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Falsche Erinnerungen 26. März 2010

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
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Es gehört zu den Symptomen schwerst Traumatisierter, dass sie bestimmte Ereignisse nicht mehr einordnen können und falsch erinnern. Die posttraumatische Belastungsstörung lässt Ereignisse durcheinander geraten. Es ist schwer, die Folgen einzuordnen. Ein solches Erlebnis und die Folgen hat uns erschaudern lassen.

Es ist einer dieser Sonntage. Susanns Zimmer ist mal wieder im Chaos.

Wir haben ersonnen, Susann auf eine andere Weise zum Aufräumen ihres Zimmers zu motivieren. Wir sitzen am Frühstückstisch und besprechen den Verlauf des Tages und der nächsten Woche.

“Ich will ja mein Zimmer aufräumen”, beteuert Susann.

“Gut”, erwidert Ruth. “Wie wäre es, wenn du uns ein Pfand dafür überlässt, irgend eine Sache, die du wirklich gern hast und dann wieder bekommst, wenn du´s geschafft hast.”

Susann überlegt kurz. Dann verschwindet sie und kommt mit dem Gamedisk wieder, den sie vor kurzem zu Weihnachten von uns geschenkt bekommen hat. Sie benutzt ihn gern, stellt sich damit Fragen und beantwortet sie. Ein so genanntes “pädagogisches Spielzeug”. Sie knallt ihn auf die Sitzbank.

“Ich brauch den sowieso nicht mehr!”

Typisch für traumatisierte Kinder, die keine Wertschätzung für materielle Dinge aufbauen können. Nichts besitzt einen Wert. Ehe eine Verpflichtung eingegangen wird, wird der Wert eines Gegenstandes geleugnet.

Aber es kommt noch abstruser.

“Ich habe den Gamedisk ja schon mal geschenkt bekommen”, bemerkt sie mit schnippischem Unterton.

Ruth ist entsetzt. “Wann hast du den denn schon einmal geschenkt bekommen?” fragt sie ungläubig. Jeannett blickt, als wolle sie sagen “Meine Güte, schon wieder so eine Lügengeschichte. Mir schwant, was jetzt passiert.

“Zu meinem letzten Geburtstag, und dann habt ihr ihn mir wieder weg genommen.”

Der Gamedisk lag schon lange bei unserem Vorrat an Geschenken, den wir für besondere Anlässe aufheben. Eigentlich wollte ich ihn Jeannet zu ihrem Geburtstag schenken, aber da hatte ich schon die “Löwenzahn”-CD-Sammlung, die sie am Computer benutzt. Es war offensichtlich: Für Jeannetts Alter war der Gamedisk nichts mehr, zu einfach und irgendwie langweilig. Aber für Susann war er zu Weihnachten genau richtig.

Jeannett meldet sich zu Wort.

“Du spinnst doch. Ich habe ihn noch nie vor Weihnachten bei dir gesehen.”

Ich versuche, Zugang zu Susann zu bekommen.

“Susann, du erinnerst dich falsch. Denk doch mal nach. Du hast ihn doch vor Weihnachten noch nie gesehen.”

Vergeblich.

“Klar habt ihr ihn mir zum Geburtstag geschenkt und wieder weggenommen”, brüllt sie. “Ihr seid so fies, so gemein!”

Ich glaube, sie ist wirklich überzeugt von dem, was sie sagt. Es ist die Realität in ihrem Kopf. Wer weiß, was sie wieder aus der Vergangenheit auf uns projiziert. Wie gehen wir damit um? Jeannett hält ihre Schwester für verrückt, Ruth ist verstört, ich bin hilflos. Wie kommt man aus einer solchen Situation wieder heraus?

Es gibt keinen Weg. Susann rennt in ihr Zimmer, schlägt die Tür hinter sich zu. Wir anderen sitzen betroffen am Tisch.

Es gibt nur eine Möglichkeit. Eine vernünftige Traumatherapie, die Susanns Erinnerungen an ihre frühe Kindheit aufarbeitet und sie zumindest von einigen ihrer Leiden befreit.

Wegnehmen, Entwenden, Diebstahl? 1. Februar 2010

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
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„Nee, die lad mal nicht mehr ein, die klaut.“, sagte die Mutter leise zu ihrer siebenjährigen Tochter, als sie gemeinsam die Einladungsliste zum Kindergeburtstag durchgingen.

Kinder sind für ihre Verstöße gegen das Eigentumsrecht bis zum Alter von 14 Jahren nicht rechtlich zur Rechenschaft zu ziehen. Das heißt aber nicht, dass sie bis dahin stehlen dürfen. Ihre Umwelt wird trotzdem reagieren und sie von der sozialen Gemeinschaft ausschließen. Deshalb müssen Kinder schon früh lernen, dass der Verstoß gegen gesellschaftliche Normen Folgen hat. Sie werden einfach aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Eine bittere Erfahrung, die auch Susann droht. Wieder haben wir unter ihrem Bett die Hinterlassenschaften ihrer Beutezüge entdeckt. Verpackungen von Schokowaffeln, die Tüte von Kaffeebonbons, Pralinenschachteln, Nougatpralinen, die Ruth so gerne isst.

Morgen sind wir zu guten Bekannten eingeladen, Susann und Jeannett freuen sich darauf. Zwar ist Seelers Junge weit jünger, aber irgendwie vergnügen sie sich immer. Der Kleine wird von seinem Vater technisch gut ausgestattet mit den neuesten Spielen. Das ist immer ein Anreiz, sich im Kinderzimmer aufzuhalten.

Unser Verhältnis zu Seelers ist vertrauensvoll. Wir wissen, dass sie verständnisvoll auf unsere Kinder eingehen. Deshalb müssen wir sie informieren und dafür sorgen, dass Susann nicht in Versuchung kommt.

