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Konkurrierende Familien 30. Januar 2011

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Bekommt die leibliche Familie erst einmal Einfluss auf die Pflegefamilie, ist eine Konkurrenz unausweichlich. Das erfahren wir heute gerade.

Jeannett telefoniert mit ihrer leiblichen Familie. Susann ist dort angekommen. sie hustet asthmatisch.

“Die rauchen hier alle so viel.”, erklärt sie uns.

Jeannett und Susann erzählen sich gegenseitig, was sie zu Weihnachten bekommen haben. Dabei scheint es uns so, als ob sie sich gegenseitig übertreffen wollen. Susann hat immerhin ein Handy samt Karte erhalten. Zwar hat Jeannett schon lange ein Handy, aber es ist ein Unterschied. Sie hat mein altes, noch völlig funktionsfähiges Handy und eine Prepaid-Karte dazu und bekommt alle drei Monate eine Aufladung von 15 Euro. Wenn sie mehr telefonieren will, gibt sie mir 5 Euro und bekommt dann die nächste Aufladung schon nach zwei Monaten. Susann verfügt über nicht genug Geld, um es aufladen zu können. Dass vergisst Jeannett gern, wenn sie sich darüber beschwert, dass ihr Handy nicht so hipp ist.

Susann erwähnt leise, dass sie von uns ja nichts zu Weihnachten bekommen hätte. Sie hat vergessen, dass sie von uns ein Buch bekommen hat. Die Weihnachtsfeier in der Wohngruppe war ja schon Anfang Dezember. Kein Wunder, dass sie es nicht mehr mit Weihnachten in Verbindung bringt…

Tags drauf wird Jeannett Sigrid, unserer ältesten Pflegetochter gegenüber aggressiv. Ich hab Sigrid von ihrem Wohnort 350 km weit entfernt am Heiligen Abend mit dem Auto abgeholt. Sie musste bis 14 Uhr arbeiten und hat nicht genug Geld, um sich die Fahrt zu leisten. Jeannett hat das sehr genau bemerkt.

“Ich habe genau gehört, dass du mit Mama und Papa über mich geredet hast!”, fährt sie sie an.

Jeannett leidet darunter, dass sie auf einmal nicht mehr allein im Mittelpunkt steht. So hat sie sich das wohl nicht vorgestellt. Sicher glaubt sie, dass ihr das in ihrer leiblichen Familie nicht passieren würde. Und sie möchte in ihrer leiblichen Familie auch eine gewichtige Rolle spielen. Es beginnt eine Zeit, in der sie orientierungslos zwischen ihren beiden Familien hin und her gerissen wird. Wie sich das äußert und was das für das nächste Jahr bedeutet, können wir jetzt noch nicht einmal erahnen.

Besuche, Konkurrenz und die Ergänzungspflege 26. Januar 2011

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Weihnachten naht, und es ist die Zeit der Besuche. Für Pflegekinder ist das immer besonderer Stress, besonders, weil die leiblichen Eltern sich wieder ihrer Kinder erinnern, die sie zuvor misshandelt und vernachlässigt haben – gerade so, als seien sie ihr Eigentum.

Susann soll für drei Tage über Weihnachten bei ihrem leiblichen Vater verbringen. Wie wird sie das aushalten, mit ihrem einstigen Peiniger zu verbringen? Wir haben die ärgsten Befürchtungen, aber wir werden nicht mehr gefragt. Es steht fest. Der Kindesvater hat angekündigt, ihr ein Handy mit Karte zu schenken. Das lockt natürlich. Und außerdem ist es sehr praktisch, dass der Kindesvater sie nun Tag und Nacht fernsteuern kann. Geschickt geplant. Und wir sind alle sehr gespannt, was daraus werden soll.

Für Jeannett bedeutet das natürlich schärfste Konkurrenz. Susann wird zuerst die Wohnung, die Familie  und den neuen Wohnort ihres Vaters kennenlernen, ein Vorsprung, den Jeannett wohl nicht lange dulden wird.

