unter diesen Voraussetzungen dazu bereit, weitere Pflegekinder aufzunehmen.

Zeitgleich mit diesem Schreiben werden wir Frau Schilling vom Jugendamt des Landkreises Lüneburg anschreiben und ihr die oben beschriebene Situation ebenfalls schildern. Wir würden es begrüßen, wenn beide Jugendämter in Kontakt treten, um eine Vermittlung von Pflegekindern aus Hamburg in unsere Pflegestelle zu ermöglichen.

Bitte teilen sie uns möglichst bald mit, wie sie die Chancen für die Vermittlung Hamburger Kinder in unsere Pflegestelle unter diesen Voraussetzungen sehen.

Freundliche Grüße

Es ist kaum zu fassen: In einem Land, in dem es jedes Jahr 200.000 missbrauchte, vernachlässigte Kinder gibt, müssen Pflegeeltern um Pflegekindern betteln und ihre Dienste anbieten. In eben diesem Land gelten Verwaltungsprobleme zwischen Gemeinden und Bundesländern mehr als das Wohl von Kindern, die missbraucht und vernachlässigt wurden. In eben diesem Land gibt es Fälle, in denen Kinder ihren traumatisierenden Eltern zurückgeführt werden, um das Geld für die Pflegestellen zu sparen.

Ist Deutschland ein kinderfreundliches Land?

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.

Join 102 other followers