Wir haben deshalb beschlossen, Susann lückenlos zu beaufsichtigen. Sie wird morgen im Wohnzimmer bei uns sitzen bleiben müssen und nicht ins Kinderzimmer dürfen. Sie darf sich etwas zu lesen mitnehmen.

Es ist traurig. Wir hätten nie gedacht, dass es so weit kommen würde.

Jeannett – benachteiligen wir sie? 28. Januar 2010

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
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Susann fordert unsere ganze Aufmerksamkeit. Sie braucht ständige Unterstützung bei den Hausaufgaben, wir helfen ihr aufzuräumen, wir holen verloren geglaubte Jacken, Turnschuhe und Unterrichtsmaterialien aus der Schule. Kommt Jeannett da zu kurz?

Es ist wieder einmal nachmittags. Jeannett sitzt am Computer und bereitet einen Schulvortrag vor. Damit ich Susann auch im Blick habe, sitze ich mit ihr neben Jeannett am Tisch und versuche ihr das Einmaleins beizubringen und helfe ihr bei den Mathe-Aufgaben.

„Papa, kann ich das hier aus dem Internet benutzen?“, fragt Jeannett.

Ich bin genervt.

„Jeannett, siehst Du nicht, was ich hier tue? Ich kann jetzt nicht.“

Jeannett blickt traurig. Sie kommt nicht weiter. Und ich habe eine Chance verpasst, ihr zu zeigen, dass ich auch für sie da bin. Es ist ein Spagat.

Abends möchte Jeannett nach dem Abendbrot mit uns reden. Ruth ist wie immer auch dabei.

„Ich bin sauer.“, beginnt sie.

„Immer kümmert ihr euch um Susann. Nie kann ich euch was fragen, dann ist Susann wieder wichtiger. Ich will doch bloß eine ruhige, harmonische Familie. Bin ich euch überhaupt noch wichtig?“

Sie blickt nach unten und hat wieder diesen verkniffenen Gesichtsausdruck, den wir von ihr kennen, wenn sie sich nicht wohl fühlt.

„Ich finde Susann unverschämt. Immer spielt sie sich in den Mittelpunkt.“

Sie hat Recht. Wie viel Zeit und Energie wenden wir auf, um Susann zu unterstützen. Vergessen wir dabei, dass Jeannett ebenso unsere Aufmerksamkeit und Zuwendung braucht? Aber wie bringen wir das hin, ohne dass eine von beiden sich benachteiligt fühlt?

Wir versprechen, die Situation zu ändern, wohl wissend, dass es eigentlich nicht geht. Jeannett ist nicht zufrieden.

Manchmal fragen wir uns, ob es sinnvoll war, die beiden hoch traumatisierten Mädchen mit so viel Bedarf an Zuwendung in eine Familie zu vermitteln. Jugendämter haben ein ungeschriebenes Gesetz: Geschwister werden nie getrennt vermittelt. Es wird nicht genau untersucht, welche Schwierigkeiten es geben kann, wenn beide traumatisiert sind und sich womöglich gegenseitig triggern könnten.

Nun, nach fünf Jahren, ist sowieso alles zu spät. Wir müssen mit der Situation klar kommen. Es gibt kein Zurück. Die Vermittlung ist lange her und wir haben uns darauf eingelassen. Nicht einmal die Ämter haben sich vorstellen können, wie sich die Traumatisierung auswirken könnte.

Werden Kinder bei der Vermittlung nicht genug untersucht? Haben die Sachbearbeiter überhaupt die Möglichkeit, alle Eventualitäten mit einzubeziehen?

Wir wissen es nicht. Wir müssen einfach versuchen, das Beste draus zu machen.

Susann – wie krank ist sie wirklich? 21. Januar 2010

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
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Warum nimmt ein Mensch anderen etwas weg? Kann er seine Umgebung nicht leiden? Braucht er etwas, was andere haben? Hat er z.B. nicht genug Essen? Oder folgt er einem Trieb, den er nicht beherrschen kann? Ist er dann selbst schuld? Oder ist er krank?

Wir kennen Susann, besser als jeder andere. Wir kennen ihre herzerfrischende, ehrliche Art, ihre Zuneigung, ihre fließenden Bewegungen, ihr Talent, zu schauspielern. Wir kennen aber auch ihre dunkle Seite. Die ist so dunkel, dass es uns manchmal graut. Zugegeben: Sie ist schwer zu akzeptieren.

Eben ist Ruth nach Hause gekommen. Vor einigen Tagen hat sie ein Geburtstagsbäumchen von ihren Kollegen bekommen, eine Karte, ein Baum drauf gemalt und mit Zwanzig-Euro-Scheinen gespickt, damit sie sich etwas Schönes davon kaufen kann.

„Niko? Hast du einen Zwanziger von meinem Geburtstagsbäumchen gebraucht? Es fehlt einer.“

Manchmal ist das so. Kein Bargeld im Portemonnaie, also schnell mal etwas geborgt und dann wieder zurückgegeben.

„Nein, hab ich nicht.“

Der Baum sieht irgendwie zerfleddert aus. Befürchtungen, die fast Gewissheit bedeuten, steigen in uns auf. Wir sehen uns nur an. Zwei Menschen, ein Gedanke. Alles ist möglich.

Jeannett ist noch nicht aus der Schule zurück, Susann noch in der Kita. Also beginne ich, zu forschen. Zuerst Susanns Zimmer, das, obwohl gerade vorgestern aufgeräumt, chaotisch ist. Ich bahne mir den Weg durch schmutzige Wäsche und verstreute Spielsachen zum Schreibtisch. In den Schubladen verschimmelnde Bananenschalen und Joghurtbecher, aber kein Geld.