Zunächst aber versucht es Jeannett damit, dass sie den Einfluss auf ihre Schwester behält und ausbaut. Sie will sie besuchen, aber es fehlt ihr der Mut, dort zu übernachten.

“Ihr bringt mich aber hin und seid immer in der Nähe, falls etwas schief geht”, fleht sie uns an. Das bedeutet für uns: Jederzeit in Lauerstellung verharren, falls ein Anruf kommt: “Holt mich hier ab, ich halt´s nicht mehr aus!” Wir sind dazu bereit.

Heute kommt eine Nachricht vom Familiengericht. Man beabsichtigt, mich als Ergänzungspfleger für die Vermögenssorge beider Kinder einzusetzen. Ich habe für sie die Opferentschädigung beantragt und der Sorgerechtsprozess, in dem dem Kindesvater die Vermögenssorge entzogen worden ist, ist über ein Jahr her. Seitdem habe ich alles aufgewendet, um wenigstens die Vermögenssorge zu bekommen. Noch ist nichts entschieden.

Ein neues Problem deutet sich an. Durch das Wiederauftauchen des Kindesvaters, nachdem er seine Haftstrafe verbüßt hat, entsteht neuer Zündstoff zwischen den Schwestern. Susann sucht sich neue Bezugspersonen, und sie befindet sich gegenüber Jeannett im Vorteil. Das bringt eine völlig neue Situation in unser Pflegeverhältnis. Wie drückt es Frau Gerster aus: “Der Stallgeruch zieht!”

Ein schlimmer Traum 14. Januar 2011

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Unser Unterbewusstsein verarbeitet, was wir erlebt haben, unsere Wünsche und Ängste. Manchmal können es Alpträume sein.

Wie immer gehe ich morgens in Jeannetts Zimmer, um sie zu wecken. Schweißgebadet und völlig verstört setzt sie sich auf und fällt mir in die Arme.

“Ich habe einen so schlimmen Traum gehabt”, sagt sie leise. Ich habe geträumt, dass wir alle in der Küche standen. Papa war auch dabei. Dann hat sie ein Messer gezogen und dich umgebracht und dann Ruth.”

Sie hält mich umklammert. Sie beschwört mich.

“Versprich mir, dass ihr euch vorseht. Seht euch immer genau um, wer hinter euch steht. Ihr müsst immer ganz genau beobachten, wer in eurer Nähe ist. Versprich es mir.”

Es gelingt mir, Jeannett zu beruhigen. Sie schafft es, sich für die Schule fertig zu machen. Aber um zehn Uhr kommt ihr Anruf.

“Papa, hol mich ab. Ich kann mich nicht auf die Schule konzentrieren, immer muss ich an diesen Traum denken.”

Was hat das zu bedeuten? Ich vermute, dass sich Jeannett mit ihrer Herkunft auseinander setzt. Natürlich würde uns ihre Mutter nie etwas antun. Aber Jeannetts Erfahrungen und traumatischen Erlebnisse mischen sich mit der Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit. Sie befürchtet, dass, wenn wir nicht mehr da wären, ihr der Schutz verloren ginge, den sie jetzt bei uns genießt. Diese Angst vor der Ungewissheit ist ganz normal. Wir sind verpflichtet, sie ihr zu nehmen.

Ein schöner Anruf 10. Januar 2011

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Manchmal gibt es freudige Momente. Meine Strategie, auf Susann zuzugehen, scheint Erfolg zu haben.

Heute abend ruft Susann aus der Einrichtung an. Ruth nimmt den Anruf an.

“Danke für den Adventskalender. Ich habe ihn schon aufgestellt. Das Weihnachtsgeschenk ist auch angekommen.”

Ruth ist gerührt. “Susann, schön, dass du dich freust. Du weißt, dass wir dich nicht abgeschoben haben. Es ging einfach nicht mehr.”

“Es geht mir hier gut, Mama”, bekräftigt sie. “Ich mag die Schule und meine Klassenkameraden und es ist ganz ok.”

Ein paar Worte über den Alltag und dann ist das Gespräch beendet.