Auch wenn ich mir schlecht vorkomme, aber es muss sein. Ich gehe nach oben in Jeannetts Zimmer und schaue auch da nach. Sei es nur, um sie zu entlasten. Was ich in den Bettschubladen finde, sind leere Joghurt-, Quark- und Milchverpackungen. Irgendwie kann ich es nicht glauben. Es passt so gar nicht zu ihrem momentanen Zustand. Sie ist stabil in der Schule und vernünftig, wenn es um Probleme geht. Was hat sich da abgespielt?

Die Situation schreit nach einer Klärung. Schnell muss es sein, am besten hier und jetzt. Susann kommt aus der Kita nach Hause, Jeannett aus der Schule. Die Einzelfallhelferin Frau Sossna ist da. Eine gute Gelegenheit. Ich beginne.

„Susann, an Ruths Geburtstagsbäumchen fehlen zwanzig Euro. Weißt du, wo die geblieben sein könnten?“

Susanns Gesicht verfinstert sich, sie dissoziiert. Jeannetts Augen sind weit aufgerissen vor Entsetzen.

„Nööö“ erwidert Susann, mit gebeugtem Kopf. Wir wissen, was das bedeutet.

„Warum immer ich?“ brüllt Susann. „Immer müsst ihr mich verdächtigen. Jeannett könnte es ja auch gewesen sein.“

Jeannett faucht sie an. „Wie kommst du darauf? Ich klaue nicht mehr, ich habe es Mama versprochen, und dabei bleibt es.“

Jeannetts Blick fällt auf die Dinge, die ich aus ihrem Zimmer geholt und auf den Tisch gestellt habe.

„Was ist das hier überhaupt? Ist das wieder aus Susanns Zimmer?“

Ich bemühe mich um Ruhe. „Das habe ich heute in deinem Zimmer gefunden. Es lag in der Schublade unter deinem Bett.“

Frau Sossna , unsere Familienhelferin, die gerade bei uns ist, hört interessiert zu.

Jeannett ist entsetzt. „Das war ich nicht! Susann muss die Sachen in meinem Zimmer versteckt haben. Ich will, dass ihr mir vertraut! Ich mache so was nicht mehr!“

Susann ist in sich gekehrt. Frau Sossna spricht sie an.

„Susann, das sieht nicht gut für dich aus. Sag lieber die Wahrheit.“

Susann explodiert. „Immer muss ich alles gewesen sein! Ihr seid so fies! Ich hasse euch alle!“

Sie springt auf, rennt in ihr Zimmer und knallt die Tür zu ihem Zimmer zu. Gegenstände fliegen gegen Tür und Wände. Sie schreit und tobt. Jeannett weint leise. Frau Sossna und Ruth trösten sie. Schließlich wankt sie nach oben in ihr Zimmer und legt sich auf ihr Bett.

„Das ist ja schrecklich, wie halten Sie das nur aus.“ Frau Sossna steht Hilflosigkeit ins Gesicht geschrieben.

Für uns ist es Alltag, und wir sind froh, dass jemand die Situation aus einer neutralen Position mitbekommen hat. Wir fragen uns, wie krank Susann wirklich ist. Wieder konnten wir beobachten, wie sich Susanns multiple Persönlichkeit äußert.

Ich glaube ihr, dass sie nicht weiß, was sie tut und sehe, wie sie von einem Teil ihrer Persönlichkeit in den anderen wechselt. Ihre Alltagspersönlichkeit kennt ihre – ich will es „archaische Persönlichkeit“ nennen – nicht. Sie tut etwas wie verstecken und entwenden, aber sie weiß davon im Alltag nicht. Wird sie mit den Folgen konfrontiert, gerät sie in einen Konflikt, den niemand von uns unbeschadet aushalten könnte.

Wie krank ist Susann wirklich? Ich glaube, wir können es nicht ermessen. Ein Therapeut könnte einen Eindruck davon gewinnen. Aber nur ein auf Traumatisierung spezialisierter Therapeut könnte ihr eventuell helfen, mit ihren vielfachen Traumatisierungen zu leben und sich entsprechend der Normen eines gemeinsamen Zusammenlebens zu verhalten.

Leider wird uns eine solche Behandlung noch immer verweigert.

Traumaweihnacht 15. Januar 2010

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
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Weihnachtszeit ist Traumazeit in unserer Familie. Die Zeit, in der für jedes einzelne Familienmitglied Bilder entstehen, die wir in unseren Köpfen haben, die Teil der Persönlichkeit sind und die uns geprägt haben. Die Zeit, mit der so unendlich viele Erwartungen verbunden sind, Stimmungen und Vorstellungen. Nicht nur für unsere Kinder gibt es traumatische Erlebnisse, die mit der Weihnachtszeit verknüpft sind.

In meinem Elternhaus war Weihnachten immer eine Zeit des Überflusses, ja, fast könnte man sagen, der Völlerei. Es gab Gans am ersten Feiertag, es wurde Wein getrunken, die Familie saß beisammen, immer waren unsere Großeltern, Tanten und Onkel dabei, die bunten Teller quollen vor Süßigkeiten über. Alle kannten nur ein Thema: Die Entbehrungen des Weltkrieges. Die Geschichte über die Zeiten der Gefangenschaft meines Vaters, nachdem sein Minensuchboot im Ärmelkanal von Briten torpediert wurde und von denen die verheilten tiefen Narben an seinen Armen und Beinen beredtes Zeugnis ablegten, kannten wir auswendig. Die Zeiten der Flucht meiner Mutter erst aus Paris vor den heran nahenden alliierten Truppen und dann aus Berlin vor der Sowjetarmee aus Angst vor Vergewaltigungen haben sie tief geprägt.