Ich könnte jubeln. Es geht ihr gut! Und sie hat “Mama” gesagt! Ich bin mit der Welt versöhnt. Susann hat sich aus eigenem Antrieb gemeldet und sucht wieder den Kontakt. Meine Absicht ist schneller zur Realität geworden, als ich es mir hätte erhoffen können. Das lässt für die Zukunft hoffen.

Macht euch keine Sorgen! 8. Januar 2011

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Auf einmal soll alles vorbei sein. Jahre lang haben wir uns um Susann gesorgt. Wir haben sie verteidigt, sie unterstützt, versucht, ihre seelischen Schmerzen zu lindern. Wir haben getan, was wir für richtig und wichtig hielten. Nun sind uns die Hände gebunden.

Wieder ist es Frau Sommer, die uns eine neue Perspektive eröffnet.

“Sie müssen jetzt daran arbeiten, Abstand zu gewinnen”, leitet sie die Sitzung ein.

Ich protestiere heftig. “Das wird nicht passieren, nicht nach fast sechs Jahren!”

“Nein, nein, Susann steht nicht mehr im Mittelpunkt. Sie können ihr nicht mehr helfen”, wendet sie ein. “Jeannett braucht jetzt Ihre volle Aufmerksamkeit. Das ist genau was sie wollte, und Sie haben es zugelassen.  Und jetzt muss sie erleben, dass Sie sich immer noch um Susann kümmern. Sie hat jetzt das Anrecht auf Ihre Aufmerksamkeit.”

Ich überlege. Das stimmt. Wie sagte Jeannett am Tag des Wendepunktes: “Entweder die geht oder ich.” Natürlich war da auch ein Stück Eigennützigkeit dabei. Von da ab konnte sich Jeannett sicher sein, nicht zu kurz zu kommen. Es war für sie die Garantie, immer im Mittelpunkt zu stehen.

In diesem Moment, mit diesen Worten hat Frau Sommer mir das Gefühl genommen, mich verantwortlich zu fühlen dafür, was mit Susann passiert. Wir brauchen uns nicht mehr zu sorgen. Susann muss jetzt selbst entscheiden.

Aber was ist mit dem Besuch von Susann zu Weihnachten bei ihrem Kindesvater? Es gibt viele Risiken. Da ist allein die lange Zugfahrt. Was ist, wenn sie einen Zug verpasst? Wird sie retraumatisiert werden, wenn sie auf den Menschen trifft, der ihr Leben ins Chaos gestürzt hat?

Frau Sommer hat eine einfache Antwort.

“Es ist nicht Ihre Verantwortung! Machen Sie sich keine Sorgen!”

So einfach ist das natürlich alles nicht. Natürlich sind wir besorgt. Aber was viel wichtiger ist: Wir müssen jetzt die Entwicklung aus Jeannetts Position betrachten. Was macht das alles mit Jeannett? Wie wird sie reagieren? Welche Wende in Jeannetts Entwicklung wird das alles einleiten?

Nach einem Jahr werden wir viel schlauer sein.

Auch das noch: Die Schweinegrippe 5. Januar 2011

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Manchmal kommt alles zusammen und es scheint, als verfolgt uns das Unglück. Seit Wochen wird in den Medien debattiert und diskutiert. Soll man sich gegen H1N1 impfen lassen oder nicht? Sind die Nebenwirkungen des Impfstoffes schädlicher als die Krankheit selbst? Nicht einmal die Mediziner sind sich einig. Unsere Ärztin rät zur ganz normalen Grippeimpfung.

Vorsichtshalber frage ich beim Jugendamt nach. Aber auch da kryptische Antworten. Der leibliche Vater hat das Sorgerecht und müsste entscheiden. Wegen seiner intellektuellen Begrenztheit ist jedoch von ihm keine vernünftige Entscheidung zu erwarten, wenn selbst Akademiker sich nicht einig sind. Das Jugendamt will keine Verantwortung übernehmen.