Mir fehlte als Jugendlicher angesichts der Hungersnot in Biafra und des Vietnamkrieges jedes Verständnis für solche Feste. Als Kind wusste ich, dass Familie an einem solchen Tag zusammen gehört, dass es harmonisch und romantisch war, das alle Kriegsbeile begraben wurden. Ich weiß heute, wie stark der Krieg meine Eltern traumatisiert hat und dass das Weihnachtsfest ein Freudenfest war, an dem man sich alles leisten konnte, was es früher nicht gab und das die Wunden heilte.

Ruth hat, wie jeder, ihre eigenen Erfahrungen mit dem Weihnachtsfest. Ihr Vater brachte in konstanter Regelmäßigkeit die Weihnachtsgans als ersten Preis vom Preisskat mit nach Hause. Der Weihnachtsbaum wurde im Wald gefällt und beim Förster gekauft. Er wurde von ihrem Vater geschmückt und niemand durfte ihn sehen, bevor das Werk vollendet war. Die Familie war beisammen und so manches Mal musste Vater, der Eisenbahner war, an den Feiertagen hinaus, um Weichen und Gleise vom Schnee und Eis zu beseitigen. Auch er hat sein Trauma im Krieg erlebt, als er als 15-Jähriger zum „Volkssturm“, dem letzten Aufgebot der nationalsozialistischen Diktatur an der Ostfront, eingezogen wurde und im April 1945 sehen musste, wie er seinen Heimweg über Hunderte von Kilometern durch ein in Schutt und Asche liegendes Land fand.

Und dennoch: Es gab intakte Familienbande, oft Helfer in der Not und die Geschichten aus dem Krieg klingen alle erstaunlich positiv und es gab irgendwie immer eine Wende zum Besseren. Besonders die Familien der damaligen Bundesrepublik und dem Westen Berlins genossen die wieder erlangte Freiheit und den Wohlstand und hatten kein Verständnis für die Generation der „Achtundsechziger“, die politische und moralische Vorstellungen ihrer Eltern so vehement kritisierten.

Weihnachten für unsere beiden Pflegekinder ist dagegen immer wieder eine Zeit der Erinnerung an das Schlimmste, was ihnen je passierte. Es geschah mitten in ihrer Familie, die sich zum Weihnachtsfest versammelt hatte. Schon damals war klar, dass die Eltern nicht in der Lage waren, die beiden Kinder zu versorgen. Das Jugendamt vertraute aber darauf, die Familie zu stabilisieren. Deshalb beurlaubte man sie für die Festtage aus dem Heim in ihre Familie.

Jeannet sitzt mit Susann in der Küche und spielt. Plötzlich ein Streit. Der Vater brüllt, Mutter schreit hysterisch, sie fällt zu Boden, überall ist Blut. Vater schließt sich auf der Toilette ein, sein Schwager tritt gegen die Tür, er versucht, seine Schwester zu rächen. Ein unglaubliches Chaos. Die Kinder kommen hinzu, Susann wirft sich vor die Toilettentür, wird von ihrem Onkel getreten, bevor er sich umwendet und seiner am Kopf verletzten Schwester zu Hilfe eilt. Jeannett, die für ihre Schwester schon in mancher Situation eintreten musste und weiß, was sie in scheinbar aussichtslosen Situationen zu tun hat, hat sich schon den Weg zum Telefon gebahnt und die Polizei benachrichtigt.

Es dauert zwanzig lange Minuten. Sie scheinen wie eine Ewigkeit. Die blutende Mutter am Boden, die Kinder und ihr Onkel neben ihr. Der Vater noch immer verschanzt. Endlich klingelt es. Wieder ist es Jeannett, die die Initiative ergreift und die Tür öffnet. Männer in weißen Jacken und Hosen stürmen herein, versorgen die Verletzte und tragen sie hinaus. Keine Lebensgefahr. Es soll das letzte Mal, dass sie diese Wohnung betritt.

Nach den Sanitätern folgt die Polizei. Sie fordern Verstärkung an. Die erste Mannschaft nimmt Vater und Onkel mit. Die zweite kümmert sich um die Kinder. Jeannett stellt ungerührt fest: „Ich will wieder ins Heim. Da sind wir sicher.“ Susanns verzweifeltes Schreien ist in ein leises Schluchzen übergegangen. Sie ist tagelang nach dem Ereignis nicht mehr ansprechbar. Jeannetts Augen haben sich in kleine Schlitze verwandelt, aus denen sie die Umwelt mit misstrauischen Augen betrachtet. Ihr Mund ist schmal, ihr Gesichtsausdruck hart und ernst. Es dauerte Jahre, bis er sich änderte.

Jeannett und Susann haben ein Schicksal erlitten, das uns als Pflegeeltern so völlig unvorstellbar ist. Es dauerte Jahre des Einfühlens und der Erfahrung, bis wir uns eine ungefähre Vorstellung von den Folgen machen konnten, die ihre Persönlichkeit beeinflussen. Wen wundert es, dass unsere Kinder Erwachsenen nicht mehr vertrauen? Für uns heißt das, uns Stück für Stück ihr Vertrauen zu erarbeiten und zu verdienen. Sie müssen erfahren, dass wir für sie da sind, bedingungslos ihre Interessen vertreten und uns für sie einsetzen.

Für Jeannett ist es nicht einfach, dies zu akzeptieren. Sie war immer diejenige, die Susann beschützen musste und für sie gesorgt hat, wenn ihre Eltern als Versorger ausfielen. Sie meint in jeder Situation zu wissen, was sie zu tun hat und was für sie am besten ist. Es fällt ihr schwer, zu akzeptieren, Rat anzunehmen und zuzugeben, wenn sie falsch liegt. Nach den Erfahrungen, die sie gemacht hat, verwundert das nicht.