Die Entwicklung der Ereignisse nimmt uns die Entscheidung ab. Heute abend kommt Jeannett nach Hause, mit Husten, Halsschmerzen und steigendem Fieber. Es ist Freitag nachmittag und alle Ärzte haben bereits geschlossen. Also fahre ich mit Jeannett im Auto direkt in die Notaufnahme des John-F.-Kennedy-Klinikums. Dort werden zunächst Atemschutzmasken verteilt. Zum Schutz der Angestellten und Ärzte, nehme ich an. Alle anderen sind ja bereits infiziert

Nach stundenlanger Wartezeit sprechen wir mit einer jungen Notfallärztin. Sie macht einen Abstrich, um festzustellen, ob eine bakterielle Infektion der Lunge vorliegt. Der Test ist negativ. Also händigt sie uns ein Merkblatt aus, das mir nichts Neues verrät: Bettruhe, regelmäßige Gabe von Schmerzmitteln, Wadenwickel, viel trinken.

“Machen Sie keinen Test auf H1N1?”, frage ich erstaunt.

“Wo denken sie hin!”, entrüstet sich die Ärztin. “So viele Tests haben wir gar nicht, und sie sind auch teuer. Außerdem: Was nützt es Ihnen zu wissen, ob es wirklich der Erreger ist? Wenn der Zustand kritisch werden sollte, kommen Sie wieder.”

Das hatte ich nicht erwartet! Aber wir haben keine andere Chance. Also fahren wir heim, packen Jeannett ins Bett und achten darauf, dass sie regelmäßig ihre Medikamente nimmt und viel trinkt.

Nach ein paar Tagen lässt das Fieber nach und Jeannett ist wieder fit. Wir suchen unsere Ärztin auf und lassen einen Test machen. Ergebnis: Positiv! Immerhin hat das Ergebnis etwas Gutes: Sie ist jetzt immun und wir wahrscheinlich auch. Noch einen Tag im Bett, und die Sache ist vorbei.

Es ist schon merkwürdig, wie hier mit einer angeblich gefährlichen Krankheit umgegangen wird. Es zeigt auch, dass Pflegeeltern letztlich die Verantwortung zugeschoben wird. Sie sind letztlich die jenigen, die entscheiden müssen. Der ganz normale, alltägliche Wahnsinn halt.

Eine krasse Idee? 2. Januar 2011

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Wenn man so richtig hilflos ist, kommen einem die krassesten Ideen. Susann ist in dieser Einrichtung und wir wissen nicht richtig, wie es ihr geht. Warum sollte man nicht mal mit den Gedanken spielen?

Ich habe die Idee, ab und zu mal an den Ort zu fahren, an dem Susann untergebracht ist und sie zu beobachten, wie es ihr geht. Niemand kann mir verwehren, mich an irgend einem Ort aufzuhalten und ich hätte endlich Gewissheit. Ich könnte gegebenenfalls eingreifen. Es würde mich einfach beruhigen, sie zur Schule gehen zu sehen oder zu wissen, was sie nachmittags alles macht, ob die Therapie regelmäßig stattfindet. Es wäre wie die Arbeit eines Detektives.

“Das kannst du nicht machen”, ereifert sich Ruth. “das ist Stalking. Du bringst dich in Schwierigkeiten.”

Okey, vielleicht ist die Idee doch nicht so gut. Aber wir werden darauf bestehen, mindestens zweimal im Jahr mit Susann Umgang zu haben, darauf haben wir ein Recht. Susann soll es uns ins Gesicht sagen, wenn sie das nicht will.

“Lass uns erst mit Frau Gerster darüber sprechen”, wendet Ruth ein. “Vielleicht hat sie noch eine andere Idee.”

Also fahren wir anderen Tags zum Jugendamt und sprechen mit Frau Gerster. Auch sie war mit dem Hilfeplangespräch nicht einverstanden, sieht aber im Moment keine Möglichkeiten.

“Susann will Sie nur im Moment nicht sehen, das kann sich bald ändern”, sagt sie uns. “Es ist eine Phase des Abstandes, die man ihr auch zugestehen sollte.”