Susanns Misstrauen ist hilflos. Sie verweigert sich, sie versorgt sich durch Entwendungen, sie provoziert, um die Loyalität der erwachsenen Bezugspersonen zu testen. Häufig tauchen bei ihr die Bilder auf, die sie an Situationen der Vernachlässigung und der Gewalt erinnern. Sie kann dann die Realität und ihre Flashbacks nicht mehr auseinander halten. Und sie reinszeniert Situationen, die ihr bekannt sind, aber unter denen sie so sehr leidet. Es ist wie ein Teufelskreis.

Weihnachten ist mit vielen Erwartungen besetzt. Der Harmonie, die wir Pflegeeltern kennen und gerne hätten, stehen die Erfahrungen unserer Pflegekinder entgegen. Unsere Vorstellungen und die harmonische Situation tun ihnen einerseits auch gut und sie möchten sie ebenso genießen. Andererseits macht Harmonie und Familienglück sie orientierungslos, so dass sie alles dafür tun, die ihnen bekannte Situation, unter der sie so gelitten haben, wieder herzustellen.

Wenn Susann ihren Adventskalender innerhalb von zwei Tagen leer räubert, fragen wir uns, warum sie das tut, und es berührt uns emotional. Können wir es schaffen, es als ein Unvermögen zu betrachten, Vorhandenes einzuteilen und Verfügbares nicht aufzuheben, die Spannung zu ertragen, die darin liegt? Seien wir ehrlich: Solches Verhalten widerspricht unserer Sozialisation und unseren Normen. Es verlangt verdammt viel Toleranz, damit umzugehen und viel Selbsterkenntnis, die in der konkreten Situation nicht immer präsent ist.

Wir wissen: Als Pflegeeltern haben wir die Aufgabe, unseren Pflegekindern zu zeigen, dass wir sie annehmen, mit allen Erfahrungen und allem Anderssein, auch wenn wir es uns nicht immer erklären können. Wir müssen ihnen zeigen, dass sie willkommen sind.

Dabei brauchen Pflegeeltern Hilfe. Gerade in der Weihnachtssituation müssen sie stark sein. Ob Jugendämter und Therapeuten davon wissen? Ob sie bereit sind, Unterstützung zu gewähren?

Es wird viel von Professionalität in der Pflege von traumatisierten Kindern gesprochen. Heißt Professionalität einfach das Ausschalten von Emotionen und der eigenen Sozialisation? Kann das gelingen? Oder entstammt dieser Anspruch der Realität der Ämter und Heime? Kommt er daher, wo es für Mitarbeiter überlebenswichtig ist, Abstand zu wahren, um nicht berufliche Probleme mit in die Freizeit zu nehmen, damit die Erholung vom Arbeitsalltag gelingt?

Pflegeeltern haben keinen Feierabend. Sie sind jede Sekunde ihres Lebens mit der Traumatisierung ihrer Pflegekinder konfrontiert. Professionalität heißt hier: Sich das Verhalten der Pflegekinder erklären können und blitzschnell zu de-eskalieren, um Situationen nicht ausufern zu lassen. Ist diese Aufgabe lösbar?

A propos Professionalität von Ämtern und Weihnachten:

Aus einer Einladung eines Jugendamtes zu einer Weihnachtsfeier:

„Auch dieses Jahr möchten wir wieder eine Weihnachtsfeier durchführen.“

Wie war eigentlich die Durchführung Ihres Weihnachtsfestes dieses Jahr?

Besuch vom Jugendamt 16. Dezember 2009

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
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Jugendämter haben einen schlechten Ruf. Verkrusteter Behördenapparat, Kinderklaubehörde, unprofessionelles Vorgehen, unberechenbare Entscheidungen, keiner Kontrolle unterworfen, das sind Einschätzungen, die man allenthalben hört. Verallgemeinerungen, die nur manchmal zutreffen.

Unsere Erfahrungen sind sehr unterschiedlich. Wir wissen, dass viel vom jeweiligen Sachbearbeiter abhängt. Die besten sind diejenigen, die sich einfühlen können und das Notwendige veranlassen. Es ist nicht einfach, einen Antrag auf eine Unterbringung in einer heilpädagogischen Pflegestelle durchzukriegen. Mit der Hilfe einer Sachbearbeiterin in einem anderen, damals für uns zuständigen Jugendamt ist der heilpädagogische Bedarf für Jeannett und Susann relativ unkompliziert verlaufen. Andererseits haben wir Sachbearbeiter kennen gelernt, die im Beisein unserer ältesten Pflegetochter (16 Jahre) gefragt hat: „Wo ist denn nun die kleine Sigrid?“ Lesen sie die Akten nicht? Bereiten sie sich nicht auf Gespräche mit Pflegefamilien vor?

Wer in einem solchen Beruf arbeitet, braucht Durchsetzungskraft, die sich nicht gegen die Pflegefamilien richtet. Ein guter Sachbearteiter muss in seinem Amt das für Pflegefamilien Notwendige und Machbare erreichen. Sparzwänge und dienstliche Vorgaben schränken seine Entscheidungsgewalt erheblich ein. Er kämpft an zwei Fronten. Es ist eine Position, die nicht beneidenswert ist. Und einige gehen den Weg des geringsten Widerstandes.

Frau Gerster hat sich angemeldet. Seit einigen Monaten ist sie für uns zuständig. Das Gespräch verläuft angenehm und professionell. Wir schildern unsere Erfahrungen mit den Kontakten mit den Kliniken und machen es dringlich, dass Susann professionelle therapeutische Hilfe bekommt. Wir brauchen Abstand und eine Auszeit.

„Wie halten Sie das bloß aus, das chaotische Zimmer, die Aggressionsschübe, die vielen Telefonate.“ Ihr Entsetzen zeigt uns ihr Mitgefühl, so gar nicht gespielt, so ehrlich, so wohlmeinend.

„Klar,“ sagt sie aufmunternd, „wir kriegen das hin, ich bemühe mich um die Zustimmung des Vaters, da gibt es keine Schwierigkeiten.“

Gott sei Dank, sie ist auf unserer Seite, sie versteht uns, sie vertraut auf unsere Kompetenz. Wer aber kennt zu diesem Zeitpunkt schon die vielen bürokratischen Hindernisse und weiß, dass alles ganz anders kommen soll.

Unser Gefühl nach Frau Gersters Besuch ist so, wie es sein soll. Positiv, bestärkt, unterstützt, wertgeschätzt. Wie lange hat uns dieses Gefühl schon gefehlt, wenn der Mitarbeiter des Jugendamtes unser Haus verließ!

Du bist meine Mutter! 26. November 2009

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
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Susanns Zustand verschlimmert sich von Tag zu Tag. Ihre Aggressivität wächst ständig, besonders gegenüber Ruth.

Susann reinszeniert, was das Zeug hält. Sie hält Ruth für ihre leibliche Mutter, kann nicht mehr unterscheiden. Sie war damals dabei, als ihr Vater sie erschlagen hat. Aber auch ihre Mutter muss ihr viel angetan haben.

„Susann, kommst du bitte in den Keller. Wir müssen die Wäsche aufhängen.“

„Nein, wieso.“

„Weil auch deine Wäsche dabei ist.“

Susann tobt.

„Du hast mir gar nichts zu sagen. Du bist richtig unverschämt.“

Ruth stürzt nach oben in die Küche. Sie ist in Tränen aufgelöst. Susann schlägt ihre Zimmertür hinter sich zu.

Ruth fällt mir schluchzend in die Arme. „Niko, ich halte das nicht mehr aus. Warum macht sie das mit mir? Warum macht sie unsere Familie kaputt? Was mache ich denn falsch? Ich hab doch gar nichts Schlimmes gemacht!“

Mir fallen alle möglichen guten Ratschläge von Ämtern, Fachleuten und anderen Pflegeeltern ein.

„Nehmt Euch das nicht zu Herzen.“

„Sie meint gar nicht Euch.

„Holt Euch kompetente Hilfe.

Aus Seminaren mit Fachleuten weiß ich, was da passiert. Ich weiß, dass Susann Ruth gar nicht meint. Ich kenne die Mechanismen. Und wenn es ernst wird, wenn man Forderungen hat, ernst genommen werden will, ist plötzlich keiner mehr da. Dann ist alles zu teuer oder nicht notwendig.

Und was nützt es uns? In der Situation nützen keine wissenschaftlichen Erkenntnisse. Alle die, die von uns Professionalität verlangen, haben keine Ahnung. Professionelle Erzieher und Sozialarbeiter gehen abends nach Hause zu ihrer Familie. Wir sind Familie, von der geballten Kraft der Emotionen betroffen.

Ich bin mir sicher, wir schaffen das nicht alleine, wir brauchen Fachleute. Es gibt da die Möglichkeit der psychotherapeutischen Tageskliniken. Susann würde morgens dort hin abgeholt werden, eine Therapie machen und abends bei uns sein. Der Vorteil wäre, dass wir abends daran weiter arbeiten könnten, woran sie tagsüber gearbeitet hätte. Wir wären auch ganz stark mit einbezogen und zugleich entlastet.

Die andere Möglichkeit wäre eine längere, mehrwöchige stationäre Therapie. In den meisten Kliniken wären wir in den Therapieprozess mit einbezogen. Daran anschließen würde sich eine gute, wirksame Traumatherapie, die Schritt für Schritt die Situation verbessern würde. Aber ich habe auch schon recherchiert, dass es Kliniken gibt, die nur ganz allgemein therapieren, die mit Susanns Problemen wahrscheinlich gar nicht klar kommen würden. Das heißt, eine Unterbringung käme erst in Frage, nachdem ich mir die Klinik angesehen und mit den Ärzten gesprochen hätte. Wir wollen Susann auf keinen Fall irgend wo hin abschieben.

Ein kalter Januartag auf der Autobahn. Ich bin auf dem Weg in die Selbbachklinik. Die Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat mir schnell und unkompliziert einen Termin gegeben. Von der Arbeit aus fahre ich siebzig Kilometer durch Dunkel und Schneetreiben. Die Klinik ist mir empfohlen worden. Der Internetauftritt verspricht Gutes: Gruppen- und Einzeltherapie, EMDR und Tramatherapien, die Susann helfen könnten. Eine Chefärztin mit Reputation und Engagement. Nur, dass die Chefärztin, die im Internet noch für die Klinik wirbt, plötzlich nicht mehr auffindbar ist. Die Klinik teilte mir mit, dass sie dort nicht mehr tätig sei. Egal. Kann eine Klinik so schnell ihren therapeutischen Ansatz wechseln?

Das Gelände ist schön. Bewaldet, mitten in einer natürlichen Umgebung. Schon stelle ich mir vor, wie wir Susann besuchen, wie wir mit Ärzten und Pflegern an Susanns Problemen kompetent zusammen arbeiten.

Die Chefärztin ist nett, ruhig und kompetent. Der Therapiehund liegt, erschöpft von seinem Tagewerk, zu meinen Füßen. Auf der Station geht es entspannt zu.

Ich schildere Susanns und unsere Probleme. Die Chefärztin hört ruhig zu und macht sich Notizen.

Dann ihre Einschätzung.