Während des Hilfeplangespräches stellte Ruth die Frage “Was ist mit Weihnachten?” Susann hat diese Frage offensichtlich als eine Einladung zu uns aufgefasst und sehr heftig darauf reagiert. Sie hätte nicht erwartet, dass Ruth diese Frage stellt, sagte sie. Und immer wieder stellt sie die Frage, wie das gemeint war. Für uns ist jedoch klar: Sie wird Weihnachten nicht mit uns verbringen. Das Risiko ist zu groß.

Dann kommt mir eine andere Idee, die auch wirklich durchführbar ist. Ich möchte Susann zeigen, dass wir an sie denken und sie zu uns gehört. Also beschließen wir, ihr einen Adventskalender zu schicken und eines jener Kultbücher für Jugendliche als Weihnachtsgeschenk. Ich finde es auch wichtig, der Einrichtung zu zeigen, dass wir Susann auch jetzt nicht aufgeben, sondern den Kontakt halten, auch zur Einrichtung.

Es wird uns nichts weiter übrig, als die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist. Wir werden andere Wege suchen müssen, um mit Susann in Kontakt zu bleiben. Dabei wird Jeannett eine Schlüsselposition zukommen.

Ruths Traum 28. Dezember 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Pflegeeltern entwickeln emotionale Beziehungen zu ihren Pflegekindern, ob sie das wollen, oder nicht und egal ob es professionell ist oder nicht. Susann hat fast sechs Jahre bei uns gelebt und sie ist noch immer in unseren Köpfen und Herzen. Heute hat Ruth einen Traum gehabt, der das ganz klar zeigt.

“Es ist früher Vormittag und ich will noch schnell mit dem Rad etwas einkaufen. Ich schiebe das Rad vom Hof auf die Straße. Unvermittelt habe ich das Gefühl, dass mich jemand anguckt. Ich blicke mich um und sehe schräg hinter mir am Zaun des gegenüber liegenden Grundstückes Susann sitzen, etwa im Alter von sieben Jahren. Sie ist herbstlich verkleidet, in grün und orange, trägt eine Narrenkappe mit Schellen und freut sich, gefunden zu werden. Sie muss schon eine Weile dort gewartet haben, ist durchgefroren und muss aufs Klo. Während sie auf dem Klo sitzt, rufe ich zu Nico in den Keller: ‘Rate mal, wen ich mitgebracht habe.’ Bis Nico oben ist und Susann vom Klo kommt, ist sie wieder die alte, keine Verkleidung, kein schelmisches Lächeln mehr, nur noch Susann.”

Die Bedeutung dieses Traumes:

Susann ist zu Hause! Völlig unerwartet nimmt sie Kontakt zu uns auf, aber sie hat sich verändert. Sie ist lustig, freudig, schelmisch. Sie spricht Ruth nicht direkt an, sondern will unsere Aktivität. Sie fühlt das dringende Bedürfnis, ihr Leben mit uns zu teilen. Aber bei uns angekommen, ist sie wieder die alte Susann, mit allen Fehlern und Schwierigkeiten.

Der Traum ist für uns einerseits eine Aufforderung, nicht locker zu lassen. Er ist aber auch eine Warnung davor, sie übereilt wieder aufzunehmen. Wir werden sehen, was daraus wird.

Wir lecken die Wunden 25. Dezember 2010

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Es ist Tag eins nach dem Rausschmiss. Wir sind wie gelähmt. Was muten diese “Fach”-Leute uns zu! Ist das die so genannte Professionalität, die uns angeblich fehlt? Sie haben uns als Pflegeeltern verächtlich gemacht und Jeannett in einem Konflikt zwischen uns, ihrer Schwester und ihrem leiblichen Vater hinterlassen. Mir fallen nicht viele Worte dafür ein: Unqualifiziert, unprofessionell, gefühllos.

Ruth und ich sind krank und Jeannett ist nicht zur Schule gegangen. Es hat uns alle hart getroffen, wie hier mit uns umgegangen wurde.

Zu unserem Glück haben wir heute einen Supervisionstermin. Frau Sommer, wie immer ruhig und professionell, hört sich die Geschichte an.

Nachdem wir unseren Unmut los geworden sind, wendet sich Frau Sommer an Jeannett.

“Jeannet, du musst jetzt wissen, was du wirklich willst. Deine Eltern sind jetzt für Susann nicht mehr zuständig. Sie haben keinen Einfluss mehr. Du bist jetzt die einzige Verbindung zu Susann.”

Jeannett schaut ernst drein. Dann wendet sich Frau Sommer an uns.

“Im Moment haben Sie keine Chance. Vielleicht ändert sich etwas, wenn Susann beginnt, ihre Vergangenheit aufarbeitet.”

Das sind klare Worte. Aber ich protestiere.

“Fast sechs Jahre waren wir gut genug, haben getan, was wir konnten, haben uns eingesetzt. Das kann doch nicht alles plötzlich vorbei sein!”

“Es gibt keine Möglichkeit”, sagt sie ernst. “Es ist vorbei.”

Und dann sehr entspannt: “Sehen Sie es doch einmal so. Sie übergeben die Verantwortung an Susann. Es ist wie eine Verselbständigung. Susann muss jetzt wissen, was sie draus macht. Ob und wann sie den Kontakt zu Ihnen wieder aufnehmen will. Ich glaube, das wird passieren.”

Sie hat ja Recht. Es war eine gute Erklärung, die sie uns gab. Jeannett ist jetzt die jenige, über die wir den Kontakt noch haben. Trotzdem können wir es noch nicht glauben. Es wird noch lange dauern, bis wir uns damit abfinden können. Wir sind für Susann keine Pflegeeltern mehr und haben allen Einfluss verloren.

Der Rausschmiss 16. Dezember 2010

Posted by lehrergehrke in Die Zeit danach.
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Es gibt Hilfeplangespräche, die sind gruselig für die Pflegeeltern. Es gibt Sachbearbeiter, die sehen Pflegeeltern nur als Dienstleister. Es gibt Hilfeplangespräche, in denen es nicht um das Kindeswohl geht, sondern nur um die leiblichen Eltern. Dies ist eins von denen.

Entgegen den Wünschen, die man wohl gehegt hat, haben wir eine dreistellige Kilometeranzahl zurück gelegt, um in der Einrichtung, die für Susann zuständig ist, am Hilfeplangespräch teil zu nehmen. Alle sind da: Frau Schwerdtfeger, Frau Gerster, die Therapeutin der Einrichtung, die Bezugserzieherin, Jeannett, die wir gegen den Willen Frau Schwerdtfegers mitgenommen haben, Ruth und ich. Darüber hinaus der für den Kindesvater und für Susann zuständige Sachbearbeiter des Jugendamtes, Herr Sadowczik. Nur einer ist nicht da: Der Kindesvater. Er ist krank.

Eine halbe Stunde warten Ruth, Jeannett und ich draußen im Kalten, während der Rest mit Susann redet. Dann werden wir eingelassen. Jeannett geht mit Susann in ihr Zimmer.

Herr Sadowczik ist ein hoch gewachsener, hagerer Mittdreißiger mit hagerem Gesicht und finsterer Miene.

Frau Schwerdtfeger beginnt in leisem Ton.

“Ich darf Ihnen Herrn Sadowczik vorstellen, den neuen Sachbearbeiter des zuständigen Jugendamtes. Er wird das Gespräch leiten. Entsprechend des KJHG ist die Zuständigkeit für Susann auf das Jugendamt xxx übergegangen.”

Das hat System. Der Überraschungseffekt. Alles, was bisher beschlossen worden ist, hat offensichtlich keine Gültigkeit mehr.

Herr Sadowczik eröffnet das Gespräch.

“Ich möchte klar stellen, dass Sie am nächsten Hilfeplangespräch nicht mehr teilnehmen werden.”

Ruth ist empört.

“Warum sollten wir nicht mehr teilnehmen?” , stößt sie hervor.

Herr Sadowczik sitzt zurückgelehnt auf seinem Stuhl. Sein Kopf ist leicht nach hinten gelehnt. Er signalisiert: Beißt mich doch! Ich fürchte euch nicht. Ich bin das Alphatier.

“Weil ich Sie nicht mehr einladen werde.”