„Wissen Sie, wir sind eine Rehabilitationsklinik. Wir sind keine therapeutische Klinik. Die Kinder, die zu uns kommen, haben Probleme, ja. Und wir können sie meistens lösen. Aber wir gehen da ganz konventionell vor. EMDR wenden wir nicht mehr an. Ihre Pflegetochter ist ja, nach Ihrer Beschreibung zu urteilen, stark traumatisiert. Wir haben hier nicht die Möglichkeit einer Diagnostik. Da spielt das Verhalten auch eine große Rolle. Zum Schutz unserer anderen Patienten können wir aggressive Ausbrüche nicht dulden.“

Und was heißt das?

„In solchen Fällen würden wir das Kind sofort entlassen.“

Ich bemühe mich, freundlich zu sein und Verständnis zu zeigen.

„Sollten Sie sich für einen Aufenthalt entscheiden, können Sie mich jederzeit wieder anrufen.“

Ja, danke. Was soll das Ganze? Warum fahre ich hier stundenlang durch den Schnee? Nur um zu erfahren, dass Fachleute eigentlich auch nicht weiter wissen und letztendlich unbequeme Kinder abschieben? Das wollten wir nun gerade nicht.

Wie oft haben wir es schon gehört: Ein ganz komplizierter Fall, schwierig, jahrelange Therapie, schwer zu behandeln, überfordert unsere Möglichkeiten. Was denken diese Leute eigentlich, in welcher Situation wir sind??

Immerhin: Ich bin vorgelassen worden, ernst genommen worden, habe auf Augenhöhe mit einer Chefärztin reden können. Das streichelt etwas mein Ego.

Aber das alles bringt uns keinen Deut weiter.

Besuch bei Verwandten 15. November 2009

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
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Besuche bei Verwandten und Bekannten stehen bei uns immer an. Jeannett und Susann sind bei allen akzeptiert. Alle mögen sie. Wir nutzen die Ferien, um meine Schwägerin und der Tante meiner Frau zu besuchen. Die Kinder nennen sie ihre „Pflegetante“ und „Pflege-Großtante“. Meine Schwägerin wohnt in Hameln, die Großtante in der Nähe auf einem kleinen Dorf. Die Großtante ist eine patente Mitt-Achtzigerin, die die Welt kennt und immer einen flotten Spruch auf den Lippen hat. Sie beschenkt unsere beiden mit Spielzeug und hat großes Verständnis. Meine Schwägerin gibt ihr letztes Hemd, hat immer ein paar Süßigkeiten da. Hameln ist für uns so etwas wie ein zweites Zuhause. Alle kennen die Problematik. Die Kinder fühlen sich einfach wohl und geborgen. Sie kennen alle Spielplätze und auch ein paar Nachbarskinder.

Wir sind so froh, dass die Kinder zur Familie gehören dürfen. Auch die Kinder wissen das zu schätzen. Hier ist immer eine entspannte Atmosphäre. Die familiäre Situation, die sie so nie kennen gelernt haben, macht sie beide entspannt und fröhlich. Es ist fast wie eine therapeutische Situation.

Einmal, als wir zu Besuch fuhren, sagte Susann: „Komisch, wenn wir weg fahren, fahren wir immer Menschen besuchen. Im Kinderheim haben wir nie Menschen besucht.“

Es ist für Ruth und mich schon eine neue Erfahrung. Zu wissen, dass Pflegekindern einfach eine Erfahrung fehlt. Die Erfahrung, in einer Familie geborgen zu sein, so dass man keine Angst haben muss, Menschen, die für sich gegenseitig einstehen und eine emotionale Bindung zu haben.

Chaotische Zustände 30. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
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Heute ist wieder so ein Tag. Susann verweigert alles und ist aggressiv. Sie weiß genau, wo sie uns packen kann, wie sie es anstellt, die Situation hoch zu schaukeln. Wir finden in ihrem Zimmer knietief Papier, bekritzelt, zerknüllt, mitten drin halb geleerte Quarkbecher und angebissene Stullen. Sie nimmt alles, was sie erreichen kann.

Die Situation ist chaotisch. Um ihr keine Chancen mehr zu geben, verschließen wir die Küchentür und öffnen sie nur zu den Mahlzeiten. Mein Büro ist verschlossen und meine Vorräte an Kopierpapier sind darin verborgen, ebenso wie meine Vorräte an Schreibpapier für den Schulunterricht der Kinder. Es muss immer wieder in unbeobachten Momenten geschehen.

Natürlich wissen wir, dass Kinder, die in ihrer frühesten Kindheit vernachlässigt wurden, sich Vorräte anlegen. Susanns Vorräte sind binnen einer Stunde verschwunden, wie groß sie auch immer sein mögen. Jederzeit kann sie uns fragen, ob sie das eine oder das andere haben darf. Und meistens bekommt sie es. Aber das ist uninteressant. Es scheint ihr der Kick zu fehlen, etwas Heimliches zu tun. Hat sie es getan, scheint die Verheimlichung uninteressant zu sein.

Wir können natürlich nicht alles verschließen. Der zweite Kühlschrank im Keller ist immer erreichbar. Den Vorratsschrank halten wir verschlossen. Einkäufe sind zum unplanbaren Risiko geworden.

Um zu verhindern, das Susann ihre Kleidung aus dem Schrank zerrt und bekritzelt und zerreißt, heben wir sie extra auf, so dass sie nicht selbst drankommt und teilen sie ihr zu. Ruth ist traurig und enttäuscht darüber, dass Susann die hübschen, eigens ausgesuchten Kleidungsstücke so behandelt. Schuhe sind innerhalb weniger Wochen völlig zerschlissen und unbrauchbar, daran haben wir uns gewöhnt.

Alles vergeblich. Susann geht jetzt an die Schränke im Schlafzimmer und Jeannetts Zimmer und holt sich, was sie meint, zu brauchen. Wir finden in ihrem Zimmer ein Nachthemd von Ruth und Unterhosen und einen BH von Jeannett. Wo soll das enden??

Es wird immer offensichtlicher. Susanns Zustand verschlechtert sich zusehends. Es muss eine sofortige Lösung her. Ich werde Kontakt zu Kliniken, Ärzten und Behörden aufnehmen. Wir brauchen dringend professionelle Hilfe.

Für Hilferufe nicht zuständig 26. Oktober 2009

Posted by lehrergehrke in Die Eskalation.
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Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie

und Psychotherapie

Dr. med.XXXXX XXXXXXXX

- Chefarzt –

nachrichtlich an:

Frau Simone Saalitz (Beistand)

Frau Gerster

Jugendamt XXXXXXXXXX

Barmer Ersatzkasse

Zweigstelle Ludwigsruh

Dringender Behandlungsbedarf unserer mehrfach traumatisierten Pflegetochter Susann Vorberger

Sehr geehrter Herr Dr. XXXXX,

wir wenden uns an Sie, weil wir dringend Hilfe für unsere 12-jährige Pflegetochter benötigen, die nunmehr seit Juni 2003 gemeinsam mit ihrer älteren Schwester in unserer Familie wohnt.

Seit ca. einem Jahr verstärken sich die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung. Sie überträgt ihre Erfahrungen mit ihrer leiblichen Mutter auf meine Frau, reagiert ihr gegenüber sehr aggressiv, reinszeniert die erlebten Situationen in unserer Familie und isoliert sich durch ihr unkontrolliertes Verhalten von unserer Familie. Die anbrechende Pubertät führt zu heftigen Aggressionsschüben. Es ist Dyskalkulie diagnostiziert worden, die Versetzung in die nächste Klasse ist gefährdet.

Gemeinsam mit dem zuständigen Jugendamt sehen wir die Notwendigkeit, Susann schnell und kompetent zu helfen. Voraussetzung für eine Diagnostik und Therapie ist für uns, dass sie von einem auf Traumatologie spezialisierten multiprofessionellen Team behandelt und betreut wird, sowie die Einbeziehung von uns als Pflegeeltern und Bezugspersonen in Entscheidungs- und Therapieprozesse. Wir halten Ihre Klinik auf Grund der Darstellung Ihrer Therapiemethoden und Ihres Behandlungskonzeptes in Ihrem Internetauftritt für besonders geeignet und würden gern persönlich mit Ihnen das notwendige weitere Vorgehen besprechen.

Die akute Krise unserer Pflegetochter macht schnelles Handeln einerseits erforderlich. Andererseits möchten wir Susann nicht in eine Einrichtung geben müssen, in der unsere intensive Einbeziehung und die Anwendung spezifischer Therapiemethoden nicht gewährleistet ist.

Wir gehen davon aus, dass unsere gesetzliche Krankenkasse die Kosten der Diagnostik und Therapie übernimmt. Darüber hinaus gehende Leistungen können durch Ansprüche nach Opferentschädigungsgesetz gedeckt werden. Gutachten nach § 35a KJHG und OEG liegen vor. Wir gehen davon aus, dass der sorgeberechtigte Kindesvater uns für unser Vorhaben zeitnah bevollmächtigt oder ggf. ihre Zustimmung gerichtlich ersetzt wird.

Wir bitten Sie, uns in dieser schwierigen Situation, die wir trotz Supervision nicht mehr lange bewältigen können, behilflich zu sein. Sie können mich per e-mail oder über 01xx-xxxxxxx erreichen. Ich würde Sie ebenfalls versuchen, in den nächsten Tagen zu erreichen, auch gern zu einem von Ihnen bestimmten Zeitpunkt.

Vielen Dank im Voraus für Ihr Verständnis und Ihre Mühe.

Freundliche Grüße

P.S.: Die Antwort erfolgte durch einen Anruf der Sekretärin des Chefarztes bei uns, in dem sie uns mitteilte, dass auf Grund der Zuständigkeit für ein Versorgungsgebiet eine Aufnahme in der XXXXX-Klinik nicht möglich sei.

P.P.S.: Wir sind entsetzt. In unserem Staat gibt es für diejenigen, denen in ihrem Leben am schlimmsten mitgespielt wurde, offensichtlich die wenigste Hilfe. Schicksale werden verwaltet, es gibt für jedes Problem eine Zuständigkeit, alles ist sozial ausgewogen. Wer kümmert sich eigentlich um den seelischen Zustand dieser verletzten Menschen? Warum wird es dem Zufall überlassen, welche Behandlung dem Traumatisierten widerfährt und ob die für das Versorgungsgebiet zuständige Klinik auf die Bedürfnisse des Einzelnen überhaupt passt? Warum darf der Traumatisierte sich nicht die neuesten, besten, effektivsten Behandlungsmethoden aussuchen? Warum gibt es so wenig Traumatherapeuten, dass diese auf Jahre hinaus ausgebucht sind? Warum gibt es immer noch Therapeuten, die EMDR und andere Traumatherapien als unwirksam darstellen können? Und warum vertrauen die Jugendämter ausgerechnet, denen, die eine Traumatherapie diskreditieren?

Die wichtigste aller Fragen lautet: Warum wird denen, die eine spezielle Therapie besonders benötigen, aber die wenigsten finanziellen Mittel haben, um sich die beste Therapie leisten zu können, die finanzielle Hilfe verweigert? Und warum dürfen Sorgeberechtigte diese Therapie durch die Verweigerung ihrer Zustimmung verhindern und erzwingen eine gerichtliche Auseinandersetzung über ihre Weigerung, deren Ausgang mehr als ungewiss ist?

Ich bin am Ende meiner Bemühungen. Das war´s für die Kliniksuche.

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