Die durch Arroganz des Sachbearbeiters erfüllte eisige Atmosphäre ist körperlich spürbar.

Ich spüre, wie mein Blut beginnt, zu kochen. Dennoch bemühe ich mich, Ruhe zu bewahren.

“Lassen Sie mich klar stellen. dass die Zusammensetzung der Teilnehmer an diesem Gespräch nicht den Auflagen des Amtsgerichts in seiner Entscheidung über das Sorgerecht entspricht. Dem entsprechend sind zu Hilfeplangesprächen Fachkräfte wie Therapeuten und fachkundige Beistände hinzu zu ziehen. Darüber hinaus wird im letzten Hilfeplan unsere Beteiligung an der weiteren Hilfeplanung als wichtig und notwendig und für Susann als bedeutsam erachtet. Außerdem ist nicht einsichtig, warum Jeannett nicht am Hiilfeplangespräch beteiligt sein sollte, wenn sie doch die leibliche Schwester ist.”

Ich nehme wahr, dass meine Stimme leise, aber scharf klingt. Die Antwort kommt prompt.

“Sie sind nicht mehr Verfahrensbeteiligte und nicht mehr zuständig. Sie sind nicht mehr die Pflegeeltern. Sie waren es doch, die das Kind in Obhut gegeben haben!”

“Moment mal.”, wende ich ein. “Wir haben das Recht auf Besuchskontakte, wie alle leiblichen Eltern auch. Wir wollen Besuchskontakte. Voraussetzung ist allerdings, dass die Einrichtung die Umstände, die zur Inobhutnahme geführt haben, aufarbeitet, damit solche Kontakte gelingen können. Wir erwarten schon, dass Besuchskontakte auch mit Susann gemeinsam vorbereitet werden.”

Ich wende mich an die Therapeutin. “Ist das geschehen? Wir hatten nicht den Eindruck.”

Die Therapeutin antwortet mit einem leisen “Ja, sicher.”

Ich lege nach.

“In wie weit hat das denn statt gefunden und was waren die Ergebnisse? Was wird denn dafür getan, Susanns multiple Traumatisierung und ihr dissoziatives Verhalten aufzuarbeiten? Spätestens nach dem Ereignis bei meiner Schwägerin müsste da ja etwas passiert sein.”

Jetzt wird sie lauter. “Glauben Sie, ich würde Ihnen die Ergebnisse meiner Therapiesitzungen hier bekannt geben? Sie haben nicht das Recht dazu, das zu fordern. Schließlich müsste der Kindesvater ja auch zustimmen!”

Der ist ja zum Glück nicht da…

“Uns würde auch interessieren, ob Susann inzwischen einem Lungenfacharzt vorgestellt worden ist. Susann ist asthmatisch und muss, wie Sie wissen, regelmäßig auf ihre Lungenfunktion hin überprüft werden.”

Das ist wohl recht peinlich. “Das haben wir in jedem Falle vor, wir haben nur noch keinen Termin”, beteuert die Bezugserzieherin.

Jetzt bin ich so richtig schön in Schwung.

“Und was ist mit der Anpassung der Zahnspange? Gibt es da auch keinen Termin?”

“Wir haben das im Blick”, rechtfertigt sie sich erneut. “Wir haben schon einen Termin gemacht.”

“Was ist mit Susanns Dyskalkulie, die vom Schulamt diagnostiziert wurde und für die Frau Schwerdtfeger bereits Maßnahmen genehmigt hat? In wie weit wird das fortgesetzt?”

“Wir haben keine Schwierigkeiten beobachten können, die darauf hin deuten”, ist die einfache, bestechende Antwort.

“Warum bekommt Susann zu Besuchskontakten keine Krankenkassenkarte mit? Wie sollen wir ioder andere nachweisen, dass sie sichberechtigter Weise bei uns aufhält, wenn sie kein Personaldokument bei sich hat? Ist sie eigentlich an unserem Wohnsitz inzwischen ab- und bei Ihnen angemeldet?”

Keine Antwort, nur peinliches Schweigen.

Der coole Herr vom Jugendamt kommt jetzt aus der Reserve. Das ist ihm nun doch zuviel, was wir uns da anmaßen.

“Ich finde das unverschämt, wie sie die Einrichtung hier kritisieren! Dazu haben Sie kein Recht!”, bellt er. “Sie sind nur egoistisch!”

Jetzt reicht es mir.

“Unverschämt ist Ihre Art, mit uns zu reden. Wir haben heraus gefunden, dass Susann mehrfach traumatisiert ist, nicht das Jugendamt. Wir haben eine Therapie eingeleitet und uns um eine spezielle Traumatherapie bemüht. Wir haben Kontakte zu Kliniken aufgenommen. Wir haben Seminare besucht, um unsere Pflegekinder zu verstehen. Wir haben sie in der Schule unterstützt und ihre Gesundheit gefördert. Un Sie nennen uns egositisch?”

Wieder lehnt er sich zurück und zeigt uns seinen Hals.

“Das war gar nicht ihr Job”, schleudert er uns entgegen. “Sie können ja versuchen, gerichtlich Einfluss auf das Hilfeverfahren zu nehmen. Sie werden keinen Erfolg haben. Sie sind nämlich keine Verfahrensbeteiligte. Und was die Besuchskontakte angeht: Susann weigert sich, Sie zu sehen.”

Ich gebe nicht auf.

“Wie stellen Sie sich dann die Kontakte zu ihrer Schwester vor?”

“Da das Geschwisterkind noch bei Ihnen wohnt, haben Sie die Möglichkeit, über diese Besuchskontkte mit zu entscheiden, in Absprache mit dem zuständigen Jugendamt. Ich könnte mir vorstellen, dass sich beide Geschwister in Berlin treffen und zusammen etwas unternehmen. Sie muss Sie als ehemalige Pflegeeltern ja nicht besuchen.”

Was ist mit Weihnachten, will ich wissen.

Die Bezugserzieherin antwortet.

“Weihnachten ist die Einrichtung geschlossen. Susann wird zu ihrem Vater beurlaubt.”

“Ist das nicht mit erheblichen Gefahren verbunden?”, will ich wissen. “Haben Sie in Erwägung gezogen, dass Susann retraumatisiert wird? Schließlich ist der leibliche Vater zugleich die traumatisierende Person.”

“Das lassen Sie mal unsere Sorge sein”, wehrt Sadowczik ab.

Dann werden die Kinder eingelassen.

Jeannett ist völlig überfordert.

“Willst du deine Schwester sehen?”

“Jaaa.”

“Wie wäre es denn wenn ihr euch in Berlin treffen würdet?

“Jaaa”

“Würdest du auch mal hinfahren?”

“Jaaa”

Ende der Veranstaltung. Alle sind peinlich berührt. Unterkühlte Verabschiedung.

Für uns ist es das Fiasko, der Rausschmiss schlechthin. Kindeswohl kam in dieser Veranstaltung nicht vor. Stattdessen Zuständigkeiten, Machtspiele, Aggressionen, Ungereimtheiten. Es ist das Ende unseres Einflusses.

Niemand dieser “Fachleute” scheint sich Gedanken darüber zu machen, was es bedeutet, wenn ein traumatisiertes Kind seinem Peiniger erneut gegenüber tritt. Stattdessen das eigene Wohl, die Einsatzplanung der Einrichtung.

Niemand will sich vorstellen, was passiert, wenn Susann ihren Zug nicht bekommt. Niemand bedenkt, was passiert, wenn Susann in Berlin in Jeannetts Beisein in einem Kaufhaus etwas mitgehen lässt und beide erwischt werden. Sie weigern sich, das Risiko zu erkennen, weil sie es nicht kennen. Jeder kann sich vorstellen, wer einspringen muss, wenn etwas schief geht. Eigentlich sind wir raus aus der Verantwortung. Können wir das durchhalten?

Sind wir Schuld an allem, was schief geht, weil wir nicht durchgehalten haben? Es ging nicht. Aber dass es einmal so kommt, hätten wir uns nicht träumen lassen.

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